nähern. Achtung! da tappte einer aus der Straße mit genagelten Stiefeln heran, zu e.nem anderen Hause h.n, das auch Lichter in die Nacht hlnausschimmern lieh. Er wich zurück, stolperte, rutschte aus einer Art kleinem Hang und laß aus der nassen Erde. Die Hände ertasteten zu beiden Seiten, daß es ein Abladeplatz war, auf den es ihn hingeworfen hatte, so eine Art Schindanger, oder dergleichen. Kleist fand sich unsinnig aufgeregt, sein Herz schlug laut, hastig erhob er sich.
Nun waren die Menschen, die sich liebten, überall in der Welt beisammen; auch die Frau mit ihren Kindern, derentwegen er hatte warten müssen, bis es zu spät war. Vom Himmel fing es an hernieder zu tröpfeln, bald regnete es sanft aus ihn herab.
Er war dicht am Hause, als wollte er Einlaß erzwingen. Die würden Gesichter machen! Er starrte aufwärts.
Er vernahm das alte, fromme Lied „Stille Nacht, heilige Nacht", das sie jetzt gewiß auch tn Frankfurt fangen. Die Kinderstimmen waren ahnungslos rein, der Jugendfreundin Alt führte.
„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen."
So war es geworden, genau so!
Er ging vor dem Hause auf und ab und schüttelte heftig die Schultern, denn es fröstelt« ihn. Es wurde kalt.
In der Luft roch es nach heimatlichem Gänsebraten und Rotkohl. Sie hielten die von den Vätern überkommene Sitte in Ehren.
Da! Die Fenster im unteren Stockwerk find hell geworden; oben werden die Lampen ausgelöscht, sie setzen sich zu Tisch! Er hob sich aus die Zehenspitzen, spähte und erschaute sie inmitten der Ihren. Siumm, blaß und verhärmt, mit großen, starren Augen saß sie aus dem Ehrenplatz und war glücklich im trauten Familienkreise.
Das servierende Hausmädchen konnte er berühren, wenn er di« Fensterscheibe einschlug. Das Mädchen warf einen Seitenblick hinaus, fuhr jufammen, er lief davon in die Dunkelheit. Hinter chm drein klang 6er Lärm eines schnell und besorgt geöffneten Fensters.
Er stand auf weichem Grunde, in einem brach liegenden Felde und war nicht zu erblicken.
Es wird ein armer Mann gewesen sein, Väterchen; gab eine Knabenstimme unschuldig zur Ueberlegung auf. (Sie erzogen demnach chre Kinder auch zu Mitleid und christlicher Nächstenliebe!)
So weit trennt das Leben Menschen, die sich einmal innig geküßt haben, wenn keines mehr vom anderen Vorteile erwartet? Es kränkte ihn, daß keines auf den doch wirklich fernliegenden Gedanken kam, er könnte, nach Jahren des Fremdseins, unerwartet hierher gereist fein. .
Belehrend stimmte Krugs Stimme zu: Ja, wahrscheinlich ein armer Mann, wir wollen an ihn denken.
Das Fenster schloß sich; es fand keine weitere Störung statt. Die Nacht war tief und stumm, wie damals, vor recht langer Zeit, als Liebe in menschlicher Gestalt zur Erde gekommen und dafür folgerichtig gekreuzigt worden war.
Gute Wünsche! — Armer Mann. —
Durch die Nacht ging langsam und mit niederhängendem Kopse Kleist zur Poststation.
Er fuhr in der Frühe des ersten Weihnachtstages nach Berlin zurück. — Wir wollen an ihn denken! —
und
! 500 Mark,
Igter stören, sollte
nicht.
er war
bringen. „Peter!" Er antwortete
an die
er saß
wohl noch im Vorraum. „Peter!" Da nicht da. Di« Wohnungstür stand halb
vor Weihnachten! Ach, nun fallt« Peter Klasseittür klopfen und den Glücksbrief
Das Geschenk.
Eine Weihnachtserzählung von Arnold U l i tz.
Es schneite schon den ganzen Vormittag, und die junge Lehrerssrau hatte ein Glücksgefühl, das sie immer ihren Schneeflackenrausch nannte; denn sie fühlte sich so flockenselig. Di« Dorsstrahe war ohne Laut, in solchem Daunenschnee wurden die schwersten Schifferschritte katzen- psotenweich. .
Heiter dachte die Frau an ihre städtischen Freundinnen, die einst ge- weissagt hatten, im Winter werde sie vor Stille verzweifeln. Sie lachte vor sich hin, und sofort fühlte sich der dreijährige Peter angeregt, gleichfalls zu lachen, und zwar so schallend wie möglich. Sie riß ihn zu sich herauf und sagte: „Und dich, dich, du Hauptperson, haben sie beim Prophezeien ganz vergessen! Lach' sie aus, die Unten!" Da lachte er wieder gewaltig und sagte: ,Lum Vater gehen!" „Um Gotteswillen, Peterle, er ist doch im Dienst!" „3n Dienst gehen!" befahl er, und da es so wunderbar schneite, und da so nahe vor Weihnachten die Schule doch nicht so streng wie sonst war, wagte sie wirklich den Scherz, lief mit dem kleinen Mann an die Wohnungstür und hetzte übermütig: „Ruf mal, so laut du nur kannst: ,$ati!‘ Die Schulkinder werden lachen, und der Vati wird auch nur lachen." Ehe es aber noch dazu kam, ging die Glocke am Schulhaustor, und als Schneemann stapfte Herr Posthilfs- stellenhalter Franke herein und duftete ziemlich stark nach Grog. Er klaubte mit Rammen Fingern einen Brief hervor, der an den Lehrer gerichtet war, unb als sie, noch im Hausslur, üen Ausdruck las, erblaßte
°Kein ^Doppelbrief? Großer Gott, ob er Glück gehabt hat?" Sie wog den Brief unschlüssig, ging langsam ins Zimmer zuruck, schließlich riß sie ihn auf, las gierig, schrie leise, las wieder und wieder, und Freudentränen schossen ihr in di« Augen. Der erst« Preis far ^scho- fchattsphotoqraphie! Das stille Fleckchen im rühmlosen Odcrwald hatte über alle malerischen Kleinode Deutschlands gesiegt, ihr Mann hatte ------ . . [o äld)t —
ging sie nach vorn, und er war i.™ — -— geöffnet, und Franke hatte and) die Haustur nicht geschlossen. Also war er zum Hause hinaus, der Taugenichts?
De^er! ^Beter !w .
Die Jule saß drüben im Schnee und buk mit einer leeren «orbmen- büehfe Kuchen. „Hast du unseren Peter gesehen Jule? „3a „Wo benm Steh doch auf, Kind, du wirst dich erkälten. „Nee, ich erkalt nnch nicht. Wohin ist Peter denn gegangen?" „Mit m Fleischerwagen is er mit
gefahren." „Wie? Ml Lattners Wagen, Jule?" „Nu freilich, nach Breslau is er gefahren." „Also dort hinaus, ja?" „Nu jaja."
Die junge Frau lief, wie keine hier laufen konnte, sie hatte in ihren Mädchenjahren einen kleinen Ruhm als Läuferin gehabt, nun tief st« als Mutter.
Aber vor dem Gasch aus „Zur deutschen Eiche", kaum fünf Minuten von hier, stand Lattners Wagen, ohne Kutscher, ohne Kmd. Am Schanktisch drinnen standen, Grog in der Hand, der Wirt, der junge Lattner und Herr Frank«. „Ist mein Peter nicht hier?" „Nu, nu", lacht« der Wirt. .„Haben Sie ihn denn auf dem Wagen mitgenommen, Herr Lattner?" „Aber Frau Lehrer, wo denken Sie hin. Das töt ich mir doch nid) erlauben, Frau Lehrer!" „Mein Gott", klagte fie wi« erstickt, „bann ist er ja zur Oder hin? Und zum Zöllnerloch! Ist es zugefroren ?" „Das friert niemals zu", erklärt« der Eichenwirt wichttg. ,ha is nämlich warmes Sumpsgras drin und —" Sie hörte ihn nicht mehr, sie rannte.
Die Dorfkirche läutete zum Mittag, dl« Schule war aus. Jungen und Mädels sahen die Frau ihres Lehrers heranstürmen und konnten nickst einmal lachen, denn sie erkannten das ©rauen in ihren Augen Der Mann trat soeben vor das Haus, erriet alles und schrie: ,j)«r Junge?" Sie wies in der Richtung nach dem Fluß, bann sank fie um. Die Schulkinder sammelten sich entsetzt und glotzten st« töricht an. Der Lehrer war schon wett fort. Di« Jul« heulte gellend: „Lehrers P«trr ist ertrunken, oh je, oh je!" Da schrieen die Kinder so laut, daß endlich die Magd herauskam und ihre Herrin ins Haus trug.
Vom Zöllnerloch her, dem verwunschenen, gefährlichen Tümpel zwischen Muß und Dorf, kam ein Mann, vielleicht Juiens Vater, der Dorftrottel. Der Lehrer stürmte, von dicken Flocken halb geblendet, vorwärts.
Aber der Mann, der da herankam, war der alte Just, der Fisch - meister des Grafen, und er hatte di« Jacke ausgezogen, um ein triefendes Kind hineinzuhüllen. „Nu heul ock nid), Klemer", tröstete er brummend, .her Sätet kommt ja schon im Galopp, er wird dich ja nid) mit dem Rohrstöckel verhauen, et verhaut ja nich mal di« fremden Kinder, und nu flenn' ock mich so!"
„Just? Der Junge?" schluchzte der Lehrer. „Dahier is er, in meiner Jacke steckt er, fie paßt ihm nicht ganz, Herr Lehrer. Leben tutt er, Sie höten's ja. Ich habe das Bürfchel grade noch am Schlafittel gekriegt, der Zöllner im Loche halt' ihn schon tüchtig an’n Beinen gezerrt. Und nu Drab, Herr Lehrer, nehmen Sie ihn ock gleich in der Jacke mit, und heißen Fliedertee und ins Bette —"
Der Vater lief, und aus der teerigen, öligen, ranzigen Lederjacke schluchzten glückselige Baute.
der Tod drinnen sei. Briefträger
beschwor, er hätte die Tür des
alle Jahre eine herrliche Tonne
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Der Forster des Grasen hatte wie alle Jahre eine herrliche Tonne ins Schulhaus gebracht. Sie stand mißachtet und ungeschmückt im eisigen
Klassenzimmer. . _ .
Täglich schon in grauet Frühe brauste der Breslauer Arzt ms Dor,. Und am Weihnachtsmorgen gegen neun Uhr sah man ihn mit betten Lehrersleuten aus dem Schulhaus treten, und dann sah man. wie dm Frau — sie war halt ein bissel verdreht, die Stäbterm — bem Softor bi« Hand küßte, und die beiden Männer wurden mit Händeschütteln Überhaupt kaum fertig. Es war ungeheuer ulkig, aber niemand lachte, und Franke, der schon im Hause gegenüber auf Posten stand, meinte sogar vor Freud«, Cs war ganz klar, der kleine Lehrers,unge mußte überim Berg sein. Das ganze Dorf war wunderbar froh. Das wllte ein Weihnachten werdenI . , . x.
Der Lehrer trug die Tanne aus dem kalten Klasfeniim.m m die warme Wohnung. Aus der Küche duttete es weihnachtlich. „Sffls ff«! s doch noch Karpfen", lächelte er hinein. „Also gibt s doch noch Ehnst- baum", lächelte die Frau .zurück Und er schmückte den Baum und tat, was er leit fiebenunböretfjig Jahren, feit er als Zwo!f,ahnger zum ersten Mal den Daum hat schmücken dürfen er tat was er bei Mefer zärtlichen Arbeit immer getan hatte: er pfiff und summte We hnachts- lieber und pfiff und summte wirklich schön, .
2Ils er hoch auf der Leiter stand und von den obersten Zweigen schillernde ©ilbertäben herabrinnen ließ, trat seine Frau herein und setzt« sich. Unendliche Dankbarkeit, unendliche Müdigkeit beide waren duner unö süß in ihr. Er hielt in feinem Liede mne. todte herab und als er bas geliebte, gute, müde Angesicht sah, stieg er bebufiam, bamit bie ßeiterftufen nicht knarrten, zu ihr hinunter und sagte '»!«:
„Jetzt weiß ich erst, was im ganzen Christenglaube der alttrhoDesie ®es"?eTriet ihn sofort und sprach: „Ja, daß Gott in Kindesgestalt zu dem Menschen kam." . .
®r nickte. „Ja! Gott als kleiner Junge! Das ist wunderbar.
Am achten Tage, als das Kind in wütenden Fiebern schon fast verbrannt war, sagte der junge Dorfarzt errötend: „Ich würde jetzt doch raten — ich möchte lieber die Verantwortung nicht allein —" Der Lehrer lief zur Post und rief Breslau an. Dort wohnte ein guter Freund vom Kriege her, er war jetzt Kinderarzt von großem Ruf. „Es geht um den Jungen, Karl! Wir können nicht mehr weiter vor Angst Nimm einen Vertreter auf meine Kosten, komm heraus, bleibe bis zur Entscheidung, Karl — Ich habe 500 Mark bar im Hause, ich hab' doch einen Preis gewonnen." „Gratuliere. Im übrigen bist du verrückt, ich komme natürlich, in 25 Minuten bin ich uff’m Dürfe, alter Junge!" „Gott fei Dank Gott fei —" „Aber der Teufel hott dich, wenn's nur eine läufige «eine Grippe ist." „Nein, nein, es geht —" Er vermochte di« Worte nicht ausMsprechen: „— um Tod und Leben." ..
Der berühmte Doktor war da. Di« Dorfiungen erklärten fachmännisch, der Wagen des Doktors koste mindestens 8000. Die Erwachsenen traten zwanzigmal am Tage vor die Türen und spähten zum Schulhaus, als könnte man von draußen erkennen, ob der Ted drirnm " "• n£*r Franke ging von Haus zu Haus und beschwor, er hatte bie Tür des Schul Hauses gang bestimmt geschlossen, wenn sie nicht vereist gewesen wäre. „Geh ock, geh ock", fugte man finster zu ihm. „du warst halt


