William, und ich danke dir." Da Ist das Du auch auf Ihren Lippen, das Du, dessen Zauberkraft feine Muttersprache nicht kennt, dessen Zauber er auch nie voll begriffen hat.
Sie hebt ihre Hand, die er immer noch hält. Er beugt sich und küßt diese Hand, wie die Deutschen es tun.
„Ich soll gehen?" fragt er.
„Ja, William, gehe."
Wieder zögert er einen Augenblick. Helfen, denkt er, helfen. Aber da ist die Schranke der Stunde und stärker noch die andere Schranke, die er nie durchbrechen konnte, weil er sie nie begriff: ihr Preußentum, die lebte herbe Kühle, die diese Menschen im Norden dieses Deutschlands nie verließ, die bald Pslichigefühl schien, bald Berechnung, bald Stolz.
Sie neigt den umschleierten Kops gegen ihn.
Da weiß er: er ist entlassen. Er wendet sich und tritt in den Saal zu den übrigen. „ c ..
Sie steht noch eine Weile ganz still. Kein Glied rührt sich an ihr. Ihr Blick ist gesenkt, er liegt auf der Hand, die er küßte. Da steckt der Ehering, der sie an Alexander Czeh band. Und Alexander Czeh ist tot.
Aber Günter ist da. Günter Graf Czeh, der jetzt Herr ist auf Waldhausen und zu dem Fohlen lief, das Alexander, züchtete.
Ob William Bruce diesen Günter Czeh sah?
Langsam löst sie sich aus der Nische und schreitet In die Halle; die breite Treppe steigt sie empor, geht in ihr Zimmer und schließt sich ein. Sie löst den Schleier und streift die Witwenhaube vom Kopf.
Es ist das gleiche Zimmer, in dem sie wohnte, wenn sie mit Alexander auf Waldhausen war. Sie öffnet eine Nebentür und geht in den Raum, in dem sein Bett steht. Es ist alles unverändert, im Schrank werden seine Anzüge noch hängen: seine Jagdjoppe, sein Fahrpelz, sein Lodenmantel, und der alte grüne, durchlöcherte Hut wird auch noch da sein, den er immer aufsetzte, wenn er auf Anstand ping; er glaubte, fehlen zu müssen, wenn er ihn nicht trug. Auf dem Tisch liegen drei Pfeifen, er rauchte sie nur hier, wenn er über seine Aecker fuhr oder durch seinen Wald wanderte.
Das ist nun alles vorbei, alles gewesen.
Warum war es überhaupt?
Sie steht lange in diesem Raum.
Dann hört sie: unten rollen Wagen vors Haus, Kutscher sprechen mit harten Kehllauten, Pferde stampfen, Peitschen knallen.
Der alte Joseph rüst: „Der Wagen für Graf Sierstorff — der Wagen für Herrn von Buch — der Wagen für Frankenstein." — »Hier!" tönt es zurück, und wieder: „Hier!"
Bald wird Waldhausen leer sein.
Es klopft an der Tür des Nebenzimmers. Irene geht in ihr Reich zurück. „Wer ist da?"
„Ich, Mutter."
Sie schließt auf. Günter ist ganz außer Atem. „Ich habe das Fohlen erst zur Koppel gebracht, Mutter, aber da war niemand. Da bin ich zum Fohlenstall gegangen, und da hat mir Gustav erzählt, daß das Fohlen auch von der Granada sei, wie Vaters Grenadier. Und Vater hätte bestimmt, daß es Gratulor heißen soll. Die Fohlen kriegen doch immer Namen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben wie ihrs Mutter."
Der Redestrom geht weiter.
Am Fenster steht ein Sessel. Irene setzt sich tief in ihn hinein und zieht den Knaben an sich. Sie saugt jedes seiner Worte gierig ein, als hätte sie Durst gehabt nach der Stimme dieses Kindes.
Nur einmal horcht sie auf. Joseph ruft unten vor den Fenstern: „Der Wagen für Sir William Bruce." Es klappern keine Pferdehufe, es rattert ein Motor. William kam im Automobil, muß sie denken, natürlich im Automobil, er liebt ja immer, das Neueste zu haben, liebte es schon damals, als er nach Botschaftssekretär in Berlin war; er hat sich nicht geändert, seit er nach Wien versetzt wurde.
Und der Knabe schwatzt weiter.
Am nächsten Morgen läßt sich Irene ihr Frühstück auf ihr Zimmer bringen. Die Schwiegermutter sieht das zwar nicht gern, aber es sind einige aus der näheren Verwandtschaft noch für eine Nacht in Waldhausen geblieben, und den Gesprächen an einer gemeinsamen Kaffeetafel fühlt sich Irene nicht gewachsen. Der Abend gestern war schon gualvoll genug. Es wurde ein großes Essen aufgetragen, es gab sogar Champagner. Eine entsetzliche Sitte, diese Trauerfeiern mit gesellschaftlichem Ausklang für den engeren Kreis der Nachbarn. Die letzten Wagen fuhren erst nach zwölf davon, und da die alte Gräfin sich nicht aus ihrem Seffe! rührte, mußte auch Irene warten, bis die letzten Gäste das Haus verließen. Es waren der Ramendorfer Khünberg mit feiner Frau, und Irene schien es, als ob er nicht ganz nüchtern wäre, als er endlich aufbrach. Man weiß ja in der ganzen Gegend, daß er gern über den Durst trinkt. —
Irene geht durch das Schloß; es ist alles schon wieder gerichtet. Die große Tafel im Saal ist verschwunden; im Billardzimmer, im Herrenzimmer, im Salon, in den beiden Jagdümrnern, in der Bibliothek, im roten Damenzimmer, im Erker- und im Kaminzimmer stehen alle Stühle wieder an ihren Plätzen, nirgends liegt ein Stäubchen Asche. Die Schwiegermutter ist trotz ihrer siebzig Jahre eine mustergültige Hausfrau.
In „Neapel" bleibt Irene eine Weile stehen. Warum war William gekommen? Gerade gestern? Kann ich dir helfen? hatte er gefragt. Gestern brauchte sie keine Hilfe, auch heute braucht sie keine. Aber in jenen letzten sechs Jahren hätte sie manchmal Hilfe gebraucht, wenn die Einsamkeit allzu groß wurde. Aber da war er nie gekommen; er war gehorsam gewesen, war ferngeblieben, wie sie es gewünscht hatte, als sie sich trennten. „Es muß aus sein, William, ich will es. Ich habe Pflichten." Sie hatte sich nicht beirren lassen von feiner Bitte: „Laß dich scheiden. Komm mit mir nach England." Was war ihr England?
Sie denkt zurück. Wie war es gekommen? Zwei Jahre war sie verheiratet gewesen, da schien ihr alles leer. Sie selbst war wie ausgehöhlt.
Jeder Tag ging nach der Uhr, jeder Monat, das ganze Jahr: Dienst, Dienst, Rennen, Gesellschaften, Empfänge, Bälle, Vollblutauktion m Hoppegarten, Auktion in Harzburg, das Derby in Hamburg, der Große Preis von Baden-Baden, dann wieder Dienst: alte Remonte, junge Remonte, Trensenbesichtigung, Kandarenbesichtigung, Brigadeexerzieren m Loburg, Manöver. Das war gewiß alles nicht ihr Beruf, aber es preßte sich doch in ihr Leden; alle Gespräche liefen mit diesen Zeigern. Nur dann nahmen sie andere Richtungen, wenn sie mit William Bruce sprach. Er erzählte von der Fremde, von einer Welt, weit jenseits der Enge, in die sie gestellt war; er setzte die Worte anders als alle, die ihr sonst begegneten, er verstand zu schmeicheln, ohne Schmeicheleien zu sagen. Sie fühlte: er suchte sie, suchte sie leise, unmerklich. Da kam der Tag, an dem Natascha Liebenstein sagte: „Komm mit nach Lugano, Irene, während die Männer auf 6ent Truppenübungsplatz sind . Sie griff zu, weil auch sie einmal hinaus wollte aus dem Emerler Berlins. Sie ahnte nicht, daß auch er in Lugano war.
Irene tritt in die Fensternische, stützt wieder die Hände auf das Sims. Ihre Gedanken gehen die alten Wege weiter: Und dann kam sie zurück. Alexander war da: aufrecht, stolz, sauber. Und in ihr trannte die Scham und verbrannte die Liebe zu William, die in Lugano so heiß ausgewallt war. Die Scham war stärker als die Leidenschaft, sie zog ihr jeden Halt unter den Füßen fort Gleich am ersten Abend war ihr, als ob sie sortlausen müsse aus ihrem eigenen Haus. Aber sie war zu feige zur Tat gewesen, sie hatte sich an Alexander geklammert, um wieder etwas von dem Stolzen und Aufrechten zu bekommen, das er befaß und daß auch sie einst besessen.
Alexander hatte sie nicht durchschaut und nicht verstanden. Aber er hatte sie gestützt Sie war wieder feine Frau geworden und hatte von ihm neu gelernt, was Pflicht heißt. Und weil sie voll Scham blieb, wurde ihr die Pflicht doppelt ernst, die Pflicht gegen Alexander, gegen die Czehs, gegen das Blut, das in ihr floß, gegen ihr Preußentum.
Dann fühlte sie, daß sie ein Kind erwartete.
Fester umklammerten chre Hände das Holz des Fenstersimses.
Sie blickt mit starren Augen in das Grün der alten Bäume. War die Sehnsucht noch William Bruce wirklich in ihr erloschen?
Nein. Nie.
Doch — gestern.
Sie hofft es: gestern.
Ins Freie eilt sie, In den Park.
Das große Tor zur Gruft ist geschloffen. Nur die Eichengirlanden hängen noch an den Pfosten, aber die Blätter sind schon verwelkt
'■ jjier stand Günter und hielt das Fohlen am Halfter, Günter, der Sohn und Erbe.
Dom Brunnenplatz, wo der Heckenweg beginnt, kommt Olli Czeh. Sie ist Ferdinand Czehs Frau, des Vetters von der österreichischen Linie, deren Besitzungen in Mähren liegen. Olli Czeh ist eine geborene Komteß Calbori, ihre Eltern sitzen bei Trient aut Schloß Sala. Olli Calbori ist blond wie Weizen und hat pechschwarze italienische Augen; sie hat zwei Winter halb Wien verrückt gemacht und die Komtesseriwirtschaft ins Grenzenlose gesteigert. Jeder Fiaker war in sie verliebt, der Girardi hat eine Coupletstrophe auf sie gesungen, und der Kaiser hat ihr ein Smaragdarmband geschenkt, weil sie ihm gesagt hat, sie wünsche sich eins, und der Vater wolle ihr natürlich keins kaufen, besonders das nicht, das beim Paltscho auf dem Graben im Schaufenster liege. Am nächsten Tage war es nicht mehr in der Auslage, der Kaiser hatte es für sie holen lassen. Dann hat sie den Ferdinand Czeh geheiratet; der war damals Oberleutnant bei den K. u. K. Sachsendragonern in Olmütz. Sie hat sofort durchgesetzt daß er nach Wien kommandiert wurde aus das Kriegsministerium, und da ist er jetzt noch, und da wird er auch bleiben, solange Oll' es will. In drei Jahren hat sie ihm drei Buben geboren, der jüngste ist jetzt zwei Jahre, ober sie sieht immer noch aus wie ein Mädel von
siebzehn.
Sie fällt Irene um den Hals. „Sei mir nicht bös, daß ich nicht mehr in Trauer bin, Reni, aber weißt, die schwarzen Fetzen sind so warm, und die Sonne scheint doch so schön. Und außerdem mag mich der Ferdi nicht in Dunkel. Gell, du verstehst mich?" Sie zupft an ihrem weißen Kleid, an den Spitzenvolants, die am tiefen, gewinkelten Ausschnitt hängen, an den Puffärmeln, an dem weiten eingekrausten Rock. Ihrem Manne gehörte jetzt Waldhausen und alles andere, denkt Irene, wenn Günter nicht wäre.
„Beiläufig, der Ferdi", schwatzt Olli weiter, „der Ferdi ist runter Ins Dorf. Er wollte mit dem Forstmeister sprechen, ob er nicht einen Bock schießen könnte oder zwei, wo er grab hier ist. Er kennt doch das Revi"r. Und so starke Böck', wie chr hier habt, haben wir doch drüben nicht. Das heißt, wenn du's erlaubst, Reni, hat er gesagt, der Ferdi."
„Wieso ich?" Irene ist wirklich erstaunt
„Natürlich du. Dir gehört doch jetzt ..." Sie bricht erschrocken ab, sieht Irene mit ihren großen Augen angstvoll an „Nicht bös sein, Reni, bitte, nicht bös lein. Ich tapere da so hinein, mitten in deinen Schmerz. Bloß weil der Ferdi es doch gesagt hat; er hätte wirklich auch dran denken können und mich erinnern, daß ich vorsichtig sein muß. Aber er hat in nur seine Böck' im Kops"
„Ich muß mich erst langfatn an allerlei gewöhnen, Olli."
Olli schiebt ihren Arm unter Irenes. . Komm, gehen wir auf die Bank am Berg. Da hab' ich vorhin schon gesessen. Da ist's schön. Hinter einem blüht der Flieder und duftet, und vor einem liegt das Land mit dem Dors und b»r Kirche. Und bann können wir von ba auch sehen, wenn der Ferdi den Weg zum Schloß heraufkommt."
Als sie oben sitzen, ist es wirklich schön. Die Sonne scheint auf den Platz, und Irene wird es ganz warm, innerlich und äußerlich. Die Gedanken fallen von ihr ab. Sie hat einen Menschen neben sich, einen offenen, vollblüttgen Menschen, der kein Theater spielt, der frei spricht, wie ihm uns Herz ist Der sicher auch ein Egoist ist, ein großer Egoist sogar, der aber doch Takt hat, Seelentakt.
(Sortierung folgt.)


