GießenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1958* Zreltag, den 24. Juni ' J. . Hummer 48
Lady Hester Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT Von Maria Josepha Kruck von poturzyn
Copyright by Deutsche DerlagS-Anstalt Stuttgart
8. Fortsetzung.
In großen freien Schritten, das Helle Haupt erhoben, geht Hefter hindurch. Sie steht vor ihm. Er erhebt sich nicht. Zu groß ist seine Würde, als daß er stehenden Fußes ein Weib begrüßen darf.
Lange sieht er sie an mit undurchdringlichen Augen. Dünn spricht er in die atemlose Stille. Der Janitschar schluckt, seine Stimme versagt.
„Du bist unter der steigenden Sonne geboren, ich sehe es an dem Lichtkranz in deinen blauen Augen. Die Menschen werden sich vor dir beugen, wohin immer du kommst", sagt der Pascha langsam! „das Zeichen der Könige trägst du auf deiner Stirn!"
Sie versteht und schüttelt leise den Kops:' „Was willst du von mir? Du zielst aus meine Eitelkeit."
Bebend übersetzt es der Dolmetsch.
Die Augen des Paschas wenden sich Noch immer nicht von der Frau. Unbeweglich wie eine Maske schaut das braune Antlitz aus glitzerndem Rahmen. Ein altes Buch wird gebracht und*der Pascha deutet:
„Du mußt wissen, was unsere Astronomen nicht mehr verstehen;" „Ich bin selbst gekommen, um zu fragen", antwortete sie leise.
Durch den steigenden Rauch seiner Pfeife wirkt sein Gesicht fern, fremd und uralt.
„In deinem Herzen ist die Demut eines Derwisch", sagt er, und: „Kennst du keine Furcht?"
„Nein, ich bin eine Pitt und weiß nicht, was Furcht ist!"
Der Pascha von Damaskus hat von dem toten Kanzler Englands kaum je den Namen gehört. Er spürt in diesem Augenblick nur: das weiße Wesen aus Europa ist doch ein Weib ... Kaum merklich geht die Bewegung eines Lächelns durch seinen dichten Bart. Er spricht ein Wort, und aufatmend Übersetzt es der Janitschar: „Mylady möge einen Wunsch sagen, damit Seine Herrlichkeit ihn erfülle."
Hefter beugte sich vor, als habe sie darauf gewartet. Ihre Augen sind auf die Stelle gerichtet, wo seine buschigen Brauen sich treffen.
„Mein Wunsch ist, die Wüste und Palmyra kennenzulernen ..."
Unbewegt, wie der Tonfall dunkel strömenden Wassers antwortet seine Stimme:
„Die arabischen Beduinen gehorchen niemand, auch dem Sultan nicht, obwohl man es in Konstantinopel glaubt. Sie werden dich gefangen nehmen, du wirst im Zelt des Scheichs wohnen müssen — und nur gegen ein riesiges Lösegeld wieder frei fein. Von den drei Engländern, die es versucht haben, nach Palmyra zu reisen, ist einer nie dahin gekommen, die anderen zwei kehrten als verhungerte Bettler zurück. Und du bist ein Weib!"
Ihre Augen glänzen:
„3ft Palmyra sehr schön?"
„9m Herzen der Wüste schläft Palmyra, ohne Wasser, ohne Leben. Aber die Beduinen sagen, die Wüste habe nur ein Palmyra, wie ier Himmel nur eine Sonne."
„Wie heißt der Führer der Beduinen?"
„Mahannah ... ein rebellischer Mann» der auch uns viel zu schaffen Macht. Aber wenn du durchaus in die Wüste willst — vielleicht kany ich "dir eine Eskorte stellen."
Hefter dankh Hefter verabschiedet sich. —
In der zehnten Abendstunde haben alle Einwohner ihre Häuser zu hüten, bei Todesstrafe. Durch stille Straßen, in denen nur mehr herrenlose Hunde jagen, hallt das Pserdegetrappel, als Hefter mit dem Ja- eütscharen heimwärts reitet. Wortlos öffnen die Wächter Gitter und Tore vor ihr.
Hefters Augen verschleiern sich ... Marmorne Säulen ragen aus der schweigenden Wüste, dunkle Stimmen fingen Lieder einer fernen Zeit ...
Palmyra! Hat nicht Palmyra eine Herrscherin gehabt, Zenobia, deren Residenz arabischen Stolz mit griechischer Bildung vereinte, die im Helm, mit Speer und bloßen Armen ihr Volk gegen den alten Feind Aegypten geführt?
„Mylady, es war ein großer, ein ganz großer Empfang!"
Der Janitschar slüstert es, der chr andächtig folgt.
Mylady? War sie nicht Zenobia, Königin von Palmyra, eben noch? An ihrer Hand, die achtlos die Zügel hielt, erblickte fit einen Ring,
den William Pitt ihr geschenkt, und ihr Pferd klapperte durch die nächt» Uchen Straßen von Damaskus im neunzehnten Jahrhundert einer neuen Rechnung
Königin der Wüste.
Palmyra! Es schläft im Herzen der Wüste, bewacht vom Wüstensand, ohne Wasser und Leben: aber die Wüste hat nur ein Palmyra wie der Himmel nur etrte Sonne.
r®5, Herbst. Schrecken erfüllte Damaskus. Die Wüste war in Aufruhr! Fünftausend Wahabiten standen auf und die arabischen Beduinen unter Mahannah waren in ihrem Bund.
Der Pascha von Damaskus sammelte Militär rund um die Stadt er 30g die syrische Kavallerie zusammen, Pousuf, der Bewunderer aus Kairo, ritt an ihrer Spitze.
„Königin, bist du nun in der Stadt, die deiner würdig ist?" fragte er und seine Zähne blitzten,
„Damaskus ist schön", antwortete sie kühl.
„Sind die Leute nicht überzeugt, daß du eine Königin bist? Hat dich nicht der Pascha empfangen wie noch keine Frau zuvor? Der oberste unserer Generale laßt dir 'sagen, er fei eifersüchtig auf mich, wenn du nicht zu ihm ins Lager kommst, draußen am Rand der Wüste. Hundert von unseren besten Reitern stellt er dir zur Verfügung, wenn du durch Syrien reifen willst," ’
„Sie sind, gut —"
Er verneigte sich tief und ließ die arabischen Vollblutpferde bringen, das Geschenk feines Generals, glücklich, daß er eigenhändig die Ehre erweisen durste ... Konnte er ahnen, daß Myladys Pläne längst über Damaskus und die Türken hinausgingen?
lieber feinem sich beugenden Kopf hob sie den Blick und lauschte ins Weite. Hinter den grünen Bäumen und Wiesen von Damaskus, jenseits, verborgen im Wüstensand, mußte Palmyra liegen.
„Kann Ihr General mich nach Palmyra führen?" fragte sie ge- spannt.
Er verneinte. Rebellen gegen des Sultans Macht halten alle Wege in Händen, Mahannah allein ist Herr der Wüste.
An einem Spätherbsttag stand eben dieser Mahannah, Führer der arabischen Beduinen, mit seinen Scharen vor Damaskus.
„Gib uns viertausend Kamele und die Truppen däzu, um die du uns geprellt hast", ließ er dem Pascha sagen.
Der Pascha versprach. Stolz empfing der Wüstenkönig die Botschaft. Dann sandte er seinen eigenen Sohn mit fünfzig Reitern in die Stadt — doch nicht zum Palast des Paschas — sondern in das Haus, das unter dem Minarett der Großen Moschee einer Frau aus fernem Lande vermietet war.
„Ich bin Nasir und komme zur Königin!"
Es flüsterten die Diener, es protestierte der Janitschar, es warnte der Dolmetsch:
„Mylady, der Kerl ist ein Schurke und liegt im Krieg mit dem Pascha! Empfang ihn nicht!"
Sie saß auf dunklem Samt in goldgestickten Hosen und leuchtendem Turban, als er vor ihr erschien, Nassr, der Sohn jener wandernden Beduinen, die . kein König und kein Sultan bezwungen: die irgendwo leben zwischen dem Sonnenaufgang und der Abendröte, deren Dach der Himmel ist.
Nie hat sie solche Augen gesehen, die schimmern wie dunkler Diamant, nie solch hochmütig-kühnes Profil. Er ist jung, sein Gang hat die stolze Grazie des Panthers, mit der Würde eines römischen Konsuls trägt er die bunte Gewandung, Drange und Grün beschattet sein, Antlitz.
„Was willst du von mir?" läßt sie ihn fragen.
„Mahannah schickt mich, dem alle Beduinen der Wüste untertan sind. Ich bin der Mann seiner Tochter und ein Prinz. Er läßt dir sagen, daß der Name der Königin im Mund aller Araber ist. Wir erwarten sie, .die mit goldenen Sporen eine Stute zu 20 000 Piaster reitet, der der Sultan täglich tausend Zekinen schickt — und die ein Buch besitzt, mit dem sie die verborgenen Schätze der Wüste ausgraben wird, ein Kraut, das alte Steine in Gold verwandelt."
„Ich bin dabei zu kommen." )
Er tritt vor und mißt den Dolmetsch verächtlichen Auges:
„216er wisse, Königin, wenn du mit Truppen des Paschas nach Palmyra kommst, bist du unser Feind und wirst erfahren, wer Herr der Wüste ist. Unser soll die Ehre fein, denn unser ist die Wüste!"
Der Janitschar streift mit den Augen warnend die Herrin, sie lächelt ob der Beschwörung.
,Lch vertraue aus euch", sagt sie mit leuchtendem Blick.
Nassr dreht sich und winkt seine Leute heran, ein Summen erhebt sich wie 'eine Huldigung.
„Königin! Die Truppen des Paschas verstehen nicht, wo die Wasser unter dem Sande fließen, wo die feindlichen Stämme sind: sie werden


