JU Christine öffnete die Augen jetzt ganz Sie Meine dmikel- haarige firau vor ihr stehen, die sich zu ihr niederbeugte. .Christine sok» in warme braune Augen. „Es ist wirklich mcht leicht, gnablge firau , sagte sie. ,Lch bin nämlich ein furchtbares Schaf. Ich wollte über dl« Elbe schwimmen, und es geht ja gar nicht.
Die Frau lächelte: .Nein, es geht ja gar nicht. Wollen Sie In die ^°'Chrsitine"fchMelte den Kopf und sah nach dem Ufer, das rasch glitt. „Ich danke Ihnen, gnädige firau. Ich l)abe nur eine große Bitte. Wir muffen jeden Augenblick zu dem Gut meines Onkels kommen: da am Ufer liegen meine Kleider, und da ist die Stute Hirnmelbreck angepflockt. Fahren Si« mich doch in die Nähe, bitte! Die letzten zwanzig^ Meter kann man ja wohl leicht schwimmen. Ich wäre Ihnen so dankbar.
„Wie heißen Sie denn, kleines Fräulein? fragte die Dame.
,5ich bin Christine von Rucktasch."
Die Frau streichelte über das nasse Haar: „Aber Kindchen, paßt denn niemand auf Sie auf? Wie ist das möglich, daß Sie hier in der Elbe.
„Sie passen schon auf mich auf, sie paffen viel »uviel auf mich auf, sagte Christine. „Aber ich wollte probieren, ob man über die Elbe schwim men kann. Ich hatte mir etwas dabei gedacht."
„Kinder", ries die junge Frau, ,fhi^habt wirklich einen I«ltsam«nl Fisch gefangen! Hier sitzt Fräulein von Rucktasch! Sie sind doch die Enkelink M $ 3d) b in * ’bi e^ff ntdi nj ”*0, ich bin die Enkelin", sagte Christine, „und dort' ist der Saum, dort muß ich hin," Sie sprang aus, es sah aus o s ob sie jeden Augenblick den Mantel abwerfen wollte, um sich wieder in 6'e Zob!^ri«f"di" junge Frau. „Job, dreh das Steuer, Haltebort auf die Wiese zu, Fräulein von Rucktasch beabsichtigt, auszusteigen.
Der junge Mann, der sie aus dem Wasser gezogen Hatte, kam naher.
„Das ist mein Bruder Heinrich Merooen. Er baut Schisse und ist sonst ein Nichtsnutz. Mein Mann steht am Steuer."
Merooen blieb jetzt ernst: „Wissen Sie schon, Fräulein von Rucktasch , sagte er, „daß es Krieg gibt? Weil es Krieg gibt, sind wir umgekehrt, und weil wir umgekehrt sind, haben wir Sie gerettet.
Ich war gerettet", sagte Christine. „Allerdings vor dem dreckigen Ewerhaben Sie mich gerettet. Ich danke Ihnen" Sie streckte ihm die Hand hin. „Nun gibt es Krieg", sagte sie, „und ich muß zu Hause .bleiben!
Das User kam näher. Ganz bunfelblaues Abendlicht lag über den Wiesen. Die Kühe brüllten, es war ihre Zeit, da sie gemolken werden sollten. Jetzt waren es noch fünfzig Meter bis zum Ufer.
Christine warf den Mantel ab, drückte der fremden firau die Hand: „Ich danke Ihnen, Sie waren sehr gut." Sie lächelte den jungen Mann an: „Geben Sie wohl, mein Retter! Sie haben es gut. Sie dürfen in
Der junge Herr versuchte, ihre Hand zu halten: „Wird man Sie nicht Wiedersehen, firäulein von Rucktasch?" n s.
Sie sind doch im Krieg, und ich bin bei Papa! Wo sind Sie im Krieg?" Sie stand schon dicht am Rande des Bootes.
.Ich bin bei der kaiserlichen Marine. Wo, darf ich nicht sagen. Christine spannte den Körper: „Geben Sie wohl, schießen Sie gut!
Sie war schon wieder im Wasser. Das war jetzt gelb und schmutzig und hatte sein Gold verloren. Sie merkte aus einmal, wie müde sie wari hundemüde. Mühsam schwamm sie ans Ufer, kletterte durch den Schlick und ging mit langsamen, kleinen Schritten über das fette, schwere öras.
Die Schimmelstute Himmeldreck sah ihr entgegen. Neben ihr aber stand schon ein Knecht vom Gut.
Christine fror, obwohl der Sommerabend warm über das vano atmete. „Hat Onkel Sie geschickt?" fragte sie ,
„Ja, Fräulein," Unvermittelt fetzte der Knecht hinzu: „Et giot so nu wohl Krieg."
' (Fortsetzung folot.1
d^Es ’joU nicht so kommen! Sie warf sich resigniert auf den Rücken. Sie muh erst die Müdigkeit überwinden. Bielleicht kam ein Schiff.
Da zog wirklich eine Jacht heran, eine wunderschön« Hamburger Jacht. Sie tief. Wie klein war ihre Stimme und wie stark war die Elbe. Ach, die Jacht war vielleicht hundert Meter entfernt, aber die Kerls dort, die unterhielten sich wahrscheinlich. Da stand auch eine Dame in weihen Hosen am Bug, aber dies Kamel sah nichts, während man hier eiend °Cr Der Pfarrer fiel ihr ein. Es war fo lange her, fo schrecklich lange her, da hatte er mit ihr gesprochen: Wer nicht glaubet, der isset sich selber ^3®Vab^gegtaubt, lieber Gott! Ich habe doch geglaubt, hilf mir doch! Ich bin so kindisch und schlecht, ich will besser werden!
Die Jacht glitt weiter dem Meere zu. Nun sah man in der Ferne einen weißen Dunst. Sie roarf sich wieder herum. Nun waren schon kleine Wellen um sie her. Es geht ja so rasend schnell, dachte sie. Ich will auch nicht mehr Krankenschwester werden, ich gebe alles aus! Ich will versuchen, wie die anderen zu sein! Du hast es mir doch gegeben, Gott, nun laß es mich doch leben!
Kamps war zwecklos, das merkte sie. Sie glitt wieder auf den Rucken. Immer schneller ging es nun stromab. Da, plötzlich stand in der goldigen Helle eine schwarze Wand, keine zehn Meter vor ihr. Die Wand kam näher. Bon der Wand hing eine alte, rostige Kette.
Mein Gott, laß mich auf die Kette treiben! Sie blieb auf dem Rücken liegen, sie versuchte zu lenken, ach, die filut lenkte sie. Da war die Kette. Sie umarmte sie mit beiden Armen. Gleichzeitig fühlte sie, wie ihr Geib herumgerisfen wurde und die Füße gegen die glitschige, von Muscheln überzogene Ewerwand schlugen. , . „. ..
Christine hing an der rostigen Kette. Sie sah sich um. Nun waren öie Dampfer wiener da, fU hörte das dumpfe Tuten. Sie sah die Barkassen, die fortwährend „Bahn frei" riefen. Der Strom war laut, das Wasser gluckste hart und herrisch an die schwarze Wand vor ihr. Es war em Gärmcn und Dröhnen in der Gust. Sie hob ihre kleine Stimme. Sie schrie mit aller Kraft. War denn niemand auf diesem Ewer, der sich hier im Strom verankert hatte? Sie wagte nicht, loszulassen, um aus die andere Seite des Ewers zu kommen: sie wußte, sie wärt von den glitschigen Wänden sofort abgeglitten.
Sic hielt krampfhaft die Kette, sie schrie mit aller Kraft. Da beugte sich ein Männerkops über die Reling, jemand schrie herunter: „Wer ist denn da an?" Dann lachte jemand. Das war eine Gemeinheit.
Aber wenn man eben ganz allein war mit dem Tod, dann läßt man nicht los, selbst dann nicht, wenn da oben ein gräßlicher Kerl steht, der l0rfSie schrie hinaus: „Wollen Sie mir eigentlich helfen?"
„Tscha", sagte der Mann, ,chat möt wi woll dun!"
eben, wischte mit einem Taschentuch das Salzwa, er vom we|.cy,, u,.„ dann fühlte sie einen weichen Mantel um die Schultern.
„Was machen Sie für Sachen, Kind?" jagte die Frauenstimme. Christine wurde zurückgeschoben blinzelte em wenig und faß in dnem tiefen Korbstuhl Sie hörte die Frauenstimme sagen: „Gdjert euch jetzt hier fort ihr beiden!" Es ist kein Spaß, hier in der Strömung abgetrieben
schnellen Jacht, die braunen Segel der Ewer glitten wie ein Zug von I freDbern'Älitta?(ant" Nun wurde der Himmel ganz schnell bunteirot in der Ferne war tiefes Kobaltblau dareingemischt. Die Elbe war wie mit Goldhauch Überzogen. Sie glühte golden, und jedes Schiss z g '°"^hnstine"Ezo?d^Reitstiesel und die knappen Reithosen aus und lief im Bad'änzug ^>ie paar hundert Meter bis zum Ufer Das hatte sie gewollt in dieses abendliche Gold tauchen, wahrend drüben auf der Han noverschen Seite die Strohgiebel über den Deich glanzten und aus de oberen Fenstern der alten Häuser ein purpurner Schein brach.
Sie schritt über das letzte Stückchen fetten Grases, «Swang sich mit ein paar langen Sprüngen über den unangenehmen weichen Grund und " l sich in das goldene Wasser. Das war leicht und trug unmerkl.ch in her breiten ruhigen Strömung vorwärts. Drüben über dem hohen Deich glänzten bie Strohgiebel. Christine dachte: Ich will mir em Zeichen fteUen. ®s geht ja viel leichter, als sie sagen. Es geht ja immer leichter, als sie sagen man muh es nur versuchen! Es kann nicht so schlimm jein, über die Elbe zu schwimmen! Wahrscheinlich kommt man auch zuruck. Schließlich bekommt man drüben auch ein Boot. Wenn es mir gehngt, herüberzukommen, und ich komme herüber, dann werde ich auch Schwe Her sein dürfen und in den Krieg können, und Vater wird mich nicht einsperren während draußen das Gröhe geschieht! Ich werde den verfluchten Lehrer nicht mehr sehen, der Deutsch gibt, und den Schulhof nicht, ach. ich will alles tun, damit ich herauskomme!
Sie schwamm mit ruhigen, starken Stoßen der Strömung. Das Schwimmen war seltsam leicht. Sie war eine Viertelstunde in diesem goldenen Gicht unterwegs, da hatte fie fast die Mitte erreicht. Run merk e sie plötzlich, wie sie schnell, es schien ihr, immer schneller stromabwärts getrieben wurde. Sie sah über das Wasser, es schien ihr, daß es immer
Du muh' «inen Augenblick ausruhen, dacht« sie, so geht es ja nicht! Denn sie merkte, bah bas andere Ufer immer ferner ruckte. Sie warf sich mit einem kräftigen Schlag auf den Rucken. Da war über ihr dieser rote, herrliche Abendhimmel mit dem tiefen Kobalt dazwifchen, da mar das "ferne Geuchten. Ach, man lebte schon nicht mehr!
Als sie dies dachte, durchsuhr sie ein Schreck ein noch tieferer Schreck als damals in dem Gewirr ber engen Gaffen neben der Spree. Ach, wenn man so weitertrieb, man sah keinen Dampfer ganz fern «m braunes । Segel, ganz fern, wenn man so weitertrieb — hieft Gott, dann kam das Meer. Es war Ebbe. Die Flut strömte mit ungeheurer Gewalt zuruck. Sie warf sich wieder herum und dachte: So steht es! Man muh es aufgeben. Rur zurückkommen. Sie kraulte mit aller Kraft, sie war eine gute Schwimmerin. Sie fetzte die Fähe wie eine rasende Schaufel m Bewegung und stieß die Arme im Krcmlstoh weit nach vorn, sie warf den Körper mit der ganzen Kraft nach vorwärts. Di« Arme schmerzten S,e suhlte eine sremde Mattigkeit im Körper. Aber das Ufer war noch ferner. Run sah sie schon Gichter in der Ferne. Das brennende Rot des Himmels wurde golden. Ach, so kommt es, fo kommt es, wenn man wagt!
Ein Tauende klatschte neben Christine in das Waffer. Der Schrfter Ickrie herunter: „Dat bind dich man um!"
Christine zerrte bas Tau heran, legte es sich um den Leib und versuchte, einen Knoten zu machen. Sie biß di« Zahne zusammen. Es g ng nicht. Jetzt rannen ihr wirklich Tränen über die Wangen.
Da kam wieder ein« ber großen Hamburger Jachten vorbei. Sie hatte ben Motor angestellt und fuhr zurück nach Hamburg.
Christine schrie, fo laut sie konnte, hinüber. Druden nahm man em Fernglas, änderte den Kurs und fuhr auf den alten Ewer zu.
Es ging rasend schnell. Die Jacht stoppte ab Zwei Hande legten sich fest unter die Arme von Chriftine, sie ließ Tau und ^"Eerkette tos, chwebte einen Augenblick in der Höhe des Bordrandes, und banni füllte sie bie Holzkante unter den Füßen stieß selbst em wenig ab und ftanb dann am Heck ber großen Jacht. Schon ging der Motor wieder au, ut.
Vor ihr stand ein junger Mann, ber sie ausgiebig musterte. »Einen hübschen Fisch haben wir ba geangelt!", sagt« «r, „einen hubft'en oifdb
„Mir ist gar nicht zum Lachen", sagte Christine. Sie winkte mit der Hanb zu dem Ewer hinüber, dessen dunkler Umriß s'ch sS»ell entfernte. „Danke auch, Lebensretter!" rief sie mit iljrer beücn Stimm«.
Drüben der Mann zog langsam brummend das Tauende ein.
Christin« schloß die Augen. Sie wollte nicht ohnmächtig werden, aber es war ihr schrecklich, daß sie nun wahrscheinlich wurde Rede und Ant« wort stehen müssen, bah bie|er fremde Mann mit dem unverfchamten Blick sich einbilben würbe, sie gerettet zu haben. .
Da legte sich eine Frauenhand an ihr« Wange, streichelte sie Sn biß - - Taschentuch bas Salzwasser vom Gesicht, und
chen Mantel um bie Schultern.


