gaben, die Zahlen und ihre Träger durcheinanderzubringen, bis aller ein großer Wirrwarr war. Und dann fielen sechs Kuck aus dem Brook, und man wußte daheim nicht recht, welchem Haus der jeweils (Befallene angehörte. Es war nicht leicht, in der Ungewißheit über Mann oder Sohn in stehen-, doch In anderer Weise war es ein Trost, weil das Gefühl der ^usammenaehörigkeit gestärkt würbe; benn fobalb einer ber acht Kuck ge- stillen war, tras es alle gleicherweise im Brook aus diese Art. Als im Jahre 1916 drei Kuck, Nummer eins, vier und fünf, auf einmal den Tod fürs Vaterland gestorben waren, sagte der Pfarrer Steentorf, der vom Dorf nach dem Brook gegangen war, um zu trösten:
„Das ist nun für jedes Haus einer!"
Und so wurde es auch ausgenommen und getragen.
Scherzo vom bestraften Störenfried.
Bon Carl Spitteler.
Ich las von den Negern in Afrika.
Was meint ihr, welch Wunder mir da geschah?
Aus dem hintersten, finstersten Kongolaus Taucht plösjlich ein schneeweißes Nixchen auf. Ich brummte: „Wie kommt dieses Elfenbein In den dunklen, schwarzen Weltteil hinein?
Ich saß ohne Argwohn am Tastentisch, Der Rhythmus war schwierig, das Tempo frisch. Wupp! fährt durch den bissigsten Notenkopf Des Nixleins verwegener Knotenzopf.
Ich schielte mit Schmerzen nach diesem Motiv Und spielte von Herzen zwei Terzen zu tief.
Ich sah nach dem Garten, ob Busch und Buchs Auch ordentlich schasse und weidlich wuchs. Zufrieden begoß ich die Reseda — Da lag sie von oben bis unten da. Bor Schrecken schloß ich die Augen zu Und goß mir die Kannevoll über die Schuh.
.Lieber Litho, lieber Photo, ach, gib mir für Gold Womit ich ein Momentbild fixieren sollt." Er lieh mir Kollodium und borgte mir Leim, Das trug ich mit tückischen Schritten heim. Bestrich ein Papier mit dem Glyzerin Uno legt es als Falle auf den Schreibtisch hin.
Nicht lange, so tuschelts und kicheris im Blatt, Wie wenn etwas Liebes was Böses vorhat. Sie wies mir die Zunge gar flink und belebt. Da stak sie im chemischen Honig geklebt. Jetzt bist du gefangen, du böser Nix.
Magst zappeln und strampeln, es hilft Mr nichts.
Nun sitz ich und schaffe gedeihlich in Ruh Und wink ihr manch Grüßchen über die Zeilen zu.
Grünhöker Orinipen.
Von Hermann Claudius.
Die folgende Erzählung entstammt dem in der „Kleinen Bücherei" des Albert Langen / Georg Müller Verlages in München erschienenen Bändchen „M ein Vetter Emil", in dem Hermann Claudius eine neue Auswahl feiner reizenden Geschichten von Kindheit und Jugend vereinigt hat. Der Dichter beging dieser Tage seinen 60. Geburtstag.
In der Nachbarterrasse, man hieß sie kurz: die Eimsbüiieler, wohnte der Grünhöker Grimpen. Er wohnte am Ende der Häuserreihe, linker Hand im „Parterre", dort, wo der kleine Vorgarten wegen des Schaufensters verschwunden war. Das Schaufenster war zwar nur ein gewöhnliches Stubenfenster mit dem dicken hölzernen Fensterkreuz querüber, aber es standen dahinter, fchräg ausgestellt, Kisten mit Aepfeln ober Birnen oder Erdbeeren ober Kirschen — je nach der Jahreszeit. Tomaten und Bananen, die heute zu allen Zeiten verhandelt werden, gab es damals noch kaum, und Apfelsinen nur um Weihnachten herum. Sie waren immer sauer.
Grünhöker Grimpen hatte eine vierräderige, grün gestrichene Karre und einen Hund Phylax. Phylax war schon alt und hatte an Regentagen eine Wachstuchbecke über dem Rücken. Der arme Köber lief aber oft auch an trockenen unb warmen Tagen damit herum: denn ber alte Grimpen vergaß es, sie ihm wieder abzunehmen. Mein Vater nannte deshalb den Hund den hundertjährigen Kalender. Sabber Grimpen war ein kleiner rundlicher Mann und „kochte leicht über". Wir Jungs wußten das wohl. Deshalb ärgerten wir ihn gern.
Wenn er durch unsere Terrasse fuhr und mit seiner näselnden Stimme seifte Ware ausries: „Swatte Kasbeern! Dicke (matte Kasbeern! All föt un gesund, böttig Penn' bat Pund!" so traten wir an seine Karre und fragten scheinbar arglos nach dem Preis. „Hebbt ji verbreihten Bengels Wate in be Ohm?" sagte Sabber Grimpen spitz unb rief seinen Lex weiter. Salb daraus trat ein einzelner von uns an die Karre unb stellte dieselbe Frage. Sabber Grimpen hielt seinen Phylax zurück, sah den Jungen erstaunt an und sagte langsam: „Verstechst du würklich keen Plattbütsch?" Der Junge schüttelte den Kopf. „Wo is't möglich", meinte der Alte. „Dreizig Fennige", sagte er bann mit vorsichtiger Zunge.
Der Junge lief fort — wie er angab, zu seiner Mutter. Bald aber war ein dritter da und fragte wieder nach dem Kirschenpreis. Das war
nun schon einer von uns, der Bescheid wußte, denn nun wurde es ge« söhrlich. Sabber Grimpen hatte Lunte gerochen, gmg ganz langsam um [eine grüne Karre mit dem großen Haufen schwarzer Kirschen herum — unb wenn der Betreffende sich nicht schleunigst davonmachte, hatte er eine Ohrfeige weg, d.« gut gezielt war.
Ja, ber Meine rundliche Mann vermochte so in Wut zu kommen, daß er mit schneller Hand mitten in die Kirschen hineingrisf und sie uns scheltend an die Köpfe wars.
Grünhöker Grimpen hatte eine riesengroße Frau. Er reichte ihr kaum bis an die Schulter. Diese Frau hatte ein rotbackiges Gesicht, wasserblaue Augen und graues wirres Haar, durch das von vorn nach hinten eine knallblonde Strähne leuchtete. Diese riesige Frau besaß eine Bärenstimme. Sie hatte den Handel mit Kleinholz inne, um den ihr Mann sich nicht kümmerte. Sie kümmerten sich überhaupt wenig umeinander Mutter Grimpen zog allein mit ihrer schottischen Karre los, den Leberriemen über bie breite Schulter gelegt, und schmetterte ihren Rus, ber rettungslos bis in das geheimste Kämmerchen ber Häuser zu hören war, an benen sie vorbeikam: „,Dröges Fü—ü—ü—ü—ü—ü—ü— ü—r holt! Lüttholt! Ki—i—i—i—i—ienholt! — Föftia Stück for'n Grosch!" Auf die erste Silbe von Für- unb Kienholt setzte sie einen heiseren, dröhnenden Triller wie ein klagender alter Ziegenbock.
Sobald ich Mudder Grimpen gehört hatte, war ich am Fenster oder auf der Straße. Nicht, weil ich etwas ausfressen wollte, oder weil die andern vielleicht etwas ausfressen konnten. Mutter Grimpen hatte damit keine Malesche. Wir hatten vor ihr Angst. Nein, ich stand nur und bestaunte ihre riesige Gestalt, die Dicke ihrer krebsroten Arme, die so dick waren wie mein ganzer Leib, ja: ihre unglaubhafte Hinterseite, bie, wenn die Riesin ging, im Takte Ihres Rufes unb Schrittes nach links und rechts schaukelte wie ein schlecht gerudertes Boot Unb selbst ihre Stimme war mir sonderbar. Ich mußte immer wieder zuhorchen, wenn es auch meinen Ohren fast weh tat. Hatte Mutter Grimpen Bestellung erhalten, so kam sie bald von ber Straße, wo sie ihre schwere Karre stehen ließ, mit den großen Säcken beloben zurück, einen Sack unterm Arm, den andern über der Schulter. Uha! sagten bie Jungs.
Eines Samstags — es war Ende Mai ober Anfang Juni — kam Sabber Grimpen mit feiner stattlichen grünen Karre unb feinen steifbeinigen Phylax davor wieder durch unsere Terrasse. „Kasbeern! Dicke runne Kasbeern!" quäkte er vor sich hin. Die Karre war schon mehr als halb leer, unb er hoffte gewiß, sie zwiscken ber Doppelreihe unserer Häuser auszuverkauien, wie es öfters geschehen war. Die Frauen traten auch an die Karre heran, aber die Ware gefiel ihnen nicht recht. Frau Grunwald sah sie durch ihre Brille an unb meinte: „Die fahren Sie man weiter spazieren, die Ware, wenn's Ihnen Spaß tnacht." Frau Grunwald war fein unb sprach hochdeutsch. Unb Frau Winandi spuckte die Kirsche, die sie zur Probe in den Mund genommen hatte, sofort - wieder aus — obgleich das gar nicht zu Ihrem vornehmen Namen paßte unb sagte bloß: „Igitt!"
Da zog Grünhöker Grimpen mit seinem unverkauften Rest wieder ab, denn es war mittlerweile bereits dämmerig geworden. Aber er plante seine Rache. Und diese Rache tarn schnell.
Der nächste Morgen war also ber Sonntag. Es wohnten wohl nur kleine Leute in der Terrasse — ich will nicht arme Leute sagen — aber der Sonntagmorgen war itjnen allen auf ihre Art heilig. Es gab fein Kind, das nicht sein reines Hemd, feine reinen, saubergestopften Strümpfe, seine blankgeputzten Schuhe oder Stiefel, seinen autgebürste- ten Sonntagsrock fröhlich zur Schau trug. Die Kinder stolzierten schon in der frühen Morgenstunde die Terrasse auf unb ab. Besonders bie Mädchen prahlten mit ihren weißen, gestärkten Schürzen, mit ihren roten und rosa Haarschleifen.
Die Väter lagen wohl schon in blitzsauberen weißen Hemdärmeln, die qualmende Pfeife im Munde, am offenen Fenster auf die Fensterbank gestützt und sahen dem Korso ihrer Nachkommenschaft zu, während die Mütter meistens in der Küche zu wirtschaften hatten.
An einem solchen feierlichen und sauberen Sonntagmorgen kam Grünhöker Grimpen mit seiner Kirschenkarre, noch genau so voll, wie er gestern Abend damit abgeschoben war, in die Terrasse gerattert, — und der Rachegott schob hinternach. Bis in die Mitte der langen Häuserreihe fuhr Sabber Grimpen. Dort hielt er seinen Phylax zurück.
Was rief seine quäkende Stimme, so laut sie's vermochte. Was schrie er, daß fein kleiner kugelrunder Kopf krebsrot anlief. „Kasbeern! Swatte hatte Kasbeern! Kost nicks! Hüt ts Sünnbag! Kost nicks! Langt man all to. Hemmer ran! Swatte hatte Kasbeern! Kost nicks! Hüt is Sünnbag!"
Eine Spanne von einer halben Minute zögerten wir noch und witterten irgenbeine List bei dem Alien. Dann aber griff Willi Wellpott als erster mit beiden Händen in den Kirschenhaufen hinein. Mein Bruder Matten war der zweite, Korl Ebeling der dritte. Unb bann gab es kein Halten mehr. Jungs unb Mädels, kleine und große, umdrängten die Karre unb griffen wacker zu. Es war eine wirkliche Kirschenschlacht ausgebrochen. Es floß auch Blut: rotes Kirschenblut. Dunkelrotes Kirschenblut floß von ben Fingern unb Fäusten der Jungs und Mädels auf Rock und auf Kragen, auf Schärpe unb Schürze. Sergebens riefen bie Mütter, die von den Vätern erregt aus ben Küchen herangerufen waren, voll Schreckens aus den offenen Fenstern ober eilten auf di« Straße hinunter. Zu spät. Es war schon geschehen. Der stolze Sonntagsstaat ihrer Sprößlinge war dahin.
Mit grimmem Lächeln zog Grünhöker Grimpen die schnell geleert« Karre eiligst zur Terrasse hinaus. Flüche gellten hinter ihm her. Der Rachegott saß mitten auf der Karre und strampelte vor Lust mit den Beinen.
Die Kirschen waren alle mulschig unb schmeckten bitter. Ich warf si« schnell roieber zur Erbe. Und bie meisten machten es ebenso. Grünhöker Grimpen aber sahen wir lange Wochen nicht wieder. Mein Vater aber lachte und sagte: „Das Ist noch ein Serif"
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