Ausgabe 
24.10.1938
 
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Jahrgang 1938

Montag, -en 24. Oktober

Nummer 85

nL» ^ernriette And in der Tür, als Christine ankam. Sie brauchte rem Wort zu sagen, Christine wußte, daß sie zu spät kam

die Wangen $räuleh umarmte Christine und streichelte ihr unaufhörlich

Göttchen, Fräulein Christine, er hatte nur noch gute Wort« für Sie. Er wollte ja wohl auch nicht mehr."

x Christine wollte in das gewohnte Schlafzimmer eintreten, das neben dem Arbeitszimmer lag.

... '^ein", sagte die alte Wirtschafterin,hier unten wohnen jetzt Aus­länder. Die hat uns die Regierung einquartiert."

Christine ging die Treppe hinauf. In der oberen Diele stand der Arzt und wartete.

Fräulein von Rucktasch", sagte er,liebes Fräulein von Rucktasch." Christine gab ihm die Hand. '

Warum Wort«, Doktor? Keine Worte bittel Wo liegt mein Vater?" Das Gesicht des Toten war erschreckend blaß und klein Die Hände waren gefaltet.

Er hat einen leichten Tod gehabt", sagte der Arzt. Wahrscheinlich Herzschwäche. Das Herz setzte geradezu aus, als ob es nicht mehr weiter­wollte. Dann schloß der Arzt die Tür und ließ Christine allein.

Christine kniete neben dem Bett nieder. Sie hatte keine Gedanken Sie hatte keine Tränen. Sie legte ihre Stirn aus die Hand des Toten und streichelte einmal ganz leise über seine Schultern.

Dann stand sie auf und sah auf den Garten. Es war der Blick ihres Mädchenzimmers. Der Blick, den sie mitgenommen hatte, damals, als sie das Haus verließ. Der Kirschbaum war abgeblüht, ein feiner Strichregen lag wie ein dünner Vorhang vor dem Fenster.

Sie umfaßte das Fensterkreuz mit aller Kraft. Hier war sie herunter- gesprungen. Hier war sie einsam gewesen. Man wußte ja nicht, wie geborgen man war, dachte sie. Ach, warum hat es keine Worte gegeben, sich zu verstehen. Man ist eingesperrt, jeder für sich, wie in einem Käfig, und man kommt nicht heraus aus feinem Käfig und kann dem andern nichts sagen.

Ach, Paps, man kann sich ja nicht ändern, und es ist nun mal so geworden. Ach, Paps, ich hätt dich gern noch einmal gesehen.

Nach einer halben Stunde verließ sie das Zimmer. Der Arzt wartete draußen. Er fragte:

Kann ich Ihnen mit irgend etwas helfen? Sind Familienangehörige zu benachrichtigen?"

, gibt einen alten Onkel von Vater. An den werde ich telegraphie- I ten. Er ist so alt, daß er eigentlich schon im Himmel lebt. Sonst ist wohl niemand da."

Die alte Henriette saß weinend in ihrem Sessel.

Hat mein Vater noch etwas gesagt?" fragte Christine.

Er wollte Sie sehen. Er hat von Ihnen gesprochen. Eigentlich ging es ihm ja besser feit ein paar Tagen. Er sollte doch nach Versailles. Er hatte ja plötzlich noch große Pläne. Dann hatte er noch den großen

Sri) komme sofort", sagt« Christine,fehlt Vater denn etwas?"

seht ihm recht schlecht." Christine legte den Hörer auf die Gabel kn? ? 6brCllfCn Augenblick vor dem Schreibtisch sitzen. Wenn der Vater ä,a& fle ft"« sollte, dann war es ernst; wenn es ernst war, hätte man besser nicht weggehen sollen. Sie ging auf den Flur und 30a den Mnr11 C rrVSie mit niemandem sprechen. Da stand^Pro- fessor Rottenbach schon neben ihr und fragte fie-

Was gibt es, Kind?" a 1

"®5 geht meinem Vater schlecht. Ich will sofort hinfahren."

Wenn Sie jemanden brauchen, Kind..."

'/Ach. Professor, Sie haben ja selbst den Kopf voll Sorgen. Ich muß zunächst Horen, was der Arzt jagt." b ö

. . ulte Henriette stand in Der Tür, als Christine ankam. Sie brauckte

Kummer mit den Zwangsmietern." Henriette schwieg, und der Amt fuhr le>cht mit der Hand über die Schulter von Christine 3 fu9r

Sie hielt sich die Hand vor die Augen und wischte dann ein wenia in den Augenwinkeln. Es gab ein so bitteres Gefühl 9

. ,"Ls u>tchl einiges erledigt werden, Herr Doktor" sagte sie dann ich werde den Justtzrat anläuten..." Auf einmal merkte ü- dak n- NUN völlig einsam sei. Ach, es war etwas anderes, zornig auf ein 33ater- to |em und enttäuscht. Es war doch da. Man dachte a gar nicht nach. Man erwartet doch eines Tages... 1 1 niq>t

< ^J3 sle unten am Telephon stand, begann sie zu meinen. Sie klinaett« Life Lutzowplatz an. Er brummelte erst etwas Als er hörte

von Milom" rufen f handelte, erklärte er sich bereit, den Herrn mir'Mfenr e" meln B°t-r ist gestorben. Wollen Sie

** fam" Cr hatte in fünf Minuten das Geld aufgetrieben um toie^ei^guter »Sr6"- bem $8a9en ba- benahm sich

"Christinchen" sagte er und streichelte ihre Hand. Er telephonierte mH ftißrat. Er telephonierte mit dem Begräbnisinstitut Er führte rllce ln bs tfeme Wohnzimmer im oberen Stock, legte sie aus das Ruhesofa und deckte sie mit dem alten, gewürfelten Plaid zu

So, nun nehmen Sie das mal, Christine." Er gab ihr ein welkes ^Unmr" or- streichelte über ihr Haar. Er war da. °

srn» brachten ein paar Worte über den Tod des Geheim-

3^ ^ber er hatte wenig Freude an seinen Nachrufen gehabt Ueberaö .stund, der Sohn des berühmten Malers Christpoh von Rucktasch sei ae- ftorbem Dann folgten viele Zeilen über die berühmte Erzellen, und ein p°°r Worte über das fleißige und geachtete Leben des Sohnes Nur n einer Zeitung, die dem Auswärtigen Amt naheftand, las man daß der Verstorbene in bem Augenblick von feinem Wirken abgetreten fei wo

izs 5"-n-to- <»>*"

Photographen kamen und nahmen eine Photographie von ihr in dem (einen Rimmer von Frau Hinterzart auf. Depeschen kamen, fremde Leutt ließen sich melden. Aber von dem Gute des Onkels liefen nur tin paar Seilen em oon ber Hand ber Tante. Der Onkel hatte nur in kaum (efer-

I licher Hanbschnft feinen Namen daruntergefetzt

aetehrt nkun °ud) Hinrich aus Amerika zurück-

getegrt sei. Er werde nun wohl das Gut übernehmen

eT "ur Heinrich? dachte Christine. Das war das Geheimnis der I ??beren Rucktafchs. Sie hatten alle ihr Geheimnis Sie hatten alle ihr frf;mere5 StudJBlei im Koffer, wie Onkel Paul gesagt hak. b

Das Vermögen bas der Geheimrat hinterlassen hatte, war sehr klein

I uusnahmslos in Kriegsanleihe angelegt

"Wünschen Sie eine andere Verwertung?" fragte der Justizrat. ffhriÄn,U^e'?^ es so bleibt, wie Vater es ungeordnet hat", sagte Haus mochte ich verkaufen. Wir haben Zwangseinquar- st^ung, und es hat für mich keinen Zweck, dort mit französischen Offi- | Zieren in Zivil zu leben. Die Möbel sollen auf einen Speicher gestellt "ch""" ®ro6"01"- *"* 611 »«»--. d>.

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gines Abends, es waren schon über vierzehn Tage nach dem Tode Christine:Warum tun Sie das alles, Milotti?

Es ist doch em Wahnsinn, ich nutze Sie ja ans."

'Eurum ich es tue? Schön, ich will es Ihnen sagen. Ich liebe Sie Christine Ich habe Sie gar nicht auf den ersten Blick geliebt. Aber Sie stnd ich glaube, man soll Ihnen das nicht sagen Sie sind hinreißend N^st'?^ Und nun werde ich gehen, und es geht überhaupt nicht mehr' Aber da Sie fragten, wollte ich Ihnen das sagen "

Was geht nicht mehr?"

Es hat sich noch mehr geändert", sagte Milotti.Sie sind Erbin Sie haben einen Namen. Sie werden Karriere machen, und ich war glücklich daß ich Ihnen helfen konnte." 1 u

"D^Si3 gehen wollen was auch besser ist, Milotti, werde ich Sie ctnJ?<urfAe9le,ten- Sie müssen solche Anwandlungen lassen."

Milotti sah sie traurig an:Äst bas Ihre ganze Antwort auf meine Worte, bann ist es auch besser, bah Sie mich nicht begleiten."

Ich kann in dem kleinen Zimmer nicht sprechen Außerdem

,, Sie schelte plötzlich ein wenig, und dies kleine Lächeln stand in ihrem blassen Gesicht mit einer ganz ergreifenden Helligkeit.Ich werde Ihnen antworten, Milotti, draußen am Ufer, wo man nicht so gedrückt ist von den Wanden und von seinen Gedanken, die alle im Zimmer sind "

Sie gingen langsam am Ufer entlang. Der Matabend zog mit ganz

®icHener<ramilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Christine von Milotti

Roman von Rolf Brandt

Lopyrlght by August Scherl Nachfolger, Berlin

10. Fortsetzung.

fRjfho X AW CT' - , , < ß Zu dem Schreibtisch mit dem

Bckde der schonen Frau und nahm den Hörer ab. Drüben war die Stimme der alten Henriette:Fräulein von Rucktasch, der Herr Vater hat am Fommen." $ ° ®'e Onrufen' ®r bittet Sie, doch einmal vorbeizu-