Ausgabe 
21.10.1938
 
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b der Arzt kam, wehte schon die Dämmerung in das kleine, Helle Zimmer, Draußen blühte der große Kirschbaum, die Spatzen lärmten laut in der Efeuwand, i

Rucktasch war zuerst völlig ablehnend:Wer hat Sie gerufen, Doktor? Ich bin nicht krank, ein bißchen müde, das ist alles.

Aber dann lieh er sich doch den Hörer aus das Herz legen und folgte den Anordnungen des Arztes bei der Untersuchung,

Es ist vielleicht ganz gut, daß Sie kamen, Doktor", sagte er dann. Manchmal hat man so eine Angst. Es kommt vom Herzen. Ich glaube nicht, daß es eiwns Ernstes ist, aber ich habe auch keine Lust mehr wissen Sie, gar keine Lust. Es scheint mir gar nicht so sehr schlecht, wenn man I manche Dinge nicht mehr erlebt!"

Christine saß neben Schüttewald und zeichnete in großen, schweren Strichen das Gesicht eines Mannes, der in alter, zermürbter Soldaten- uniform auf dem Podium für sie Modell saß. Es war ganz still 'n dem großen Raum. Professor Rottenbach stand unbeweglich hinter dem Platz von Gottfried Oemli. Rach einer langen Weile sagte er:Sie bekommen das Gesicht nicht, Oemli, es ist das Kriegsgesicht. Ich hatte ganz gern gewollt daß Sie es noch so mit der letzten Fingerspitze kapieren, ehe Sie wieder in die Schweiz gehen, und nicht nur die Bilder von den Tango­mädchen mitnehmen." . . , ., .

Er trat dann hinter Christine, schwieg wieder und beobachtete, wie ihre Hand sicher arbeitete.Sie haben Fortschritte gemacht: ob es wirk^ lich was wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber das Gesicht ist so ... Er hockte sich neben Christine arischen Schemel und begann, mit schweren Strichen den Kopf hinzusetzen, die tiefliegenden Augen, die abgezeichneten Backenknochen, den schmalen, gepreßten Mund.

Er arbeitete weiter:So, und nun will ich das tun, was Sie nidjt dürfen Rucktafch." Er zeichnete einen Stahlhelm über dem Haupt, der die Stirn bedeckt.Sehen Sie, das ist der Glorienschein." -

Unvermittelt fragte er dann:Wie geht's überhaupt? Sie sind so schweigsam geworden." ,

Herr Professor, Sie hoben ja auch nicht viel gefragt. Sie sind ja noch schweigsamer." . .

Ach in Ihrem Alter, da nimmt man em Schweigen nicht übel! Ich habe auch so meine Sorgen! Uebrigens, ich glaube, wir sollten Meder einmal hinausfahren, ein bißchen Farbe und ein bißchen Landschaft u>ird euch allen gut tun! Was ist da?" fragte er ärgerlich, als die Wirt­schafterin an der Ateliertür stand.

Fräulein von Rucktasch wird am Telephon verlangt."

(Fortsetzung folgt.)

rüttelte an der Tür, zuckte die Achseln und öffnete dann die Tür zu seinem einfachen Schlasraum. Er liebte es, im unteren Stockwerk zu icMafcn well er früh aufstand und gerne, nur mit dem Schlafrock be puihpt in den Garten ging. Die Zimmer oben, In dem die Raume waren', in denen er mit feiner Frau gewohnt hatte, liebte er überhaupt "'^Henriette stand jetzt mit hochrotem Gesicht vor ihm. Sie mußte ihm ja nun ertlären, was sich inzwischen ereignet hatte.

fierr Geheimrat, es ist eine Kommission gekommen, die hat sich die ganze Villa angesehen, und bann hat sie die Anordnung gegeben, daß von lebt an das untere Stockwerk beschlagnahmt sei.. Es kamen jetzt so o?eV * " bie alte Henriette kämpfte mit ben Tranen ausländische Militärs nach Berlin, und die Villa paßte ausgezeichnet dafür.

«jo sind doch eben erst abgefahren, um über die Dinge zu verhandeln! Was ist bas überhaupt für eine Unverschämtheit? Meine

Ich habe den Herren ja auch gesagt, baß der Herr Geheimrat leidend sei, aber bic haben nur gelacht, und wenn ich es sagen darf, Herr Ge heimrat..."

Reben Sie schon!

Sie sprachen gar nicht sehr schön von Herrn Geheimrat.

Rucktasch sühlte wieber diese Schwäche in den Beinen und dieses schwere, dumpse Gefühl auf der linken Seite der Brust.

Wo kann ich mich denn nun hinlegen? Ich werde das Weitere danach veranlassen. Es ist eine bodenlose Unverschämtheit!

,Jch habe gedacht, ich habe gedacht, vielleicht in dem Zimmer... Die alte Henriette sah den Geheimrat hilseslehend an.

Schon gut, Henriette, regen Sie sich nicht fo^auf! Da ist irgendein Irrtum im Spiel, sonst nichts. Also in weichem ö'.mrner?

In dem Zimmer von Fräulein Christine."

Es ist gut!" Mühselig stieg der altgewordene Mann die Treppen emP®ie Haden Sie denn das Beit in das Zimmer bekommen?" fragte er, als er sah, daß fein breites Meffingbett an der Langswand stand.

Der Gärtner von nebenan hat mir geholfen. Er ist doch nun wie- üer%ud) der große Schrank stand in dem Zimmer, mit ben vielen An- zügen, die nie getragen wurden.

Dann ist ja das Zimmer ganz verändert. Henriette! Er fetzte sich aufben Bettrand.Das wird dem Fräulein Christine gar mcht recht fein, ^Au"der einen Wand war ein Klaffenbild hangengeblieben. Man sah Christine im Kreise ihrer Mitschülerinnen im kurzen, Hellen Sommer­kleids. Sie sah auf einer Bank neben ihrem Lehrer.

Das ist nun lange her, Henriette", sagte Rucktasch.Es geht ja alles so schnell, und ehe man noch weiß, ob mans richtig tut, ift Idjon «U«> roie= der weiter und anders! So, Henriette, nun gehen Sie, ich mochte ein

in diese Lust von Ueberheblichkeit, Ungebunbenfjeit, in der angeblich anbere Maßstäbe galten als sonst im Sieben!

Der Ministerialdirektor traf jetzt ein. Er trug "»en Hellen Reiseh unb arünte tief nach allen Seiten. Hinter ihm kam Graf Brockooru Rantzau in müder, etwas gebeugter Haltung. Auch er lüftete em paa - mal ben qrauen Filzhut.

Die Photographen gingen zu einer Art Sturm "?" und umgäbe den Minister von allen Seiten. Der Graf ging sofort in fein Abteil.

Der Ministerialdirektor stand einen Augenblick bei dem neuen Reichs­justizminister, bann ging er auf Rucktasch zu.

Ach es ist gut, daß Sie da sind! Ich nehme an, daß es schließlich ZU wir'k'licken Verhandlungen kommen muh. Der Graf Brockdorff hat sich Dorbehalten Sie auf meinen Vorschlag eventuell nach Versailles anzu- forbern Wir werben ungewöhnlich viel Material zusammenstellen müssen, wahrscheinlich^ebesmal in großer Eile. Ich teile Ihnen also .m Auftrag des Ministers mit, sehr verehrter Herr Geheimrat daß Sie mit Ihrer Anforderung zu rechnen haben, ich nehme an in etwa acht Tagen.

Herr Mimsterialbirektor, ich möchte aber ergebenst darauf ausmerk- fam'machen, bah meine Gesundheit sehr angegriffen ist.

Dann wirb Ihnen bie Luft m Versailles g°nz guttun. Außerdem sind Sie bann einmal einige Zeit aus der Hungerpsychose ^r l)erau^ ^lch auf Wiedersehen, Rucktasch! Ich weih, bah es für Sie ein Opfer ist, um so eher muß man es bringen." .

Der Geheimrat lüftete seinen Zylinder und machte eine leichte Ver­beugung. Der Ministerialdirektor ging zu dem Hauptdelegierten KaA Melchior, sprach etwas mit ihm, worauf ber Bankier sich zu Rucktasch umroanbte und höflich seinen Hut zog. «vv gr «{,

Rucktasch wendete sich um. Da knirschten schon die Rader... Cr siiy nach ber großen Uhr in bem Halbrund ber riesigen Halle. Der Zeiger

gute Ministerialdirektor! Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mebr! Es ist eigentlich unerhört, wie sie mich dorthin zwingen wollen! "'tz tzhlte wiede?wie in d'en letzten Wochen fast täglich, ein Herz^ Es lag schwer in der Brust, es hämmerte unregelmäßig, der Atem ^GangfnnHtieg er die Freitreppe herab. Die Btumcnfrauen standen da mit grohen Fliedersträußen, darüber lag eine blasse Nachmittagssonne.

Wenn man jetzt hier niedersällt, erlebt man das Schlimmste nicht mehr dachte Rucktasch. Ob ich Christine besuche? Vielleicht sollte man an sie schreiben. Schlecht ist das Mädel ja nicht, sie weih, ja nichts von der ^°Er fühlte die Schwäche in den Beinen zunehmen und lehnte sich einen Augenblick gegen das Gesims des Bahnhofs.

Man sollte zu Christine fahren! Wenn man ganz gerecht ist: Das Mädel hat ja auch von ihrer Jugendzeit wenig gehabt ... Ader schließlich habe ich ja ben Krieg nicht erfunben, und die anderen hatten es auch

Er winkte einer wackligen Autodroschke und stieg mühselig in das alte

i-h 'N I-m-m Notizbuch nach um die Nummer sestzuftellen. Die Zahlen tanzten vor fernen 2lugen. Es hatte keinen Zweck, er wurde bestimmt die drei Treppen bod) nicht hinaufkommen! Vielleicht wäre Christine auch gar nicht zu Hause. Sie wird in einem dieser niederträchtigen Ateliers sitzen und Akte malen.

Er klopfte gegen die Fensterscheiben und nannte seine Adresse:Fahren Sie mich hinaus.

Del is noch nid) sicher, Herr Graf, ob bet Benzin langt , sagte ber uralte Chauffeur, ber ebenso mitgenommen und zerfahren aussah wie sein Wagen.Aber wir können's ja versuchen."

Der Wagen rumpelte burch bie Straßen, em endlose Fahrt. Dem Ge­heimrat tarnen Bilder aus seiner Jugendzeit. Am besten war es noch, als man endlich von Hause fort war, von ber Mobellwirtschaft fort und von ber weinenden Mutter, von der fatalen Geldwirtschaft und den hohen Besuchen, die zwei Jahre in Freiburg, bie waren ganz schon. Man sah von oben das Münster. Es stand wie eine Blume in den nachtblauen Himmel. Ach, es ging schnell vorüber! Sie sangen auf der Kneipe der Geheimrat sah die Strophen so, wie sie in bem alten Kommersbuch

gebrückt waren: , ,,

Vemt mors velociter ...

Ach, was wußte Christine, wie ein Leden verrauscht! Vielleicht weiß r'e Wa°/ roarVnn 'die' schöne Frau, meine Frau, bie dem Vater mehr gefiel als mir? Ein kurzer Traum, und bann ging fte, unb der Vater hatte als Trost ein verftehenbes Lächeln. Immer der Vater Wie ein Fels stanb er da vor bem eigenen Leben, wie ein Klotz. Nur die Pft'chl blieb. An etwas mußte man sich doch halten als ordentlicher Mensch.

Immerhin, immerhin, mit Christine das war nicht ganz in Ordnung! Sobald mir besser ist, werde ich an Christine schreiben. Vielleicht soll man sich überhaupt nicht aufgeben, vielleicht sogar nach Versailles fahren.

Er versuchte, sich straff aufzurichten, als er durch fein Hau stör schritt, aber er sah leichenblaß aus. Die alte Henriette nahm ihm Stock, Hand­schuhe unb Zylinder ab.

Fehlt dem Herrn Geheimrat etwas? fragte sie.

Er fummle vor sich hin:

Gaudeamus igitur ...

Die alte Henriette ging ans Telephon unb klingelte den Arzt an.

Der Geheimrat wollte in fein Schlafzimmer gehen; Dienst war ja heute doch nicht mehr, er wollte ein wenig ruhen. Es fiel ihm auf, daß im Wohnzimmer ein paar Möbel umgestellt waren. Die Tür nach dem Eßzimmer war verschlossen, dort schien großes Reinemachen zu sein. Diese Henriette wird von Monat zu Monat verrückter, dachte er. Jetzt schließt sie schon bei ihrer Reinemacherei zu.