GiehenerZamilieniMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1958
Montag, den 25. Juli
Nummer 57
Historie von der schönen Lau.
Von Eduard Mörike.
Der Blautopf ist der große runde Kessel eines wundersamen Quells bei einer jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er ein Flüßchen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß.
Zu unterst auf dem Grund saß ehmals ein« Wassersrau'mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt vom Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals em Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet, und hieß darum der Nonncnhos. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge L a u im Topf, auch wohl die schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Auszug oft Geschenke, sie zu begütigen, als: Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andre Dinge, dawider zwar, als einen heidnischen Brauch und Götzendienst, die Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt worden. So feind darum die Wassersrau dem Kloster war, geschah es doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug und kein Mensch in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Blättern auf dem Kopf und auch vergleichen um den Hals. . . ,
Ein frecher Hirtenjung' belauschte sie einmal in dem Gebüsch und riet: „Hei, Laubfrosch! git's guat Wetter?" Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und riß ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnmächtig Gewordenen jämmerlich verschmachten und und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Tur und kam, über Stufen und Gänge, durch viele Gemächer in einen schonen Saal. Hier war es lieblich, glusam mitten im Winter. In einer Ecke brannte, indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen Leuchter mit goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel köstlicher Hausrat herum an den Wänden, und diese waren samt dem Estrich ganz mit Teppichen staffiert, Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um,_ was er noch sonst erwischen möchte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in einem Beutel und war mächtig schwer, deswegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes Pfdrtlein, das mochte m der Dicke aut zwo Fäuste sein, schob die Riegel zurück und stieg eine steinerne Treppe hinauf in unterschiedlichen Absätzen, bald links, bald wieder rechts, gewiß vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf ungeräumte Klüfte stieß; da muhte er das Licht dahinten lasten und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es war tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Jrregehen endlich mit der ersten Morgenhelle auf gänge Pfade kam und von dem Felsen aus das Städtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in dem Beutel wäre; da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein schwerer Kegel, spannenlang, mit einem Oehr an seinem obern Ende, weiß vor Alter. Im Zorn warf er den Vlunber weg, ins Tal hinab, und sagte nachher weiter niemand von dem Raub, wen er sich dessen schämte. Doch kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute. - ,r„
Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Ort $u y)au|e war- vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar von Mutter- seiien her halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer vermählt. Ihr Mann verbannte sie, darum, daß sie nur tote Kinder hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war, ohn einige besondere Ursach'. Die Schwiegermutter hatte ihr geweisfagt, |te möge ehe nicht eines lebenden Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht haben würde. Beim fünften Mole mühte etwas fein, das dürfe sie nicht wissen, noch auch der alte Nir. Es wollte aber damit niemals glücken, soviel auch ihre Leute 'deshalb Fleiß anwendeten; ^"dlich mochte sie der alte König ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an diesen Ort, unweit der obern Donau, roo feine Schwester wohnte. Di« Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kam
merzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasfer- roeiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, nur für die Langeweile, sechsmal des Tages anders an — denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß —, erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der Fürstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen liebe Tag und manche Sommernacht, der Kühlung wegen. Auch hatte sie allerlei luftige Tiere, wie Vögel, Küllhasen und Affen, vornehmlich aber einen poffigen Zwerg, durch welchen vormals einem Ohm der Fürstin war von ebensolcher Traurigkeit geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel oder Schaf und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die rareften Gesichter, keines dem andern gleich, nein,, immer eines ärger als das andere, daß auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten hätte, geschweige denn di« Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, wärst du dabei gewesen; nur bei der schönen Lau schlug eben gar nichts an, kaum daß sie ein paarmal den Mund verzag.
Es tarnen alle Jahre um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern: Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt?
Und jene sprachen:
Der König schickt!
Gebt uns wahrhaftigen Bescheid,
Was Guts ihr habt geschafft die Zeit.
Und sie sagten:
Wir haben die ferndigen Lieder gesungen Und haben die ferndigen Tänze gesprungen. Gewonnen war es um ein Haar! — Kommt, liebe Herren, übers Jahr.
So zogen sie wieder nach Haus. Di« Frau war aber vor der Botschaft und darnach stets noch einmal so traurig.
Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft führt« zumeist ihr ältester Sohn, Stephan, welcher verehelicht war; ein anderer, lauer, war Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte einen kleinen Küchengarten vor der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im Frühjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete, den Käppis, den Salat zu säen, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah sie sich von ungefähr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das schöne blaue Wasser überm Zaun, und mit Verdruß daneben einen alten garstigen Schutthügel, der schändete den ganzen Platz; nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartentürlein hinter sich zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut aus, erlas etliche Kürbiskern' aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den Hausen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern sah — man hätte sie nicht über vierzig Jahr geschätzt, er selber aber war gleich ihr ein starkbeleibter Herr — stand just am Fenster oben und grüßte herüber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die Wüstung grünte nun den ganzen Sommer, daß es eine Freude war, und hingen dann im Herbst die großen gelben Kürbis an dem Abhang nieder bis zu dem Teich.
Jetzt ging einsmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen Kosten befand. Beim Schein des Lichts erbliche sie barinne mit Entsetzen die schöne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser; sie sprang voller Angst davon und fagt’s der Mutter an; die fürchtete sich nicht und stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß ihr der Sohn zum Schutz nachfolge, weil das Weib nackt war.
Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß:
„Die Wasserfrau ist kommen Gekrochen und geschwommen, Durch Gänge steinig, wüst und kraus. Zur Wirtin in das Nonnenhaus.
Sie hat sich meinethalb gebückt, Mein' Topf geschmückt
Mit Früchten und mit Ranken, Das muß ich billig danken."
Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab sie der Wirtin und sagte: „Nehmt dieses Spielzeug, liebe yrau, zu meinem Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Oenn jüngsthin habe ich gehört, wie ihr in Eurem Garten der Nachbarin klaget. Euch sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die Burger und Bauern zu Unfrieden kämen und Mord und Totschlag zu befahren fei. Derhalben, liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gäste bei Tanz


