Ausgabe 
24.1.1938
 
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Heimatandachi.

«Ml Alfred Huggenberger* Ich liebe meiner Heimat Auen, Verklärt von tiefer Sommerlust, Ein sützes, heiliges Vertrauen Schwillt wie ein Wunder in der Brust: Vor so viel stillem Dank und Freuen Muß eines Gottes Zorn vergehn. Er muß der Sterne Gold verstreuen Und mit drei Engeln Wache stehn.

Ich liebe die oergess'nen Weiler, Die Zeugen zäher Bauernkraft, Sie stehn wie graue Eichenpfeiler, Bon keiner Flut hinweggerasst.

Ob nicht in einer engen Kammer Die reine Seele träumt und wacht. Die unfrer Zeiten Not und Jammer Mit großer Tat ein Ende macht?

Ich liebe meiner Heimat Berge, Weil sie so stolz und einsam sind. Der Herr des Erdballs schmilzt zum Zwerge, Der kühle Spötter wird zum Kind.

Ein Kirchlein, wie dem Fels entstiegen. Klebt grau in grau an steiler Fluh, Es sendet, laut und doch verschwiegen, Dem Himmel eine Bitte zu.

Ich kann auch einen Festtag lieben, Wenn feine Pulse machtvoll gehn, Wenn rings, mit Flammenschrist geschrieben, Am Horizont die Zeichen stehn.

Singt, feiert! Laßt die Banner wehen, Der Stunde gebt, was ihr gebührt! Verschlafne sollen auferstehen. Vom Hauch der Weihe angerührt!

Erinnerungen an 2Rubi.

Von Otto Gmelln.

Wir, mein um einige Jahre jüngerer Bruder Helmuth und ich, kannten Rudi längst. Er war der Sohn einer mit den Eltern befreun­deten Familie, und da er im Alter zwischen uns stand, waren wir schon seit Jahren gerne, aber doch immer nur mehr zufällig zusammen- aekommen. Erst bei Gelegenheit einer Theateraufführung, die seine alteren Schwestern inszeniert hatten, und zu der neben anderen auch wir eingeladen waren, entdeckten wir ihn für uns. Wir erkannten es sofort: Er spielte seine Rolle nicht nach dem Buchstaben, nicht für Zuschauer, er spielte sie, weil es eine Lust war zu spielen. Mit der untrüglichen Sicherheit von jungen Menschen fühlten wir: Er gehörte zu uns. So wurde Rudi von diesem Nachmittag an in unseren Kreis ausgenommen, zu dem noch der kleine Erwin gehörte.

Es kam ein Frühling und ein Sommer, der lauter um uns rauschte, als die glückselig in der bürgerlichen Hut verspielten früheren Jahre, denn schon mischten sich große Pläne und Schwärmereien zu Mädchen in das spielerische Dasein. Rudi teilte alles mit uns, was wir taten, waren und wollten: es vergingen nur wenige Tage, wo wir nicht mindestens einige Stunden mit ihm zusammen waren. Wir radelten durch die neuen Wälder, erforschten die unbekannten Wege, fingen Frösche und Molche, um sie in unserem Garten auszusetzen, bauten Zelte ukld Hütten, versuchten uns in manchem radlerischen Kunststück, aber das wichtigste von allem war das Theater, von dem wir selbst im Wald nicht ließen, indem wir irgendwelche Begegnungen mit Gendarmen und Protokollen oder dramatische Szenen aus dem Schulleben schau­spielerisch darstellten. , _ ,

Ja, eigentlich war, seit Rudi sich uns zugesellt hatte, unser Zusammen­sein zu einem fortlaufenden Theaterspiel geworden, in dem gewisse Typen sestlagen, die jedem von uns zukamen. Als dann der Herbst nahte, entwickelte sich daraus unsere besondere Art des Spiels in unserem Zimmer. Anfangs wurde immer aus dem Stegreif gespielt, zumeist hochtragische Stücke. Dabei schwebte uns das Milieu einer Schmiere vor, von der wir durch gemeinsamen Besuch eines Ritterspieles aus einem Jahrmarkttheater einen undeutlichen Begriff hatten. Bei den abendlichen Zusammenkünften an Wochentagen wurde in phantastischen Umrissen das Theaterstück ausgedacht, das am Sonntagnachmittag seine Auf­führung haben sollte. Wir hatten auf dem Speicher einen Schließkorb gefunden, der bis oben hin mit Fastnachtskostümen und ähnlichen Dingen gefüllt war; er wurde in unser Zimmer heruntergebracht, und während wir die einzelnen Stücke: Hosen, Röcke, Kleider, Jacken anprobierten und dazu in theatralischen Posen deklamierten, entstanden aus gemeinsamer Phantasie Personen und Handlung des Stückes.

Sonntags gab es dann noch eine besondere Arbeit: die Inszenierung. Das Publikum war durch einige Stühle dargestellt; ein Vorhang war

* AusAckerfrühling", L. Staackmann Verlag, Leipzig. Huggen- berger wird, wie bereits berichtet, dieser Tage in Gießen aus seinen Werken lesen.

an einer Schnur von einem Schrank zum anderen gespannt. Der Hinke» gründ wurde durch eine spanische Wand gebildet, über die je nach dem Ort der Szene verschiedene Decken oder große Bogen bunten Papiers gehängt wurden. Felsen wurden durch Stühle und Tische angebeutet über die Teppiche gelegt waren. Die Gasglllhlichtlampe, die genau über der Bühne hing, war meist die einzige Beleuchtung. Es war eine Wunderlampe: nicht nur, daß man darunter rotes, blaues, grünes Seidenpapier befestigen und so die großartigsten magischen Wirkungen erzielen konnte, es war eine Vorrichtung daran, daß man sie durch Zug an einem Kettchen klein stellen konnte. Indern wir Fäden an dem Kettchen befestigten, war es möglich, mitten im Spiel Verdunkelung oder Erhellung vorzunehmen. Diese Beleuchtungswirkungen wurden noch verstärkt dadurch, daß die Lampe, wenn man sie halb zuzog, ein schauer­lich monoton singendes Brummen von sich gab. Unter ihrem trüb* grünlichen Schein und Gebrumm geschahen heimtückische Morde und Gespenstererscheinungen und die gräßlichen Monologe der Mörder, Selbstmörder und Gehängten. Dieser Lampe war es zu einem großen Teil zu danken, daß unsere dramatischen Versuche sich nach und nach immer mehr dem Märchenhaften und Gruseligen zubewegten. Es kam aus einer merkwürdigen Vorliebe Rudis dahin, daß er vor allem die weiblichen und die gespenstischen Rollen Übernahm, die er mit einer seltsamen Mischung von wirklichem Gruseln und grotesker Komik da» zustellen wußte.

. Inzwischen aber entwickelte sich auch das Theaterspiel im Lauf dieser Monate, und die Ansprüche, die wir daran stellten, stiegen. Das reine Stegreifspiel genügte uns nicht mehr, und wir fingen an, die Stucke in kleinen Heften im allgemeinen Verlauf aufzuzeichnen. Schließlich begann ich sogar, eines der tragikomischen Märchenspiele, das wir mehrfach und immer geändert und verbessert aufgeführt hatten, in Versen, ähnlich denen, die wir aus dem Stegreif gemacht hatten, aufzuschreiben; es hieß Waldgemunkel". Es fand bei uns allen soviel Beifall, daß wir uns entschlossen, gemeinsam ein zweites, ähnliches Stück zu verfassen, das Teichgegurgel". Auch dieses Spiel wurde nach kurzen Besprechungen zuerst praktisch erprobt. Es hatte eine lange Geschichte hinter sich, bis es an einem Sonntagvormittag unter Mithilfe meines Bruders und Rudis feine endgültige Versform erhielt. Die Nixe des Waldsees, Hilipsüli, war, dem Wunsche Rudis entsprechend, für ihn zugeschnitterr; da er im Stimmwechsel war, gelang ihm ihr hohes, verführerisches Tilimtim" ausgezeichnet, und während wir eine Leseprobe hielten, ine oon vielen Ausrufen, neuen Einfällen und unaufhörlichem Ge'ächter unterbrochen war, wurden wir aufs äußerste auf die Aufführung gespannt, die am selben Nachmittag stattfinden sollt«. Als wir mit Lesen und Verbessern fertig waren, war es höchste Zeit, daß Rudi zum Mittag­essen nach Haus rannte. Wir liefen noch mit ihm die Treppe hinunter; er schüttelte mir in feiner komödiantenhaften Art die Hand und rieh Leben Sie wohl, mein lieber Herr Direktor, auf NimmerwiederfehenI und rannte, was er konnte. In zwei Stunden sollte er wieder bei uns fein- bis dahin hatten wir alles vorzubereiten. Wir lebten wie in einem Traum; es gab in diesen Stunden kein Gestern und kein Morgen, es gab nur dieses Spiel und diesen Nachmittag, nur diese Erwartung.

Aber nach Tisch, als die spanische Wand stand, die Decken und Teppiche bereit tagen, die Kostüme ausgekramt waren, warteten wir ver­geblich auf Rudi. Es wurde drei, es wurde vier Uhr, Rudi erschien nicht. Wir wiederholten unsere Rollen; wir stellten auf den Schrank die Trom­mel und dahinter eine Kerze: Das war der Mond. Aber wir wurden unruhig und unwillig. Hatte er mit feinen Eltern spazieren gehen müssen? Gerade heute? Sonst war dies noch nie geschehen. Er war immer zuverlässig. Wir zerbrachen uns den Kopf, was der Grund seines Ausbleibens war. Wir erwogen, ob einer von uns zu ihm gehen sollte; aber er wohnte am anderen Ende der Stadt; der Hin- und Rückweg mußte anderthalb Stunden dauern; dann war es sowieso zu spät. Wir versuchten, ohne ihn ein anderes Stück zu spielen. Die Aufführung des Teichgegurgels mußte um acht Tage verschoben werden. Aber nichts wollte glücken. Die Lampe brannte und hüllte die Szene in ein lila düsteres Licht, aber keiner konnte die Geister beschwören; eine dumpfe Langeweile und hinter ihr eine unausgesprochen, seltsame Angst lahmte uns, bis wir schließlich umständlich zusammenräumten und begannen, die Schularbeiten noch einmal durchzulesen. Es war ein verlorener Nach-

nächsten Abend ich saß über meinem Latein trat Mutter mit der Nachricht ins Zimmer: Rudi hatte gestern nachmittag furchtbare Schmerzen bekommen, abends war er ins Krankenhaus gebracht und in der Nacht schon am Blinddarm operiert worden. Wir sagten nichts. Es war wie ein Blitzstrahl. Es war unfaßbar. Der Ernst der Wirklichkeit, die Härte des Schicksals war wie eine eiserne Riesenfaust in die Spiels hineingedonnert; die Trümmer spritzten davon. Später nahmen wir ohne viel Worte den Schließkorb, der noch vom Sonntag in unserem Zimmer stand und trugen ihn auf die Speicherkammer. Wir wagten nicht davon zu sprechen, nicht daran zu denken. Beim Abendessen erzählte Mutter noch einiges; die Aerzte machten kein Hehl daraus, daß der Fall sehr ernst fei Als wir im Bett tagen, sprachen wir in der Dunkelheit halb­laut, hilflos, unsicher, unsere Aengste hinter Scheingründen verbergend. Nachher lagen wir noch lange schweigend wach. Nur in Gedanken wagte ich an die 'Möglichkeit zll rühren, daß Rudi nie mehr mitspielte. TO ein Bruder wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere. Ich wußte, daß er dasselbe dachte wie ich.

Es tarnen furchtbare Tage. Morgens faß ich mit benommenem Kops und ohne rechte Aufmerksamkeit in der Schule. Einer der Lehrer merkte meine Veränderung, nahm mich nach der Stunde auf die Seite und fragte, was mit mir los fei. Als ich ihm fugte, ein Freund fei schwer erkrankt, liefen mir die Tränen aus den Augen; ich ärgerte mich, aber ich konnte es nicht ändern. Nachmittags ging immer einer von uns oder auch beide zum Krankenhaus und sprach dort Rudis Mutter. Zu Hause saßen wir wortkarg herum,'machten unsere Schularbeiten mit mehr Sorg­falt als je zuvor und lasen. Unser Theaterspiel schien plötzlich etwas längst Vergangenes und vollkommen lächerlich und sinnlos. Die kleinen