wurden heftig verfolgt. Ich schoß aufs Geratewohl meine Pistole nach rückwärts ob, ein Gegenschuß riß mir den Hut vom Kops, doch der Vorderste meiner Verfolger stürzte. Eine Kugel zerschmetterte mir den Arm. Wie ein Toller tauchte seitwärts hinter mir ein französischer Husar auf, der wutentbrannt die blutenden Flanken seines Reittieres mit den Sporen bearbeitete, daß es mit rotem Schaum im Maule vorschoß. Im Augenblick, als der Husar an mir vorüberkarrierte, hieb er gegen das leblose, mir entgleitende Haupt des Prinzen. Ich drückte den Teuren mit letzter Kraft an meine Brust und warf mich schützend vor; der Säbelhieb hier und die zerfetzte Nase sind die Begründung meines höchsten Stolzes. Ich hatte das Glück, den Helden vor der Verstümmelung seiner adeligen Züge, seines stolzen und reizenden Mundes zu bewahren. Als letztes sah ich, daß der Husar nicht mehr Herr seines dicken Pferdes war, die Strafe des Himmefs stürzte ihn und sein Tier in die Saale, in der sie verschwanden, dann stürzte auch ich ...
Als ich im Lazarett zu Jena wieder erwachte, lag mein vielgeliebter Prinz in der Gruft zu Saatfeld; das Vaterland war zusammengebrochen, wie er es feit Jahren vergeblich warnend prophezeit hatte. Der Held, den die Nemesis allzu früh fällte, war nicht mehr ...
Ich schwöre Ihnen, ich sah die weiße Frau! Absolut! ganz genau! Im Schlosse und auf der Straße! Ihre Unheil anzeigende Erscheinung hatte den sonst so siegfriedstarken Arm des Prinzen geschwächt ...
Seien Sie nicht ungläubig! Selbst wenn die weiße Frau bloß dem Herrn Prinzen erschien, wenn nur sein inneres Gesicht sie sah, die durch die Erwartung des hoffnungslosen Kampfes gesteigerte Erregung so stark in ihm wirkte, daß wir anderen, durch des Prinzen uns alle beherrschenden Persönlichkeit gezwungen, sie auch zu. sehen vermeinten, dann ist dies erst recht der Beweis, daß Friedrichs des Großen Neffe der Größten einer war! Er stand im Rapport mit drüben. Im Rapport der Seele mit den Dingen über uns steht nur ein Gottgeleiteter! Die Singe sind, man kann sie leugnen, aus Dünkel oder Feigheit, sie sind!
Zu Land nach Burma.
Von Herbert Hörhager.
Bangkok ist eine interessante Stadt. Aber wenn man 14 Tage auf Kanälen herumgegondelt und durch bizarre Tempel gelaufen ist, muh man doch langsam an die Weiterfahrt denken. Wir wollen nach Indien. Das Normale wäre es nun, sich eine Fahrkarte auf der siamesischen Eisenbahn zu lösen und in zwei Tagen die Malakka-Halbinsel hinunter nach Singapur zu brausen. Dort wurde man bald Anschluß an einen Schnelldampfer finden und könnte in wenigen Tagen in Kalkutta oder Colombo an Land steigen.
Dieser Weg hat etwas Verführerisches. Er ist bequem, schnell und sicher. Aber er ist auch teuer unb, wenn man es genau nimmt, unnatürlich. Wenn wir früher auf der Asienkarte in Dierckes Schulatlas unsere beabsichtigte Reiseroute einzeichneten, dann führte eine Linie immer kühn von Bangkok direkt nach Rangoon. Es wird schon irgendeine Straße dort sein, dachten wir uns. Warum auch nicht? Bangkok—Rangoon wäre die kürzeste Berbindungslinie zwischen Hinter- und Vorder-Jndien. Dazwischen liegen allerdings ein paar Gebirgsketten, die aber die 2000-Meter-Grenze kaum Übersteigen. Wqs liegt näher, als die Annahme, daß hier unsere verkehrswütige Zeit eine Autostraße hingebaut hätte. — Was sich jedoch als ein grausamer Irrtum erwies.
In Bangkok machte man uns überzeugend klar, daß wir, um nach Vritisch-Jndien zu kommen, erst nach Singapore fahren müßten. Wir griffen uns an den Kopf und konnten uns keineswegs mit dem Gedanken abfinden, nun mit einem langweiligen Zug die längste Halbinsel der Welt hinunterzurollen, obwohl die Grenze des britischen Territoriums sozusagen zum Greifen nahe lag. Aber immerhin, zwischen ihr und der siamesischen Hauptstadt dehnten sich 300 Kilometer Dschungel. Da galt es, sich irgendwie durchzuschlagen, und schließlich trafen wir den Mann, der uns sagte, wie das zu machen sei. Er war ein Deutscher, der selbst schon einmal von Burma durch den Urwald nach Siam herübergekommen war. Es sei halb so gefährlich, meinte er, und Elefanten brauche man dazu auch nicht. Immerhin, die Route schien uns anziehend genug.
W i e man in Siam reift.
Eines Tages schwammen mir auf einem kleinen Motorboot den MehNam, Siams Haupistrom, hinauf nach Norden. Aus dem einen Tag wurden drei und schließlich vier. Einmal, in Paknampoh, wechselten wir das Boot. Das neue war noch kleiner als das erste. Wir waren die einzigen Weißen und saßen mit den Eingeborenen zusammen auf dem blanken Boden. Gegen Abend lief der Motor nur auf halber Fahrt. Es war Badezeit für die Mannschaft. Einer nach dem anderen hing sich quietschend vor Vergnügen über Bord und ließ sich durch die braune Brühe schleifen. Die Prozedur dauerte gute zwei Stunden, bis es dunkel wurde.
Am Abend des vierten Tages war es so weit, daß wir in Kam Peng, einem Dschungeldorf von 200 Einwohnern, an einem Seitenarm des Meh Nom, anlegten. Von hier ab wurde der Fluß so seicht, daß selbst unser lächerlich kleines Motorboot nicht mehr weiter konnte. Ein Lastauto sollte uns von hier nach Ra Heng bringen, eine Entfernung, die etwa 80 Kilometer betrug. Der Fahrer verlangte zweieinhalb Tickal für feie kurze Strecke, was uns entschieden zuviel schien. Wir handelten am Strand den ganzen Abend unter Teilnahme des gesamten Dorfes, aber ohne Erfolg. Der Mann wußte um seine Monopolstellung. Das Auto fuhr nämlich nur gelegentlich und im Bedarfsfälle und war erst feit kurzem in Dienst gestellt. Da es jedoch ein neuer Chevrolet war hatten wir Vertrauen zu ihm und zahlten schließlich den verlangten Breis.
Rekordfahrt.
Am nächsten Morgen merkten wir, daß wir nicht übervorteilt worden waren. Diese Autofahrt überbot alles, was wir in dieser Hinsicht bisher
erlebt hatten. Cs gab nämlich keine Straße. Das Auto brach sich feinen Weg einfach durch den Dschungel. Gewiß, es war schon einige Male die Strecke. gefahren. Aber die Beifahrer hatten jedesmal nur immer die notwendigsten Hindernisse aus dem Weg beseitigt, um durchzukommen. Ja, „durchkommen", das war jedesmal wieder von neuem die Aufgabe — nicht etwa einen Weg bauen, der nach einer einmaligen Mühe für immer eine sichere Fahrt garantiert hätte. Man hackte ein paar Bäume um, beseitigte ein paar Schlingpflanzen und ließ im übrigen das Unterholz durch die mächtigen Räder nieberftampfen. Inzwischen aber war die Fahrtrinne so tief geworden, daß die Achsen an den Baumstümpfen hängen blieben. Alle Augenblicke mußten wir daher halten und die Strünke umhacken. Auf dem Schutzblech der Vorderräder kauerte ein brauner Bursche mit einem riesigen Buschmesser, immer sprungbereit, um den Weg passierbar zu machen. Oben auf dem Dach hockten auch zwei und befreiten die hinter firnen sitzenden Passagiere von Zweigen, die ihnen sonst ins Gesicht geschlagen wären. Der Chevi leistete Bewundernswertes. Er kam durch, brauchte aber für die 70 Kilometer lange Dschungelstrecke genau sieben Stunden. Es fei eine Rekordfahrt gewesen, meinte der Fahrer später.
Bis Ra Heng konnte man noch irgendwie fahren. Von hier ab aber mußte man reiten ober zu Fuß laufen. Wir entschieden uns für das letztere. Aber für unser Gepäck brauchten wir ein Ponny, und außerdem benötigten wir einen Mann, der uns den Weg zeigte. Erst wollte niemand mit uns gehen. Es sek zu kalt, sagten die Eingeborenen, wahrscheinlich jedoch nur, um den Preis zu steigern. Dabei herrschte eine Hitze, wie in Deutschland an heißen Sommertagen. Für die Siamesen aber war jetzt die „kalte" Jahreszeit. Schließlich brachte uns der Ortspolizist einen Mann an, der uns für 10 Tickal nach Mesod, dem siamesischen Grenzart, bringen wallte.
Er war ein langer, hagerer Bursche mit schwarzen Haaren und stark hervortretender Nase. Der Oberkörper steckte in einem grünen europäischen Jagohemd. Um die Lenden trug er ein buntes Tuch, bas wie ein Rock auf die Knöchel herabfiel. Auf dem Kopf faß ihm ein Tropenhelm, von dem man nur vage vermuten konnte, daß er einmal weiß gewesen sei. Im Gürtel aber steckte ihm in einer messingbeschlagenen Scheide ein gewaltiger Dolch, der seiner Gestalt entschieden eine romantische Note gab. Er selbst suchte mit einem Revolver zu imponieren, den er ungefähr alle zwei Stunden aus der Brusttasche des grünen Hemdes herauszog. Das Ding tat bestimmt keinem Menschen mehr etwas zu Leide, hätte dem grimmigen Schützen aber leicht in der Hand explodieren können.
Das war unser „Scheich"! So nannten wir ihn, da sein Name für uns immer ein phonetisches Rätsel blieb. Er schleifte uns über unzählige Flußläufe und richtete es immer so ein, daß wir abends zu ein paar Eingeborenenhütten tarnen, wo wir unter Dach schlafen konnten. Die Häuser waren meistens aus Pfählen gebaut und mit Bananenblättern gedeckt. Eine Seite stand offen. Die Menschen machten einen stumpfen Eindruck, und selten sah man jemanden arbeiten.
Sie „weiße Medizin".
Wir kochten dann wohl auf ihren Feuern und boten ihnen Tee an. Unser „Scheich" war immer als erster mit seinem Napf zur Stelle und erklärte dann den dummen Dorfbewohnern, daß man in diesen „Tscha" kleine weiße Klümpchen hineintun müsse. Die Folge davon war, daß unser Zuckervorrat schnell zusammenschmolz und wir die letzten zwei Tage den Tee „ohne" trinken mußten. Im Anschluß an den Tee forderte unser „Scheich" jeden Abend seine „Medizin". Er hatte einmal gesehen, wie wir nach dem Essen Chininpillen schluckten. Nun hatte ich unglücklicherweise nur eine Flasche Pillen mitgenommen, die wir selber brauchten. Von dem Augenblick aber, da der „Scheich" das Wort „Medizin" ausgesprochen hatte, streckten auch alle Umsitzenden ihre schmutzigen Hände aus. In Wirklichkeit fehlte natürlich keinem etwas. Meistens teilte ich harmlose Kohlekompretien aus und die Leute waren zufrieden. Nur unser Scheich blieb standhaft und wollte die „weiße Medizin". Einmal gab ich nach, am zweiten Tag aber verweigerte ich sie ihm. Aber der Bursche blieb so hartnäckig, daß ich ihm schließlich eine weiße, radikal wirkende Abführpille gab. Vorher aber hatte ich ihm gesagt, daß diese Medizin „schlecht" für ihn sei, was ihn weiter nicht beeindruckte. Am nächsten Tag bekamen wir alle Augenblicke das Pony zu halten, und der „Scheich schlug sich seitwärts in die Büsche. Künftighin schluckte er wie die anderen Kohlekompretten.
Am vorletzten Tag kamen wir nach vier Stunden Marsch in ein Dors, und unser „Scheich" weigerte sich, weiter zu gehen. Es kämen jetzt bis zur Grenze keine Häuser mehr, meinte er, und wir könnten die Nacht nicht im Dschungel »erbringen.
Der „Scheich" wird müde!
Am nächsten Morgen hatten wir einen Marsch von guten neun Stunden vor uns und wollten gegen Mittag in dem siamesischen Grenzort [ein, um noch vor Dunkelheit das erste Dorf in Burma zu erreichen. Als wir zwei Stunden gegangen waren, tarnen wir an einer leeren Hütte vorbei, die Reisenden zur Uebernachtung zur Verfügung stand. Bis hierher hätten wir am Vortag noch nicht leicht gehen können, aber der „Scheich" wollte eben lieber im Dorf bleiben. Dafür mußten ipir heute etwas schneller machen. Nach einer weiteren Stunde wurde unser „Scheich." müde und wollte rasten, womit wir natürlich nicht einverstanden waren. Er hätte sich das am Vortage besser überlegen können. Nach kurzer Zeit trafen wir auf eine lagernde Kulikarawane. Unser Scheich setzte sich einfach zu einem hin und langte ohne weiteren Kommentar mit in dessen Reistopf. Das paßte uns nun auch wieder nicht, und wir jagten ihm, daß er kein Geld bekäme, wenn er nicht sofort weiterginge. Das wirkte. Unser „Scheich" knurrte heftig, aber wir erreichten doch noch zur rechten Zeit unser Ziel.
Mit einem Büsfelkarren rumpelten wir am nächsten Morgen die restlichen sechs Kilometer zur Grenze. Noch einmal ging es durch einen breiten Fluß. Dann standen wir auf britischem Boden. Wir waren in Burma.
Derantwortlich: l)r. Hans Thyriot. und Derlag: Brüh Ische Univ erst tat sdruckerei A. Lange, Gießen.


