Ausgabe 
24.6.1938
 
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rötlichbraun« Spinne gemächlich aus einer Ritze kroch uni) >uid ihren Weg über die Dielen nahm, hatte sie in einer

gestöhnt. Welcher Äverwig Kind zu wünschen? Ihr

Gommerbymne.

Von Hedwig Forstreuter.

Nun kommen aus dem Dust des Horizontes Die blauen Tage zu dir hergezogen. Nach denen du so lange dich gesehnt. Noch eben war es Winter, starr und öde. Nun wiegen Bäume ihre hellen Kronen Ausladend, breit wie lichte Lockenhäupter Ernsthafter Götter, die im Kreise stehn. Sie spähen weit ins Land, bedeutsam flüsternd, Sie wissen, wo der Wind herkommt, der schnelle, Der singend über weite Ebne fährt.

Sie jubeln auf, wenn Donner aus Gewölk schreit. Und werfen ihre Aeste voll Entzücken, In Leidenschaft erbrausend, hoch empor.

Doch wenn das Licht vom blankgefegten Himmel In neuen Strahlen zielend niederträust, Dann lauschen sie verstummend, unbewegt, Gesenkter Stirn verharrend, auf den Sang Eintönigen Geläutes goldner Bienen, Und um sie geht der milden Tage Tanz. Sie kommen aus dem Duft des Horizontes Mit sanften Schritten zu dir hergezogen Und tragen mit sich alles Sommerglück: Der Ebenen Weite, hälmeüberwogt, Des Meeres Stahllicht und den reinen weißen und großgekörnten Schnee der Gipfelwand. Dein ist dies alles, Mensch, so du es.lieb hast!

Vor Sehnsucht warst du krank im langen Winter. Nun jauchzt das Herz der bunten Fülle zu: Gebenedeite Tage, Ueberschwang An Licht und Farbe, Sommer, sei gegrüßt!

- Oie ßrk.

Erzählung von Andreas Zeitler.

Es hatte sich wieder umzogen; die Berge im Südwesten steckten mit den Köpfen in bauschigen Dampfmützen, von denen dunkle Bänder auf die Erde niedergingen, dort regnete es; aber über dem breiten Talbecken hielt sich unter dem vermummenden Gewölk noch ein eigentümliches blau­graues Licht.

Der kleine, magere, sonnenverbrannte Mann mit dem schmalen Gesicht, der tief in die Stirn gezogenen Haube schwarzen, kurzgeschorenen Haares und den dunkelbraunen Kinderaugen, der ein wenig schwerfällig und tappesid auf der Landstraße heimging, war der Gärtner Josef Urlhart. Ein grünlichgrauer, vom Regen streifig ausgefärbter Rucksack hing ihm auf dem Rücken, aus dem der Sttel eines Spatens hoch herausstand und bei jedem Schritt bedrohlich über seinem Kopf schwankte. In der rechten Hand trug er vorsichtig, um nichts zu verschwappen, seinen blauen Emaille- kafseekrug, in den er sich von einem Wirt am Stadtrande im Vorbeigehen ein halbes Maß billiges Bier hatte geben lassen. Er war herzlich müde, aber in guter Stimmung. Den ganzen Tag über hatte er im Garten eines Brauereibesitzers gearbeitet.

Als er über die Brück« ging, über den einsamen, wie von Regen nassen, fahlroten Bogen, unter dem das Wasser heute fettig-schwarz wie Flaschen­glas und eiliger als sonst davonzog, sprang eine jugendliche G statt aus dem Schatten der Steinbrüstung in die Höhe und flog auf ihn zu..Es war Lena, seine Frau.

Kommst du endlich?" rief sie und schüttelte ihn lachend, weil er er­schrocken sttllstand und sie stumm anstarrte.Ich bin dir bis hierher ent­gegengelaufen. Mir.war's nicht mehr recht daheim" j

Josefs Gesicht hellte sich auf.Bin ich jetzt zusammengefahren! sagte er erleichtert und lachte auch.

Lena nahm Josef die Bierkanne ab und hängte sich an seinen Arm. Sie war noch ein wenig kleiner als er und beinahe zierlich von Gestalt. Das lockige, funkelnd rotblonde Haar, das sie gerne voll heimlichen Stolzes in ihrem Spiegelchen betrachtete, trug sie kurzgeschnitten und offen. Un­zählige Sommersprossen besternten ihre Stirn, die etwas kecke Nase und die oberen Hälften ihrer Wangen.

Ja, ich bin heut' schlecht vom Fleck gekommen", meinte Joses und suchte mit ihr Schritt zu halten.Ich weiß nicht, warum eigentlich. Aber was freut dich so?" Verwundert sah er sie an, die wiegend neben ihm ging, vor sich hinsummte, eigentümlich lächelte und wieder summte. Sie war lange nicht so heiter gewesen. m

Bei seiner Frage verstummte Lena sofort; es schoß ihr rot ins und verlegen drehte sie den Kopf beiseite, damit er es nicht sähe. Aber ttotz der Dunkelheit, die jetzt schnell das letzte Licht von der taubengrauen Wolkendecke wegwischte, konnte er erkennen, daß sie sich verfärbt hatte.

Sag mir's doch!" drängte er ungeduldig.Was hast du denn.

Josef, _- begann sie endlich, stockte noch einmal, wie von etwas Mächtigem übermannt, für das Worte nicht taugten, und vermochte erst weiterzusprechen, nachdem sie, zwar lächelnd, aber den Tranen nabe, sich den Mut genommen hatte, ihn anzusehen.Jetzt bist du da! sagte sie leise und nachdrücklich. Und holte, wie von einer Last befreit, tief und freudig Atem.

Josef mißverstand sie und mußte laut lachen.

Dummes!" neckte er.Hast wieder Angst gehabt allein?

Da Lena wie beschämt schwieg, legte er seinen Arm um ihre Huste, brummtedich friert ja!" und wollte gerade mit ihr auf' den Damm biegen, als ein Geräusch unter der Brücke seine Aufmerksamkeit von ' ^Jostf^ stutzte, er ließ Lena stehen und schaute über die Brüstung. Schwimmend war ein junger, (wer schon stattlich ausgewachsener Baum

in aller Unschuld ihren Weg über die Dielen nahm, hatte sie in einer Aufwallung hart den Fuß auf das harmlose Tier gesetzt und angeekelt über die Glücksseindschast ihres Schicksals gestöhnt. Welcher Aberwitz hatte sie verleitet, sich in diesem Elend em Kind zu wünschen? Ihr Kleinmut war aber nur gleichsam eine die Sonnenkraft mildernde Tuch- glocke gewesen, die den Keim ihrer Freude beschirmte, solange feine dünnen Häute in der Strahlenhitze noch verbrennen mußten

Jetzt hab' ich's endlich sagen können, Gott sei Dank! schluchzte sie, "J^Das fr? gewesen!" fuhr es Joses heraus, dem nun hinsichtlich ihres sonderbaren Benehmens auf der Brücke ein Licht aufging. Dann begriff er und vermochte vor freudiger Bestürzung nicht weiterzusprechen. Be­hutsam zog er die Weinende aus seine Knie. Im Verlangen, etwas von dem auszudrücken, was seine Lippen einstweilen noch nicht sagen wollte^ nahm er seine Zuflucht zu unbeholfenen Zärtlichkeiten. Schließlich lieh er seine streichelnde Hand dort liegen, wo er den Schlag ihres Herzens am deutlichsten spürte. Bei dem schnellen, starken Pochen dachte er ev- rötend daran, daß nun ein gleiches Gebilde wie dies wundersam- qelchästige da drinnen in der atmenden Brust durch ihr gemeinsames Zutun nach uraltem Gesetz zu leben begonnen hatte und aus einer Au-

gegen die Brücke gestoßen, eine Erle, soweit er es km Finstern feststelleil konnte, deren Wurzeln vermutlich das Hochwasser gelockert hatte, und bte der Fluß nun, nachdem sie gestürzt war, als willkommene Beute davon- trieb. Mit den Aesten hing sie gerade unter ihm an dem uferwärts nieder« gelsenden Bogenstück, die Flut lief trübe schäumend gegen sie an, und während der schwarze Stamm unter ihrem Drucke ungeduldig eintauchts und sich wieder mit Triefen und Glänzen wie ein Fifchotterrücken heraus« hob, klemmte sich die Krone kratzend und knirschend noch fester unter dis Steine. Ihre Wasserreise war einstweilen zu Ende, und eine begehrens« werte Menge gesunden Holzes winkte dem, der ihrer vollends Herr wurde. Josef übersah das mit einem einzigen fachmännischen Blick. Er bekam sein gesammeltes Arbeitsgesicht, und seine Augen blitzten unternehmend, als er den Rucksack ins Gras warf und sagte:Den holen wir uns!" Lena trat unlustig heran, schaute slüchttg auch hinunter und widersprach., Den? Den kriegen doch drei wie du nicht.aufs Trockne!"

Er schüttelte zweifelnd den Kopf und tastete sich, vorsichtig mit den Händen nach den Ouaderkanten greifend, außen an der Brücke abwärts.

Glaub mir's! rief Lena ihm nach, und es klang wenig freundlich, als sie hinzusetzte:Du fällst bloß ins Wasser!"

Josef schien diese Aussicht indessen keineswegs abzuschrecken.Dann hast halt was zum Lachen!" murmelte er eigensinnig, hockte sich auf die Hacken und kroch durch eine Zweiglücke hinter den Baum und unter den Bogen. Was er dort machte, konnte Lena nur hören. Es krachte verschie­dentlich wie von abbrechenden Aesten, und einmal bewegte sich das Holz, ohne sreizukommen. Plötzlich aber ging ein Ruck durch den Baum, die Krone schwankte, sie drehte sich und begann wieder zu schwimmen, und in' der Schwärze, in der Joses verschwunden war, erklang ein lauter und grimmiger Fluch. ' >

Siehst du!" spottete Lena. Sie beugte sich lachend vor, um es nicht zu versäumen, wenn die-Erle, wie sie dachte, gleich einem losgelassenen Hengst durch die enge Brücke fuhr. Aber stattdessen erhielt sie von dünnen Wipfelreisern einen kalten Schlag ins Gesicht und sah staunend, «steil sie nicht verstand, wie es geschah, daß der Baum sich träge aus der Flut hob, unerwartet groß und an allen Enden tropfend darüber schwebte und ans Land schwenkte.Das ist doch zu schwer für dich!" schrie sie entsetzt, stellte die Bierkanne fort und sprang hinzu, um ihm beizustehen.Josef! Du tust dir was!"

Auf dem fchüssigen nassen User ausgleitend, rutschte sie unter die Krone^ die Joses gerade in die Höhe stemmte, kam hart ans Wasser zu liegen, schnellte wieder auf, schlug beide Arme hoch, wühlte sich hinein ins benetzte Astwerk, sand etwas zum Greifen und zerrte, langsam steigend, aus Leibes­kräften daran, damit er unten beim Stamm ein leichteres Tragen hätte. ,So einer!* dachte sie bewundernd, als die Zweige sich nicht mehr in den Fugen zwischen den Steinen verhakten und es schrittweis und scheinbar ohne besondere Mühe vorwärtsging. ,Holt einen ganzen Baum wie einen Katzenstecken aus dem Fluß!* Das Gefühl von vorhin packte sie wieder, sie riß di« Augen schmerzhaft weit auf, ohne zu sehen, rot und sengend heiß wie mit Fackeln fiel das Bewußtsein über sie her, daß sie sein Weib war, und sobald sie oben auf dem Damm ihre Last abgeworfen hatten und gepreßt atmend daneben standen, wiederholte sie noch einmal lauft

So einer!" _ ,

Josef lachte.Schönes Holz!" meinte er befriedigt. Wie ein Bauer auf dem Pferdemarkt um ein Pferd geht, so ging er um den ganzen Baum herum.Beinahe hättest du recht behalten", sagte er dabei.Mit dem Hineinsallen, weißt du!" ,

Seitdem der Baum auf dem Wege lag, hatte sich Lena nicht wieder gerührt. Sie stand nach dort, wo sie ihn losgelassen hatte, und wäre es Tag gewesen, so hätte man aus ihrer Haltung und aus ihrem Gesichts- ausdruck schließen können, daß große und aufwühlende Gedanken sie in tobendem Laufe davontrugen. Bei dem Klange von Josefs Stimme schien sie langsam zurückzukehren. Wie erwachend strich sie sich die Wasser, tropfen von Stirn und Backe. Dann ließ sie die Hände rasch sinken, ihre Augen hefteten sich fest auf den Sitzenden, und in den fünf Worten, die sie sprach,»schwang ein mühsam gebändigter Jubel, sie waren voll des Glücks, des alles durchdringenden, das ihr heute gereiftes Frauentum ihr bereitete. Sie sagte:Ich bekomme ein Kind, Josef."

Kaum war dies heraus, zeigte sich auch schon die Wirkung der plötz­lichen Gesühlsentspannuna. Die Tränen stürzten ihr unaufhaltsam aus den Augen. Mit einem abgebrochenen Laut, der so gut als halb ersticktes Frohlocken wie als angstvoller Ruf gedeutet werden konnte, warf sie sich gegen Josef und schlang leidenschaftlich die Arme um feine Schultern.

Am Morgen hatte die Gewißheit sie 'zuerst in ein fassungsloses Ent- fetzen gejagt und sich selber untreu gemacht. Eine- lange, lange Zeit hatte' sie schwach und angstblind auf dem Rand der Kiste neben dem Herde gesessen, in der Brennholz zum Austrocknen lag, und unter sich gestarrt; und als eine rötlichbraune Spinne gemächlich aus einer Ritze kroch und