Ausgabe 
25.11.1938
 
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GiehenerLamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <938

Zreitag. den 25. November

Nummer 92

Öraben, an

2(uf dem Stephansplatz schlägt dicht hinter dem Mädel ein Reite r- Mlasch an den Eckstein des Nachbarhauses. Elisabeth Brand hört es nicht r-chr, »eil schon die Ladentüre läutet und sie fröhlich trällernd die drei stufen hinab in den Laden springt, wo sie der Vater lachend empfängt.

. - . Ein-

einer Weile gelang es chr. Sie legte

taler und wert.

Der Weinhändler Johann Kirndorfer aus Nußdorf am Kahlenberg ..... vtl01 wll tiunicn U1U

4S 0,6 protzige, fast kugelrunde Golduhr aus der grünen, jxratt- seinen 1 denkens Ihnen, nit «mal 's Gansl hats ang'rührt am vorigen Sonntag!

Seufzend begann die Alt« den Klatsch aufzutischen, den sie seit Tagen in alle Häuser und Läden des Viertels und zu den Marktweibern tnur 21 Kreuz is mit der List, Herr Kirndorfer. Wahchaftig a Kreuz! Wie verwandelt is feit einer Wochen. Seufzt und flennt den ganzen Tag. Und

Der Kerzelmacher von Sankt Stephan Ein heiterer Liebeoroman von Alfons o. ezlbulka fkopgrlght btz st. G. Äolla'fche Buchhandlung Bachfolger, Stuttgart

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2. Fortsetzung.

- ^te, Liflsenkt erschrocken den Kopf. Beißt also doch, die Kaiserin' bernKrhn^M» e r stockend, umständlich: obwohl ihr doch sonst

sn n :Ileb rn Du« lang geht. Die Monarchin spielt nervös mit

<ÖOn2"!, Zeit wirst sie einen Blick nach der Uhr. Aber heimlich, als wollte sie damit das Mädel nicht kränken

Endlich ist Elisabeth Brand zu Ende. Ist auch Zeit. Die Antikamera M M « mir

Ä» fcS SS trSWÄTÄ Lebzeltenherz schenken töt!" Sie wird ernster, spricht weiter

Sie hat ganz recht. War eine Jnsolence von dem Colloredo! Mag ö l'aÄS Plcf?i' Hlrb's ihm oft genug gesagt-" Wieder steht die senkrechte, fast drohende Falte auf der Stirne der Kaiserin. Majestät fie^ e5' 6ie l°«t bittend:Aber nit einsperren, Jhro Die Falte verschwindet. Die Kaiserin lacht:Sie ist ein gutes Kind Trf>6n^LnUr xuf te", Spielberg schick ich ihn nicht gleich.

Ich pardonnier ihn schon, den Colloredo. Wenn eine so bildsauber ist muß man schon ein Einsehen mit den Mannsbildern haben. Aber meine I ®erb ''st ihm doch sagen dürfen?" Sie nickt freundlich und gibt dem Madel einen sanften, mütterlichen Schlag auf die Wange:Grüß Sie den 5>errn Vater recht schön von mir!" Sie greift nach der kleinen, silbernen Glocke auf ihrem Schreibtisch.

Gras Colloredo tritt ein.

Brand sieht nicht mehr den ein wenig schadensrohen, spöt­tischen Blick, mit dem ihn die Kaiserin empfängt. Nur deren Worte hört sie noch, als sie ruckwärtsschreitend, an der Türe wieder zum Hofknicks zusammensintt:Den General Serbelloni! Einen Augenblick noch, Colloredo! Erinner Er mich dran, daß ich dem Hadik sag, daß fein Leutnant, der Rabenau, noch über den Fasching in Wien bleiben darf -Hat s verdient, der Offizier!" 1

2tl5 die List aus dem Burgtor wieder hinaus in den Wintertag tritt und langsam über den jetzt von Flaneuren belebten Michaelerplatz geht, ist ihr zumut, als hätte ihr der Bader drüben am Schotlentor gesagt, daß er den wehen Zähn nun doch nicht auszuziehen brauche.

Die dunkle, reichgeschnitzte Tür im Portal der Michaelerkirche steht offen Bettler lehnen am Tor. Elisabeth Brand wirft ein Geldstück in eine öer flehend gehobenen Hände und tritt ein. Neben einer Bank am Altar-

by 3ai,ren- b,e n nun schon dem reichen Nußdorfer Wein- Tr"nfnerhÖ nnh' es nur einmal vorgekommen, daß sein Herr eln Trmkgeld gab: am Hochzeitstage der ältesten Kirndorfertochter ,m ver­gangenen Jahr. Kopfschüttelnd und das Wunder nicht beweisend, sah er « wandelnden Fettmasse seines Herrn nach, die, vorsichtig mit dem silberbeschlagenen Stocke vortastend, über die Stufen der Wachszieherei 15. wrÖ£ verschwand. Der Bursche zog die Decken von den Pferde- "'n"x^y 7..S r^inn' fic zusammen, kletterte auf den

®'d e Pechche knallen und fuhr auf stäubenden Kufen davon. I ... "K/uß Gott, Bielgratterinl" rief der Weinhändler laut, als er dis efr ^atte- Mit dem Handrücken wischte

er sich pustend den Schweiß aus der roten, fettig glänzenden Stirn .Die ^He ,b°ugte, ihr vertrocknetes, kantiges Altjungferngesicht aus dem Lehnsessel vor, kniff die Augen zusammen und versuchte den getretenen zu erkennen. Erst nach r2 ' *

de" Strirfftrumpf vor sich auf den Ladentisch Vnd"stand"äch;mdauf: xJe||as, der Herrn Kirndorfer! Gebens uns auch wieder einmal die Ehr? «eins es wirklich?

Ja freilich! Oder bin i so leicht zum Uebersehen? A Stecknadel bin i ja grad net Er schnaufte vor Anstrengung.

Heber da- blaurote vom Wein gezeichnete Gesicht rann immer noch der Schweiß Schweratmend begann er feinen Mantel auf- und zuzu­klappen, daß die dicken Schneekrusten durch den Laden flogen. Dann knurrte er gutgelaunt:A so a Sauwetter! 2Lber i bin do in vierzig Minuten von Nußdorf bis auf den Stephansplatz g'fahren. Kann sich hören lassen, was? Is der Brand z' Haus?"

»Freilich, freilich! In der Werkstatt sitzt er, der Brand. Gibt ja g'nug Arb^t im Fasching. Erst vorige Wochen hat er fünfhundert Kerzen für d'° Kaiserin «Mw em müssen-" beeilte sich die Alte zu erwidern und bemühte sich, d,e schmutzigen Schneepatzen zu übersehen, die auf Kerzen und Lebzelten klat,chten. Johann Kirndorfer war ein guter Kunde Zu seinem Weine aßen die Leute für ihr Leben gern die Lebzelten des Kerzel- machers von Sankt Stephan.

x- Der Weinhändler zog den riesigen Pelzmantel aus.Und was machk die Lrfl?

S'tter sinkt sie zu -einem kurzen Dankgebet in die Knie. Sie hat auch Ursache dazu. Weiß Gott! Hütt wahrhaftig auch anders ausgehen können, das mit dem Modeaffen!

Als sie sich erhebt und durch das Dämmern des Kirchenschiffes wieder dem fast schmerzenden Lichte des nun schneehellen Tages entgegeneilt, bemerkt sie nicht die höhe, schlanke Gestalt Im Seitenschiff, die ihr vor­sichtig folgt. Auch als die Wachszieherstochter wieder durch das Kirchen­tor tritt, hört sie es nicht, daß die Gestalt, über deren weißen Mantel letzt die bunten Lichter eines Kirchenfensters spielen, sich langsam, auf t>en Zehenspitzen gehend, aus dem Schatten einer Säule löst.

Auch als sie nun rascher über Kohlmarkt und Graben geht, sieht sie nicht den jungen Offizier, der fett einer Stunde schon am Burgportal »ortet« und ihr nun achtungsvoll folgt. Vorsichtig trägt er den Pallasch 'm Arm, damit dessen Schlagen und Klirren ihn nicht verrate. In dem weichen Schnee, aus dem die Sonnenfunken blitzen und sprühen, vermag l:e auch nicht ihren Verfolger zu hören.

Selbst die Äugen der sonst so fpattluftigen Kräutelweiber aus dem Graben, an der Pestsäule, achten Nicht auf den Leutnant von Rabenau, -cur ein Schusttrbub, der mit umgehängten Stiefeln vorübertrabt, merkt tte süße Verfolgung, verzieht grinsend das Maul und pfeift ein freches vlw.

Dw Vielgratterin dachte zwar, daß es nicht geschadet hätte, wenn der protzige KirndorferDemoiselle Brand" gesagt hätte. So gut kannte man emander schließlich auch wieder nicht. Aber, wie gesagt: Die Theresien- Julden des reichen Nußdorfer Weinkönigs waren auch was

N " d->» »>"'« IN Im sw I jyen Augenblick lang wartete er noch. Dann kletterte er fcbnanttnb

ıhrfQ(1118 "E Bo-k und blieb stehen. Er klopfte dem d°mpK«n t4,t s*" ' watt'st £ Jcheph" Sd?I,tten *)erUm u"d rief dem Kutscher zu:Du Schon recht Euer Gnaden", gab der Bursche zur Antwort mitt aUS bcinm?$lkte,n- um 6ie Gäule zuzudecken. Der eisige Oststurm wirbelte ganze Windhosen von spitzigen Schneenadeln über den Platzt x: n,?te und schob seine Körperfülle langsam gegen

die lleine Ladenture der Wachszieherei. Er war nicht nur dick und mif* Dunsen und rot wie ein Truthahn. Er Überragtt auch um ÄÄ lange die Vorubereilenden, die Mit gesenkttn Köpfen, mühsam wie Schiffe ln< Skurm, gegen die um die Straßenecken heulenden Böm amkreuUea ? Ustch wenigen Schntten blieb er schwitzend stehen. Er öffnete den dunkelblauen- mit zolldickem Bärenfell gefütterten Mantel und artti roieber in die grunfamtene Weste über feinem mächtigen Bauch Daumen und Zeigefinger holte er ein Geldstück Hernan Dann pfiff er «uh umzudrehen, war ihm wohl zu beschwerlich. eT1

N,.^uem Herren nach. "Der reichte ihm das Geldstück: "Da^Fahr zum .Silbernen Schneck nüber und trink was! Bei dem Sau- wetter kannst da mt .stel-ettblerben. Stell b' Roß in Stall! Verstanden? nad)a! ^'Aleicht hatte Kirndorfer Grund, guter Laum zu fein, ^'^teicht war ihm auch wirklich nur eingefallen, daß er die nassen bampfenben Pferde nicht ,m Schneesturm stehen lassen konnte.

hrii? r ^ursche riß die Pelzhaube vom Schädel und sah drein als wäre drüben im Dom, dessen graue Tunnnadel sich wie ein zerfließender gefd^tien &eC nrl d?isen Weiße des Schneegewölks verlor, ein Mirakel