Ausgabe 
24.12.1938
 
Einzelbild herunterladen

Der kerzrlniacher von Zankt Ztephan

Lin heiterer Liebesroman von Alfons o. LMilka

Copyright by si. <s. Äotta'sche Buchhandlung riachfolger, StuNgar!

10. Fortsetzung.

Als dann später der Vater wieder in seiner Werkstatt hantierte, die Frau Tant mit müdem Mundwerk heimgekehrt war und über ihrem Strickstrumpf wieder im Laden sah, sagte Elisabeth Brand, dah sie nur auf eine Viertelstunde in di« Stephanskirche gehe, um vor dem M arten - altere zu beten. Das bestärkte Aloisius Brand in dem Glauben, daß dieser quälende Handel mit dom Kirndorfer doch noch ein gutes Ende nehmen werde. Denn daß di« Gottesmutter die Patronin der Liebenden sei, wuhte er auch.

Die Andacht der Elisabeth Brand vor dem dunklen, nur durch das Glühen des ewigen Lichts und di« flackernden Flämmchen der tropfen­den, in ihrem eigenen Feuer sich verzehrenden Opferkerzen spärlich er­hellten, von Wachsrauch verschleierten Bilde dauerte länger, als sie gedacht. Damit die Himmelskönigin auch alles recht begreife, mußte sie ihr doch ausführlich erzählen, wie alles gekommen. Auch schweifien bei den darauf'olgenden Gebeten ihre Gedanken allzuoft ins Weltliche ab. Uebevdies mußte sie auch noch aus di« Musik vom Chor« hören, wo Matthias Wimmer gerade Generalprobe abhielt für das morgige Hoch­amt zum Geburtstag der jüngsten Erzherzogin. Auch als sie sich endlich erhob, lauschte sie noch eine Weile aus das Donnern der Orgel, di« durch das von dem bunten Gefunkel der Kirchen'enster durchglühte Dunkel des Domes brauste, und auf das helle Jubeln einer Knabenstimme, di« sich jetzt aus der Brandung der Töne schwang. Das war wohl der Halleiner Singerbub, von dem der kleine Regenschori so oft begeistert erzählte. Wenn er ihn auch manchmal verdrosch, weil er di« abzu- schreibenden Noten so sträflich versaute.

Es dämmerte bereits, als Elisabeth Brand die Kirche verließ. Aus dem grauen Gemäuer der Häuser blitzten schon die ersten Lichter. Wind­böen fuhren über das regennasse Pllaster. Vor dem Tore hielt ein mit zwei Schimmeln bespannter kaiserlicher Wagen. Noch am Morgen hatte man in den Gassen das Klingeln der Schlitten gehört. So rasch und gründlich war unter dem heißen Atem des Föhnsturms, der immer noch über die Dächer klirrte, die glitzernde Weihe verschwunden.

An diesem abgelegenen Kirchentor umstanden nur wenige Neugierige die Karosse. Das Gassen lohnte sich wohl auch nicht. War sicher nur eine Hofdame, die die Andacht besuchte. Di« List wandte sich zum Gehen. Zu sehen war ja doch nichts, und aus der vorgenommenen Viertelstunde waren ohnehin schon drei geworden

Da rissen di« Leute Mütze und Dreispitze von den Köpfen und krümmten di« Rucken. Elisabeth Brand sah sich um: im Dunkel des Kirchentors stand lächelnd die Kaiserin.

Während die Lisi nun selbst zu einer tiefen Verneigung zusammen- fank, dachte sie, ob «s wohl die Kaiserin mit ihrer Begleiterin gewesen sei, die eine Welle neben ihr vor dem Marienbild« gekniet und dann, im rauchdurchzogenen Dämmern des Kirchenschiffs an einer Söul« stehen, so wie sie dem Orqelspiel des Matthias Wimmer und der bellen Knabenstimme gelauscht. Morgen mußte sie mit allem kaiserlichen Prunk im Dome erscheinen. Da mochte es wo bl sein, daß sie heute wie eine einfache Mutter aus dem Volk? für ihr Kind hatte beten wollen.

Münzen an di« Bettler und Kerzelweiber verteilend ging die Monar­chin, freundlich nach allen Seiten nickend, mit ihrer Hofdame langsam durch die buckelnden, dienernden Menschen zum Wagen. Vor dem schönen Bürgermädst verhielt sie einen Atemzug lang den Schritt. Sie erinnerte sich wobt. Sie dankt« ihr lächelnd und stieg in den Wagen. Die Lippi- zanerschimmel zogen an.

Eine Welle hörte Elisabeth Brand noch das Rollen b«r kaiserlichen Karosse auf den Katzenköpfen. Daß der Wagen bald wieder hielt, ver­nahm sie nicht mehr. Dmn da klingelte schon das Spiekwerk der Türe, und sie sprang in den Laden.

Katharina'Bielgratterin war guter Laune. Si« hatte wieder Karten gelegt. Diesmal nur zur Bestätigung. Und es stimmte ja auch: der Coeurbub, der auch heute wieder neben der Herzdame lag und ihr bis gestern soviel Kopfzerbrechen bereitet hatte, war natürlich der Franzl. Er hatte mit P'erden zu tun, und Geldsorqen würde es in dieser Ehe nicht geben. Daß ihr der Franzl Nicht schon früher eingefallen war! Sie war gutgelaunt, aber das Keifen ließ sie darum nicht bleiben, wenn es auch heute freundlicher klang als sonst:Nennt man das eine Viertel­stunde Wo warst denn wieder so lang?"

Di« List war heute nicht kampflustig. Sie überzeugte sich durch einen raschm Blick, dah die bunte, rotbebänderte Schachtel mit Liebesbrief und Lebkuchenherz noch aus il)rem Platze stand, riß die tropfende Pelz­haube vom Kopse und schmetterte fröhlich:Denkens, Frau Tank, die Kaiserin war in der Kirchen! Und zugenickt hats mir auch noch, Frau Tant!"

Diesmal überiah die Vielgratterin sogar die au- di« Ladenvudel klatschenden Handschuhe und die sprühende Haube:Was d' nit sagst! Die Kaiserin war in der Kirchen? Das bedeut was, Lisi. Das fetzen wir morgen in der Lotterie! Freilich: Begegnung mit der Kaiserin im Haus wär noch bester g'rocfert. Aber die Kaiserin in der Kirchen ist auch nicht schlecht. Auf ein Ambo langt's g'wiß." Sie rutschte von ihrem Ohrenstuhl, kramte in einer Schublade und zog ein abgegriffenes, fchmieriges Traumbuch hervor.

Neugierig ging Elisabeth Brand um den Ladentisch herum, schwang sich auf die Pudel, neben die Schachtel mit dem Lieb-sbries, schlenk-rte mit den Beinen und sah über die grauwollene, eckige Schulter der Viel-

gratterln, die den Strickstrumpf unter den linken Arm geklemmt hatte, eine zweite Brille auf die Nase schob und, mit dem Rücken gegen die Pudel, in dem Büchel zu blättern begann. Endlich schien di« Alte di« richtige Stelle gefunden zu haben. Sie tastete mit dem Zeigefinger langsam die Zeilen entlang:Siehst, da haben wir's schon! Di« Kaiserin in der Kirchen, das ist 3 und 21, das gibt ein Ambo!"

Das Spielwerk an der ganz im Dunkeln liegenden Ladentür« klingelte leise. Die beiden hörten es nicht. Am Fenster rüttelte der Sturm und di« Hohe-L-Trompet« der Vielgratterin schmetterte:Da schau her! Wie ich g'sagt hab: die Serif er in im Haus wär ein Demo gewesen."

Schad, Frau Tant", meinte die Lisi.

Da war eine warme, freundliche Stimme zu hören: ,^Hält Sie soviel von Traumbüchern, liebe Brand?"

Die Lisi sah sich um, wischt« vom Tisch herunter und sank rot bis über die Ohren zum Hofknicks zusammen. Di« Alte kreischte aus und ließ erschrocken Traumbuch und Strickstrumpf fallen:Heilige Mutter­gottes, da is sie schon!"

Kaiserin und Hofdame standen im Ladern

Auch Katharina Vielgratterin versuchte den höfischen Gruß. Ihrer hexenschußgeplagten Hüfte gelang es nur halb. Doch dienerte und knickste sie vor lauter Äestürzung immer von neuem und wischte zwischendurch mit ihrer Schürz« über die von der Sitzfläche, den Handschuhen und der Haube der Lisi tropfnasse Pudel. Nur die Rede hatte es ihr auch jetzt nicht verschlagen:Majestät, glauben nit, was i für ein Kreuz mit dem Mädel hab. Alle Tag« sag i ihr, sie soll das nass« Zeug nit auf die Pudel legen"

Die Kaiserin lachte und sah di« Lisl an:Dafür trifft Si« aber den Hofknicks wie ein Komtessel, liebe Brand. Hab das schon neulich be­merkt War Sie übrigens vorhin nicht in der Kirche?"

Elisabeth Brand nickte nur, denn zu reden vermochte sie nicht.

Maria Theresia griff nach einem von der Decke ni>ederbaumelnden Lebzeltenherzen:War es so eins, das Ihr der Colloredo hat umhängen wollen?"

Noch ein größeres, Jhro Majestät", sagte die Lisi leise.

Die Kaiserin lachte:Das ist freilich schOmm. Aber ich habe dem Modeaffen schon noch meine Meinung gesagt Und jetzt hol Si« mir den Vater!"

Elisabeth Brand knickste wieder und wischte zur Türe hinaus. Beinah bei der falschen. Die Kaiserin im Haus. Jetzt stand die Welt nimmer lang.

Sie stürzte in die Werkstatt hinüber, wo Aloisius Brand in weißer Schürze in seinem hochlehnigen Stuhl vor dem langen Tische bei der Arbeit saß und am Backostn die Gesellen und Buben werkten. Schon an der Tür rief sie: ,cherr Vatter, d' Frau Kaiserin is im Laden!" Drüben am Ofen schepperte ein Backblech zu Boden.

Brand sah sich lachend um:Lisl, heut is nicht der erste April."

Meiner Seel und Gott, di« Kaiserin sicht drüben vor der Pudel, und ich soll den Herrn Vatter holen!" Ihr Atem flog. Die Gesellen und Lehrbuben drängten sich um den Tisch.

Der Kerzelmacher stand auf, nahm feine Tochter an der Hand, zog sie dicht an sich heran, sah ihr in di« Augen und fragte:Is das wahr, Lisl?"

Freilich is wahr, und eine Hoch am is auch dabei."

Aloisius Brand nahm die Schürze ab, hängte sie an den Kleiderstock, fuhr in den nußbraunen, mit silbernen Knöpfen gezierten Schoßrock und ging ferner Tochter voraus. An der kleinen Tapetentür«, di« die List hinter ihm schloß, blieb er in ehrfurchtsvoller Verneigung stehen.

Di Kaiserin nickte ihm zu:Komm Er nur näher, lieber Brand I Bonsoir! War grade in der Stephanskirche und wollte schon nach Haufe fahren. Da fiel mir ein, daß ich bei Ihm was kaufen könnt Er weih doch, daß meine Jüngste morgen Geburtstag hat. Was hat Er denn Gutes?"

Brand verneigte sich von neuem:Was Ihre Majestät befehlen Honigkuchen, Pfeffernüsse, Lebzelten Di« Lebzelten sind diesmal be­sonders gut geraten nach einem Alt-Nürnberger Rezept"

Zeig Er sie mir doch!"

Aloisius Brand griff nach der obersten der für den Burschen des Leutnants bestimmten Schachteln. Der Lisi verschlug es den Atem. Be­hutsam löste der Vater das Seidenband, hob den Deckel ab und hielt der Kaiserin die offene Schachtel hin. Die Lisl wagte nicht hinzusehen.

Maria Theresia lachte anerkennend:Sind schön, die Lebzelten. So schön wie Seine Kerzeln. Mit den Kerzeln hat Er mir damals eine rechte Freud« gemacht. Aber das hat Ihm wohl schon Seine hübsche Tochttr gesagt." Die Kaiserin wandte den Kopf:Deshalb braucht Si« nicht aleich so rot zu werden, liebe Brand. Bleib Sie nur immer so brav, wie Sie schön ist!" Sie griff nach dem in der Mitte der Schachtel liegenden Lebkuchen mit dem silbrigen Zuckerherzen.

Di« Lisl unterdrückte gerade noch einen erschreckten Aufschrei. Die Knie begannen ihr zu zittern. Cs war noch gut, daß man das unter dem Reifrock nicht merkte.

Doch die Kaiserin besann sich:Das Lebzeltenherz muß ich wohl doch meiner Tochter lassen" Sie nahm den Lebkuchen, der daneben lag, und biß herzhaft hinein. Dann nahm sie noch einen zweiten und reichte ihn ihrer Begleiterin:Kost Sie, liebe Gräfin! Sind delikat, die Leb­zelten Geb Er mir fünf Schachteln davon, lieber Brand!"

Auf dem Ladentisch standen nur di« drei Packungen, di« Katharina Vielgratterin schon vor dem Mittagessen für den Soldaten zurecht gelegt hatte. Brand verneigte sich, wandte sich um und kletterte eine kleine Leiter hinauf, um noch zwei Schachteln aus dem obersten Fache zu holen. Da sah die List noch eine Rettung. Sie grifl rasch nach der oflenen Schachtel, schob sie beiseite unb rief zum Vater hinaus:Drei noch, Herr Dörfer! Wir können der Frau Kaiserin doch nicht die anq°brochene geben" (Fortsetzung folgt.)

Lerintwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Vrühllche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.