Ausgabe 
25.7.1938
 
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und Zeche Streit beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der Tür des Saals im vehrn, da wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges und herrliches @etöne, daß alle gleich die Fäuste werden finken lassen und guter Dinge sein, denn jählings ist ein jeder nüchtern und gescheit geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Schürze auf den Tops, da wickelt er sich alsbald ein und lieget stille."

So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod samt der goldenen Schnur und dem Holter von Ebenholz, rief ihrer Tochter Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies ihr die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang 'wär, freundlich ein zu fernerem Besuch, darauf das Weib hinabfuhr und verschwand.

Es dauerte nicht lang, so wurde offenbar, welch einen Schatz die Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine Kraft und hohe Tugend die Übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte, er brachte auch dem Gasthaus baL erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb'; insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche große Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reiste, bot vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirtin lassen wollte. Gewiß auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehn und zu hören. Erst, wenn er anhub, sich zu drehen, ging es doucement her, dann klang es stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter das Dach und bis in den Keller, der­gestalt, daß alle Wände, Dielen, Säulen und Geländer schienen davon erfüllt zu fein, zu tönen und zu schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmächtig lag, so hörte gleichwohl die Musik sobald nicht auf, es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit starkem Klingen, Dröhnen, Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und her.

Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine Habergeis; Frau Betha ihrer war- nach seinem vornehmsten Ge- schäste insgemein genannt der Bauren-Schwaiger. Er war gemacht aus einem großen Amethyst, des Name besagen will: wider den Trunk, weil er den schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn dawider tut, daß einen guten Zecher das Selige berühre; darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst so häufig pflegten am Finger zu tragen.

Die Wasserstau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten ließ, oben im Haus, mit einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zutunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter samt den Töchtern und der Söhnerin.

Einsmais an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha mit der Aeltesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber Kurzweil halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an: Mögt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus und Hof umsehn?" Die Jutta könnte Euch troas von Kleidern geben; ihr seid von einer Größe."

Ja", sagte sie,ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Cure Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken."

Da lies die Tochter fröhlich mit Eil« hinauf, ein rein Leintuch zu holen, bracht' es und half ihr aus dem Kasten steigen, das tat sie sonder Mühe und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um den Leib und führte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf In der hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Falltür oben gleich in der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie sich trocken machen und sah auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb. Wie diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr fie zurück und kicherte:War's nicht ge­lacht?" frug sie selber zugleich.Was ander?" rief das Mädchen und jauchzte:Gebenedeiet fei uns der Tag! Ein erstes Mal wär' es ge­glückt!" Die Wirtin hörte in der Küche das Gelächter und die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie die Urfach' ver­nommen du armer Tropf, so dachte fie, das wird ja schwerlich gelten! lieh sich indes nichts merken, und Jütte nahm etliche Stücke heraus aus dem Schrank, das Beste was fie hatte, die Hausfreundin zu bekleiden.Seht", sagte die Mutter,sie will wohl aus Euch eine Su­sanne Preisnestel machen."Nein", rief die Lau in ihrer Fröhlichkeit, »laß mich die Aschengruttel fein in deinem Märchen!" nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Strümpfe litt sie an den Füßen, auch hingen ihre Haare ungezöpft bis auf die Knöchel nieder. So strich sie durch das Haus von unten bis zu Oberst, durch Küche, Stuben und Gemächer. Sie verwunderte sich des gemeinsten Gerätes und seines Gebrauchs, besah den rein gefegten Schenktisch und darüber in langen Reihen die zinnenen Kannen und Gläser, alle gleich gestürzt, mit hängendem Deckel, dazu den kupfernen Schwenkkefsel samt der Bürste, und mitten in der Stube an der Decke der Weber Zunft- geschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem Kästlein von Glas. Von ungefähr erblickte sie ihr einen Bild im Spiegel, davor blieb sie betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn, und als darauf die Söhnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr ein neues Spiegelein, drei Groschen wert, verehrte, da meinte sie Wunders zu haben; denn unter allen ihren Schätzen sand fie dergleichen nicht.

Bevor sie aber Abschied nahm, gefchah's, daß fie hinter den Vorhang des Alkoven fchnute. woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie der Kinder Schlafttätte war. Sah da ein Enkelein mit rotgeschlafe­nen Backen, hemdig und einen Apfel In der Hand, auf einem runden Stühlchen von guter Ulmer Hafnerardeit, grünoerglafet. Das wollte s"*n Gast außer Matzen gefallen; fie nannte es einen viel zierlichen Sitz,

rümpft aber die Nase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte fie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach:Diesmal fürwahr hat es gegolten, und Gott schenk' Euch so einen frischen Buben, als mein Hans da ist!"

Die Nacht darauf, daß sich dies zugetragen, legte sich die schöne Lau getrost und wohlgemut, wie schon in langen Jahren nicht, im Grund des Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein närrischer Traum.

Ihr deuchte da, es war die »stunde nach Mittag, wo in der heißen Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und mähen, die Mönche aber sich in ihren kühlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa die Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber saß als eine dicke Wasserfrau mit langen Haaren in dem Tops, allwo der Abt sie bald entdeckte, sie begrüßte und ihr einen Kuß gab, so mächtig, daß es vom Klostertürmlein widerschallte, und schallte es der Turm ans Refektorium, das sagt' es der Kirche, und die fagts dem Pferdstall, und der fagt's dem Fischhaus, und das fagt's dem Waschhaus, und im Waschhaus da riefens die Zuber und Kübel sich zu. Der Abt erschrak bei solchem Lärm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin bückte, sein Käpplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind, und er watschelte hurtig davon.

Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es gebe. Er hatte einen langen weißen Bart und einen roten Rock. Und frug den Abt, der ihm just in die Hände lief:

Herr Abt, wie ward Euer Käpplein fo nah?"

Und er antwortete:

Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen,

Vor dem hab' ich Reißaus genommen;

Ich rannte sehr und schwitzet' bah, Davon ward wohl mein Käpplein fo naß."

Da hob unser Herrgott, unwirs ob der Lüge, seinen Finger auf, winkt' ihm und ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch einmal nach der Frau Wirttn um, und diese rief:Ach liebe Zeit, ach liebe Zeit, jetzt kommt der gut alt Herr in die Prisvn!"

Dies war der schönen Lau ihr Traum. Sie wußte aber beim Erwachen und spürte noch an ihrem Herzen, daß sie im Schlaf sehr lachte, und ihr hüpfte noch wachend die Brust, daß der Blautopf oben Ringlein schlug.

Weil es den Tag zuvor sehr schwül gewesen, so blitzte es fetzt in der Nacht. Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch spürte sie am Vaden, es donnere weiiweg. So blieb sie mit zufriedenem Gemüt« noch eine Weil« ruhen, den Kopf in ihre Hand gestützt, und sah dem Wetterblicken zu. Nun stieg sie auf, zu wissen, ob der Morgen etwa komme: allein es war noch nicht viel über Mitternacht. Der Mond stand glatt und schön über dem Rusenschloß, die Lüft« aber waren voll vom Würzgeruch der Mahden.

Sie meinte fast der Geduld nicht zu haben bis an die Stund«, wo sie im Nonnenhof ihr neues Glück verkünden durfte, ja wenig fehlte, daß sie sich jetzt nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas Türe kam (wie sie nur einmal, Trostes wegen, in übergroßem Jammer nach der jüngsten Botschaft aus der Heimat tat), doch fie besann- sich anders und ging zu besserer Zeit.

Frau Betha hörte ihren Traum gutmütig an, obwohl er ihr ein wenig ehrenrührig schien. Bedenklich ober sagte sie darauf:Baut nicht auf solches Lachen, das im Schlaf geschah; der Teufel Ist ein Schelm. Wenn Ihr auf solches Trugwerk hin die Boten mit fröhlicher Zeitung entließet, und die Zukunft strafte Euch Lügen, es könnte schlimm daheim ergehen."

Aus diese ihre Rede hing di« schöne Lau den Mund gar sehr und sagte:Frau Ahne hat der Traum verdrossen!" nahm kleinlauten Abschied und tauchte hinunter.

Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem Bruder Kellermeister eifrig zu:Ich merk', es ist Im Gumpen letz! Die Arge will Euch Eure Faß wohl wieder einmal schwimmen lehren. Tut Eure Läden eilig zu, vermachet alles wohl!"

Nun aber war des Klosters Koch, der Wirtin Sohn, ein luftiger Vogel, welchen die Lau wohl leiden mochte. Der dachte Ihren Jöst mit einem Schnak zu stillen, lief nach feiner Kammer, zog die Bettfcher' ans her Lagerstätte und steckte sie am Blautopf in den Rasen, wo das Wasser auszutreten pflegte, und stellt« sich mit Worten und Gebärden als einen viel getreuen Diener an, der mächtig Aengsten hätte, daß seine Herr­schaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden nehmen möchte. Da sie nun sah das Holz so recht mit Fleih gesteckt und über das Bächlein gespreizt, kam ihr in Ihrem Zorn das Lachen an, und lachte überlaut, daß mans im Klostergarten hörte.

Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wußten sie es schon vom Kock und wünschten ihr mit tausend Freuden Glück. Die Wirtin tagte:Der Taver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberklaus, jetzt kommt uns feine Torheit zustatten "

Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum, es wollte sich zum dritten- eher viertenmal nicht wieder schicken. Martini war vorbei, noch wenige Wochen, und die Boten standen wieder vor der Tür. Da ward es den guten Wirtsleut selbst bang, ob Heuer noch etwas zustande tarne, und alle hatten nur zu trösten an der Frau Je größer deren Angst, je weniger zu hoffen war.

Damit sie ihres Kummers eher vergesse, lud ihr Frau Betha einen Lichtkarz ein, da nach dem Abendessen ein halb Dutzend muntre Dirnen und Weiber aus der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube mit ihren Kunkeln sich zusammensetzten. Die Lau kam all« Abend in Juttas altem Rock und Kittel und ließ sich weit vom warmen Dfen weg in einem Winkel auf dem Boden nieder und hörte dem Geplauder zu, von Anlang als ein stummer Gast, ward aber bald zutraulich und bekannt mit allen. Um Ihretwillen macht sich Frau Betha eines Abends ein Geschäft daraus, ihr Weihnachskrivplein für die Enkel beizeiten herzurichten: die Mutter Gottes mit dem Kind im Stall, bei der die drei Weifen aus dem Morgen-