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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938 Samstag, den 24. Dezember Nummer 100
Weihnachten.
Von Maria Kahle.
Die frommen Meister, t>ie das Kindlein malten, Sie mutzten um die ewige Wiederkehr Der Sterne, die das Mutterbild umstrahlten; Wie trauerschwer und jeden Sinnes leer Wär' sonst die Welt ...
Der Stern, der in die Mutterseele fällt. Wenn sie das junge Licht, das neugeboren, An ihrem Herzen eng umschlossen hält. Er singt ihr zu: Dies Leben ist erkoren, Gott gleich zu sein —
Die Mutter weiß um aller Liebe Pein, Die im geliebten Bild das Ewige sucht Und weitz, wir sind als Suchende allein Und nur zum Traum begnadet und verflucht! Nur dieses Kind —
Dies Kind schafft neu die Welt! Es ist Beginnen Von Ewigkeit, — es ist befreit vom Bösen;
In ihm wird Gottes Licht den Sieg gewinnen, Dies junge Herz wird uns vom Leid erlösen Und heilig sein.
Herein.
die geworden. Das Kind sieht
«beschichte vom großen Lleberfluß.
Eine Weihnachtsgeschichte von Albrecht Schaeffer.
Es war einmal ein Mann, — der war böse.
Wie böse der Mann war, — das läßt sich gar nicht beschreiben. Wißt ihr, was dieser Mann tat? Ich werde es euch erzählen.
Da war ein großer, tiefer Wald. Durch den Wald führte eine einzige Straße, auf der mußten die Menschen gehen, wenn sie von einer Stadt in die andere wollten; das taten sie aber nicht gern, denn der Wald war sehr groß und dicht und dunkel, und sie hatten Angst, da könnte ihnen irgend etwas passieren.
Ja, es passierte ihnen auch was, denn was tat dieser böse Mann? An einer Stelle, wo der Wald besonders dicht und finster war und
die Straße so schmal, daß ein Mensch gerade zwischen den dicken Tannenbäumen hindurchgehen konnte, da versteckte sich der Mann im Gebüsch. Und wenn ein Mensch kam, sprang er auf einmal hervor und schrie furchtbar und jagte dem einen großen Schrecken ein und schrie: Jetzt mußt du mir alles geben, was du hast, sonst schlage ich dich tot! Und dabei schwang er eine große, schwere Stange. Dann gaben ihm die Menschen vor Schreck alles, was sie hatten, und bann ließ er sie vielleicht leben. Wenn einer sich aber nur ein bißchen wehrte und sagte: Ich will nicht! dann schlug er ihn mit der Stange auf den Kopf, dann war er tot. Dann trug er ihn in den Wald hinein und machte ein Loch in der Erde und legte ihn da hinein und machte ein bißchen Erde darüber. Er war so bös, er begrub die Leute nicht einmal ordentlich.
Tief im finsteren Wald hatte er sich eine Hütte gemacht aus Baumstämmen und alten Kisten und Zweigen. In einer Nacht nun, als es gerade schrecklich stürmte, da klopfte es leise an die Tür.
Der böse Räubersmann sagte: Bleib du lieber draußen — wenn du hereinkommst, mache ich dich bloß tot.
Und er faßt schon seine große, schwere Stange an und ruft also: Die Tür geht auf. .
kommt in die Stube? Bloß ein kleines blondes Kind in einem
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langen, weißen Hemd, aber mit großen Augen, die strahlten.
Das Kind sagte: Lieber Mann, grüß dich Gott.
Der Mann sagte: Was willst du? . , „
O, sagte das Kind, ich wollte dich nur besuchen. Ich glaube, du hast noch niemals Besuch gehabt.
Das allerdings nicht, sagte der Mann; aber hast du denn keine Angst? sagte das Kind. Sagte der Mann: Siehst du nicht diese Stange ? Die könnte ich zum Beispiel nehmen und dich verhauen.
Das Kind sagte: Das glaube ich nicht, daß du das kannst.
Darauf sagte der Mann: Du bist gut! Ich könnte die Stange sogar nehmen und dir die Nase abschlagen. ,
Das glaube ich auch nicht, sagte das Kind. Also tu s doch mal! Versucht doch mal, ob du's kannst.
Aber er kann seine Stange nicht heben. Schwer ist die geworden. Die Hände zittern ihm vor Anstrengung und vor Wut Das Kind sieht ihn dabei an und lächelt so vor sich hin. Aber nun wird er wütend und schreit: Es geht ja auch ohne Stange. Ich nehme einfach meine Hande und reiße dir den Kopf ab!
Ja, tu das nur, sagte das Kind und sieht ihn ganz freundlich an.
Er möchte aufspringen, aber er sitzt aus seinem Bett wie angewachsen.
Siehst du wohl, sagte das Kind, was du für einer bist!
Und was tut das Kind? Es geht hin und nimmt die gewaltige Stange — so leicht, als ob sie ein kleiner Zweig wäre. Und bricht sie in drei Stücke. Die wirst sie vor den Mann und lacht und sagt:
Ja, nun wirst du keine Menschen mehr tot machen mit deiner Stange.
Nein, sagte der Riese, jetzt mache ich keinen mehr tot — Das Kind hatte so strahlende Augen, da konnte er nichts anderes sagen.
Tut dir's vielleicht sogar leid, fragte das Kind, daß du die Menschen totgemacht hast?
Ja, bas tut mir sogar leid, sagte der Mann.
Der Mann, kaum wie das Kind weg ist, denkt er: Das ro*r ja das schönste Kind, das ich gesehen habe. Ach, wenn ich bloß wieder gehen könnte, dann wollte ich nur noch hingehen, wo das Kind hingeht.
Kaum aber, wie er das gesagt hatte, — wuppl steht der Mann auf. Nach einer Weile erkannte er vor sich einen Lichtschein; aber obgleich er sich die größte Mühe gab, er holte das Kind nicht ein. Dabei ging das Kind selber ganz still und schön vor sich hin. Aus einmal sieht der Mann ein braunes, knuspriges Brot aus der Erde liegen und ruft: Du, Kind, lauf nicht so, du hast was verloren, warte, ich bring dir's 1
Darauf dreht das Kind sich ein bißchen um: Ach, ich brauche das gar nicht, iß es nur selbst, du wirst schon Hunger haben.
Wie er das Brot gegessen, kommt es ihm vor, als ob er noch viel mehr Hunger hätte und da — was sieht er auf der Erde liegen? Einen schönen, großen runden Apfel. Und der Mann ruft: Kind! Du hast einen Apfel verloren!
Aber das Kind dreht sich nur wieder ein bißchen um und sagt: Iß den nur selber, du wirst schon Hunger haben.
Und der Mann ißt den Apfel, der schmeckt ihm aber. Er denkt: Solch einen herrlichen Apfel und solch ein herrliches Brot habe ich noch nie gegessen. Da liegt wieder ein Brot. Und der Mann schreit wieder: Verloren! Und das Kind sagt wieder: Iß du nur selber. Und so geht das nun, ich weiß nicht wie lang, und endlich ist er satt.
Ach Kind, liebes Kind, ruft der Mann. Steh doch endlich mal still, daß ich dich einholen kann.
Sagt das Kind: Was schreist du — bist ja schon bei mir ... Und wirklich, im selben Augenblicke steht der Mann dicht vor dem Kind.
Was willst du?
Ach, ich weiß selber nicht, sagt der Mann.
Siehst du wohl, sagt das Kind, wie das Ist. Wie ich zu dir gekommen bin, hast du gefragt: Was willst du? Und dann hast du mich tot machen wollen. Und nun frag ich dich: Was willst du, und du läufst die ganze Zeit hinter mir her und weißt nicht einmal warum. Soll ich dich vielleicht totmachen?
Das kannst du ja gar nicht, sagt der Mann.
Das kann ich nicht? sagt das Kind, wo ich eben deine eigene Stange zerbrochen habe? Und dabei sieht es den Mann so drohend an, aber zugleich so traurig, daß der Mann am ganzen Leib vor Scham so heiß wurde, als wäre er brennendes Feuer, und er schrie: Laß mich leben, laß mich nicht so verbrennen! — Und gleich wurde er wieder kühl und still und sagte: Ich wollte dich nämlich nur fragen, woher die vielen Brote und Aepfel gekommen sind, die du verloren hast.
Darauf sagt das Kind: Siehst du, bei mir geht das immerzu, wenn ich mich oloß anfasse am Hemd, immer fallt was heraus.
Und wieder fiel ein Brot heraus und ein Apfel, der ganze Boden lag schließlich voll und der Mann schlug die Hände zusammen und rief: Was ist das? Was ist das? Solch einen Ueberstuß habe ich mein Lebtag nicht gesehen!
Darauf sagte das Kind: Was das ist, willst du wissen? Das ist alles nur das, was ich bin.
Was bist du denn? fragt der Mann.
Das Kind sagt: Gerade das Gegenteil bin ich von dem was du bist. --Lieber Mann, ich gehe lieber allein. Geh du jetzt in dein« Hütte zurück und steh mal zu, was da drin ist.
Und kaum, wie das Kind das gesagt hatte, was es verschwunden.
Wer ist das Kind gewesen? Ach, das brauch ich wohl gar nicht erst zu sagen. — Nun der Mann ging in seine Hütte zurück und war schrecklich neugierig, was darin wäre. Es war aber gar nichts darin, als was immer drin gewesen war. Er sagte: Das Kind war so lieb und freundlich zu mir, und nun hat es mich belogen. Wie er das sagt, nimmt er eines von den Stangenstücken in seine Hand, und —? Es ist kein Stück Stange mehr — es ist ein schönes, braunes, knu'priges Brot, genau solch eines, wie er vorher gegeben hat. Und wie er das zweite Stück Stange nimmt. — da ist es kein Holz mehr, sondern ein Apfel. Der Mann legte sich in sein Bett, legte Brot und Apfel neben sich und freute sich, bis er einschlief.


