Ausgabe 
25.2.1938
 
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Wietzener ZaMienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1-38 Zreitag, ben 25.5ebruar Nummer (6

Herz im LM

Aoman von ^ano^aspar oon Zobeltlh

Eopyrlght by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

2. Fortsetzung.

Irene tritt ins Freie. Da fragt der Junge, und alte hören es:Soll ich das Fohlen jetzt in die Soppef bringen, Mutter?"Ja, Günter."

Eine Gasse bildet sich: durch sie schreitet zuerst der Knabe mit dem Pferd, dann Irene mit ihrer Tochter. Es zieht sich eine Menschenmauer von der Gruft bis zum Schloß: an ihrem Ende stehen die Bauern aus der Umgegend, und ganz zum Schluß die, die aus dem Böhmischen herüberkamen, aus Körlitz und Freiershaus, aus Mollmig und Wellers­berg, sie haben ihre bunten Trachten an, vielfarbige Röcke, leuchtende Schultertücher und gestickte Jacken mit silbernen Knöpfen; die Burschen beugen das Knie und schlagen ein Kreuz, die Mädchen Haschen nach Irenes Schleier und küssen seinen Saum.

Im großen Saal des Schlosses ist ein Teebüfett errichtet. Diener stehen hinter ihm, die Diener von den Herrensitzen der Nachbarschaft, sie sind den Czehs für den heutigen Tag zur Verfügung gestellt, um aus­zuhelfen: sie reichen Tee und Kaffee, Brötchen und Kuchen, sie bieten Südwein und Kognak an. Sie brauchen keine besondere Anweisung, sie kennen ihre Pflichten hier, denn sie haben schon viele Beisetzungen auf den Gütern miterlebt. Sie kennen auch die Menschen, die den Saal betreten, sie haben ihnen oft genug aus Mänteln und Pelzen geholfen, Wagendecken über ihre Knie gelegt oder ihnen Speisen bei Diners und Jügdessen gereicht; sie wissen mehr von den Schwächen dieser Herren und Damen, als diese selbst von sich wissen, aber sie sind verschwiegen. Die meisten von ihnen sind alt, ihre verfalteten Gesichter sind glattrasiert oder umrahmt von einem ergrauten Backenbart, der das Kinn sreiläßt; sie haben manchen von denen, die jetzt ihre Herren sind, auf den Knien gehalten und haben manchen Streich der Junker auf ihre Schultern genommen. Sie wissen, jie sind vorn Bertrauen ihrer Herrschaft ge­tragen, und das ist ihr Stolz. Sie werden nie einen Titel verwechseln, sie werden nie lachen, wenn sie im Dienst sind und werden kein schlechtes Wort über die dulden, denen sie dienen. Ihr Wesen ist lautlos.

Bor dem Saal ist ein kleines Zimmer, es heißtNeapel", weil der Urgroßvater es mit einer Bildtapete bekleben ließ, auf der die Stadt, die Bucht und der Vesuv abgebildet sind; Pinien ragen, und Palmen wehen: Italiener in weißen Hemden und bunten Kappen treiben auf ihr hochbepackte Esel, verkaufen Limonade, spielen Gitarre, Italienerinnen m farbenfrohen Kleidern tanzen und schwingen Tamburine. Es ist eine bunte, durchsonnte, lachende Tapete, aber vor ihr halten steife, Empire­möbel mit schönen Beschlägen in Goldbronze eine strenge Wacht.

In diesem Zimmer sind Irene und die Gräfinmutter. Sie stehen getrennt: Irene an der Eingangstür, die die Gäste von der Halle hineinläßt, die Gräfin Maria an der Tür zum Saal.

Irene hat ihren Schleier zurückgeschlagen, er rahmt in dichten Falten ihr Gesicht ein, das sehr blaß ist. Sie hat ihn vor einem Spiegel mit wenigen Griffen geordnet. Als sie dann noch einmal in das Glas blickte, begannen ihre Hände zu zittern, weil sie vor ihrem eigenen Bild erschrak, »o'r seiner Strenge und vor seiner Schönheit.

Sie schreiten alle an ihr vorüber: die Majorats- und die Fidei- kommißherren, die Großgrundbesitzer und die Offiziere mit ihren Frauen. Jeder sagt ihr ein paar Worte des Trostes, die sie kaum versteht; die Herren verbeugen sich und küssen ihr die Hand, mit den Frauen tauscht üe eine Umarmung und fühlt die Andeutung eines Kusses auf ihrer Wange. Auch sie jelbft findet für jeden einen Satz des Dankes, sie bemüht sich sogar, ihn persönlich zu gestalten, sie hat sich ganz fest am Zügel, sie ist nicht umsonst durch die Schule der Hofdamenzeit gegangen.

Die Reihe ist lang. Das Stimmengewirr im Saal wird lauter; Irene un inbet deutlich, wie es mehr und mehr anschwillt. Die Menschen dort sind schon wieder ganz im Alltag: sie essen, sie trinken, sie schwatzen, das macht vergessen. Sie werden bereits bei ihren üblichen Gesprächen jein: Politik, Jagd, Karriere und ein wenig Klatsch. Einmal glaubt Irene jognr ein kurzes Lachen zu hören, aber es tut ihr nicht weh, sie kennt die Welt.

Der junge Wallnitz steht vor ihr. Er sagt kein Wort, er sieht sie nur (ine Weile an. Dann beugt er sich schnell über ihre Hand. Sie hält ihn fest.Ich bin Ihnen Dank schuldig, Herr von Wallnitz. Ich bin dald wieder in Berlin. Ich würde mich freuen, wenn Sie bann einmal iu mir kämen." Er wird rot, Und sie sieht die Blutwelle, die in sein

Gesicht steigt. Er verbeugt sich noch einmal, wieder wortlos, und wieder ist sein Handkuß ein Hauch.

Der Menschenstrom wird lichter. Nachzügler tröpfeln in den Raum. Die alte Exzellenz Graf Berlow auf Prersdors, vordem Komman­dierender General des sechsten, des schlesischen Armeekorps, scheint der letzte zu sein; er nimmt die Gräfinmutter mit in den Saal.Jetzt müssen Sie aber auch eine Tasse Tee trinken, Durchlaucht, es wird Ihnen gut tun." Seine schon etwas brüchige, heisere Stimme hat viel warme Menschlichkeit.

Irene ist allein im Raum. Sie tritt ein wenig zurück, hinaus aus der Fluchtlinie zwischen den beiden Türen, sie will nicht, daß man sie sieht und dann auch in das Gedränge der Menschen hineinführt. Sie ist nun doch müde und benommen, Sehnsucht nach frischer Luft und Hellem Licht sind in ihr. Die Mauern von Schloß Waldhausen sind alt und dick, die Fensternischen tief. Zwei Fenster hat das Zimmer Neapel, in einer ihrer Nischen sucht Irene Ruhe und Schutz. Der Lärm aus dem Saal geht hier an ihr vorbei. Sie stützt sich auf das Fensterbrett und sieht in den Park hinaus; die Sanne ist verschwunden, Walken stehen am Himmel.

Plötzlich ist eine Stimme hinter ihr, sie hat sie lange nicht gehört, jahrelang nicht, aber sie kennt sie in allen ihren Abstufungen, in Freude und in Schmerz, im Plauderton und in wohlgesetzter, kühl abwägender Rede, im Lachen und im Ernst, bei der Wahrheit und bei der Lüge. Ja, auch bei der Lüge. Sie glaubt, es ist Täuschung, daß sie diese Stimme hier hört in dieser Stunde.

l waited to see you alone.

Woher kommt diese Stimme:Ich wartete, bis du allein warst." Hat der Satz einen doppelten Klang? Gilt er nur diesem Augenblick, oder bedeutet er mehr?

Sie wagt nicht sich umzuwenden, sie sucht eine Stütze, ihre Hände umkrampfen das Holz des Fenstersimses.

I came to teil you ...

Jetzt weih sie: er ist wirklich da. Alle Kraft, die ihr blieb, rafft sie zusammen. Sie dreht sich ihm zu, voll, ganz, sie wächst vor diesem Mann, richtet sich auf.Sie können hier deutsch sprechen, William Bruce, Sie sind in einem deutschen Haus. Sie beherrschen doch unsere Sprache." Sie setzt die Worte scharf und hart, sie muß sie so setzen, denn sonst würde ihre Stimme zittern. Und nichts an ihr darf jetzt zittern.

In seinem Gesicht rührt sich keine Miene, er nimmt den Schlag hin.

Was wollen Sie hier, William Bruce? Wissen Sie nicht, daß man heute meinen Mann .. j

Ich wollte bei Ihnen sein, gerade in dieser Stunde. Kann ich Ihnen helfen ...?" Er zögert um eines Atemzuges Länge, und dann folgt der Name, den er ihr einmal gab und den nur er kennt und sie:Jri!" Er spricht ihn leise, fast flüsternd. Voll Erinnerungen ist dieser Name. Er umschwebt sie, aber er schmerzt.

Ich brauche keine Hilfe, William, auch nicht von Ihnen. Ich muß ganz allein durch dieses Schicksal, verstehen Sie, ganz allein."

Die Nische ist voll Licht, sie sehen sich beide voll und klar. Er sieht, wie schön sie ist, und weiß stärker als je, daß er sie immer noch liebt, tiefer und ehrlicher jetzt vielleicht als vor der langen Trennung. Er fühlt, daß er älter wurde in diesen sechs Jahren, ruhiger. Ich habe dich nie vergessen, denkt er, aber er spürt, daß er ihr das heute nicht sagen darf. Heute nicht. Noch nicht.

Ich verstehe", antwortet er, aber es hat einige Sekunden gewährt, bis er diese Worte spricht. Sie empfindet die Pause: so war es oft, en überdachte feine Sätze stets; er war eben Diplomat, auch im Leben.

Sie hätten nicht kommen sollen, nicht kommen dürfen, William."

Ich mußte kommen, es trieb mich. Ich kenne dich doch. Ich weiß, du hast keinen Menschen. Und es ist schwer, so allein zu sein. Auch das weiß ich."

Er ist ganz dicht an sie herangetreten. Er nimmt ihre Hand. Sie will sie ihm nicht lassen, aber sie kann sie ihm nicht entziehen, es strömt etwas zu ihr hinüber, anders als das, was einst war: Freundschaft. Er hat ja recht: sie hat keinen Menschen. Aber ist er denn der, den sie braucht, jetzt braucht? Sie will hart bleiben, sie klammert sich an Aeußerliches: sie sieht, er trägt einen Cut, er hat nicht den Frack ange­zogen, wie es in Deutschland für solche Feier für alle, die keine Uni­form haben, Sitte ist; er ist Engländer und fügt sich nicht den Bräuchen eines fremden Landes. Sie richtet eine Mauer auf.

Sie sind Engländer, William."

Ja, ich bin es, Jri." Er würde gern weitersprechen, fragen: Was hat das mit uns beiden zu tun? Aber der Tag und der schwarze Schleier, der um ihr blondes Haar liegt, verbieten ihm das Wort. So sagt er nur:Ich kam, um zu helfen. Wenn du Hilfe brauchst, bin ich immer für dich da."

Wieder bricht eine Scholle von ihrer Erstarrung ab.Ich weiß es,