wenn es abgeht! Unb jetzt saust es auch schon davon: aber Murray hat schon den Knüppel fest und stemmt sich dagegen .. Minuten später sind wir draußen. Etwas zerzaust, aber heil. Ein leises Hurra, aber Murray winkt ab! Es war wirklich verfrüht. Nochmals müssen wir durch eine Schneewand brechen. Mitten im Schneefeld beginnt der Motor zu streiken — natürlich vereist! Aber Murray bringt die Sache mit etlichen Spätzündungen in Ordnung. Drei Minuten lang scheint die Sonne. Dann beginnt der Regen. Und dann — das Wasser ...
Wir sind um 9.40 Uhr aufaestiegen; um 11 Uhr beginnt tief unter uns das Wasser. Wohin man schaut, nichts als Wasser, aus dem Bäume, Telegraphenstangen und Hausdächer ragen. Der Mississippi ist hier gut vierzig Kilometer breit. Aus seinen braunen Fluten treiben dunkle Gegenstände. Dächer, tote Menschen und Tiere, Bäume, Brücken. Mitten im Wasser eine Insel; aus der Insel vielleicht hundert Menschen, die schreien und winken. Das Schreien hört man nicht. Aber sie schreien sicher. Wir können ihnen doch nicht helfen!
Unter uns ist ein Ort; man sieht aber nur die Spitzen der Dächer. Dann eine größere Stadt, ziemlich aus dem Wasser ragend. In der Nähe liegen große weiße Tücher. Man kann deutlich die Tücherbotschaft lesen: K—A—I—R—O. Endlich! Murray geht hinunter; ziemlich steil und schnell. Die Räder fassen den Boden, Wasser spritzt auf, dann liegen wir neben drei Armeemaschinen und klettern aus den Sitzen.
„Eine Katastrophe", sagt der Leutnant, der ohne Kappe im Regen steht. „Eine nationale Katastrophe! Es sollen sehr viele Menschen ertrunken jein. Memphis soll fortgerissen sein. Man sagt . ." Ah, man sagt vieles! Murray ist zum Ehief gegangen, um weitere Befehle einzuholen. Während ich auf einer Tonne sitze und mich anregnen lasse, härt man Schüsse fallen.
Ein Militärflieger sagt: „Unsere Truppen schießen sich mit den Farmern herum. Man will die Dämme durchstechen, um die anderen Orte zu retten; aber die Farmer wollen es nicht zulassen."
Einmal bellt sogar ein Maschinengewehr. Alles zusammen ist sehr traurig und kann einem den letzten Rest von Mut nehmen.
Nach einer halben Stunde kommt Murray zurück. Er pfeift wie gewöhnlich. „Passen Sie aus, Wayne: wir fliegen jetzt hinauf. Evanville- Seymour. Haben Sie's? Nichts Besonderes; der Alte will nur herausbekommen, wie weit das Wasser nach Norden reicht. Wegen des Abtransportes der Leuts In den nächsten Tagen sollen zweihunderttausend Leute abgeschoben werden."
Mit uns steigen gleichzeitig vier Armeeslugzeuge auf. Eines bleibt im Kot stecken und legt sich schwerfällig auf die Seite. Wir flitzen an ihm vorbei; dann eine Schleife, und schon donnert der Bogel den Ohio entlang. Während wir stiegen, orientiert sich Murray. Er ist plötzlich redselig geworden. „Soll schlimm aussehen da oben, Wayne. Es heißt, daß Evansville verschwunden sein soll. Der Alte ist wütend über die Privatfunker; die machen alle Welt rebellisch. Diese kleinen Kerle haben nichts zu tun als all ihren Jammer hinauszuschreien. Passen Sie genau auf, wenn wir Evansville oder was davon übrig ist, passieren."
Auf einmal geht Murray jäh hinab; in den Ohren beginnt es zu saufen, und ich habe das Gefühl, als würden wir senkrecht ins Wasser sausen. Aber aus dreißig Meter fängt Murray die Maschine auf und läßt sie eine Weile schaukeln wie einen alten Kahn. Gerade unter uns plantscht ein endloser Zug durchs Wasser. Born zwei Lokomotiven, hinten eine. Flüchtlinge! Vielleicht haben sie noch den letzten Zug erwischt. Ein gutes Zeichen: das Wasser kann nicht mehr hoch stehen.
Wir erreichen Evansville; sieht nicht schön aus, aber immerhin sind einige Teile ganz vom Wasser verschont. Allerdings, mehr als die Hälfte der Häuser steht bis oben im Wasser. Dann geht es weiter; immer den Ohio entlang. Man kann ihn nicht sehen, aber man merkt ihn an der Strömung. Wo sich die graue Masse rascher verschiebt, da ist das Flußbett. Jetzt schieben sich einige Hügel heran. Der Fluß macht einen Bogen, die Wassermassen stauen sich. Und da, gerade als wir vorbeikommen, empfiehlt sich eine Brücke. Sie sinkt in sich zusammen und bröckelt ab. Das dauert nur eine Minute — dann ist sie weg!
„Eisenbahnbrücke", brüllt Murray. Ich nicke. Man sieht zwar keine Gleise, aber die Telegraphenstangen. Murray richtet sich nach den Telegraphenstangen. Er hat Kurs auf Seymour. Weit vor uns scheint dunkler Rauch aus dem Wasser zu quellen.
Murray beugt sich jetzt vor und geht tief. Manchmal habe ich Angst, daß wir einen der herausragenden Bäume streifen. Einmal fliegen wir zwischen zwei Hügeln, auf denen Menschen Zelte errichtet haben. Sie kommen heraus und beginnen zu winken. Ich höre im Telephon, daß Murray etwas sagt, kann ihn aber nicht verstehen, und jetzt sehe ich's auch. Die dunkle Rauchwolke ist wieder da, sie entquillt einer Lokomotive, die — sehr eilig, dem Ohio zustrebt. Hinter der Lokomotive laufen elf Wagen. Das Wasser kann höchstens einen Meter hoch sein. Die großen Röder der Lokomotive sind deutlich zu sehen.
Murrays Stimme ist plötzlich heiser. „Hören Sie mich, Wayne? Der Zug ist ein Flüchtlingszug; wahrscheinlich bis auf den letzten Platz besetzt. Er fährt nach Süden — gerade auf die Brücke zu, die eben fort ist! Vor der Brücke ist eine Biegung und das Gleise senkt sich. Ich kenne die Gegend; der Zug geht ins Wasser! Kein Mensch kann einen Zug im Wasser aushalten! Wir müssen ihn abstoppen ..."
Und jetzt — gerade jetzt — beginnt wieder der Wind. Er pfeift in der Verspannung. Der Zug unter uns fährt mit gut sechzig Kilometer. Wahrscheinlich hat irgendwer dem Führer die Nachricht gegeben, daß die Gleise passierbar wären, daß er sich aber eilen müsse. Und er eilt, er will noch hinüber.
Murray ist jetzt ganz unten; er rast über die Flut, zieht dann einen Kreis, überfliegt die Maschine des Zuges und beginnt mit einer Hand Zeichen zu geben. Und der Zugführer beuat sich'aus dem Stand und winkt zurück. Herzlich und liebenswürdig. Mein (Bott! Die Passagiere hängen an den Fenstern und — winken. Es ist zum Verrücktwerden! Murrays Stimme ist taut.
Eine Böe drückt uns jetzt zum Ueberfluß noch gegen einen aus dem Wasser ragenden Baum, und wir haben Mühe, heil vorbeizu- kommen. Aber Murray gibt nicht nach. Er zieht Schleifen um den Zug; jedesmal, wenn wir an der Lokomotive vorbeikommen, winkt er wu verzweifelt und versucht, den Raren da unten klarzumachen, daß fit in Gefahr sind — umsonst! Sie halten alles für ein Bravourstückcheii irgendeines verrückten Privatfliegers. Der Zug rast mit unverminderte! Schnelligkeit gegen den Ohio. Murray dreht jetzt ab. Gleich daraus bt> ginnt der Vogel emporzuklettern. Ich schreie ins Telephon, was los wäre; aber Murray gibt keine Antwort. Wir sind jetzt auf tausend, etwas später auf tausendoierhundert. Der Zug — tief unten — sieht wie ein Spielzeug aus Er liegt jetzt gut vier Kilometer hinter uns. In dem Moment sagt Murray ganz ruhig: „Passen Sie jetzt genau auf. Wayne! Sie springen jetzt ab. Sie werden einen Kilometer vor dem Zug auf die Gleise kommen; halten Sie den Menschen aus. Er tmti stoppen, wenn er Sie im Fallschirm herabkommen sieht".
„Murray — das ist doch Wahnsinn! Ich kann doch nicht ..."
„Wayne", sagt Murraw ruhig und seine Stimme klingt metallen, „springen Sie oder ist werfe Sie hinaus." „Eine Minute später staut ich aufrecht und sprang. In die gähnende Tiefe. Mit einem dumpfen Knall entfaltet sich der Schirm. Fünfhundert Meter ungefähr ging's glatt; bann faßte mich der Wind und trieb mich ab. Sechshundert Metel von den Telegraphenstangen plumpste ich ins Wasser, raffte mich auf, warf den Schirm ab und begann zu rennen. Das Wasser stand mii bis zum Bauch. Der Boden war weich. Die Rauchfahne des Zuges tam rasch näher. Ich hätte mich am liebsten nisdergekauert, um zu heulen Mit dem Aufgebot der letzten Kraft lief ich durch das ausspritzentm Wasser und begann zu schreien.
Hoch oben sah ich das Flugzeug. Der Zug kam immer näher. Dis Wolken sind jetzt Heller geworden; es hat aufgehört zu regnen. Plötzlich sehe ich, wie das Flugzeug in Spiralen herabkommt.
Vielleicht gelingt es Murray doch noch im letzten Augenblick, ben Lokomotivführer auf die schreckliche Gefahr aufmerksam zu machen. De» Ohio ist kaum zwei Kilometer entfernt. Man kann das Brausen der Flusses deutlich hören. Murray trudelt ab. Ich bleibe stehen — das Herz schlägt mir im Hals, es ist ein Wahnsinn, was der Mann da treibt. Aus vierhundert Meter Höhe erwischt er die Maschine und geht in Gleit- flug über; jetzt kommt der Zug hinter einem Wäldchen heraus. Er keucht und rast durchs Wasser — und ich beginne wieder zu laufen und .jm schreien — aber kein Mensch achtet auf mich. In spätestens zehii Minute« muß der Fluß die Menschen, die jetzt im Zug sitzen, verschlungen hoben» Wenn der Zug die Böschung erreicht, gibt es kein Halten mehr, und bis Brücke ist fort ...
Murray ist jetzt kaum vierhundert Meter vom Zug entfernt; er kam« höchstens auf hundert Meter sein, und jetzt geht er steil hinab. Uni» dann sitzt er auf dem Wasser. Durch das Brausen des Windes, dar Rasseln des Zuges höre ich das Bersten von Metall, das Aufzischen der glühenden Motors im eiskalten Wasser; ich sehe, wie sich ein Flügel löst — und dann sackt alles zusammen. Mitten auf dem Gleise. Die? Lokomotive stößt drei gellende Pfiffe aus und bann kreischen die Bremsen, stiebt das Wasser hoch auf ...
Ich beginne wieder zu laufen.
Fünf Minuten später erreiche ich den Zug. Viele Menschen steheiu im Wasser. Das Wasser ist auf dem Damm kaum einen halben Meter hoch. Knapp vor der Lokomotive liegen die Trümmer des Flugzeuge« — zwischen den Trümmern liegt ein Körper. Murray. Seine Augen sind« offen; um seine Lippen liegt ein Lächeln. Aus Mund und Nase rinn! Blut. Murray ist tot. Der Zugführer sagt:
„Sicher irgend so ein Sportflieger. Hat so lange hier Kunststücke' gemocht, bis er abgestürzt ist und wir ..."
Weiter kommt er nicht. Ich weiß nicht, was ich in dem Augenblick' alles gesagt habe. Ich weiß nur, daß mich zwei Leute halten mußten — ich wollte dem Kerl an die Gurgel und ihn würgen. Seinetwegen war Murray in den Tod gegangen! Als ich ihnen endlich — schluchzen-' — erklärte, warum Murray das getan hatte, warum wir immer im Kreis herumflogen, warum ein Mensch sterben mußte, um sechshundert andere zu retten, da wurden sie still! Der Lokomotivführer war weiß wie ein Tuch.
Ein Passagier sagte: „Im letzten Augenblick. Wenn er sich nicht gc opfert hätte, wären wir jetzt alle im Wasser. Aus dem Wasser wäre keiner herausgekommen."
Wir fuhren dann still und ruhig zurück nach Seymour, wo John Murray am nächsten Tag begraben wurde. Vielleicht wird man Murray später einmal ein Denkmal setzen. Damals tat man es nicht. Dreihundertzehn Städte vernichtet, mehr als tausend Menschen tot, eine Million Menschen obdachlos, das Unglück war zu groß. Im Kummer von Millionen versank der Heldenmut eines Menschen ...
Lauf der Welt.
Von I. W. v o n G o e t i) e.
Als ich ein junger Geselle war. Lustig und guter Dinge, Da hielten die Maler offenbar Mein Gesicht für viel zu geringe; Dafür war mir manch schönes Kind Dazumal von Herzen treu gesinnt.
Nun ich hier als Altmeister sitz, Rufen sie mich aus auf Straßen und Gassen, Zu haben bin ich, wie der Alte Fritz, Aus Pfeifenköpfen und Tassen.
Doch die schönen Kinder, die bleiben fern; O Traum der Jugend! O golbner Stern!
Der«lntwvrtltch: Dr. Hans Thhrtot. — Druck und Verlag: Brühlsche Unlversitätsdruckeret R.Lange, Gießen.


