Hefte mit unserem Theaterstücken lagen auf meinem Tisch und wurden in die hinterste Ecke der Schublade gesteckt. — , .
Am dritten Tage hieß es, es ginge Rudi besser, er sei fast fieberfrei. Die Nachricht löste Stürme von Glück und Hoffnung aus. Mein Bruder Erwin und ich berieten, daß Rudis Wiederkehr gefeiert werden sollte, und wir grübelten, wie diese Feier, die felbstverständlich im Stile des Schmierentheaters verlaufen mußte, zu gestalten fei. Jetzt wußten wir, was wir gehabt hatten, und wir wollten es nicht mehr vergessen.
Aber die Besserung hielt nicht an. Einige Tage spater war eine zweite Operation nötig. Mutter besuchte einmal gegen Abend den Kranken. Wir fühlten trotz ihrer vorsichtigen Worte, daß es hoffnungslos um ihn ftanb; er hatte sie nicht erkannt. Ich wollte oder ich konnte es mir nicht vorstellen, daß Rudi, der Freund, der Spaßmacher, Hittpsulc, die Mondscheinnixe, nicht mehr kommen sollte. Ich schloß mich in ein dunkles Zimmer ein, ich betete und gelobte, von nun an ein neues und besseres Leben zu beginnen; ich wußte zwar selbst nicht recht, was ich darunter verstand; es waren knabenhafte Dinge, Fleiß in der Schule, Willigkeit gegen die Eltern, Ehrlichkeit. Es war mir, als müsse ich und als könne ich die Naturgesetze sprengen, das Unmögliche möglich machen und den Freund dem Tode entreißen. Ich wollte ein Wunder tun. Warum sollte es nicht möglich sein? Während ich später über meinen Schularbeiten saß, machte ich auf die eine Seite eines kleinen abgerissenen Zettels ein Kreuz und ließ ihn auf die Erde schweben. Er fiel mit der weißen Seite nach oben, wie ich gewünscht hatte. War es das Wunder? War es ein Zeichen Gottes? Ich klammerte mich an die Hoffnung und an mein Gelöbnis.
Jedoch es geschah kein Wunder. Rudi starb. Wir standen an einem trüben und regnerischen Tag an seinem Grab. Wir spielten nie mehr Theater. Zum erstenmal stand ich vor dem Unbegreiflichen; ich erlebte »um erstenmal die Hilflosigkeit und Armut des Menschen und das Gesetz, das über ihm steht.
Das Heideduett.
Eine Anekdote von Bruno Nelifsen-Haken.
Born alten Heidepastor Bode, dem Begründer der Naturschutzparks Lüneburger Heide, erzählt man sich folgende Geschichte:
Bode war schon emeritiert und bewirtschaftete fein kleines Gut bei Wilsede-Egestorf, als er sich eines Tages mit einem Gutsbesitzer der Nachbarschaft anlegte. Grenzstreitigkeiten oder Glaubensfrage bleibt dahingestellt. Denn Bode war ein gewaltiger Streiter vor dem Herrn, fei es ehedem von der Kanzel, sei es in Fragen der Nachbarschaft. Der Gutsbesitzer, einer der wenigen im Gebiet der Lüneburger Heide, die sonst nur Höfe kennt, aber war adlig. Es muß den alten Pastor Bode also wohl der Teufel gepiekt haben, daß er auf den Gedanken kam, dem adligen Herrn mit eigenste« Waffen zu begegnen. Er schickte ihm somit eine Pistolenforderung!
Aber bas war wiederum nicht ganz so einfach. Altem Ritus zufolge überschickt man eine Pistolenforderung nicht mittels eingeschriebenem Brief oder gibt sie etwa selbst im Vorübergehen ab, sondern beauftragt einen Mann im Zylinder. Ob es nun am fehlenden Zylinder gelegen hat oder ob Bedenken anderer Art ausgetreten sind — kurz und gut: Pastor a. D. Bode sand keinen, der den Auftrag angenommen hätte. Der Arzt der Gegend war sowieso nicht gut auf Bode zu sprechen, weil Bode ihm gelegentlich gern ins Handwerk pfuschte und mit seinen Egestorfer Bauern von Fall zu Fall ein sogenanntes Krauler-Konzil abhielt, aus dem wohl uralter Heideschnaps aus uralten Heidekräutern getrunken, aber auch gleichzeitig uralte Heiderezepte gegen alle möglichen Krankheiten erörtert, von Bode zu Papier gebracht und weiterhin zur Anwendung empfohlen wurden. Der Menschendoktor neigte mehr dem Gutsbesitzer zu und hielt sich für diesen parat. Der Tierarzt wiederum hatte einen Rochus auf Bode, weil dieser auch sein Biehzeug selber kurierte. Der Tierarzt dachte: sie werden vielleicht einen Unparteiischen gebrauchen — dann vergebe ich mir nach keiner Seite hin etwas ...! Schließlich ist Bode sogar an seinen Nachfolger im Amt herangetreten; und als dieser unser Hinweis aus sein Amt und die Schrift entrüstet ablehnte, auch an den Küster. Der Küster aber hat gedacht: wenn sie hierzulande erst mit Knallen anfangen und du selbst bist mit von der Partie: wer bürgt dir dafür, daß du selbst nicht nächstens auch vor die Mündung mußt — ganz abgesehen vom schlechten Eindruck .. .1 So hat Bode also den notwendigen Zylindermann in seiner Gegend nicht ge= funben. Im Grunde glaubte auch niemand im Ernst an die Geschichte bzw. an den wirklichen Ernst dieser blutrünstigen Angelegenheit.
Aber sie kannten eben ihren alten Heidepastor noch nicht. Was Bode sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, führte er auch durch. Den Naturschutzpark Lüneburger Heide hatte er gegen den Widerstand zahlloser Philister ins Leben gerufen — jetzt hatte er es sich in den Kopf gesetzt, einen anmaßenden Gutsbesitzer über den Haufen zu schießen. Also hat er sich erneut auf die Suche nach einem besser geeigneten Mann mit Zylinder gemacht.
Nun studierte Bades Sohn damals Landwirtschaft an der neuge- grünbeten Universität Hamburg. Und Bode junior, selbst vier Jahre Offizier an der Front gewesen, wundert sich nicht schlecht, als eines Tages ein dringendes Telegramm aus Egestorf kommt und zwei honorige Männer mit Zylinder in die Heide beordert. „Mein Alter will doch nicht knallen ...?" hat Bode junior sich gesagt: „Das liegt ihm doch sonst gar nichtI" Aber — weil er selbst in diesen Tagen gerade ins Examen stieg — hat er pflichtgemäß und als getreuer Sohn zwei Ehrenmänner bestimmt, die dem väterlichen Wunsch nachkommen sollten.
Die beiden honorigen Männer sind hinausgefahren. Mit Emst haben Ne sich den Sachverhalt angehört. Mit Würde sind sie auf Bodes einspänniger Bauernkalesche aus den mit Krieg zu überziehenden Gutshof gefahren und Haden dem pampigen Gutsbesitzer das falte Rohr auf die Brust gefetzt — vorerst bildlich. Der Gutsbesitzer hat sich zwar verwun
dert/ wieso ihm soviel ritterliche Ehre von feiten eines emeritierten Pastors widerführe; aber er hat großspurig angenommen, und das war die Hauptsache. Den Doktor hat er als seinen Sekundanten benannt und anschließend Bode den Tierarzt als Unparteiischen. Tag und Stunde des blutigen Treffens wurden ausgemacht. Bode verlangte Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit, am liebsten auf Barriere bzw. mittels Schnupftuch, bei welcher Duellart jeder Kontrahent ein Schnupftuch am anderen Ende anfaßt, und auf diesen Abstand hin wird geschossen. Solchen Rochus hatte der Pastor auf den widerborstigen Agrarier! Aber man einigte sich bann auf einmaligen Kugelwechsel auf zwanzig Schritte Distanz. Ohne Ehrengericht selbstverständlich! Akademische Sitten erkannte Bode nicht an. Er hätte seine eigenen Sitten, meinte er dickköpfig.
Nur eine kleine Nebensache war noch zu erledigen: mit welchen Pistolen geschossen werden sollte. Der Fall lag nicht ganz so- einfach, weil damals, kurz nach dem Kriege, die alten Mensurpistolen aus duell- freudigerer Zeit sich irgendwohin verkrümelt hatten, und man wußte im Augenblick nicht recht, woher sie beschaffen. Bode meinte, das wäre feine geringste Sorge. Auch feine Zylinderleute meinten, sie würden schon Rat finden. Am Tage des Zweikampfes jedenfalls würden zwei Schießeisen zur Stestx fein. Ob er sich darauf verlassen könne, hat Bode noch gefragt ...? Felsenfest, war die Antwort.
,Äm!" — hat Bode gesagt.
Drei Tage später war das Treffen im Egestorfer Busch angesetzt, da, wo es dem Flurnamen nach „in de Bätzen" heißt. Morgens 5 Uhr. Die Vögel tirilierten, der Kuckuck schrie, die Sonne kam golden über den Wacholder und es war eitel Wonne und Lebenslust in der Natur. So richtig nach Schießen war niemand zumute. Der Herr Gutsbesitzer ist bereits um zehn Minuten vor fünf auf elegantem Jagdwagen mit zwei spritzigen Trakehnern davor angeprefdjt gekommen, neben sich den Doktor als Sekundanten und gleichzeitig als Arzt. Die beiden Hamburger Zylinbermänner hatte Bode direkt von der Kleinbahn an den Kampfplatz beordert. Der Tierarzt als Unparteiischer hatte es vorgezogen, einsam und allein aus seinem Fahrrad auf der Walstatt zu erscheinen, um nach keiner Seite- hin der Parteilichkeit geziehen zu werden. Bloß Bode als Hauptperson fehlte noch.
Schon begann der Gutsbesitzer ein ironisches Gesicht aufzusetzen, fein Doktor-Sekundant ihm darin zu affiftieren, der Tierarzt erleichtert auf- zuatmen, während die Gesichter der honorigen Hamburger Kavaliere immer länger wurden — als plötzlich, fünf Minuten nach 5 Uhr, der Zuckeltrab eines Bauernwagens von der naheliegenden Kreischausiee zu vernehmen war. Unter befreitem Seufzer wickeln die Hamburger dis beiden vorsintflutlichen Mensurpistolen aus Futteral und Tüchern und legen sie zur Auslosung parat.
Da erscheint auch schon der Egestorfer Bauemwagen auf der Lichtung, Bode im Stehen kutschierend und noch ein letztesmal grimmig-unter- nehmungslustig querroeg mit der Peitsche knallend. Aber wer beschreibt das Erstaunen der feierlichen Versammlung, als sie näher hingucken und Bode mit einmal als fchwerumgürteten Mann erkennen müssen! Es ist in der Tat so: der Pastor Bode hat dem Vorhandensein der Mensurpistolen bzw. vielleicht diesen selbst nicht getraut und sich fein eigenes Schießeisen mitgebracht — einen Armeerevolver von 1870, im Futteral und an einem alten Offizierkoppel ihm schwer um die Hüften hängend! Verdammt kriegerisch baut er sich nach souveräner Begrüßung am einen Ende der bereits abgemessenen Distanz auf.
Das war ja nun gegen alle Herkunft und Bestimmung. Und. da Bode sich strikte weigerte, mit einem anderen, verdächtigen Instrument als dem ihm vertrauten Armeerevolver zu schießen, sah der sich schnell konstituierende Duellrat keinen anderen Ausweg, als zunächst einmal den vorgeschriebenen Versöhnungsversuch mit besonderer Jnbrust zu unternehmen. Es wurde also feierlich und zu Herzen gehend zur Ver- föhnung aufgefordert.
Und wer beschreibt das Erstaunen der kriegerischen Versammlung, als wider Erwarten von der Ecke des Gutsbesitzers her ein vernehmliches: ,Hch bin dazu bereit!" ertönt. Sei es, daß diesem Herrn die ganze Sache doch mehr Hokuspokus geschienen hatte, sei es, daß ihm der vorsintflutliche Armeerevolver Bodes ein unüberwindbares Grausen einflößte — kurz und gut, er war zur Versöhnung bereit. Aber wer beschreibt das noch größere Erstaunen, als Bode daraufhin plötzlich seinen Revolver hebt, entsichert und in schneller Folge, über die Köpfe der Anwesenden und seines Gegners hinweg, das ganze sechsschüssige Lager im Schnellfeuer austrommelt! Augenzeugen berichten, daß Gutsbesitzer, Doktor, Tierarzt und Hamburger Zylindermänner sich beim ersten Schuß sofort platt auf die Erde geworfen und Bodendeckung genommen haben. Bode aber hat feinen ausgefeuerten Revolver befriedigt gesenkt und sich dahingehend geäußert: die Friedfertigkeit feines Gegners rühre ihn zwar — aber knallen hören hätte er es heute müssen, andersherum könne er sich nicht versöhnen!
Aber nun stand der Versöhnung ja nichts mehr im Wege. Sie ist denn auch gebührend gefeiert worden. Alle Mann hoch sind sie aus Bodes einspännigen Bauernwagen geklettert und den Tag unö die nächste Nacht hindurch einträchtig von Dorf zu Dorf und von Krug zu Krug gefahren. Für die Strecke zwischen den Dörfern haben sie sich außerdem von Krug zu Krug den nötigen Flaschenvorrat für unterwegs mitgenommen. Und im Morgengrauen haben sie zwischen Wilsede und Egestorf auf dem Haidberg ein zweites Duell veranstaltet, diesmal nach allen Regeln der Kunst: auf zwanzig Schritt Abstand haben links der Gutsbesitzer, Doktor und Tierarzt Stellung bezogen — rechts Pastor Bode mit den beiden Hamburger Zylindermännern. In der Mitte haben die beiden Zylinder gestanden, und mit je drei leeren Flaschen haben sie diese feierlichen Attribute überwundener Blutrünstigkeit in Grund und Boden gefchossen.
Daß diese Geschichte wahr ist, bezeugt der Erzähler, der sie'zum Teil selbst erlebt hat. Sie läuft Überdies noch heute in den Heidedörfern um.
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