Und es wirkte wirklich: Wie magnetisch angezogen von dem Hellen Lappen kam die ganze Herde mit schaukelndem Sang und wippenden Kopsen neugierig herangetrabt. Der Jäger lieh in aller Ruhe die schönen Tiere auf vierzig Schritt herankommen und richtete dann ein Blutbad unter ihnen an.

Der Emu nährt sich in der Hauptsache von Beeren, er würde also niemals eine Landplage sein, wenn er nicht leider mit seinen starken Beinen und seinem schweren Gewicht die kostbaren Zäune niedertrampeln würde. In Dürrezeiten kommt es allerdings auch vor, daß die Emus scharenweise in die Weizenfelder einfallen.

Ist die Weizenernte bedroht, so jagt der Farmer sie mit Autos; mit Knüppeln schlägt man sie vom Trittbrett des fahrenden Wagens aus nieder, oder man überfährt fie. Kleine Jungen mit Fahrrädern veranstal­ten Emu-Jagden. Man gräbt auch Fallgruben auf ihren Wechseln und vergiftet ihre Tränken. In einem Dürrejahr, als das alles nichts half, forderten westaustralische Farmer militärische Hilfe an. Es entbrannten Emu-Schlachten, bei denen die Soldaten mit Maschinengewehren schossen und wo sogar Flugzeugbomben abgeworfen wurden.

Wer bezahlt die Kriegsschulden?

Ein Farmer erhielt von der Militärverwaltung eine Rechnung über dreihundert Mark für die Munition, die zur Beschießung der Emus ver­braucht worden war. Der setzte sich hin und schrieb der Militärverwaltung einen schönen Bries:Ich bin nicht geneigt, die Kriegsschulden der Emus zu bezahlen. Ich will darauf verzichten, Pacht zu fordern für das Gelände, das ich für den Emü-Krieg zur Verfügung gestellt habe aber ich bitte um Ersatz folgender Kriegskosten:

Verpflegung für die Truppen Seiner Majestät hundert Mark.

Transpork der Truppen Seiner Majestät in meinem Auto neun­zig Mark.

Dank des wohlgenährten Zustands der Truppen Seiner Majestät ist däs Lastauto zusammengebrochen. Die Reparatur kostet dreihundert Mark.

Durch das verspätete Eintreffen der Truppen feiner Majestät auf dem Kriegsschauplatz sind mir Zäune im Wert von neuntausend Mark ver­nichtet worden. -

Gesamtbetrag also neuntausendvierhundertneunzig Mark.

Es ist mir nicht bekannt, ob die-Militärverwaltung diese Rechnung beglichen hat. Was aber den Emu-Krieg betrifft, so siegten zuletzt die Emus: Sie verlegten sich nämlich auf den Nachtkampf und fielen bei Mondschein in die Weizenfelder ein.

Australien zieht wenig Nutzen aus seiner Emu-Bevölkerung, aus­genommen jene Cmufedern, die die leichte Kavallerie auf ihren Hüten trägt. Es ist ein anderes Land, das die gutmütigen, dummen Riesen­vögel gerne in seine Grenzen ziehen möchte. Es ist nicht ohne Humor, daß es ausgerechnet Sowjetrußland-ist, bas die Einfuhr von Emus ernst­haft geplant hat ober noch plant zum Bevölkern ber großen Steppen zwecks:Verbesserung ber Ernährungslage ber Bevölkerung".

Gartenfreude am Morgen.

Von Bruno Brehm.

In ber Früh, um halb fünf, weckt mich bie Sonne. Aber schon eine Weile vorher hat mich ber taute Jubel ber Vögel im welligen, lichten Schlaf bes Morgens erreicht unb fröhlich gemacht. Welch frisch gewasche­ner, taugebabeter Tag vor bem Fenster! Das weite Marschfelb brüben liegt imSonaunebel, aus bem Schlafbunst der Stadt ragt ferne unb zart ganz allein der Stesansturm. lieber den Weinbergen steigen die Lerchen auf, im Garten unter mir schwirren die allerliebsten Rotkehlchen. Die lichten Pappeln an dem^ kleinen Sträßchen stehen wie Kinder auf den Zehen da: uns auch bas erste Licht, uns auch!- Vor ein paar Tagen noch brannten in allen Weingärten die Rauchfeuer vor Tau unb Teig, damit ber Reif bem jungen Wein nicht schabe. Dann ^schmeckte man im Bett schon ben Rauch, bann hatte man in ber Nacht bie Hörner tuten gehört. Die Straße ist nun noch ganz leer, kalb werben bie Arbeiter aus bem Burgenland kommen und im Weinberg ihr mühsames Tun beginnen.

Nun setze ich mich selbst ans Fenster in die Sonne unb lasse mir schöntun. Wie behutsam, wie gütig bie Sonne früh morgens ist, läßt sich gar nicht sagen, man müßte es schnurren können wie ein Kater. Das märe überhaupt jetzt nicht so ohne, eine kleine Morgenpromenabe über die Dächer. Nun blinken ein paar Treibhäuser durch das grüne Laub, durch dieses frische, frühlingsgrüne Laub, und man kann meinen, an einem See zu sein. Das wäre ein See! Mit Blumenstöcken als Algen! Der Treibhaussee, am Rande der Großstädte gelegen, blinkt mit glasigen Wellen und winkt mit eingetopften Blumen.

3br meint wohl alle, bas sei jetzt das Genießen gewesen? Das waren nur -Vorsreuben, es hat noch gar nicht angefangen. Genießen kann man im Grunde nur zu zweit.

Genossen wirb erst nach bem Frühstück. Da erscheine ich höchst selbst, so wie vorhin bie Sonne über ber beglückten Welt, in dem kleinen Sarten und lasse mich von Düften, von taufrischen Morgendüften und Farben, von ganz jungen Morgenfarben, begrüßen. Ich erwidere bie r *Te*e unter die blühenden Kirschbäume. Die Bienen summen im Blütenbaum, als wenn dies seine liebsten Worte waren. Unb soviel «icnenj Unb solch bunU.es Summen! 0 diese Baume! Seh ich das Braun der Geigen, geädert durch die Maserung, zwischen ben dunklen Kleibern ber opieienben tm Orchester, so sehe ich bas Holz, so höre ich ben Wald, denn aus den Waldern kommen die Geigen. Wie oft hab' ich als Kind bem Rauschen ber bunUen Fichtenwälder gelauscht! Und nun ist mir bas liebste Lied ber Bäume ihr Bienengesumm in der Blütenwolke. Nebenan steht eine rojarote Zierkirsche; auch sie ist schön, sie ist einem gewöhnlichen Kirschbaum aufgepfropft, aber fie ist nicht so wunderbar wie bie beiden weißen Bäume, rechts und links. Und das weiß auch abends der Mond, denn er legt sich in das Blütenpolster, [eine kühle

Wange an die kühlen Blüten des Abends, und bann duftet der Baum, dessen Bienenworte verstummt sind, zum Balkon herauf, und ich beuge mich zu ben Aesten nieder. Die Zierkirsche ist unfruchtbar, und bas merkt man auch ihrer Schönheit an, und auch den des Tragens ungewohnten Aesten, denen das Heilige, Geweihte bes Obstbaumes fehlt. Die meisten Leute merken das nicht. Wenn sie Sonntags vorbeikommen, fragen sie immer nur nach ben rosafarbenen Bäumen. Einen Kirsch-, einen Apfel­oder einen Birnbaum muß man länger kennen, man muß auch von feinen Früchten gegessen haben, damit die Blüten einem das Herz rüh­ren. Ja, da blüht er ja wieder, ba' gibt er sich Mühe, ba wirb er roieber, wenn das Jahr gut ist, soviel zu tragen haben, daß man feine Aeste wird stützen müssen, bem guten, bem braven, dem eifrigen, bem ganz lieben Baum! Die Astgabeln sind ein wenig blank gescheuert von ben Kinderfüßchen, ben, es gibt wohl nichts Schöneres, als in einem Kirsch­baum herumzusteigen und von ben Zweigen zu essen.

So beginnt das Genießen! Das sind bie Geschenke! Nun aber kommen die Verdienste, nicht gerade meine, aber ich will dies nicht so genau nehmen, denn meine Frau ist jetzt, da bie Kinder in der Schule sind, auch zum Genießen erschienen, ©ie hegt einen großen, unerfüllbaren Wunsch: sie möchte gern Generalinspektorin aller österreichischen Böschun­gen weiden. Alle diese geneigten Flächen wollte sie (dies hat sie mir vor einer Böschung der neuen Höhenstraße gestanden) schmücken unb bepflan­zen, unb so bepflanzen, versichert fie, daß uns allen bie Augen übergingen! Ich muß gestehen, die drei Böschungen unseres Gärtchens hat sie wir sagen in diesem Faste gemeistert. Sie sind sondergleichen Mit Stolz sehe ich mittags vom Balkon, daß Leute stehenbleiben und auf diese Meisterungen blicken.Bedenke", sagt meine Fräu, der ich dieses Lob verkünde, schlicht,mit welcher Erde! Aber hätt' ich zum Beispiel bie Böschungen ber Großglocknerstraße und genügend Arbeikskräste unter mir" (ob, ich weiß, daß ich zu nichts zu gebrauchen bin, nur zu Ge­schmacksgutachten!),ich möchte ber Welt zeigen, was Böschungen sind, unb was sich aus Böschungen machen läßt."

Auf unseren brei Böschungen eigentlich sind es nur zwei, unb bte dritte ist bas stachliche Hochlanb von Abessinien, also auf unseren zwei Böschungen sind das Schönste bie Polster. Polster gibt es ba wär ich eine Else, nirgendwo anders bettete ich mein leichtes Haupt. Die Hya­zinthen find schon abgeblüht, und da ich keine Else bin, darf ich auch nicht auf der Böschung herumsteigen, sondern muß in Stütz gehen, um an ihnen zu riechen. Die Narzissen werden kommen unb mich mit ihren Vogelaugen anstarren. Sie ragen mit Duft ftnb Farbentriller über bie fanften veilchenblauen? roten, weißen unb gelben Polster empor. Da­zwischen tauchen kleine Pflänzchen auf, bie weit weg von hier, im Hoch­gebirge, gezafert würben. (Zafern nennen wir jene leidenschaftliche,- dem 'Goldgraben ähnliche Art bes Pflanzensammelns mit Hinblick auf bie Böschungen,) Von biefcn Schätzen fange ich erst gar nicht an zu erzählen. Aber es gibt unter ihnen auch schlichte Kostgänger, so z. B. einen Waisen­knaben, ber ganz prächtig gedeiht, obwohl er immer roieber gestutzt wer­ben muß, weil er bie Neigung hat, in ben Himmel zu wachsen. Es ist ein Fichtenbaum, den man aus einem Friedhof hinausgeworfen hatte.

Ich habe meinen Kindern oft die Geschichte von Androklus und dem Löwen erzählen müssen, und ihr kennt sie doch alle wohl auch. Der Löwe hat einen Dorn in der Pranke, und der rabenschwarze Mohr AndrvkliiS zieht diesen Stachel hilfsbereit heraus. Dankbar leckt der furchtbare Löwe dem braven Mohren die hilfreiche Hand. Pause. Große Sklavenjagd in Afrika, Gelärm der Treiber, Flucht der armen Neger auf die hohen Ta­marisken, Herunterschießen ber Flüchtlinge, Ausräuchern ber Ausreißer, großes Gemetzel, Gefangennahme des guten Androklus, endlose Wan­derung durch die Wüste, Verschmachten vieler, Sklavenmarkt am Roten Meere, scheitelrechte Strahlen einer glühend heißen Sonne. Pause. Arena in Rom. Bunte Girlanden, ein dicker Kaiser mit einem Bergkristall als Monokel, schreiende Römer, brüstende Tiger, mit gesenkten Hörnern an­stürmende Büffel alles frißt einander auf, bringt einander um, nur Androklus und der Löwe find übrig* Man hetzt beide gegeneinander. Erkennen! Der Löwe reicht Androklus feine mächtige Pfote, Jubel! Tränen schwemmen den geschliffenen Halbedelstein aus bR Kaisers sonst so uneblen Augen. Tusch! Freube ber Kinber. Der Vater barf gehen, halb hört er bie Atemzüge ber Schlafenben.

Solch dankbare Löwen gibt es in unserem Abessinien. Unser Löwe heißtber Rggusane r". Aber ich habe mich an seinem Dorn verletzt unb deshalb bei Ragusa bas Kaktusblatt kurzweg abgeschnitten. Dann habe ich es meiner Frau mitgebracht:Hier hast du ein Geschenk von meiner Reise." Nun ist ber Ragusaner schon fast mannshoch. (Es gibt auch kleine Männer!) Er hat es mir gebankt, beshalb ernannte ich ihn im vergangenen Jahr zum Kaiser von Abessinien. Heute reben wir von biefer Ehrung nicht mehr. Sie ist schiefgegangen. Wahrscheinlich hat er beshalb vergangenes Jahr auch kein neues Blatt angesetzt. Aber sein Reich gedieh, voriges Jahr wie heuer. Aus den Schwertblättern kommen unvermittelt bie grellen roten Blüten, aus ben Stachelkugeln stehen sie heraus wie lieblich schallende Trampetlein.

Das alles sehe ich mir morgens an, manchmal mit einem Feldstecher vom Fenster aus, manchmal höchstselbst zu Fuß, durch den Garten wan­delnd. Wenn ich sehr brav bin, erlaubt mir meine Frau, die Blumen zu gießen. Sie bleibt aber immer in der Nähe, ba sie fürchtet, baß ich mit bem scharfen Strahl bie einzelnen junger Pstcknzen herausschieße. Keineswegs. Ich halte den Schlauch senkrecht nach oben und lasse einen milden Sprühregen niedergehen, einen schmeichlerischen, regenbogen- glänzenden Tropfenfall, der den Pflanzen und den Böschungen so wohl tut wie morgens bie Sonne mir.

Es ist nicht leicht, .nach solchen Freuben an die Arbeit zu gehen. Des­halb stehe ich ja so zeitig frühmorgens auf, damit ich von dem Genießen schon etwas getan habe. Nach bem Genießen bin ich immer etwas ver­träumt. Denn auf ber ganzen Welt gibt es keine schöneren Träume als bunte Blüten, geschwungenen Schwalbenstug, blonben Flaum an einem Kinderhals unb bie weichen Nüstern eines stelzbeinigen Fohlens.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.