Ausgabe 
23.5.1938
 
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Oer Fischer.

Von I. W. von Goethe.

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Ein Fischer sah daran, Sah nach dem Angel ruhevoll. Kühl bis ans Herz hinan.

Und wie er sitzt, und wie er lauscht, Teilt sich die Flut empor;

Aus dem bewegten Wasser rauscht Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: Was lockst du meine Brut Mit Menschenwitz und Menschenlist 'Hinauf in Todesglut?

Ach, wüßtest du, wie's Fischlein ist So wohlig auf dem Grund, Du stiegst.herunter, wie du bist, Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht, 9 Der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht Nicht doppelt schöner her?

Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtoerklärte Blau?

Lockt dich dein eigen Angesicht

Nicht her in ew'gen Tau?"

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Netzt ihm den nackten Fuß;

Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll Wie bei der Liebsten Gruß.

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;

Da war's um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin Und ward nicht mehr gesehn.

Karnickel, Dingos, Emus-...

. Ein Bericht aus Australien von Heinrich Hauser.

Honig, von der kleinen stachellosen australischen Biene geerntet, war von jeher eine Lieblingsnahrung der eingeborenen Australneger. Man stelle sich die Ueberraschung solcher Jäger vor, wenn sie nach Vätersitte mit ihren Steinbeilen an so einem honiggefüllten hohlen Baum herum­klopften und nun plötzlich von einem wütenden Schwarm gestachelter, wehrhafter Bienen überfallen wurden. Eine unangenehme Ueberraschung muß das gewesen sein.

Was war geschehen?

Die weißen Siedler hatten aus Europa einige Bienenstöcke mit­gebracht, die hatten sich vermehrt, einige Schwärme gerieten in die Wildnis, schlugen ihr Heim in hohlen Bäumen auf. Das australische Klima, die australischen Blüten sagten ihnen zu, und so kam es, daß die europäische Biene in den achtziger und neunziger Jahren von Süden nach Norden durch den ganzen Kontinent vordrang bis zum Golf von Carpentaria, und dann westlich sich über das ganze Land verbreitete.

Das ist nur eins von den vielen Beispielen, wie der Europäer mit seinen Tieren und seinen Pflanzen den Haushalt der australischen Natur in Unordnung brachte.

Die Schuld des Herrn Robertson.

Wer von austtalischen Schädlingen spricht, der denkt natürlich zuerst an das unwidechtehliche Karnickel. Ein Herr John Robertson, Bewohner von Victoria, verklagte einen Mitbürger, weil der ihm mutwilligerweise über den Gartenzaun hinweg zwei Karnickel erschossen hatte, diese hübsche, lebendige Erinnerung an die alte Heimat. Der Angeklagte wurde denn auch zu zehn Pfund Strafe verurteilt. ~

Ein Jahr darauf legte ein Brand den Zaun von John Robertsons Karnickelgehege nieder, ein Umstand, den die Karnickel flink dazu benutz­ten, um "sich zu verflüchtigen. Wiederum einige Jahre später kehrte die verschollene Karnickelfamilie zu John Robertson zurück aber nicht allein; sie hatte inzwischen einige Zehntausend Nachkommen gezeugt. John Robertson, der grimmig vor Gericht zehn Pfund gefordert hatte als Ersatz für zwei weggeschossene Karnickel, bezahlte nun fünftausend Pfund an Prämien für Leute, die es unternahmen, ihm Karnickel weg­zuschießen. . .

Sie fraßen dem Weidenvieh das Futter weg. Sie unterminieren Elsen- bahndämme und kostbare Stauwerke. In ihren Löchern brachen Pferbe und Rinder sich die Beine. Es mochten die verheerendsten Dürren kom­men und die Ränder der vertrockneten Wasserlöcher mochten von Tausenden und aber Tausenden von Karnickelgerippcn umkränzt sein die geradezu unanständige Fruchtbarkeit des Geschöpfes, vermehrt noch durch das milde Klima, überholte all? Verluste im Kampf mit der Natur und mit den Menschen.

Wettlau szwischen Regierung und Karnickel.

Den phantastischen Kampf gegen das Karnickel unternahm die Re­gierung von Westaustralien vor ungefähr zehn Jahren. Die Geschichte klingt wie von Münchhausen erzählt oder wie ein Stteich der Burger von Schilda, aber sie ist vollkommen wahr:

Die Nachricht kam, die Armee der Karnickel habe sich nach Westen in Marsch gesetzt, alles kahl fressend, sogar Baumrinde und trockenes Salz- gesttllpp.

Der Staat Westaustralien baute an seiner Grenze den längsten Kar- aickelzaun der Welt. Er läuft schnurgerade von Nord nach Sud, wo er

im Meer endet, achtzehnhundert Kilometer lang, also etwa wie von Stockholm bis nach Neapel. Schon während des Daus war klar, daß dieser Riesenzaun seinen Zweck völlig verfehlen würde, wenn sich auch nur ein einziges Karnickelpärchen bereits westlich von ihm befände. Und richtig: Während noch die Arbeiter ihre Pfähle einrammten und ihre Drahtnetze spannten, machte die Vorhut der Karnickel fröhlich und neu­gierig hinter ihnen Männchen.

Die Regierung empfand das mit Recht als eine Frechheit, die ein nahezu souveräner Staat sich keinesfalls bieten lassen dürfe, und errichtete ' in aller Eile in hundert Meilen Abstand hinter dem ersten Zaun den zweiten. Es ging auch damit umgekehrt wie bei dem berühmten Wett­lauf zwischen Swinegel und Hasen. Als der zweite Zaun fertig war, richtete sich das Kaninchen aus dem hohen Gras auf und sagte:Ich bin schon da!"

Das Parlament beriet in mehr als einer Sitzung die beiden Riesen« zäune hatten immerhin schon sieben Millionen Mark gekostet, und es entschied sich für eine ArtHindenburg-Stellung" in Gestalt eines dritten Zaunes unter Aufopferung eines neuen Geländestreifens von hundert Meilen Breite an das unsviderstehliche Karnickel.

Dieser dritte Zaun ist heute fertig; zwanzig staatlich angestellte Grenzreiter patrouillieren an ihm entlang, damit auch ja kein Tyr offen­steht, keine Masche zerrissen bleibt. Ja, so reiten sie denn eifrig und pflichtgetreu, bloß daß ab und zu eiij Pferd stolpert: in einem Kar- nickelloch. Und abends tanzen wie zum Hohn ums Lagerfeuer die flinken, grauen Schatten und wenn das unwiderstehliche Karnickel Sprechchöre bilden könnte, so würde es vermutlich rufen:Ich bin schon da!"

Und das ganze Unternehmen mit den drei Zäunen hat die west­australische Regierung bisher zehn Millionen Mark gekostet.

Dingos und Eingeborene.

Füchse, Spatzen, Stare und noch einige andere Tiere gehören eben­falls zu den nahezu biblischen Plagen, die der weiße Mann in Austrülieit sich selber zuzuschreiben hat. Es gibt indessen auch einige einheimische, eingeborene, wie den Dingo, den wilden Hund, und den Riesenvogel Emu, eine Sttaußenart.

Es ist eine Streitfrage, ob der Dingo wirklich ein Ureinwohner Austra« liens ist, oder ob die vor Jahrtausenden eingewanderten Australneger ihn mitgebracht haben. Sicher ist, daß Scharen von zahmen Dingos und Dingo-Haushundmischlingen jedes Australneger-Lager bevölkern. Die Ein- gcborenen-Frauen,Gins" genannt, pflegen junge Hunde zu säugen, uni) auch sonst ist das Verhältnis zwischen Australneger und Dingo-Hund von unvorstellbarer Innigkeit. Es geht soweit, daß es den Eingeborenen mehr schmerzt, wenn seinem Hündchen etwas zustößt, als wenn chn selbst irgendeine Strafe trifft. In manchen Gegenden machen sich die Behörden diesen Umstand zunutze: Wird irgendein Stamm durch fortwährende Dieb­stähle oder Bettelei besonders lästig, so verprügelt man nicht etwa die Stammesoberhäupter, sondern deren Hunde. Das Ergebnis ist sehr viel besser und abschreckender vor neuen Missetaten, als wenn man die Men­schen verprügeln oder einsperren würde.

Der Dingo ist etwa so groß wie ein Schäferhund, gelbbraun mit spitzem Kops und spitzen, aufrechten Ohren. Er ist überaus schlau, jagt meist zu zweit und ist stark genug, ein Kalb zu. reihen und ein Lamm davonzutragen. Bevor die Rinder und die Schafe ins Land kamen, hielt er sich mehr an die Emus und Känguruhs.

Der Siedler vernichtet den Dingo mit allen Mitteln, und wo er . ihn trifft. Die Regierungen fast aller australischen Staaten setzen Prämien auf seine Erlegung aus. Es gibt Hunderte von berufsmäßigen Dingo- Jägern.

Der woylausgerüstet« Dingo- und Känguruhjäger fährt heuzutage im Auto auf die wilde Jagd. Er verfolgt und schießt vom fahrenden Autck aus, läßt die Beute zunächst ruhig liegen und fährt am Abend in seiner eigenen Wagenspur zurück und sammelt auf und häutet ab. Die Prämien schwanken in den einzelnen Staaten beträchtlich und ckuch die Beweise, die der Jäger vorlegen muß, sind verschieden, oder sie waren es wenig­stens: Eine Zeit lang bestand der für den Jäger angenehme Zustand, daß der eine Staat zehn Mark für den Dingo-Skalp zahlte und der Nachbarstaat zwanzig Mark für den Dingoschwanz. Es ergab sich natür­lich ein lebhafter Tauschhandel mit Schwänzen und Skalps zwischen den professionellen Jägern, und jeder Dingo stellte sich insgesamt für den Staat auf dreißig Mark.

Auch beim Dingo kam der Menfch auf die Idee, den Teufel mit Beelzebub zu vertreiben, indem er Wolfshunde zu feiner Vernichtung aus­setzte. Die Wolfshunde jagten in der Tat den Dingo, genau wie man es von ihnen erwartet hatte, nur begnügten sie sich leider nicht damit, son­dern nahmen nebenher auch freundlichere Beziehungen zu ihrem Feinde auf. Es entstand auf diese Weise eine Mischrasse, ein überlegenes Ge- schlecht von Bastarden, stark genug, um selbst einjährige Kälber zu reißen und ganze Schafe fortzuschleppen.

Emus lieben Taschentücher und Weizen.

Als ich zum ersten Male eine stolze Emu-Mutter ihre zwölf Kücken quer über den Weg führen sah, hatte ich durchaus den Eindruck eines glücklichen Familienlebens, und das ist auch so. Der männliche Emu ist ein vorbildlicher Gatte und Vater.

In einer Gegend, in der es von Emus wimmelte, machte ich auch eine Jagd mit; nicht als Jäger, denn schon das Zuschauen war eine herz­brechende Sache, am liebsten wäre ich fortgelaufen. Der Jäger spazierte nämlich ganz gemütlich auf Rufweite an eine äsende Emuherde heran und sagte dann zu mir geroanbt:Haben Sie ein Taschentuch? Sie haben eins? Manchmal ist ein Greenhorn doch zu etwas nützlich: Winken Sie mal damitl" '

Ich kam mir ziemlich blöde vor:Wem soll ich denn winken?

Na, den Emus natürlich!"

Hören Sie mal, ist das ein schlechter °Scherz?"

Bewahre! Winken Sie nur, Sie werden schon sehen Himmel, das ist ja ein ganz weißes Taschentuch! Na, sowas haben die Emus ja noch nicht gesehen, das wird wirken!"