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Siefjciier^ainilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <958

Ulontag, den 2[. November

Nummer 9|

Der ArMacher von Sankt Stephan

Eln helterer Liebesroman von Alfons o. LMulka

Copyright by A. G. Cotta'fche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart

1. Fortsetzung.

Nun, da sie in ihrem schönsten Sonntagskleide war, der lichtblaue Reifrock, der rote, spitzenverzierte Schnurleib, das braune, pelzverbrämte Jäckchen ihre schöne Gestalt verhüllte und schmückte und schon die schwarze Haube keck auf den Locken saß, hielt sie die Hauptprobe ab. Unten vor bem ©ater, der schon dreimal mahnend seinen Hauspsisf gepfiffen, sollte die Generalprobe in Szene gehen.

Als zum Vierten Male das Pfeifen erscholl, nickte sie zufrieden ihrem Spiegelbild zu. Sie konnte sich sehen lassen. Das wußte sie. Dann lief sie die schmale, steile Treppe hinunter. Nicht ein bißl Angst hatte sie mehr.

Sie öffnete die Tür zur Werkstatt, wo die Gesellen und Lehrbuben bereits an der Arbeit saßen, machte noch drei zierliche Schritte gegen die Mitte des Raumes, wo ihr Water stand, und sank bann, den schönen Kopf neigend, in vollendetem Hofknicks zusammen.

Kann ich's nicht wie ein Komtessel?" fragte sie.

Die Gesellen und Buben lachten. Aloisius Brand antwortete zärtlich: Fein, List! Wirst Ehr einlegen für mich bei der Frau Kaiserin."

Da kam von der Tür her wie ein kalter Wasserguß die heisere Stimme der Melgratterin:Wie ein Komtessel schon recht! Aber vor der Majestät werden dir^die Sprüch' und die Kurasch schon vergehen!"

Aloisius Brand sagte nichts. Er seufzte nur. Die Alte hatte ein eigenes Talent, einem alle Freude zu verderben. Da hals auch kein Reden. Er ging ans Fenster, sah zur Domuhr hinaus. Dann nahm er von einem | Tischchen einen kleinen, mit dunkelrotem Samt ausgeschlagenen Korb, in dem ein Dutzend der schönen Wachskerzen lag. Das würde als Probe wohl genügen. Er breitete sorgfältig ein weißes Seidentuch über das Körbchen und reichte es feiner Tochter. Dann zog er sie an sich und küßte sie auf die Stirne.

So geh halt, Lisl!"

Der Tag war hell und klar geworden. Die Sonne blendete aus blitzendem Schnee.

Langsam, mit leicht gesenktem Kopf, wie sich das für eine Bürgers- lochter gehörte, ging Elisabeth Brand über den Graben. Erst als sie an die Pestsäule kam, um die die Tische und Schirme der Kräutel-, Butter- und Eierweiber standen, merkte sie, daß sie leise ein Lied trällerte, was sich für ein ehrbares Bürgermädel durchaus Nicht schickte.

Eines der Weiber an der Säule rief ihr zu:Kaust die Demoiselle heut gar nix? An schönen Spinat hält i und legfrische Eier. Drei Stück nur an halben Kreuzer"

Eine zweite, dicke und fette, gab Antwort, daß es über den halben Traben hallte:Die kümmert sich heut grob um deine Eier! An Schatz liats. Hörst nit, wie schön s-singt wie a Bogerl!" Sie stemmte die roten Fäuste in die Hüften und wiegte sich lachend.

Die Demoiselle schlug sich fröhlich auf den Mund, nickte den Weibern zu und sagte:Später, später! Zuvor muß ich mit den Kerzln noch zur Frau Kaiserin"

Das war jur die Fratschlweiber ein Fressen. Als die Brand vom Graben schon in den Kohlmarkt einbog, konnte sie noch das aufgeregte Geschnatter der zwei Dutzend Weiber an der Säule hören. Als wäre dort j Gänsemarkt.

Born Goldslaub der Sonne überrieselt, wuchs das Schwarzgrau der 8 Aurg mit dem Spitzen werk aus Schnee vor dem Mädel empor. Nun | begann ihr Herz doch rascher zu schlagen. Nicht so sehr, weil sie in einer | halben Stunde vor der Kaiserin stehen sollte, die sie bisher nur aus der I kerne gesehen. Die Courage verging ihr schon nicht. Mund und Herz sitzen ihr auf dem rechten Fleck. Der Mund vor allem weiß Gott! Aber I derModeaff" fing ihr nun doch an, Sorge zu machen. Wenn er ge- I katscht hätte! Man wußte doch, daß die Kaiserin mit Stockhaus und Eassenkehren rasch bei der Hand war. Langsam ging Elisabeth Brand Uder das letzte Wegstück zum Burgportal.

Schyee von Dorübergföitenben Schlitten stäubte neben ihr auf. Klin­gende, goto- und ftlberoergierte Muscheln, bunt und farbig auf hochge- ichwungenen, verschnörkelten Kufen hinter mächtig trabenden deutschen Uid böhmischen Pferden oder ungarischen Juckern fegten an ihr vorbei. An großem Bogen den Platz umsährend, hielten sie vor dem gewaltigen wre. Generale in Gold, Weiß und Rot, ungarische Magnaten in ver- Idmürtem, grünem Pelz mit suwelenbesetzten Krummsäbeln, von d'nen mancher ein Herzogtum wert war, und den brillantengeschmückten Kal-

:r,

weiße, über das

_ der Offizier das eiß die Demoiselle auch den

paks mit der wippenden Adlerfeder entstiegen den Schlitten. Sänften mit Damen des Adels^ mit Läufern in allen Farben, mit Mohren und rtrxen xoram'h^an. Dazwischen eilten die Fußgänger, standen die Gaffer. Ohne Unterbrechung fast präsentierten die beiben mnrfAb'ere hm ^°r' äro5 "Gewehr heraus", rasselte der General- marfch aus dem Innern des Burghofs

DieDemoifelle Brand schloß sich den in die Burg strömenden Men- an- Öen funMnben Uniformen, den glitzernden Roben und Staats- tteidern, tue m der Mitte der hohen, hallenden Torfahrt als'ein buntes Band m einer breiten Glasture verschwanden. Dort, wo die Marschalls­stiege hinauf zu den Gemächern der Kaiserin führte.

In der Mitte der marmornen Treppe stand mit gegrätschten Beinen kerzengerade em Burgleutnant. Er war noch jung. Aber der leere linke ©ermet seines dunkelgrünen Rocks verriet, daß er seinen Teil schon ge- ^ "nti nicht mehr tauglich zum Felddienst war. Immer wieder riß feine Rechte vor den Generalen und Exzellenzen den goldbetreßten Dreispitz

de-" Meinen weißgepuderten Perücke, um ihn nach Vorschritt mit ausgeftrecftem Arm querab zu halten. 1

F^e^eg1'^ sicht er. Nur seine großen braunen Kinderaugen neben pr? end von einem zum andern, damit kein Unberufener die Burg der Kaiserin betrete. Plötzlich senkt er lächelnd den Blick. Sein Arm legt sich ?"e em kleiner Schlagbaum in den Weg der Demoiselle. Freundlich und

er die Frage:Und die Demoiselle -

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Theresias, an dem die Symbole unermeßlicher Macht, Ruhm und Glanz des noch riesenhaften Reichs, die Würde des deutschen Kaisertums und so vieler Kronen sich seltsam mit einfachstem Burg ersinn vermengen, weiß auch der Burgleutnant du jour, daß die Kaiserin auf die Kerzen zum Hofball wartet. 0

Freundlich sagt er:Ich weiß." Nur der Form halber hebt seine gelblichen Stulphandschuh vorsichtig das weiße, über das Körbchen gebreitete Seidentuch.Magnifique! Werden der Majestät ge­fallen, die Kerzlnund die Demoiselle dazu"

Mit einem fröhlichen Nicken des Kopfes entläßt

Bürgermädl. Dann ruft er ihr noch nach:Weiß di. 2...e Weg? Die Stiege hinauf, dann den langen Gang nach rechts. Bis ,ui der großen Flügeltür mit den Garden!"

Während des Aufenthalts Mit dem Burgleutnant hat sich die weiße, schimmernde Treppe geleert. Nur zwei Generale, ein älterer in hell­grünem Waffenrock und dem scharlachroten Mantel der Panduren und ein jüngerer in der Uniform der deutschen Generale der Kaiserin gehen vor dem Mädel her rasch die letzten Stufen hinauf. Dann ist sie allein.

Langsam steigt Elisabeth Brand die breite Freitreppe hinaus. Sie hat noch Zeit. Von der Michaelerkirche hat es vorhin erst halb zehn ge­schlagen. Neugierig hewegt sie den Kopf mit der schwarzen Pelzhaube. Niemals noch Hat sie das Innere der Hofburg gesehen. Ihr seidener Reif­rock knistert. Leise klappern die Stöckelschuhe auf den mit Teppichen be­legten, hallenden Stufen. Noch hat sie die Kehre der Treppe nicht erreicht.

Da kommt ihr von oben, zwei Stufen auf einmal nehmend, ein Offizier entgegen. Der weite weiße Radmantel der deutschen Retter weht hinter ihm her. Als er den breiten Absatz an der Kehre erreicht, bleibt er betroffen stehen, tritt zuvorkommend und höflich an die Wand zurück zieht mit weitausladender Gebärde den schwarzsamtenen Dreispitz mit der Goldkokarde vom gepuderten Kopf, wie es vorhin unten an der Stiege der junge Burgleutnant vor den Exzellenzen getan. Läßt das Bürger­mädl vorbei. Steht stramm, als ginge die Kaiserin vorüber.

Auch die Elisabeth Brand verhält einen Atemzug lang ihren Schritt. Mit einem kurzen Blick nur streift sie die weiße, schlanke Gestalt. Dunkles Rot Überflammt chre Wangen. Dann nickt sie fast abweisend ihren Dank, eilt weiter. Erst als sie in der Mitte des zweiten Treppenteils ist, wirft sie einen verstohlenen Blick über die marmorne, mit steinernen Vasen und Putten geschmückte Brüstung: auf der unteren Treppe steht unbeweglich, den Dreispitz unterm Arm, lächelnd der junge Offizier und starrt ihr nach.

Als sie die letzte Stufe erreicht, hört sie von unten her die Helle Stimme des Burgleutnants:MH, du bist's, Rabenau guten Morgen!"

Langsam, zögernd war Elisabeth Brand durch den weiten hallenden Gang, durch dessen große Fenster man hinunter in den Burghof iah, auf die hohe weiße Flügeltür zugegangen. Unheimlich groß kamen ihr die beiden in Rot und Gold geMeibeten Offiziere der Garden vor, die, die Hellebarde bei Fuß, links und rechts von der goldgeränderten Türe landen.

Die Demoiselle blieb stehen. Unschlüssig sah sie auf die Garden. Die beiden Offiziere rührten sich nicht.

Erst, als sie die Hand hebt, um, wie es der Anstand verlangt, mit dem