Ausgabe 
24.1.1938
 
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Nummer 7

Montag, den 2^. Januar

Jahrgang 1938

Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Oer Lanövogt von Greifensee

Novelle von Gottfried Keller

2. Fortsetzung.

Einen um so feurigeren und ernsteren Geist bedurfte es für die mit den Ideen ringenden Jünglinge, von welchen einige zu einem strengen "Puritanismus hingerissen wurden. Wie man auf Den Sack schlägt und den Esel meint, eiferten sie gegen den Luxus und die Genußsucht, und zwar in einem ganz anderen Sinne, als die Sittenmandate. Sie wollten nicht die Bescheidenheit des christlichen Staatsuntertanen, sondern die Tugend des strengen Republikaners. Hieraus entstanden bald zwei Frak­tionen, eine der leichtlebigeren Toleranten und eine der finsteren Asketen, welche jene überwachten und beschälten. Schon war ein Mitglied, das eine goldene Uhr trug und sie nicht ablegen wollte, a-usgestoßen worden; andere wurden wegen zu üppiger Lebensart gewarnt und beobachtet. Der oberste Mentor war der Herr Professor Johann Jakob Bodmer, als Literator und Geschmacksreiniger bereits überlebt, als Bürger, Poli­tiker und Sittenlehrer ein so weiser, erleuchteter und freisinniger Mann, wie es wenige gab und jetzt gar nicht gibt. Er wußte recht gut, daß er bei den Herrschenden und Orthodoxen für einen Mihleiter der Jugend galt; allein sein Ansehen stand zu fest, als daß er sich gefürchtet hätte, und die Partei von der strengen Observanz unter den jungen Männern war seine besondere Ehrengarde.

In diese Gesellschaft ließ Salomon sich eines Tages einführen und machte gleich vor Beginn der Verhandlungen die Bekanntschaft des jungen Leu, der sofort Gefallen an ihm fand. Sie mußten sich aber still verhalten; denn Herr Professor Bodmer war heute selbst auf eine halbe Stunde erschienen, um den Jünglingen einen Aufsatz ethischen Inhalts vorzulesen und ihnen eine Aufgabe ähnlicher Art zu stellen. Landolt war nicht sehr aufmerksam, da seine Gedanken anderswo spazieren gingen. Er sah zuweilen den Bruder der Figura Leu an, der sich noch mehr zu langweilen schien, und beide fühlten sich erleichtert, als die eigent- lidjen Verhandlungen beendigt waren.

Jetzt kam aber der kritische Moment. Die Ernsthaften hieltet! es für eine Ehrensache, noch mindestens ein halbes Stündchen in wechselnden Gesprächen beisammen zu stehen, während die Leichtsinnigen bei guter Leit davonzulausen strebten, um in einem Gasthause sich noch etwas -gütlich zu tun. Mit Geringschätzung oder Entrüstung, je nach dem son­stigen Werte der Flüchtlinge, und mit scharfen Seitenblicken bemerkte man das Entweichen. Nachdem schon mehrere sich dergestalt gedrückt hatten, zupfte auch Martin Leu den arglosen Landolt am Rockärmel und lud ihn leise flüsternd ein, mit ihm noch zu einem guten, Glas Wein zu gehen. Landolt. begab sich unbefangen mit ihm hinweg, wunderte sich aber, wie der andere auf der Straße plötzlich querüber sprang, ihn mit- Jiehend, die Steingasse hinauf lief, was sie vermochten, dann durch die Elendenherberge, ein labyrinthisches Loch, nach dem dunkeln Löwengäß- lein strebte, von diesem beim Roten Hause nach dem Eselgäßlein hinüber- setzte, wie ein gejagter Hirsch über eine Waldlichtung, hinker der Metzg herum und über die untere Brücke und den Weinplatz rannte, die Weggen- Nasse hinauf, durch die Schlüsselgasse, beim roten Mann die Storchengasse durchschnitt, die Kämbelgasse zurücklegte, dann wieder an der Limmat angekommen rechts abbog und endlich in das stattliche neue Palais der Meisenzunft eintrat.

Atemlos vom Lachen wie vom Laufen verschnauften die beiden jungen Männer, sich an dem eisernen Treppengeländer haltend, das noch ! jetzt, als ein Stolz damaliger Schmiedekunst, das Auge anzieht. Leu unterrichtete seinen neuen Freund von der Lage der Dinge und wie es 1 gegolten habe, den Blicken der Späher durch den Kreuz- und Ouerlauf zu entrinnen. Landolt, als ein Feind jeder Art von Muckerei, freute sich j nicht weriig über den Streich, zumal er von dem Bruder derjenigen Person ausging, die ihm wohlgefiel, und sie traten fröhlichen 'Mutes . n den lichterhellen Wirtschaftssaal, an dessen Wänden zahlreiche Degen j und dreieckige Hüte hingen, den Gästen entsprechend, die an verschiedenen großen Tischen faßen.

Kleine Bratwürstchen, Pastetlein, Muskatwein und Malvasier, so hießen die Dinge, welche die wiederoereinigte halbe Gesellschaft für vater- ändische Geschichte zu sich nahm, und zwar nach den genauen Aufzeich­nungen des Kundschafters der katonischen Hälfte, der den beiden letzten ' Ausreißern durch alle Seitengäßchen ungesehen gefolgt war und nun, »en Hut tief in die Stirn gedrückt, unter der Flügeltür stand und keinen Teller aus den Augen verlor. Und das alles vor dem Nachtessen, das Sjrer doch zu Hause wartete, und nach Anhörung einer Rede des großen Vaters Bodmer:Von der Notwendigkeit der Selbstbeherrschung als Sauerteig eines bürgerlichen Freistaats!"

Die jungen Epikuräer ließen es sich darum nicht weniger schmecken; die Freundschaft, als eine echt männliche Tugend, feierte auch hier ihre Triumphe, denn Martin Leu schloß mit Salomon Landolt einen Her­ze nsb und für das Leben, nicht ahnend, daß derselbe es auf feine Schwester abgesehen habe und im übrigen ein mäßiger Geselle sei, der dem Gütlichtun um seiner selbst willen nicht viel nachfrage.

Die Folgen des Exzesses ließen nicht auf sich warten. Ohne Vor­wissen Bodmers-gingen die Strengsittlichen zu Wette und verschmähten nicht, zur geheimen Anzeige an die Staatsgewalt zu greifen, deren Druck sie doch zu mildern gedachten. Die Sache gelangte in der Tat als ver­trauliches Traktandum vor die oberste Sittenverwaltung, die Reforma­tionskammer. Es wurde aber für klug befunden, die Sünder als Söhne angesehener Geschlechter und als übrigens begabte junge Männer zur gütlich-mündlichen Ermahnung zu ziehen, in der Weise, daß jedem Re­formationsherrn eine oder zwei Personen im stillen zur zweckdienlichen stillen Erledigung überwiesen wurden.

Der ältere Herr Leu erhielt billigermaßen seinen eigenen Herrn Neffen und dessen speziellen Mittäter Salomon zugeteilt. Als letzterer eine Einladung zum Mittagessen bei dem Ratsherrn empfing, auf einen Sonntag Punkt zwölf Uhr, war er von dem Neffen bereits in Kennt­nis gefetzt, um was es sich handle. Erwartungsvoll durchschritt er die leeren Gassen, welche von der Bevölkerung der strengen Sonntagsfeier wegen gemieden waren; nur eine beträchtliche Zahl schwerer Pasteten- körbe kreuzte an der Hand der Bedienten auf den stillen Straßen, Plätzen und Brücken, gleich ernsten holländischen Orlogschifsen. Salomon folgte einem dieser Schiffe, dessen Steuermann er kannte, in einiger Ent­fernung und mit wachsender Aufregung, weil er die Figura Leu zu sehen hoffte und zugleich einen Verweis in ihrer Gegenwart zu empfangen Gefahr lief.

Der Herr bekommt eine Predigt!" rief sie ihm auf dem Korridor entgegen, als er denselben entlang schritt,aber trösten Sie sich! auch ich habe die Mandate verletzt, sehen Sie mal her!"

Sie präsentierte sich anmutungsvoll vor ihm, und er sah, daß sie ein straffes Seidenkleid, schöne Spitzen und ein mit blitzenden Steinen be­setztes Halsband trug.

Das geschieht", sagte sie, ,chamit die Herren sich nicht vor mir zu schämen brauchen, wenn sie abgekanzelt zu Tisch kommen! Auf Wieder­sehen!" Damit verschwand sie wieder so rasch, wie sie erschienen war. In den Mandaten war wirklich den Frauen alles verboten, was Figura am schlanken Leibe trug.

Salomon Landolt wurde zunächst in das Kabinett des Reformations- Herm geführt, wo er den Martin Leu traf, der ihm lachend die Hand schüttelte.

Ihr Herren!" begann der Oheim seine Ansprache, nachdem die jungen Leute sich aufmerksam nebeneinander postiert hatten,es sind zwei Gesichtspunkte, von denen ans ich die bewußte Angelegenheit Euch ans Herz legen möchte. Einmal ist es nicht gesund, vor dem Nachtessen und zu ungewohnter Zeit Speisen und Getränke, besonders wenn letztere südlicher Art sind, zu sich zu nehmen und den Gaumen an dergleichen frequente Leckerhaftigkeit zu gewöhnen. Vorzüglich aber sollten sich junge Offiziers solcher Näschereien enthalten, weil sie den Mann vor der Hand dickleibig und zum Dienst untauglich machen. Zweitens aber, wenn es doch fein soll und die Herren einer Kollation bedürftig sind, so ist es meiner Ansicht nach junger Bürger und Offiziers unwürdig, sich heimlich wegzustehlen und durch hundert dunkle Gäßlein zu springen. Sondern ohne Worte der Entschuldigung, ohne Heimlichkeit und ohne Scheu tun rechte Junggesellen das, was sie vor sich selbst meinen verantworten zu können! Nun wollen wir aber schnell zum Essen gehen, sonst wird die Suppe kalt!"

Figura Leu empfing die drei Herren im Speisezimmer und mochte mit scherzhafter Grandezza die Wirtin, da der Oheim verwitwet war. Erstaunt sah dieser ihren glänzenden Putz, und sie erklärte ihm sogleich, daß sie absichtlich das Gesetz beleidige, um ihr armes Brüderchen nicht allein am Pranger stehen zu lassen. Der Reformationsherr lachte herzlich über den Einfall, während Figura dem Salomon Landolt den Teller so anfüllte, daß er Einsprache erheben mußte.

Hat die Vermahnung schon so gut angeschlagen?" sagte sie, ihm einen lachenden Blick zuwerfend.

Jetzt erwachte aber auch ferne gute Laune, und er wurde so lustig und unterhaltsam mit tausend Einfällen, daß Figuras silbernes Gelächter fast ohne Aufhören ertönte und sie vor lauter Aufmerksamkeit keine Zeit mehr fand, einige Witze zu machen. Nur der Ratsherr lüfte ihn zuweilen ab, wenn er aus feiner längeren Erfahrung treffliche Schwänke zum besten gab, vorzugsweise charakteristische Vorfälle aus dem Amtsleben und dem beschränkten und doch stets so leidenschaftlichen Treiben der Geistlichkeit. Auch die tiefen Einwirkungen der Hausfrauen in Rat und Kirche traten in komischen Beispielen an das Licht, und man merkte wohl, daß der Reformationsherr feinen Voltaire nicht ungelesen ließ.