fangsgestalt rätselhaften Einflüssen entgegenwuchs. Er fühlte das Un- Seheuerliche und dunkel auch das Ba-iansch-Geheimnisvolle solchen Ge- hehens und war noch weniger als vorher eines Wortes mächtig. Allmählich beruhigte sich Lena. Sie richtete sich wegblickend aus, glättete ihren Rock und sagte leichthin, als hätte ein langes klärendes Zwiegespräch sein Ende gefunden: „Komm, laß uns jetzt den Baum heirn- schasfen! Du bist gewiß hungrig." Jofet sprang sogleich aus die Füße; bevor er aber anpackte, trat er nochmals zu ihr und küßte sie verlegen und ungeschickt.
Schmerzliche Täuschung.
Von Christian Morgen st er n.
So gütig hat sie mich begrüßt vom Haselr aus, von hoher Mole
Sonne brannte. Die Ziege bekam Durst, und auch Meister Gandert bekam 5 Durst. Wohl labte er das Tier mehrmals: sich selbst freilich gönnte er keine Erfrischung, so hart es ihn auch ankam. Denn die in diesem Punkte recht gestrenge Frau hatte ihn nachdrücklich verwarnt und darauf hingewiesen, daß zu der für ihre Verhältnisse beträchtlichen Ausgaben des Tierkaufes nicht noch die Spesen einer Wirtshausrechnung zugeschlagen werden dürsten. Zwölf Kilometer des Rückwegs waren bereits bewältigt, ohne daß ein Schluck frischen Bieres ihn erquickt hätte. Noch ein« knappe Stunde, da kam das Dörfchen in Sicht. Am Eingang liegt das Wirtshaus, dessen Besitzer ein Freund von Gandert war. Kaltereit stand in weißer Schürze mit aufgekrempelten Hemdsärmeln vor der Tür: „Na, Gandert, hast ja einen langen Wandertag hinter dir, und eine feine Zieg« 1 hast du mitgebracht. Laß mal sehen. Hm, schönes Tier." Und nach einer Weile: „Willst du dich nicht mal stärken?"
„Nein, Kaltereit, heute nicht, hat schon genug gekostet. Meine Frau meinte, auch ..."
beglückt dem Mann im Boote winkend!
Und ich, ihr zärtlich Winken trinkend, empfand den Landungsweg versüßt und sprang hinauf mit ungeduldiger Sohle, —
wo eine, ach, mir gänzlich Unbekannte sich liebevoll an meinen Nachbarn wandte...
Der Bock, der eine Ziege war.
Eine Geschichte von Günter Schab.
Wir kamen zu ziemlich später Stunde in das kleine ostpreußische Dors und mochten, da wir den ganzen Tag gefahren waren, nicht weiter, zumal ein leiser Regen eingesetzt hatte. Wir fragten im Wirtshaus nach einer Unterkunft, fanden sie und bugsierten den Wagen in den Pferdestall, dessen freie Box als Garage diente. Als wir uns vom Reisestaub befreit hatten und die breite ausgetretene Holztreppe herunterschritten, drangen lebhafte Gespräche aus der Gaststube zu uns. Bei unserem Eintreten wurde es plötzlich still; nur den Gruß gab man uns zurück. Dann setzte, während wir uns ein Abendessen bestellten, erst zag, dann unbekümmerter eine bald sich heftig steigernde ^Fröhlichkeit ein, mit der die schwarzgekleideten Männer am runden Stammtisch in der Ecke neben der Theke einen Tag ausklingen ließen, welcher, ihrer Trauergewandung nach zu urteilen, mit einem recht ernsten Gang aus den Friedhof hinaus begonnen haben mochte. Fidulität hatte die Begräbnisstimmung abgelöst. Aber es war, obwohl die vielen Grogs die Stimmung des Stammtisches beflügelten, nichts Häßliches oder 'Abstoßendes in der Art, wie die Männer sich gaben. Als der Abend noch weiter vorrllckte, holten sie uns zu sich herüber, und da ersuhren wir, neben vielen anderen Anekdoten, auch die Geschichte, die ich gleich aufschreiben werde. Sie ist, wiewohl grotesk, doch von der Art, daß, als sie uns erzählt wurde, in ihr eher eine Art kurioser Nachruf auf den Verstorbenen erblickt werden konnte als eine Minderung feines Ansehens. Sie 'wurde, ohne daß der Erzähler, welchem seine Freunde durch ergänzende Bemerkungen beisprangen, es darauf angelegt hatte, ein Mittel,-den Verstorbenen für eine halbe Stunde wieder lebendig werden zu lassen. So empfanden wir es wenigstens im Kreise der sröhlichen Dorfleute, deren Lachen nicht ohne Wärme klang...
*
Emil Gandert, den sie heute Hinausgefragen hatten, fünf Tage vor seinem achtzigsten Geburtstag,, war der Schuhmachermeister des Ortes, seit die Weiteren und die Weitesten denken konnten; und hinter seiner Schusterkugel sind ihm, bis zuletzt, wo er nur noch kleine Flickarbeiten schasste, immer die seltsamsten Ideen gekommen. Die Welke des Landes, in dem er geboren wurde, heiratete und starb, des Landes, über das hinaus (ein Schritt und fein Blick niemals reichten, hat gleichwohl feine Gedanken geprägt. In der Stille der Werkstatt ist er, wie viele feiner Zunft, zum Nachdenker geworden, der die Ergebnisse feiner Philosophie mit schlüssiger Bestimmtheit, doch freundlichem Tonfall jedem mitteilte, der sich feine frisch besohlten Schuhe oder seine sauber benagelten Stiesel abholt«.
Meister Ganderts Weisheit letzter Schluß war immer die Erkenntnis, baß — allen anders lautenden aufklärerischen Behaupkungen zum Trotz — der Leibhastige auch heute noch bisweilen fein Unwesen auf dieser Erde zu treiben beliebe, auch wenn man ihn weder sehen noch greifen könne. Lange Zeit hatte Gandert den bündigen Beweis für feine Behauptung schuldig bleiben müssen. Dann aber geschah etwas, was seiner Meinung nach als unwiderlegliche Tatsache hingenommen werden mußte. Der Teufel existierte wirklich! Denn niemand anderes als er konnte die Hand «n Spiele gehabt haben, als sich im Laufe von noch nicht achkundvierzig Stunden eine Ziege in einen Ziegenbock und dieser sich wieder zurück in eine Ziege verwandelte.
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Gandert wanderte, das muß vorausgeschickt werden, noch als Siebziger, wie er das zeitlebens getan, zweimal in jeder Woche die sechzehn sandig-waldreichen Kilometer von seinem Heimatdorf zum Wochenmarkte der Kreisstadt hin und zurück und erledigte bei dieser Gelegenheit allerlei Botengänge. Einmal, das ist nun schon fast zehn Jahre her, besorgte er aus den Wunsch seiner sehr resoluten und gleich ilxm äußerst rüstigen Frau, für den eigenen Haushalt eine Ziege. Es war ihm genau vor» geschrieben, wie sie aussehen müsse und was sie als Milchtier zu (elften Üabe. Er prüfte lange, wählte ein fchneeweißes Prachteremplar, das ihm nicht zu Unrecht angepriefen und vorgemolken worden war. Stolz strebte er, die Ziege am Strick hinter sich her ziehend, den heimatlichen Gefilden zu, nachdem er den Kaufpreis bezahlt hatte. Der Tag war heiß. Die
Kaltereit gab es aber nicht auf, und nach einigem Hin und Her sagte er: „Wenn ich dich aber nun als meinen alten Freund einlade?"
Gandert wollte erst nicht, aber dann ging er mit hinein. Er band seine Ziege im Hof an, trank zwei Korn und zwei Helle und fand, das wäre ja wohl zu verantworten.
Zwischendurch hatte der Wirt einen feiner gefährlich witzigen Einfälle. Er empfahl sich mit einer halb gemurmelten Entschuldigung und verließ für wenige Minuten das Zimmer. Er ging in den Stall, machte feinen Ziegenbocs los, der, verwundert über Oie späte Störung, leise vor sich hinmeckerte, zog mit dem Bock zur Ziege auf den Hof, verglich die beiden, stellte fest, daß, besonders in der immer dichter werdenden Dämmerung, Größe, Wuchs und Fell der beiden schneeweißen Tiere haargenau zu- fammenftimme, bis auf eine, beim Blick von oben nicht gleich bemerkbare Verschiedenheit, die aber jetzt kaum ins Gewicht fiel. Dann vertauschte Kaltereit die beiden Tiere, führte Ganderts Ziege in den Stall und band seinen eigenen Ziegenbock genau an der gleichen Latte fest, von der er Ganderts Neuerwerbung soeben gelöst hatte.
Der Schuhmachermeister krank, nunmehr mutiger geworden, doch zwei weitere Bier mit dazugehörigen Korns auf eigene Rechnung und wandelte dann, mitsamt seinem Vierbeiner, nicht gerade beschwipst, aber doch beschwingt feinem Häuschen zu.
Dort empfing ihn die Gattin, die Ihm fein Lieblinasgericht, Bratkartoffeln, bereitet hatte, bewunderte zunächst oberflächlich das Tier uni) schüttete dem Mann einen gehäuften Teller voll Essen auf. Ehe der den Löffel hineinfteckte, sagte er: „Du mußt die Ziege aber gleich melken. Sie haben mir’s auf dem Markt eingeschärft, daß das gleich nach der Rückkehr geschehen soll."
Frau Gandert, erfreut über die Zuverlässigkeit bes Gatten, unterdrückte eine Bemerkung, die sie eigentlich gleich zu Anfang über den Alkoholdunst halte machen wollen, den der Heimkehrer ausstrahlte, und begab sich mit dem Milcheimer in den Stall.
Dagegen sprach sie, als sie ohne Milch zurückkam, sehr lange, hastige und mit beträchtlichem Stimmaufwand ausgestattete Sätze. Sie gipfelten darin, daß der Mann, der nicht einmal eine Ziege von einem Bock unterscheiden könne, aufs gröblichste beschimpft und in Nacht und Nebel hin- ausgeingt wurde, damit er den Schaden repariere. Als erste Strafhandlung hatte ihm die sonst leidlich friedliche, jetzt indessen zur rächenden Furie verwandelte Frau die Schüssel mit den Bratkartoffeln entrissen. Denn sie glaubte nichts anderes, als Gandert habe sich im Rausch ein I für ein U vormachen lassen. Alle seine Beteuerungen, das könne ja gar kein Back fein, denn er, der Käufer, habe ja schließlich mit eigenen Augen gesehen, wieviel Milch dem Tiere entnommen worden sei, verhallten, wirkungslos in der Nachilufk.
Trübselig zog der Schuhmachermeister wieder los, und die Aussicht, sechzehn Kilometer zurücklegen zu müssen und noch mehr, b<nn der Bauer wohnte hinter der Stadt, lastete aus ihm wie ein schweres Schicksal.
Diesmal gelang es Kaltereit am Ausgang des Dorfes leichter, den Freund zu einem Aufenthalt zu bewegen. Der Wirt hörte sich den Bericht des Schuhmachermeisters mit erheuchelter Teilnahme an und hals sich über seine Gewissensbisse dadurch Hinweg, daß er Gandert mehrere Helle spendierte. Plötzlich mußte Kaltereit wieder auf den Hof hinaus. Er fand seinen Bock am Zaun angebunden, knüpfte ihn los, schritt zum Stall, vertauschte die Tiere aufs neue und machte draußen Ganderts Original» Siege fest.
Eine halbe Stunde später — es war inzwischen fast zehn Uhr abends geworden — pilgerte der Schuhmachermeister die sechzehn Kilometer zur Stadt und noch zwei weitere bis zu dem Bauern, von dem er in der Früh" die Ziege gekauft hakte. Nachts gegen drei Uhr trommelte er den völlig Ahnungslosen und feine Frau aus den Betten, behauptete steif und fest, sie hätten ihn mit diesem Bock hier übel betrogen .... Und erst, als vor seinen Augen das Tier abermals mit überraschendem Erfolg gemolken worden war, bequemte er sich zu der Ansicht, daß der Bock doch eine Ziege fei. Man entließ ihn und zweifelte, kopfschüttelnd, an feinem Verstand.
Morgens gegen neun Uhr traf Gandert wieder bei feiner Frau ein. Glücklicherweise hatte Kaltereit, der Wirt, zu dieser Stunde nicht wieder auf der Straße gestanden. Denn wer weiß, was sonst geschehen wäre. Jedenfalls überzeugte sich nun auch Frau Gandert davon, daß das Tier eine echte Ziege war.
*
Seit dieser Zeit glaubte er an die Kraft und Macht des Teufels und hat sich's bis an fein Lebensende nicht ausreden taffen, daß damals der Leibhaftige persönlich im bösen Spiele gewesen ist. Dieses Wissen, das eine Erkenntnis war, hat der alte Gandert mit ins Grab genommen. Niemand hat für ihn und feine Frau das Geheimnis gelüftet. Am wenigsten der alte Wirt, von dem wir diese Geschichte in später Swnde erfuhren.
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Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Brühlfche Univerf itäisdruckerei R. Lange, Sieben.


