Oie kleine Passion.
Bon Gottfried Keller. *
Der sonnige Duft, Septemberluft, Sie wehten ein Mücklein mir aufs Bu Das suchte sich die Ruhegruft Und fern vom Wald sein Leichentuch. Vier Flügelein von Seiden sein Trug's auf dem Rücken zart, Drin man im Regenbogenschein Spielendes Licht gewahrt!
Hellgrün das schlanke Leibchen war, Hellgrün der Füßchen dreifach Paar, Und auf dem Köpfchen wundersam Sah ein Federbüschchen stramm; Die Aeuglein wie ein goldnes Erz Glänzten mir in das tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen Hott' sich zu Gruft und Leichentuch Das glänzende Papier erlesen. Darin ich las ein dichterliches Buch; So ließ den Band ich aufgeschlagen Und sah erstaunt dem Sterben zu, Wie langsam, langsam ohne Klagen Das Tierlein kam zu seiner Ruh. Drei Tage ging es müd' und mott Umher auf dem Papiere;
Die Flügelein von Seide fein. Sie glänzeten alle viere. Am vierten Tage stand es still Gerade auf dem Wörtlein „will"! Gar tapfer stcmd's auf selbem Raum, Hob se ein Füßchen wie im Traum; Am fünften Tage legt' es sich, Doch noch am sechsten regt' es sich; Am siebten endlich siegt' der Tod, Da war zu Ende feine Not.
Nun ruht im Buch fein leicht Gebein Mög' uns fein Frieden eigen feinl
Oie Katalaumfche Schlacht.
Don Heinrich Zillich.
Der Im Albert Langen/Georg Müller Verlag in München erschienenen Erzählung „Attilas Ende" von Heinrich Zillich, einem eindrucksvollen Bilde vom Glanz und Untergang des gewaltigen Hunnenkönigs, entnehmen wir den folgenden Auszug:
Die hunnische Reiterei stand unter dem Befehl Attilas den Alanen gegenüber, um sie auf einen Schlag zu überrennen und sich in die »flanke der Westgoten zu bohren, unterstützt von den Ostgoten und Ge- piden, die Theoderich von vorne anzugreifen hatten. Den rechten Flügel Attilas bildeten, vor den Augen des Aetius, unter Theodemirs Führung die orientalischen und germanischen Gefolgsstämme, fo daß sich hier die Rassen der halben Welt versammelten.
Im ersten Strahl der Sonne war Attila zum Angriff übergegangen. Das gegnerische Heer, unruhig gemacht durch die lärmenden Vorbereitungen, die es durch den Rebel aus dem Hunnenlager vernommen hatte, erwartete ihn nicht, es setzte auch vorwärts. Einen Augenblick lang waren die beiden Fronten sichtbar wie zwei Mauern, die weit in i>en Horizont verliefen und sich rasend vor Wildheit näherten, dann löste iKr Staub den Rebel ab und verhüllte den Anprall der Reiterei, die ich als erste ineinander verbiß. Der einzelne sah nichts als tausend- älttge Schemen, die im weißlichen, trockenen Dunst plötzlich wie ver- mnkelte Riesen auftauchten und zuhieben.
Die Reiterei Attilas hatte die Alanen überritten, ohne sich ihres Er- lolges, gänzlich bewußt zu werden, und schlug, nach Süden schwenkend, >n die härteren Westgoten ein. Hier versagten die Pferde. Die steile Löschung der Hügelkette, die Theoderich besetzt hatte, trieb die Hunnen rus den Sätteln. Sie warfen sich zu Boden, krochen zwischen den Steinen Nir Höhe, ihre Bogen surrten vom Abschuß der Pfeile. Verschmutzt von Echweiß, Staub und Speichel, grinsten ihre Gesichter über die Erdwellen impor und verzerrten sich vor Wut, als sie nicht höher kamen.
Attila suchte den rechten Flügel auf. Die Mitte lag leer von Strei« l;rn, doch angefüllt mit Toten und dem Jammer der Verletzten. San- iiban, hieß es, sei gefallen; auch Totila, das Burgunderkind, war beim trften Zusammenprall aus dem Sattel gehauen worden. Der König der Hunnen fühlte fein Werk gelingen. Wie er es gewollt, war das feind- >che Heer entzweigespalten und zwei Drittel des seinen über die West- joten gestürzt. Als er nach heftigem Ritt die Gefolgstämme Mittelger- naniens erreicht hatte, jagten sie ihm fliehend entgegen. Vor den Blöcken ter Legionen war Theodemir geblieben. Er hatte sich mitten in sie bin- «ingeworfen; da stachen ihn die kurzen Schwerter der Römer aus dem Sattel. Ouaden bargen den Leichnam; und das langsame unaufhaltsame Vorbringen der Kohorten, umwirbelt vom bunten Geflatter orienta- Äscher Truppen, bohrte sich tiefer in den führungslosen Flügel. Thoris- Kund und Aetius schlugen nebeneinander. Ihre Schwerter von un= Welcher Sänge blitzten zu gleicher Zeit empor und nieder. Es schien, os sollte das Hunnenlager, dessen erhobene Umrisse aus dem Staube her und dort aufragten, in ihre Hand fallen. Die Akatzieren, Möfler und Mythen waren schon gewichen und bargen sich hinter dem Troß, nur ->e Ouaden widerstanden der Ueberzahl. Attila peitschte die noch Kämp- flnden vorwärts. Sie bogen die Front der Römer etwas zurück und Dankten nicht mehr, als die geflohenen Stämme, von Dnegefios aus 'Wen Schlupfwinkeln getrieben, wieder in die Schlacht eingriffen. Des
Königs Antlitz riß die Ermüdeten wie ein furchtbares Gespenst gegen die Römer, und diese erstarrten, da vor ihnen plötzlich der Hunne sichtbar wurde, zu Roß, das Haupthaar geöffnet uni) wie eine Fahne vom Kopfe wehend, in der Rechten das sagenhafte Schwert, während die Linke die Geißel schwang.
Indessen sochten hier auf römischer Seite noch immer Aetius und Thorismund. Sie sahen den Hunnenkönig im Strudel des Kampfes, vermeinten, daß mit ihm feine Hauptmacht gegen sie stritte, und boten alle Kraft auf zu widerstehen. Dies gelang ihnen bis zum Nachmittag, als sie Unglücksnachrichten vom Flügel des greifen Theoderich erhielten. Der Westgotenprinz zog hierauf feine germanischen Hilfsvölker rasch aus dem Gewühl, befahl auch den Orientalen zu folgen, während Aetius mit den Legionen Schritt für Schritt zurllckwich.
Attila an der Spitze der musischen Reiter raste Thorismund nach, den er bald erreichte. Ein Haufen jagender Menschen, zu Fuß, zu Pferd, hinter ihnen in neuen Ballen Germanen und Legionen, wälzte sich den Hügelkettten entgegen, auf denen die Westgoten die Leiche ihres Königs verteidigten. Ihre erhöhte Stellung hatte sie vor dem Andrängen der Uebermacht stundenlang geschützt, doch Theoderich mußte einem gepi- di sch en Pfeilschuß erliegen, und als die ragende, weithin sichtbare Gestalt zusammengebrochen war, hatten Walamir und Ardarich wilder zum Sturm gerufen. Es schien den Westgoten unmöglich zu siegen, aber sie starben lieber, als daß sie die Leiche ihres Königs verließen. Da Iahen sie aufjubelnd das ungeheuere Bündel kämpfender Leiber heran« rollen. Brausend verwuchsen beide Teile der Schlacht,
Die Sonne lag nahe am Horizont, doch die Schlacht schien erst jetzt zu beginnen und die Taten des Tages nur ihre Einleitung gewesen zu fein. Ununterbrochen drehte sich eine Wolke von der Ausdehnung eines Tagesmarsches aus dem Gewirr der Kämpsenden und stieg wie ein Rie- fenbaum aus Staub in heftiger Bewegung zum Himmel auf. Die Völker, die sich hier schlugen, waren ihrer Führung verlustig gegangen. Wahllos vermengt hieb jeder auf den ein, den er für feindlich hielt, nur dort, wo Attila auftauchte, erkannten sich alle; die ihm Untergebenen schrien seinen Namen, und die anderen liefen davon. So bildete sich aus dem Wirrwarr als einzige Unterscheidung für Freund und Feind der Schlachtenruf. Unter dem Gebrüll „Attila" und dem Gegenschrei „Thorismund" und „Aetius" fanden sich kleine Gruppen zusammen, bemüht, sofern sie den hunnischen Scharen angehörten, die noch halbwegs zusammengeschlossenen Ostgoten und Gepiden zu erreichen. Wer abseits war, kämpfte mit seinem Nachbarn, trat aus die Leichname der Gefällten und suchte ein Entkommen, so gut es ging. Noch flirrte das Anschlägen der Schwerter wie aus Millionen Schmieden, noch stiegen die Schreie der Gemarterten auf zu den Rudeln der Raben, die hoch oben in der Luft wie schwarze Fahnen des Todes hin und her wehten und sich selbst als Sieger des Tages freudig bekrächzten — aber die Wut zerbrach plötzlich vor der Dunkelheit, ein Grauen, das alle angesichts der Ziellosigkeit ihres Tuns befiel, ließ die Gegner entsetzt vor einander fliehen.
Die Hunnen liefen ihrem Lager zu, die Westgoten verschanzten sich eilig auf den Hügeln, vermischt mit Legionären und den Resten der Alanen. Der Feldruf schied die Kämpfenden, zog die Verirrten an sich heran, nun da der Schlachtlärm verstummt war vor dem Rufen der Führer und dem Flügelschlagen der großen Vögel, auf denen die Nacht heranbrauste. Doch in der Luft schien es zu widerhallen von fernem Geschrei. Man wußte nicht, schlug sich noch in einem Teil der Ebene ein Haufen, oder kämpfte es in den Wolken, welche die Sterne verhüllten. Die Geretteten horchten, und von Mund zu Mund ging in der Finsternis Geraun, die Geister der Erschlagenen stritten hoch oben miteinander weiter ...
Das Deutsche Theater in Prag.
Von Rudolf Adrian Dietrich.
Wenn man an einem schönen Abend an der Treppe des Hradschin steht und den Blick über den Mdldaufluß, die Brücken und Lichter Prags schweifen läßt, überkommt einen ein zwiespältiges Gefühl. Wehmütig betrachtet man sich die alte Staat, die mit allen Mitteln die junge Hauptstadt des durch merkwürdige Nachkriegsumstände entstandenen tschechoslowakischen Staates repräsentieren will. Zwischen den alten, größtenteils von deutschen Baumeistern geschaffenen ehrwürdigen Barockbauten stehen die weißen „modernen" Hochhausbauten. Dann entsinnt man sich, daß dieses neue Staatsgebilde in seinem Namen zwar die Nationen der Tschechen und der Slowaken zu einem Begriff zu verknüpfen versucht, aber den Namen der Nation, die die Trägerin der Schönheit und der alten Kultur Prags und Böhmens war, der deutschen, verleugnet.
Wenn unter der heutigen Regierung auch die von Karl IV. gegründete, 1882 in eine deutsche und eine tschechische Hälfte geteilte Universität völlig der tschechischen Nation übereignet wurde — es gibt in Prag offiziell keine deutsche Universität mehr, sondern nur eine deutsche Hochschule — so kann damit zwar äußerlich die Bedeutung des Deutschtums in den Schatten der tschechischen Vormachtstellung gebracht werden; ausgeschaltet werden kann es niemals, wenn die Quellen nicht versiegen sollen, aus denen Prags Geistesleben feine tiefsten Kräfte erhält. Das deutsche Theater in Prag bildet das Gegenstück.
Man muß einmal wieder die alte dreibändige Geschichte des Prager Theaters von Oscar Teuber zur Hand nehmen und die verschiedenen Kapitel durchblätem, in denen „die unvergänglichen Triumphe deutscher Kunst in Böhmen, der mächtige durch Jahrhunderte wirkende Einfluß der deutschen Bühnenkunst auf die Hauptstadt des Landes Böhmen" dargestellt werden. Man wird sich mit dem Verfasser einig wissen, wenn er schreibt: „Ich will keineswegs den Ernst, die Konsequenz und den Erfolg des Strebens der tschechischen Nation verkennen, auf der Basis deutscher Kunst und deutschen Bühnenwesens das Gebäude ihrer eigenen nationalen Bühne aufzurichten", doch „bleibt das tschechische Theater in Prag ein Tochterinstitut des deutschen und hat keine llcfache, diese Abstammung zu verleugnen."


