Ausgabe 
24.10.1938
 
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Beeren -es Herbstes.

Von Anton Schnack.

Ihretwegen ist der Herbst so schön:

Vögel sind jetzt'über allen Meeren.

Und sie kröpfen 'auf der Rast Wacholderbeeren, Ernst und dunkel steht der Busch auf Höh'n, Schwarze Kugeln an den Nadclspeeren.

An den Bauernstraße glüht es feuerrot, Alle Ebereschen tragen Beerenglocken, Und die Drosselschwärme im Geäst srohlocken. Warum habe ich nicht auch so leichtes Brot Wie die Vögel, froh und unerschrocken!

Leise fällt die Frucht vom Schneebeer st rauch, Schwermutsstille ruht auf allen Gärten, Hunde bellen auf den Hasenfährten, Wer macht Feuer mit dem blauen Rauch?

Hirten stehn daran mit langen Bärten.

Winzer ernten auf den Hügeln Wein, Und ich sehe ihre Traubenmesser blitzen, Meine Trauben sind die Berberitzen, Und mein Weinberg ist der Sträucherrain, Blätterbraun bis in die Rutenspitzen.

Von dem Sommer weiß ich nicht mehr viel.

Kehrt es nicht in jedem Jahre wieder:

Mädchenkuß gestohlen untcrm Flieder?

Run glänzt schwarz die Beere schon am Stiel, Und im Windstoß fällt sie lautlos nieder.

Traumversponnen streift der Wand'rer aus Inadas wilde Heckenland der Schlehen. Einstmals war hier weiße Blütenpracht zu sehen. Doch jetzt hängen Früchte frostverwelkten Blau's. Ach, wie schnell die Tage kommen und vergehen!

Oer Brunnen.

Von Hermann Hesse.

Zum erstenmal wieder nach Jahrzehnten fuhr ich mit der kleinen Bahn durch die sommerlichen Waldhügel der Maulbronner Gegend, stieg an der verschlafenen Haltestelle aus und wanderte durch den feuchten, moorigen Wald nach Maulbronn hinüber, froh zugleich und beklommen m der Erwartung des Wiedersehens, denn hier hatte ich in den sagen­hasten Jahren der ersten Jugend Wichtiges erlebt.

Ich roch den bittern Laubgeruch, ich sah zwischen Buchenzweigen den Elfinger Berg und den runden Eichenhügel über den Weinbergen und alle die andern Spielplätze meiner Schülerzeit liegen, ich sah im warmen Dampf des Tales hinter Lindenwipfeln die spitze Turmnadel erscheinen und ein Stück des langen Kirchendaches, und es strömte mir aus hundert plötzlich brechenden Dämmen unsagbares Gefühl des Wiedersehens ent­gegen: Erinnerung, Trauer, Mahnung, Lächeln, Reue, Bangigkeit des Angeworbenen, tiefe, neu erweckte Liebe, aufgefchreckte Sehnsucht, auf flatternden Flügeln taumelnd. O wie sehr liebte ich dies alles, was meine Augen hier wieöererkannten und zu eigen nahmen, wie sehr hatte ich mich nach alledem gesehnt und es vermißt, und wie wenig hatte ich von meiner Liebe uni) Sehnsucht gewußt, wie tief hatte sie so viele Jahre geschlafen! O Tal, o Wald und Teich, o Spielplatz unter den rauh gewordenen Aesten der alten Eichen!

Und in der schwülen, feuchten Hitze niedersteigend, nahm ich mein Herz zusammen und schritt in festem Takt, an der alten Post vorüber und am Hirschen durchs Tor hinein, auf den Klosterplatz und über ihn hinweg den Linden, dem Brunnen und demParadies" entgegen, der wunderbar gewölbten Vorhalle der Sommerkirche mit ihren überschlanken Pfeilern. Ich sah Platz, Bäume und Gebäude in seliger Halbwirklichkeit stehen, genau nach dem Bild meiner Erinnerung gestaltet, hörte warm und dumpf in den blühenden Linden Bienenvölker summen, trat untcrm hohen runden Bogen hindurch in dasParadies", stand überrascht, von regungslos verzauberter Steinkühle umwittert, tränt tief den ernsten Wohllaut der Fensterbogen und schlanken, lebendig wachsenden Pfeiler, sog falte Klosterluft in tiefem Atemzug und wußte plötzlich alles wieder, alles, jede Treppe und Tür, jedes Fenster, jede Stube, jedes Veit im Schlaffaal, den Geruch der Dormente, den Geruch des Pro- fefforengartens, und den der Klosterküche und den Ton der Morgen­glocke!

Es war alles wieder da, es fehlte nichts, ich konnte hier hlindlings weitergehen und jeden Weg im Dunkeln finden wie vor Jahrzehnten. Ich atmete befreit das süße, seltene Wunder: Heimatlust, dem Heimatlosen und Wanderer so ungewohnt, so schön und fremd, so ganz und gar neu! Als wäre eine längst zerbrochene und beiseitegestellte Kostbarkeit über Nacht wieder ganz und schön und mir zu eigen geworden! Als stünden leliebte Tote neben mir und sähen mir in die Augen, darüber lächelnd, !>?b ich sie tot geglaubt. Als wäre nun alles wieder vorhanden, was 6'le fern und fabelhaft gewordene Jugend einst so vertrauensvoll und ^ich und köstlich gemacht: ein Vaterhaus, ein Vaterland, ein Glaube, iine Mutter, Kameraden, Gespinst der goldenen Zukunftsträume.

Vom ersten Rausch etwas genesen, ging ich später weiter, dahin und dorthin, ohne Eile, kleine vertraute Gänge im friedlichen Bereich des

Klosters und seiner paar Nachbargebäude, wo jeder Tritt, jede Stufe jeder vorstehende Nagel im alten Treppengeländer mir ehemals bekannt gerne [en war und wo tausend kleine Dinge dieser Art mir, wie ich mit Erstaunen l°h, noch heute ganz genau bekannt und vertraut waren. Ueberall lebendige Erinnerung, und hinter ihr, wie Reste alter Bilder hinterm spatem Verputz, sanden hier und dort sich Spuren noch tieferer Erinnerung ausleuchtend, geheimnisvolle Bruchstücke unbewußten Seelen- ebens von damals, überwuchertes und vergessenes, kaum mehr oerständ- liches Fortklmgen tiefster und einsamer Erlebnisse aus der mythischen Knabenzeit, da noch Ungeheures zu erleben und Unerhörtes zu erproben war. Wohin ist das alles entschwunden? Was ist daraus geworden? Was ist aus mir geworden, aus meinen Gaben und Träumen, meinen Planen von damals?

Eines aber inmitten dieser Klosterwelt hatte ich vergessen, an eines v°"e >ch nicht mehr gedacht und dachte auch jetzt beim Umherschlendern und Wiedersehen nicht daran, es kam erst zu seiner Stunde wieder yeroor.

Da drehte ich, zu einer Zeit, wo niemand sonst die verschlossenen Teile des Klosters betreten darf, leise den dicken Schlüssel in der schweren Xur und öffnete behutsam die Pforte zum Kreuzgang. Auch hier sand ich nichts, was nicht in meinem Gedächtnis treulich oorgezeichnet lag: gotisches Gewölbe und reiches Fensterwerk, rötliche und graue Stern» fliefen mit gemeißelten Grabsteinen dazwischen, Wappen und Abtstäde geheimnisvoll verwitterte Farbenflecke im alten Verputz, zwischen fleh' neunen Fensterkreuzen in beruhigtem Licht das satte Grün der Gebüsche zwe, drei Rosen dazwischen zärtlich und traurig leuchtend.

Nun aber, da ich gegen die Ecke schritt, von keinem andern Laut erreicht als vom Hall meiner eigenen Schritte im Gestein, begann mir unendlich zart und hauchdünn eine selig seltsame Musik entgegenzuklin­gen, leichte, traumhafte Geistertöne mehrstimmig in versunkener Mono- tonie, nicht fern noch nah, wundersam und doch selbstverständlich als klänge die Harmonie des Bauwerks ernst und innig in sich selbst wider.

Ich tat noch einen Schritt, und zwei, ehe der holde Klang mein Be- mußtsem erreichte. Da aber stand ich still, und mein Herz begann plötz- nch zu zittern, und wieder tat die Erinnerung feierliche Tore auf, höhere heiligere als zuvor, und wieder kam ein entschwundener Zauber zurück, und ich wußte wieder: Du Lied meiner Jugendzeit! Kein Ton der Welt, kein heimatliches Kirchengeläut und keine Menschenstimme von denen, welche noch leben, spricht so zu mir wie du, Lied meiner Jugend und dich habe ich vergessen können!

Verwirrt und beschämt trat ich dem Wunder näher, stand am Ein­gang der Brunnenkapelle und sah im klaren Schatten des gewölbten Raumes die drei Brunnenschalen übereinanderschweben, und das sin­gende Wasser fiel in acht feinen Strahlen von der ersten in die zweite größere Schale und in acht feinen klingenden Strahlen von der zweiten in die riesige dritte, und das Gewölbe spielte in ewigem Dornröschen­traum verzaubert mit den lebendigen Tönen, heute wie gestern, heute wie damals, die Jahre und Jahrzehnte hindurch, und stand herrlich in sich begnügt und vollkommen als ein Bild von der Zeitlosigkeit alles Schönen.

Diele edle Gewölbe haben mich beschattet, viele schöne Gesänge haben mich erregt und mich getröstet, viele Brunnen in vielen Ländern haben mir, dem Wanderer, gerauscht. Aber dieser Brunnen ist mehr, unendlich mehr, er singt das Lied meiner Jugend, er hat meine Liebe gehabt und meine Träume beherrscht in einer Zeit, da jede Liebe noch tief und glühend, da jeder Traum noch ein Sternhimmel voll Zukunft war Was ich vom Leben erhoffte, was ich selbst dem Leben anbot und versprach, was ich zu sein und zu schaffen und zu dulden dachte, was von Helden­mut und Ruhm und ehrwürdiger Künstlerschaft meine ersten Gebens» träume erfüllte und bis zum Schmerz mit Fülle überquoll das alles hat dieser Brunnen in der Kapelle mir gesungen, das hat er belauscht und beschützt.

Und ich hatte ihn vergessen! Nicht freilich die Kapelle mit dem Stern« Seroolb und den überschlanken Fenstersäulen und auch nicht die Brunnen- Halen und die lichte grüne Garteninsel inmitten der schweigenden Mauern; dies alles hatte ich nicht vergessen. Aber das Brunnenlied den süßen, gleichschwebenden Zaubergesang der sanft herabfallenden Ge­wässer, den Hort und Schatz meiner frühesten und reinsten Jünglings­sehnsucht ihn hatte ich vergessen können! Und stand nun still un­traurig im vertrauten Heiligtum und fühlte jede Sünde und jeden Verderb in mir tief und unauslöschlich, und hatte nicht Heldentum noch Künstlertum erworben, welche an jenen Träumen gemessen nicht wertlos wären, und wagte nicht, mich über den Rand zu beugen und mein eigenes Bild im dunklen Wasser zu suchen. Ich tauchte nur meine Hand in die kalte strenge Flut, ins sie fror, und hörte stehend das Lied des Brunnens in die Gartenstille und in die langen, toten Steinhallen strömen, zauberisch wie einstmals, für mich aber voll tiefer Anklage.

Es muß für dich ein wunderliches Gefühl sein", sagte später mein Freund,hier herumzugehen und an damals zu denken - Damals warft du ja voll Sehnsucht nach der Welt und nach der Kunst, und voll Zweifel, du wußtest ja nicht, ob irgend etwas von deinen Träumen sich würde erfüllen können. Und jetzt kamst du zurück aus der Welt und hast wirklich dein Ziel erreicht und deine Träume erfüllt, bist wirk­lich ein Künstler geworden und kehrst hierher zurück aus einer eroberten schönen Welt, aus einem Künstlerleben mit Erfolgen, mit Reifen und Festen"

Ja, es ist wunderlich", konnte ich nur sagen.

Dann setzte ich mich noch einmal unter den hohen Linden des Hofes nieder, stieg noch einmal zum alten Spielplatz bei den Eichen hinauf, schwamm noch einmal im tiefen See und reifte weiter, und wenn ich seither an Maulbronn denke, dann sehe ich wohl den Faustturm und dasParadies", den Eichenplatz und den spitzen Kirchturm wieder, aber es sind nur Bilder, und sie kommen nicht recht zu Glanz und Leben vor dem sanften fBrunnengeläut in der Kreuzgangskapelle und vor jenen Erinnerungen, die hinter den andern (Erinnerungen stehen wie die Reste alter heiliger Malereien hinter der Tünche einer Kirchenwand.