fterr Landolt", rief Figura beinahe leidenschaftlich, „wir zwei wollen nie heiraten, damit uns solche Schmach nicht widerfahrt! Die Hand drauf I"
Und sie hielt chm die Hand hin, welche Salomon rasch ergriff und schüttelte.
,Es bleibt dabei!" sagte er lachend, jedoch mit Herzklopfen; denn er dachte das Gegenteil und nahm di« Worte des schönen Mädchens für eine Art von verkapptem Entgegenkommen oder Aufmunterung. Auch der Ratsherr lachte, wurde aber gleich wehmütig, als die Kirchenglocken sich hören ließen, und das erste Zeichen zur Nachmittagspredigt anschlugen.
„Schon wieder diese Mandatei" rief er; es war nämlich auch verboten, die Mittagsmahlzeiten in den Familien über den Gottesdienst aus- zudehnen, und es war unversehens zwei Uhr geworden. Alle beschauten trübselig den noch schön versehenen wohnlichen Tisch; Martin, der Neffe, . öffnete schnell noch eine Dessertflasche, indessen der Reformationsherr wegeilte, um seinen Kirchenhabit anzuziehen, da Rang und Sitte ihm geboten zum Münster zu gehen. Bald erschien er wieder im schwarzen Talar, den weihen Mühlsteinkragen um den Hals und den konischen Hut auf dem Kopf. Er wollte nur noch sein Gläschen austrinken; da aber Landolt eben einen neuen Schwank erzählte, setzte er sich noch einen Augenblick hin, die Unterhaltung geriet von neuem in Fluß und stockte erst, als durch das Aufhören des vollen Kirchengeläutes, das längst begonnen hatte, plötzlich die Lust still wurde.
Betroffen sagte Herr Leu, der Oheim: „Nun ist es zu spät, Martin, schenk ein! Wir wollen uns hier geduckt halten, bis die Zeit erfüllet ist!"
Figura Leu aber klatschte in die Hände und ries fröhlich: „Nun sind wir alle Uebeltäter, und von welch schöner Sorte! Darauf wollen wir an- stohen!" x
, Wie sie das geschliffene Gläschen mit dem bernsteinfarbigen Wein lächelnd erhob und ein Strahl -der Nachmittagssonne nicht nur das Gläschen und die Ringe an der Hand, sondern auch das Goldhaar, die zarten Rosen der Wangen, den Purpur des Mundes und die Steine am Hals- bande einen Augenblick beglänzte, stand sie wie in einer Glorie und sah einem Enge! des Himmels gleich, der ein Mysterium feiert.
Selbst der sorglose Bruder wurde von dem erbaulichen Anblick betroffen und hätte die schimmernde Schwester gern in den Arm genommen, wäre nicht die Erscheinung dadurch zerstört worden; auch der Oheim betrachtete das Mädchen mit Wohlgefallen und unterdrückte einen aussteigenden Seufzer der Besorgnis für ihr Schicksal.
Als noch ein Stündlein verflossen war und der Abend nahte, schlug der Ratsherr den beiden Gesellen vor, sich nach der Promenade im Schützenplatze zu begeben, wo längs den zwei Flüssen, die denselben ein- sassen, die schönsten Baumalleen stehen.
„Dort geht jetzt", sagte er, „der edle Bodmer spazieren,, umgeben von Freunden und Schülern, und spricht treffliche Worte, die zu hören Gewinn ist. Wenn wir uns ihm anschließen, so stellen wir unsere Reputation allerseits wieder her; indessen mag Figura ihre Sonntagsgespielinnen aufsuchen, die übungsgemäß am gleichen Orte lustwandeln, ehe sie die eingemachten Kirschen essen, mit denen sie sich in unschuldiger Weise bewirten."
Diesen Ratschlag ausführend, gingen dis Männer nach der genannten Promenade, aus welcher sich verschiedene Gesellschaften als gefchlossene Körper aus und nieder bewegten. Darunter befand sich in der Tat Bodmer mit seinem Gefolge und besprach im Gehen den Unterschied Sischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen der Republik Platos und einer weizerischen Stadtrepublik, wobei er aus alle möglichen Vorgänge zu sprechen kam und allerhand Dummheiten und Unzukömmlichkeiten mit unverkennbaren Seitenhieben bezeichnete.
Die Herren Leu und Landolt schlossen sich nach gehöriger Bekompli- mcntierung- dem Bodmerschen Zuge an und spazierten mit demselben weiter. Salomon Landolt war mit seinem lebhaften Wesen, und Überdies nicht von der größten Aufmerksamkeit erfüllt, bald einige Schritte ' voraus, während Bodmer zum Thema einer öffentlichen Erziehung nach bestimmten Staatsgrundsätzen überging.
Eine Gesellschaft junger Damen, die jetzt von einer Seitenallee her über die Hauptallee spazierte, ging in ähnlich ungeduldiger Weise Figura Leu voran; Landolt machte seinen tiefsten Bückling, und all« Herren hinter ihm zogen ebenfalls ihre dreieckigen Hüte und machten ihre Komplimente, daß alle Degen hinten in die Höhe stiegen; Figura verneigte sich mit unnachahmlichem Ernste und mit großen Zeremonien, und alle Demoiselles hinter ihr, an die zwanzig Gespielinnen, taten es ihr nach.
Als Bodmer ein Schulwerk Basedows kritisierte, kam der Damenzug, diesmal in gerader Richtung, abermals entgegen und es erfolgte in gleicher Weise die Begrüßung, die noch länger andauerte, bis alle vorbei waren. Uebergehend zum Nutzen der Schaubühnen, die Bodmer nicht ohne Anspielungen auf feine eigenen dramatischen Versuche abha-ndelte, wurde er wiederum durch den nämlichen zeremoniellen Vorgang unterbrochen, so daß man aus dem Hüteschwingen und Verbeugen nicht herauskam, fast zum Verdruffe des würdigen Altmeisters.
Freilich lag die Schuld einigermaßen an Salomon Landolt, der als Jäger und Soldat die Bewegungen des feindlichen Korps stets im Auge zu behalten verstand, und die gelehrten Herren, ohne daß sie es merkten, die Wege einschlagen ließ, welche zu den wiederholten Begegnungen führten. Figura griff aber jedesmal so pünktlich und zuverlässig mit ihren ungeheuren Knicksen ein, daß er es nicht bereute. Auch dünkte ihn dieser Tag, als er vollbracht war, der schönste, den er bis jetzt erlebt hatte.
Das lustige Fräulein lag chm nun stündlich im Sinn; allein die heitere Ruhe, welche er bei der Salome, dem Distelfink, bewahrt hatte, war jetzt dahin, und es erfüllte ihn, so oft er sie längere Zeit nicht sah, Traurigkeit und Furcht, das Leben ohne Figura Leu zubringen zu müssen? Auch sie schien ihm herzlich zugetan zu sein; denn sie erleichterte feine Bemühungen, in ihre Nähe zu kommen, und ging mit ihm um, wie
mit einem guten Kameraden, der zu jedem Scherz aufgelegt und sur eben Sonnenblick guter Laune empfänglich ist. Sie legte ihm hundertmal >ie Hand auf die Achsel oder gar den Arm um den Hals; sobald er aber vertraulich ihre Hand ergreifen wollte, zog sie dieselbe beinahe hastig zurück' wagte er vollends ein zärtlicheres Wort oder einen verräterischen Blick, so ließ sie das mit kalter Nichtbeachtung ab gleiten. Mitunter »er- iel sie sogar in spöttliche Aeußerungen, die sie wegen unbedeutender Dinge gegen ihn richtete und die er schweigend hinnahm, in seiner Verlegenheit aber nicht merkte, wie sie trotzdem einen warmen und teil- nahmoollen Blick auf ihn geworfen hatte.
Bruder und Oheim sahen diesen seltsamen Verkehr wohl, ließen die . ungen Leute aber gewähren und nahmen die Art des Mädchens wie etwas, das nicht zu ändern ist, zumal sie den vollkommen ehrenhaften und biedern Charakter Salomons kannten.
Eines Tages jedoch kam das Verhältnis zum Austrag. Salomon Geßner, der Dichter, hatte, da der Sommer begonnen, seine Amts- wohnung im Sihlwalde bezogen, dessen Oberaufsicht ihm von fernen Mitbürgern übertragen worden war. Ob er bas' Amt wirklich selbst ver- waltete, ist nicht mehr erfindlich; so viel ist gewiß, daß er tn jenem Sommerhause dichtete und malte und sich mit den Freunden luftig machte, die ihn häufig besuchten. Dieser neue Salomo, der in unfern Geschichten erscheint, stand dazumal in der Blüte seines Lebens und eines Ruhmes, der sich bereits über alle Länder verbreitet hatte; was von diesem Ru''me verdient und gerecht war, trug er mit der Anspruchslosigkeit un e- benswürdigkeit, die nur solchen Menschen eigen sind, die wirklich etwas können. Geßners idyllische Dichtungen sind durchaus keine schwächlichen und nichtssagenden Gebilde, fondevn innerhalb ihrer Zeit, über die keiner hinaus kann, der nicht ein Heros ist, fertige und stilvolle kleine Kunstwerke. Wir sehen sie jetzt kaum mehr an und bedenken nicht, was man in fünfzig Jahren von alledem sagen wird, was setzt täglich entsteht.
Sei dem wie ihm wolle, so war die Luft um den Mann, wenn er in feiner Waldwohnung saß, eine recht poetische und künstlerische, und sein mehrseitiges fröhliches Können, verbunden mit feinem unbefangenen Humor, erregte stets goldene Heiterkeit. Sowohl feine eigenen Radierungen als die von Zingg und Kolbe nach feinen Gemälden gestochenen Blätter werden in hundert Jahren erst recht eine gesuchte Ware in den Kupferstichkabinetten sein, während wir sie jetzt für wenige Batzen einander zufchleudern. ,, . . ..
An einer Porzellanfabrik beteiligt, hatte er nut leichter Hand versucht, in Bemalung der Gefäße selbst voranzugehen und nach kurzer Uebung die Ausschmückung eines stattlichen Teegeschirrs übernommen und zum Gelingen gebracht. Das zierliche Werk sollte nun im Sihlwalde eingeweiht werden; Freunde und Freundinnen waren zu der kleinen Feier geladen und der Tisch am Ufer des Flusses unter den schönsten Ahornbäumen gedeckt, hinter denen die grüne Berghalde, Kronen über Kronen, zu dem blauen Sommerhimmel emporstieg.
Auf dem blendendweißen, mit Ornamenten durchwobenen Tischtuch aber standen die Kannen, Tassen, Teller und Schüsseln, bedeckt mit hundert kleinern und größern Bildwerklein, von denen jedes eine Erfindung, ein Jdyllivn, ein Sinngedicht war, und der Reiz bestand darin, daß alle diese Dinge, Nymphen, Satyrn, Hirten, Kinder, Landschaften und Blumenwerk mit leichter und sicherer Hand hingeworfen waren und jedes an feinem rechten Platz erschien, nicht als die Arbeit eines Fabrikmalers, sondern als diejenige eines spielenden Künstlers.
Der so geschmückte Tisch war mit den rundlichen Sonnenlichtern bestreut, welche durch das ausgezackte Ahornlaub fielen und nach dem leisen Takte des Lufthauches tanzten, der die Zweige bewegte; es war zuweilen wie ein fünftes, feierliches Menuett, welches die-Lichter ausführten.
Schon faß Herr Geßner wieder im Anschauen dieses Spieles verloren, a(r der erste Wagen mit den erwarteten Gästen anlangte. In ihm faß der weife Bodmer, der zürcherische Cicero, wie ihn Sulzer zu nennen pflegte, und der Kanonikus Breitinger, der in jüngeren Tagen den Krieg gegen Gottsched mit ihm gestritten hatte. Sie faßen aber auf den Rücksitzen, da sie ihre ehrbaren Hausfrauen mitführten. Andere Kutschen brachten andere Freunde und Gelehrte, die alle einen außerordentlich muntern und geift- reichen Jargon sprachen, belebt von einer Mischung literarischen Stutzertums und helvetischer Biederkeit, ober, wenn man will, altbürgerlicher Selbstzufriedenheit.
Ein letzter Wagen war mit jungen Mädchen angefüllt, worunter Figura Leu, und begleitet von Martin Leu und Salomon Landolt, die zu Pferde saßen.
Alle die würdigen und schönen Personen bewegten sich alsbald unter den Bäumen in großer Fröhlichkeit herum; das bemalte Porzellanzeug wurde betradjtet unb höchlich gelobt; allein es dauerte nicht lang, so führte Salomon Geßner mit der Figura Leu die Szene auf, wie ein blöder Schäfer von einer Schäferin im Tanz unterrichtet wird, und er machte das so lustig und natürlich, daß ein allgemeiner Mutwillen entstand und Frau Geßner, die hübsche geborene Heideggerin, Mühe hatte, die Gesellschaft endlich zum Sitzen zu bringen, damit ihrer Bewirtung Ehre an«' getan würde.
Dem ruhigem Gespräche, das hiebei Raum gewann, wurde Nahrung gegeben durch einen jener Enthusiasten, die alles Persönliche hervorzerren müssen. Derselbe hotte schon die neuesten Ereignisse des Geßnersckien Lebens aufgeftöbert, vielleicht nicht ohne Wegeleitung der trefflichen Gattin. Es waren verfchiedene Briefe aus Paris gekommen. Rousseau schrieb Herrn Huber, einem Uebersetzer Geßners, die schmeichelhaftesten Dinge über letzteren, und wie er besten Werke nicht mehr aus der Hand lege. Diderot wünschte fogar, einige feiner Erzählungen mit den neuesten Idyllen Geh- ners in einem Bande gemeinschaftlich erscheinen zu lassen. Daß Rousseau für den idealen Naturzustand jener idyllischen Welt schwärmte, war am Ende nichts Wunderbares; daß aber der große Realist und Enzyklopädist nach dem Vergnügen strebte, mit dem harmlosen Jdyllendichter Arm in Arm aufzutreten, erschien als die erdenklich wichtigste Ergänzung des Lobes und gab zum Verdruffe Geßners Anlaß zu den breitesten Erörterungen.
(Fortsetzung folgt.)


