Freundschaft.
Von Eduard Mörike.
Durchs Fenster schien der Helle Mond herein, Du saßest am Klavier im Dämmerschein, Versankst im Traumgewühl der Melodien, Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin. Wo der Gesang versteckter Quellen klang, Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang.
Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt, Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt, Ein jeder Ton ein lang gehalt'nes Schweigen. Da fing das Firmament sich an zu neigen, Und jäh daran herab der Sterne selig Heer Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer, Bis Tropf um Tropfen hell darin zerging, Die alte Nacht den öden Raum umfing.
Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest. Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest, War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr, Zuletzt warst du es selbst, in den ich mich verlor Mein Herz durchzuckt mit eins ein Freudenstrahl: Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal.
So wunderbar empfand ich es, so neu, Daß noch bestehe Freundeslieb und Treu! Daß um so sichrer Gegenwart Genuß Zusammenhält in Lebensüberflußl Ich sah dein hingesenktes Angesicht Im Schatten halb und halb in klarem Licht; Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll, Wie mir das Auge brennend überquoll.
Du endigtest; ich schwieg — Achl Warum ist doch eben Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben?
Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein. Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein. Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut, Verklingend so des Tages Lieblichkeit.
Winterliche Phantasien im Weinkeller.
Von Friedrich Schnack.
Der nordwärts strömende Rhein erhält bei Mainz vom ankommenden Tain einen so kräftigen Stoß, daß er aus der Richtung taumelt und ii einem scharfen Ruck und Schwung nach Westen wankt, dem Drang i nes großen Sohnes gehorsam. Aber bei Bingen kommt ihm seine It.öne Tochter zuhilfe, die Nahe, und richtet ihn wieder etwas auf, so disß er nun nordwestlich fließen kann. Bruder und Schwester, Main und Üiuhe, haben sich im Vaterstrom gefunden und vereint.
Der Main ist stark. Aber die Nahe? Woher hat der ländliche Fluß d> Kraft, dem alten Vater beizustehen? Die Tochter ist lieblich, eine to-idje, träumerische Nixe. Sie gefällt sich in anmutsvollen Bögen und Rndungen, und selbst dort, wo sie von eruptiven Felsmassen bedrängt iir.b schattig bespiegelt wird, verliert sie nicht ihren Frohsinn und den si ter-idyllischen Reiz. Erst bei Bingen, in ihrer Reife, die zugleich ihr kade ist, breitet sie sich, gekräftigt vom Landleben, aus und tritt gesam- re-lt in die große Welt.
In Bad Kreuznach, das sie durchfließt, greift aus einem steinernen Z:ückensockel, hoch über dem Wasserspiegel, eine Eisenhand in die Luft, M: Hand eines im Steingefüge verwunschen hausenden Wassergeistes, iönnte man sich vorstellen, der die Luft spüren will und seinem Gespielen vnkt, der in der Tiefe hingleitenden Nahe. Die Metnllhand ist ein Vlgelzeichen. Damals wogte der Fluß, gespeist von der starken Schnee- ktrme($e des Berglandes, hoch auf und schleifte seine stockwerkhohen 8-issermassen donnernd dem Rhein entgegen. Sonach wird dann und in: nn die Tochter wild, wäscht mit Strudeln die schwarze Hand und rennt In höchster Eile davon.
Heute, im kalten Tag, geht sie langsam ihres Weges. Das Licht ist jtiu und nachdenklich, die Häuser stehen scharf, hart und unbeteiligt in I ie" Luft, Bäume werfen hagere Astarme über die Welle, und das Schilf n sanft ausgerundeter Bucht steht wie verrostete Speere.
Im Sommer ist die Landschaft heiß. Von Geburt ist die Nahe ein Mldkind, ihr Ursprung liegt im Schaumberg bei Tllrkismühle. Sie - lammt vom 'Hochwald und findet die Traube, um sie nickt wieder zu «e: lassen. Je mehr sie sich dem Rhein nähert, um so ausgedehnter wer- iei die Weinlagen — aber ich weiß nicht, ob die Beeren irgendwo besser frnetfen als im Bad Münster am Stein und in den Weinbergen von 8tib Kreuznach. Wie durchdringend funkelt hier das Licht! Uralte Wein- luttur hat am Flußlauf die Rebe in Zucht genommen, auf einer zwei- ht sendjährigen Ueberlieferung gründet die Geschichte des Naheweins. Jüts will besagen, daß die Erde hier durckgeforrnt ist. aufgeschlossen eins di: der kostbaren Pflanze, eins mit der Mübe des Winzers. Der Boden Uo: sich seit einem Weltzeitalter mit dem Geist des Lichtes und dem lasch des Himmels vermählt. Und dieser Jahrtausend-Hochzeit entspringt
eine hochgeartete Frucht 1* guten Weinjahren und wie eben setzt m diesem Jahr wieder.
Hohe Ufer und umliegendes Bergland verwehren rauhen Winden den Zutritt in das Weintal, in die Wiege der Traube — das goldene Kind, wird nicht beunruhigt und schläft seinen köstlichen Sonnenschlaf. Ihm sind gleichmäßige, doch feurige Monate beschieden. Und noch aus den letzten Tagen und Stunden des Herbstes saugt es Licht und Wärme. Das Nahetal ist ziemlich regenarm, der Regen reift auf den Flügeln des Windes über den Hunsrück und versprüht. Während die Lust steht, brütet die Hitze auf der Weinerde in den Zeilen und macht das Gestein heiß, das nach Sonnenuntergang noch nachglüht, die Trauben mit Wärme umspülend.
Im Nahetal hängen sie an den Rebbogen bodennah, man hält sie tief, damit alle Bodenstrahlung ausgenutzt wird; sie sind nicht bis zur Spitze der Pflanze hinaufgezogen wie etwa an der Mosel — das vermindert naturgemäß den Ertrag, erhöht aber den Wert des Weins. Essigsäure, grüne Weine wachsen an der Nahe nicht. Stets ist das Milde, Feine, der harmonische Ausgleich von Säure und Süße ihr eingeborenes Wesen, mögen sie auch nach Art und Lage noch so sehr voneinander unterschieden sein.
Aber Herbst und Weinjahr sind vergangen, der Glanz der Oberwelt hat ausgespielt, und die Nahe blinkt von acherontischem Schein. Da ist es gut, in sich zu gehen und hinabzusteigen in die Süße des Sommergedankens. Was oben war, muß unten (ein — was lange im Licht lebte, muß seine Zeit in Dunkelheit verbringen. Aus dem Schoß der Erde geistet der Saft in die Traube, bann den umgekehrten Weg nehmend, fanf er aus der Traube in die Erde hinab, unter die Erde — in die Keller. Der Weinkeller ist das steinerne Grab des Sommersaftes, die Krypta, aus der einst der geklärte Geist seligmachend wieder auffteigen wird in den Tag und in die Weltlust der Zecher.
Eine geschwärzte, schattendunkle alchimistische Küche ist der Keller, und geprüfte Weisheit gehört dazu, den Wein in den hölzernen Retorten zu schaffen. Weinpflege ist Weltschöpfung: edler Wein hat große Leidenschaft, hohes Feuer, strahlende Bilder und Begeisterung in sich. Der Wein ist ein Kunstwerk. Aber zur Hölle mit allen Verkunstlungen und allen Verkünstlern! Große Weinmeister, die gar nicht so häufig sind, ahnen etwas von Tod und Leden, von Geburt und Auferstehung. Und man hat an der Nahe ein paar tennengelernt, die mit zauberschasfender Kraft begabt sind, und die besungen werden müßten.
Als man einst die Eisenbahn baute, die von Bingerbrück nach Paris läuft, treben die Wertleute in Bad Kreuznach tiefe, waagrechte Stollen in den Porphyrberg, den das grüne und goldene Fell der Rebe fleckt und betupft. Sie brachen die Blöcke und ließen steinkühle Korridore zurück. Wunderbare Keller! Der Berg hatte schon immer Weingedanken gehabt. Weinlaub und Trauben auf Schulter und Nacken, nun bekam er auch noch Stücksäsfer in den Felsenbauch gestapelt.
Das Ohr, im Gärkeller an die Daubenwand gepreßt, vernimmt die geheime Saga der Rebe, den dunklen Lebensfang, der sich von irdischer Trübung freimurmelt, freifingt. Mit verworrener Stimme redet und gluckert die Urmaterie. Hinter der mondrunden Eichenwand spielt das Geheimnis, arbeitet brausende Geburt, will sich der Wein gestalten. Sprecht nicht laut, horcht! Der Saftstrom lebt, perlt und wühlt. Dunkle Märe raunt im Holz. Hitze gärt und wallt, rasende Strömungen münden ineinander. Wie bewegt mag der Spiegel des Flüssigen jetzt im Faß fein, bewegter als die wintersanfte Nahe jetzt im Talgrund! Im Faß rauschen und wispern noch einmal die verflüchtigten Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst, und die Säure scheidet, sprudelt ihr Abschiedslied, während ihr giftiger Atem oben aus dem Steingutventil des Spundes stößt. Wie ein lebendiger Leib mutet das Gärfaß an. und auch das tote, wein- geheiligte Eichenholz ist noch lebendig und fühlt mit.
Faß ruht bei Faß, halbe Stückfäffer, mächtige Weinmütter. Weiß keiner ein liebevolles Wort für sie? Sie bergen ihr Kindlein. Manche Fässer sind rund, manche oval. Sind die runden rheinisch, die ovalen fränkisch? Und schön gewölbt, die Rundung des Fasses im Felsen wiederholend, eine schmeichelnde Linie, schimmert altfeucht die Bogendecke des Kellers. Die Kellerluft ist etwas lind und warm. Der neue Wein darf nicht erschrecken, ein kalter Hauch würde ihn gefährden. Die schaffende Hefe stürbe und könnte das Werk nicht verrichten: die Spaltung des Stoffes. Sie teilt und verteilt. Dazu will sie fünfzehn bis siebzehn Grad Wärme haben. Mit gewaltiger Kraft zerreißt sie den Zucker, Alkohol und Kohlensäure bereitend. »
Unter solcherlei Mühen und Prüfungen wächst der Jungwein heran und überwindet die dumpfe Kindheit. Die Hefe gleitet aus feinem Wesen und setzt sich zu Boden. Ist es soweit, kommt der Augenblick des Abstichs. Der Abstich ist eine kellerkultische Handlung. Das Kind wird von der Mutter getrennt. In einem reinen und weingrünen Faß nimmt es Wohnung im Laaerkeller. Hier ist es nicht mehr so warm. Jedes Kind bat eine andere Abschiedszeit: Lage, Art und Kellermeister entscheiden. Seid vorsichtig bei der Uebersiedlung, das Kind ist empfindlich! Der Junawein darf nicht mit der blanken Luft in Berührung kommen, er „schlüge um", trübte sich und wäre verärgert, mißmutig. Hat er fein neues Bett bezogen, dann will ihm Ruhe gegönnt fein, tiefe Ruhe, Schlaf, ein guter gesunder Jungweinschlaf. Im Schlaf entwickelt sich die Seele, in der Ruhe formt sich der Geist.
Sind diese Regungen. Seele und Geist, geweckt, tut der Jungwein abermals eine kleine Reise: er bezieht ein neues Faß. So wechselt er Bett und Haus, seine letzten Schwächen verlierend. Endlich ist er fertig, ausgebaut, slalchenreif. Er ist schon und fein geworden, doch noch nicht vollendet. In der Flasche nimmt er den letzten Schliff an, hier muß sich feine Natur bewähren, er ist nun ganz auf sich selbst gestellt. Aus dem Kind ist ein Jüngling geworden, der in feine Manneszeit hineinreift. In feinem Blut wohnt der Zauber des Nahetals, die Fülle der Frucht und die Lieblichkeit der Blume. Wird er feinen großen Ahnen, deren Namen er auf dem Flasckenfchild trägt, würdig sein? Wird man ihn rühmen und preisen, mit Freude trinken? Sicherlich wird er, aus dem Geschlecht 1937 hervorgegangen, seinen Weg machen.


