Erst am Abend wachte er auf, jo lange und fest hatte Er geschlafen, den ganzen Tag. Erst tat es ihm leid, das schone Brot und den schönen Apfel zu essen, weil er dann kein Andenken mehr an das Kind hatte. Aber als er gegessen hatte, war es noch immer da.
Ja, so war das — er ah es auf — aber wie er’s gegeffen hatte, do hatte er wieder ein Brot in der Hand, ein neues, das war aus dem ersten geworden. Und wie er jetzt seinen Apfel nahm, war es genau so. Er aß ihn auf — da war schon ein zweiter da, und wie er den gegeffen hatte ein dritter — es nahm einfach kein Ende; er konnte Brot essen und Aepfel essen, soviel er wollte; immer hatte er neue.
Also hat das Christkind recht gehabt, als es sagte: Sieh zu, was in deiner Hütte iftl Wie er die stangenstücke genommen hatte, hatte er gesehen, daß sie eigentlich Brot und Aepfel waren. Nun war der Mann froh.
Und er dachte: Ich kann ja immer fo viel Brot und Aepfel haben, wie ich zum satt werden brauche und noch viel mehr, ich kann sie gar nicht allein bewältigen. Also werde ich jetzt in die weite Welt gehen. Da gibt es eine Menge Menschen, die sehr wenig zu essen haben, manche sogar nichts; und Kinder gibt es, die haben noch nie einen Apsel gesehen. Da werde ich zu denen hingehe» und ihnen mein Brot und den Apfel geben. Wenn sie die auch aufeffen, hab ich ja immer wieder neue Brote und Aepfel, und ich kann so viel Menschen satt machen, wie ich nur will.
Und so hat er es auch gemacht. Und vielleicht geht er heute noch herum und gibt den Menschen zu essen, was niemals alle wird.
Deutsche Kunst in Weihnachtsbildern.
Eine Betrachtung von Ina Seidel.
Die Priester und Magier der Alten richteten ihr Augenmerk mit hin- gebender Geduld auf den Gang der Gestirne und suchten aus dem Umlauf der glänzenden Himmelskörper die Gesetze des kosmischen Seins und des irdischen Wesens zu bestimmen. Fern, sehr fern und erhaben erschienen diese Gesetze den furchtsamen und gläubigen Menschen; ihre bange Bedürftigkeit nach greifbarer Form und vermittelndem Symbol schuf aus Planeten Götter, die ihnen, den Menschen, gleich waren, und in deren wohl jedes menschliche Maß zersprengende, aber doch verständlichem Wandel ein fabelhaftes Spiegelbild des eigenen Treibens hoch über Wolken ober auf den Gipfeln heiliger Berge entstand. Aber auch jetzt nach sah sich der Mensch au »geliefert an unberechenbare Gewalten, denn jene Götter handelten dunkel und willkürlich: auch über ihnen mal tote Schicksal, und der letzte Sinn von Leben und Tod blieb unergründlich. Zwischen Gott und Dämon, die sich in furchtbaren Schlachten bekämpften, irrte die preisgegebene menschliche Seele als ein Spielball fremder Gewalten, und opferte unermeßlich Blut und Tränen ins Leere. Als ein Spielball fremder Gewalten über Blut und Tränen bahin- taumelnd fühlt sich noch heute die menschliche Seele, die sich von jenem Erlebnis ausschließt, das der Menschheit vor nahezu zweitaufend Jahren heilbringend widerfuhr: von dem Erlebnis der Geburt, des Lebens und des Todes Jesu Christi. Die Bedeutung dieses Ereignisses liegt ja einzig und unverrückbar in der Tatsache, daß die bis dahin unzugängliche und durch keinen Namen zu bannende göttliche Herrlichkeit sich in Fleisch und Blut, in der wehrlos allen Gewalten Himmels und ber Erde preis- gegebenen Gestalt eines Menschen bekundete, indem sie sich in dieser Gestalt über alle 'Begriffe sieghaft offenbarte als Liebe.
Das urchristliche Erlebnis, das sich unmittelbar an der Person Jesu entzündete ober sein Licht borgte von der noch hell lodernden Frckel der ersten Zeugen, ist wenige Jahrhunderte nach dem Ereignis von Gochatha für die werdende europäische Kultur im Dogma verkapselt, wie die Hostie im Tabernakel. Aengstlich, als sei der unverfälschte Strahl der Christus- begegnung tödlich für die entweder überzüchtete ober barbarische Seele der Uebergangszeit, retten Generationen von Priestern das Geheimnis den Menschenwerdung Gottes im prunkenden byzantinischen Symbol durch die Dämmerung des frühen Mittelalters, und ber Spuk der ah= sterbenden Antike läßt die reine Lehre zu Aberglaube und Grübelwerk ausarten. Aber gleich dem Weizenkorn und dem Tropfen Rosenöl in ägyptischen Grüften bleibt das ewige Wort in sich selbst ruhend geheimnisvoll lebenskräftig. Der Tag, an dem die Welt von ihm duftet wie nach frischen Rosen, da junge Saat ausläuft, als habe ber Wind sie gesät, von bem fein Mensch weiß, von wannen er weht — dieser Tag des neu erwachten Christuserlebniffes kommt mit dem Heranreifen der jungen christgläubigen Völker von jenseits der Alpen über die (Erbe.
Richt weniger furchtbar und unsicher als in den Tagen des Attertums war die Welt. Oebrüdt und geknechtet von ben Großen und Mächtigen schafften die Geringen und Armen so unfrei wie je im Schweiße ihres Angesichts, gebaren mit Schmerzen die Weiber und schrie zum Himmel bas Elend der Aussätzigen, ber Pestkranken, ber Gesangenen, ber Blinben unb Lahmen. Christ erstand in den Herzen, als kein Trost mehr helfen wollte: er erstand wie eine wandernde Flamme, überspringend von Docht zu Docht. Lieder weckten ihn auf unb trugen ihn weiter; es waren nicht die feierlichen Hymnen der Kleriker, es waren einfache Worte aus dem Herzen des Volkes, nach feinen Weifen gelungen, unb fahrende Schüler trugen sie über die Straßen im Reich. Eine geheime ungeheuere Seligkeit begann in den Menschen zu schwellen unb treiben; sie hatten ben Trost ber Welt gefunden, unb konnten des froh fein, Christ sollte ihr Herr sein: da brach die Gotik hervor unb wuchs in ben grauen Himmel des Nordens hinauf, unb in dem Ueberschwang dieser steinernen Gottseligkeit hatte alles Raum, was das Wesen der Bauleute ausmachte, vom fratzenhaften Getümmel unterfeelifcher Triebhaftigkeit bis zur erhabenen Ueberroinbung von Hölle und Tob in ber Darstellung von Christi Leiben und Sieg. Mitteninne aber zwischen Teufelszauber und Auferstehung^ mitteninne — bas Zünglein an ber Waage, wie ber Mensch zwischen Satan unb Gott — mitteninne schwebt b i e Mutter mit bem Kinbe und verkörpert bem Suchenden, Sehnenden die übet Ile Maßen wirkliche Nähe der Gottheit.
..Herr, ber du Mensch geboren bist!" Das sagen sie alle, diese Dar
stellungen der erfreut Weihnacht in Bethlehems Stall, jagen es stammelnd unb lobfingenb. Überwältigt vom Wunder. Aus ber strengen Madonna ber goldstarrenden Ikone ist die Mutter geworden, die nur eine Krippe hat, ihr Kind zu betten, die selber mit ben Tieren die Streu teilt, unb die dennoch von einer Glorie umflossen ist, wie keine Göttin ber alten Welt. Auf das Kind aber sammelt sich aller Glanz — auf bas kleine hilflose Kind, im Elend geboren, zum Leiden bestimmt, unb doch durch [eines Herzens Gewalt auf ewig Mittler unb Versöhner zwischen Gott unb Mensch. Ja, d a s hatte die Zeit, die diese Bildwerke schuf, erkannt, daß das Wesen der christlichen Offenbarung in der Verklarung des natürlichen menschlichen Zusta:ches liegt, in die ber Geist sich senkt wie htmm- lischer Same, um burd) sein Keimen, Blühen unb Fruchttragen ben irdischen Stofs in Gottes Leib zu verwandeln — das hatte sie erkannt, daß einzig durch diese Wandlung Gott, dem Menschen zugänglich wird, da er ihm hier in seiner eigenen, mühseligen unb beladenen Gestalt begegnet, unb gleichwohl siegreich in ber Ueberroinbung des Irdischen strahlt. Und wie geroaltig muh bas (Erlebnis solcher Gottesbegegnung gewesen sein, ba es mit zündender Kraft bis in jene unergriinbete seelische Tiefe drang, aus ber bann die lauterste Antwort zurückkommt, bie ein Volk zu geben vermag: bie Tat feiner schaffenden Künstler, aus der die Nachwelt die untrüglichste Kunde erhält, von dem, was an einem Zeitalter war. —
Windhauch im Stall.
Bon Ruth Schaumann.
Der Hirt, der Tränen lang entwöhnt, Blickt in die Streu unb lächelt nicht. In Frost und welkem Lampenlicht Des Esels Hauch das Knäblein krönt.
Die Schatten der Besucher dröhn
Bis hoch in’s morsche Dach hinein.
Wie Duft von ausgegofsenem Wein Schwebt eine Stimme: liebster Sohn!
Des Kindes Augen sind wie Seen, Unb jeder trinkt dort unb versinkt — Die Stalltür wird hereingekltngt, Gott kommt als Windhauch, Gott zu jehn.
Heinrich von Kleists Weihnachten 1810.
Von Walter von Molo.
Alle die Mitreisenden auf der Post nach Leipzig trugen Waffen, denn es geschahen viele UeberfäUe. Die Landstraßen waren außerordentlich unsicher, seitdem in Deutschland aus Napoleons Befehl, nur noch Menschheit ansässig war und durch Anschauungsunterricht belehrt wurde, daß es nichts Festes, nichts Höheres als Gewalt und Verlogenheit gäbe.
Es war dunkel, als Kleist im nebligen Abend vor Professor Krugs Haus ankam, das unklar im freien Felde neben ber dahinsließenben (Elfter stand. Hinter bem Gebäude schien ein Pferbestall zu fein, es roch jebenfalls danach in der ungemütlich lauen Lust. Einmal glitt droben an ben Glasscheiben eine weibliche Gestalt vorbei.
Warum er hier war, was ihn hierher getrieben hatte, wußte er selbst nicht; es war ihm auch gleichgültig. Er war ba.
Er hatte Luise von Zcnge um die gütige Ueberlaffung seiner Bräutigamsbriefe an ihre mit einem anderen verheiratete Schwester für einige Zeit gebeten und ihr wahrheitsgetreu mitgeteilt, er wolle die Dokumente feiner Jugend mit der Niederschrift eines begonnenen Romans vergleichen, sehen, ob ihn seine (Erinnerung in allem richtig führte.
Hufschlag kam von ber Stadt her, er wich zurück.
Sie besitze feine Briefe nicht mehr, hatte Frau Professor Krug am Rande wiederholt. Gute Wünsche! hatte sie flüchtig hinzugesetzt.
Kleist stand unter dem Schutze blätterleerer, hoher Bäume. Der Gaul, ein guter Halbblüter, hielt vor dem Hause, bem, rote er gewahrte, auch ein kleines Beobachtungstürmchen aufgesetzt war. Von dort konnten sie also in die Weite sehen.
Die Stimme des Professors forderte, man solle ihm behilflich fein; bloß vo;> seiner Frau wolle er nicht gesehen werden! Eine Magd mit einer umgebunbenen frischweißen Schürze kam eilig aus bem Haufe hervorgelaufen, in dem Äinberftimmen jubelten.
Es feien ihm vom heiligen Christ noch einige Pakete übergeben worden Die Magd lachte wohldienerisch satt. Der Rektor der Leipziger Universität stieg, zufrieden mit bem Beifall, ab; Luise von Zenge kam aus der Haustür hervor. Es war kein Traum.
Die Menschen, die man nicht mehr sieht, leben also weiter.
Wilhelmine fei aufgeftanben. Sie wolle die Bescherung ber Kinder außer Bttt m-tmachten.
Goldkind, wenn ich dich nicht hätte! antwortet Profesior Krug.
Ach ja, bas sagst du immer, gab bie Schwester seiner ehemaligen Braut zurück.
Einträchtig gingen bie beiden mit ben Paketen ins Haus, dessen Tür sich hinter ihnen schloß; sie wurde verriegelt. Ein Gärtnerbursche führte bas Pferb ins Innere bes Hofes davon; bie HuftkUte verklangen auf höckerigem Pflaster, bann schlug auch dort eine Tür M
Im oberen Stockwerk ging ber Professor umher unb verteilte seine Gaben auf ben Tischen. (Es hauchte langsam der Umriß einer zarten Gestalt vorüber, mit vertrauter Bewegung floß sie im Glase dahin, verschwand.
Dünn wie aus weiter Ferne erklang gedämpft ber silberne Ton einer Schelle, Sinberlärmen und Jubeln. Der stumme Beobachter stand tief unter allem, als sei er nicht mehr unter den Lebenden; aber er hörte und sah.
Es mußten viele Kinder dasein. Wie es so geht, jedes Jahr eins. Wilhelmine war noch immer nicht gesund?
Kleist kam aus feiner Deckung hervor und wollte sich dem Hause


