Es ist sehr aufschlußreich, gerade heute wieder die alte Teubersche Theaterchronik von Prag zur Hand zu nehmen und die Entwicklung an sich ooruberziehen zu lassen, wie aus den von Studentenschauspielern des Carolinums (der alten Prager deutschen-Universität) im 16. Jahrhundert die erste ernste Theaterbewegung ausgeht, wie unter dep Grasen Sporck und N o st i z das erste „Deutsche Nationaltheater" Prags zustandekommt, das sich später zum „Deutschen Landestheater" entwickelt und bedeutenden Rang gewinnt. Auch die Entstehung der zweiten (heute einzigen) deutschen Bühne Prags, des „Neuen Deutschen Theaters , das vor fünfzig Jahren, am 8. Januar 1888 mit Wagners „M e i st e r s i n g e r n eröffnet wurde zeigt, welche Bedeutung die deutsche Theaterkunst stets für Prag gehabt hat. Noch deutlicher wird das Bild, nennt man die hervorragendsten Namen, die für das Prager Theaterleben entscheidend wurden Seit den Tagen der Hosfeste, zu denen Mozarts „Don Juan" und er selbst 1787 nach Prag kam, über das klassische Zeitalter der Prager Buhne unter Carl L i e b i ch , als Carl Maria von Weber dort „Operndirektor war. Ueber die Mitte des 19. Jahrhunderts, als dem Prager Theater der strahlende Stern Henriette S o n t a g s erstand, die als Zehnjährige hier die Bühne betrat. Erst als — unter Holbein, S t ö g e r , T hom e — das deutsche Theater auf eine Tradktion künstlerischer Hochleistung zuruck- blicken konnte, begann sich daneben 1864 auch ein tschechisches Theater zu bilden, das freilich erst 1881 unter der Leitung Rudolf Wirsings ein achtenswertes Ensemble und ein eigenes Haus schaffen konnte. Als durch Fahrlässigkeit dieses Gebäude gerade vor der Eröffnung ein Raub der Flammen wurde, waren es Deutsche — wie der Abgeordnete Wolf rum im deutschen Landtag in Prag — die sich dafür einsetzten, daß die t chechische Bevölkerung trotzdem ihr eigensprachliches Theater erhalte: deutsche Hilfsbereitschaft steuerte hervorragend zum Wiederaufbau des Theaterqebäudes bei. Das darf schon deshalb nicht vergessen werden, weil als 1883 — zwei Jahre später — das Gesuch um Bewilligung zur Errichtung des „Neuen Deutschen Theaters" eingereicht wurde, dieses Gesuch von der tschechischen Mehrheit abgelehnt wurde, so daß erst ein daraufhin gegründeter „Deutscher Theaterverein" in vier Jahren die Summe selbst aufbringen mußte, die für den Bau des Hauses notig war.
Das alte „Deutsche Landestheater" hatte gerade am 21. April 1883 seine Jahrhundertfeier mit Lessings „Emilia G a l o t t i begangen. Nach Krisen, die gegen Ende der siebziger Jahre durch die Kreidig che Direktion verursacht wurden, erlebte es abermals eine Glanzzeit, als Angelo Neumann die Prager deutschen Bühnen übernommen hatte. Die Berufung Neumanns (aus Bremen) hatte Prag einen genialen Reorganisator des Theatermesens gebracht: er stabilisierte jetzt seinen Kampf für Wagners Kunst in Prag und hob das „Neue Theater" zum Rang einer europäischen Bühne Seither gastierten nicht nur wie in Angelo Neumanns berühmt gewordenen Prager Maifestspielen einzelne Größen der Opern- oder Schauspielbühnen Deutschlands oder ganze Ensemble wie die ersten Besetzungen der Berliner und Dresdner Bühne in der Moldaustadt, auch vmgl>kehrt nahmen zahlreiche anerkannte Bühnenkünstler wie Jaro Pro'-aska. Maria Müller u. a. von Prag her ihren Weg in das Re' .
Erst mit dem unglücklichen Kriegsausgang und der Entstehung des tscheckio-slowakischen Staates wurde die Lage des deutschen Theaters in Prao schwierig, die Bewegungsfreiheit eingeengt. Dennoch kämpft die Prager Bühne als Vorposten deutscher Kultur zäh für ihre künstlerische Aufgabe. Mit der deutschen Hochschule, mit den verschiedenen kleineren deutschen Kulturinstituten zusammen bildet sie ein Zentrum deutschen Gemeinschaftslebens der Moldaustadt und des weiteren Böhm-ns bis zu den deutschen Randgebieten der Sudetenländer. Aus di - - die deutsche Kultur verteidigenden Haltung erneuert sich seine eigene Widerstandskraft, bestätigt sich seine künstlerische und völkische Sendung
Verschollene Schiffe.
Bon Hans B. Wagenseil.
Wenn alle die aus den Weltmeeren verschollenen Schiffe der letzten dreißig Jahre auf einmal in den Hamburger Hafen einliefen, lägen sie in dreifacher Reihe an jedem Kai. Die Schiffe, die heutzutage verschwinden, sind weder groß noch bedeutend, sie befördern keine Passagiere. Es sind gewöhnlich kleine Frachtdampser, die niemand beachtet, rußige kleine Kerlchen mit ihren Schornsteinen achtern, ihrer übers ganze Decke reichenden Luke und ein paar Mann als Besatzung.
Bon dieser Art war die „Nunningham", die im April 1924 von Swansea nach Frankreich auslief und seitdem nie wieder gesehen wurde. Es war eine kurze Reise. Sie hätte während der ganzen Fahrt in Sichtweite anderer Schiffe sein müsfen. Und doch stach sie in See und ward verschluckt, mit samt ihrer Besatzung von vierzehn Mann, und nicht so viel wie der Splitter einer Planke kam je wieder an Land. Solcherart war auch der Newcastler Dampfer „Eiston", der Grimsby mit dem Ziel Dänemark verließ und mit Mann und Maus verloren ging. Kurz danach wurde ein halb erfrorener Mann in einem Rettungsboot van einer Jütländer Fischermannschaft aufgefischt. Der Fischerkutter nahm das Boot mit dem Bewußtlosen ins Schlepptau, aber die Wasser spülten den Körper über Bord, und der Name des Bootes war ausgewaschen. Niemand wird je wissen, von welcheill Schiff dieses Boot stammte, noch wer der Mann war.
Im Mai 1931 begab sich der Dampfer „Calder" aus Fahrt über die Nordsee. Nichts ward mehr von ihm gehört. Nichts trieb an, uni sein Schicksal zu verraten. Er machte eine kurze Reise auf dem befahrensten Meer der Welt. Er war ein ganz neues Schiff, fest gebaut und seetüchtig. Er verschwand spurlos für immer.
Dann war da die „Aurora", ein Expeditionskutter, der für antarktische Forschungszwecke gedient hatte und auf einer Handelsfahrt verscholl. Kein Mensch weih, wie das zuging. Ursprünglich als Segler und
Walfischfänger für die arktischen Regionen gebaut, überstand die , Aurora" viele Jahre harter Arbeit im hohen Norden. Dann wurde sie dazu ausersehen, an Shackletons antarktischer Expedition teilzunehmen. Später befuhr sie die südliche Polarzone unter dem Forscher F i l ch n e r. Danach waren die Expeditionstage der „Aurora" beendet. Sie nahm in Newcastle (Neusüdwales) eine Kohlenladung nach der Westküste von Südamerika aus. Der Lotse brachte sie auf hohe See; sie blähte ihre Segel unter günstigem Wind und strich ab — ein Bild, das die Seemannsherzen höher schlagen ließ. Das war vor fünfzehn Jahren. Niemand hat sie seitdem wiedergesehen. Sie war sehr klein für die Fahrt aus hoher See; aber sie war tüchtig und eben erst sorgfältig überholt worden Bier Wochen lang nach ihrer Abfahrt war das Wetter andauernd günstig. Sie hatte zahllose gewagtere Reisen gemacht. Dennoch ereilte sie ihr Schicksal auf einer gewöhnlichen Handelsfahrt, die so gefahrlos schien wie eine Ueberfahrt von Bremen nach Helgoland.
Mancher dieser verschwundenen Schiffe sind von der Unbill des Wetters besiegt worden. Bor Kap Horn in wochenlang währenden Sturmen kreuzend, gerüttelt von wütenden Wassern und heulendem Wind, kam irgend eine große Sturzsee und fegte sie kahl, zerschmetterte Deckhaus und Planken. Sie sausten mit einem Wellenkamm hinunter und anken wie Steine, wahrend die Mannschaft drunten in ihren Hängematten schlief. Nichts kann übrig bleiben von einem Schiff, das solcherart wegsackt. Es gibt nichts, was nicht fest angeschraubt wäre an Deck eines Seglers, der Kap Horn umschifft. Sehr häufig werden selbst die Rettungsboot unten vertäut, um nicht von überkommenden Sturzseen mitgerissen zu werden. Wer fragt danach? Jedermann weih, daß fie bet einem solchen Seegang nutzlos sind. Es bleibt keine Zeit, um auf einem untergehenden Segelschiff Boote auszusetzen. Es gab Fälle, in denen große Dampfer, die Stunden brauchten, ehe fie sanken, ihre Rettungsboote nicht ausgesetzt haben. .
Die Luken sind des Schiffes verwundbarster Punkt. Auf manchen Schiffen wendet man ganze Tage daran, sie zu kalfatern, sie abzudichten und Wellenbrecher über ihnen zu errichten, besonders auf den Kap- Horn-Schiffen. Selbst dann schießen die Wellen gewöhnlich über und dringen durch das Wachstuch und die Verdichtungen.
Das Eis fraß andere Schiffe. Kap Horn gehört noch zur Treibeis- zone. Eis läßt einem keine Möglichkeit. Man kann es nicht sehen. Man muß tausende von Meilen innerhalb der Treibzone fahren und auf sein Glück bauen. Ist es gegen einen, so ist man geliefert. Segelschiffe sind nicht mit Suchern ausgerüstet, um nach Eisbergen Ausschau zu halten. Viele von ihnen haben überhaupt kein Licht. Sie segeln einfach drauf los und bauen auf ihren guten Stern, der sie manchmal im Stich laßt.
Das größte Geheimnis des Meeres der letzten Jahre ist zweifellos das Schicksal der dänischen Fünfmastbark „Kopenhagen", des reichlichst ausgerüsteten Segelschiffes der Welt, das mit einem Dieselmotor gegen Flauten und Windstillen versehen war. Sie führte an die sechzig Kadetten an Bord, aus den besten dänischen Familien ausgewählt, und einen Kern gejchulter Mannschaft. ™ „
Die „Kopenhagen" ging von Montevideo mit Zielhafen Melbourne, Australien, am 15. Dezember 1928 unter Segel. Sie wurde von einem deutschen Dampfer ein paar Tagereisen vom Rio de la Plata entfernt gesichtet. Bon da ab wurde nichts mehr von ihr gehört. Sie gab keinerlei Signale, obwohl sie mit Radio ausgerüstet war. Sie wurde als verlustig gemeldet, die Versicherung zahlte, und der Vorhang fiel. Die Monate verstrichen, und nichts ereignete sich. Dann, eines Tages, em Jahr danach, berichtete eine der Missionsstationen auf dem einsamen Eiland von Tristan da Cunha, daß sie am 21. Januar 1929 em wrackes Segelschiff, offenbar fünfmastig, an der Insel habe vorbeitreiben sehen, mit nur noch einem Fetzen Segel, sinkendem Heck und offenbar unbemannt, Konnte das die „Kopenhagen" gewesen sein? Die Zeitangabe stimmte. Tristan da Cunha lag mehr oder weniger in ihrem Kurs
„Es gibt keinen Zweifel betreff des Schiffes, das mir sahen , schrieb einer der Missionare. „Es hatte fünf Masten: aber der Vordermast war gebrochen, die nackten Spieren ragten gen Himmel. Ein weißer Streifen um den Schiffsrumpf war das am meisten ins Auge fallende Merkmal. Die See war zu rauh für unsere Boote, die aus Segeltuch gebaut sind, so konnten wir es nur langsam vorbeiziehen sehen und wie es zwischen den Klippen an der Westseite der Insel verschwand. Es war ungefähr eine Viertelstunde vom Strand entfernt, als wir es zuletzt sahen. Ich glaube, es muß ihm nahezu unmöglich gewesen fein, wieder zwischen den Klippen herauszukommen. Verschiedene Dinge sind seitdem an Land gespült worden — so z. B. Kisten und ein Book mit flachem Boden. Viele Fragen bleiben offen: Warum setzte das Schiff nicht aus gut Glück ein Rettungsboot aus? War seine gesamte Besatzung tot oder war es aufgegeben worden, ehe es zu uns kam?"
Später erfuhr man von dem Zimmermann auf der finnischen Bier- mafterbart „Ponape", daß sie in Sichtweite von Tristan da Cunha an eben dem Tage vorübergefahren waren, den der Missionar erwähnt. Macht das den Bericht des Missionars zunichte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ein Laie könnte sich in der Zahl der Masten eines Seglers irren. Die „Ponape" hatte vier Segel gesetzt: sie hatte den Anstrich der „Kopenhagen". Aber sie kam nie dem Strand von Tristan da Cunha so nahe. Trieb vielleicht ein anderes Wrack an ausgerechnet dem gleichen Tage an der Jnfel vorbei? War die „Kopenhagen" von Tristan da Cunha aus gesichtet worden, in aller Hast, nach einem Zusammenstoß mit dem Eise vielleicht, was den gebrochenen Mast und das sinkende Heck erklären würde. Und bann: es fehlten die Rettungsboote ...
Es ist eine seltsame Sache, ^daß ein seetüchtiges, wohlbemannte. Schiff so auf einer einfachen Reise verschwinden soll, so spurlos, daß fein Schicksal sich nie sollte klären lasten. Und doch geschah das mit hundert und mehr Schissen während der letzten fünfzehn Jahre. Was wuroe aus all diesen Schiffen? Nie trieb irgendwelche Flaschenpost an Lano, niemand entkam. Sie könnten alle eine neue Welt, eine 2lt(antis eni- deckt haben und dort geblieben fein, fo spurlos sind sie verschwunden.
Berantwortlick: Dr. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag: Brühlsche UniversitätSdruckerei R.Lange. Wietzen.


