Jahrgang <938
Zreilag. -en 2(. Oktober
Nummer 82
Christine von Äilotti
Roman von Rolf Brandt
Copyright by August Scherl Nachfolger, Berlin
9. Fortsetzung.
„Also, Kindel, das Zimmer ist klein, aber Sie werden sich hier ganz wohlfühlen! Wie wollen wir das mit dem Essen halten?"
„3d) hatte versprochen ..."
„Versprochen hatten S'?" fragte Frau Hinterzart.
„Also", Christine faßte sich, „mittags möchte ich in der Stadt essen, abends ganz gern hier bei Ihnen, und dann natürlich Morgenkaf ee
„3a, schon recht", sagt« Frau Hinterzart. „Blaß sind S', Kind, das müssen S' bei mir aufgeben. Außerdem sind die Haare in Un- ordnung das steht 3hnen gar nicht, was Sie dahinten angesteckt habenl Lassen S' doch abschneiden, es tun doch jetzt alle. Wenn mer schon so a paar dünne Strähne hat ..."
Christine lachte hell aus: „Ausgezeichnet, Frau Hinterzart, wir lassen abschneiden, wenn mer schon so a paar dünne Strähne hat. Wo ist das Zimmer? 3ch bleibe unter allen Umständen hier."
Das Zimmer war schmal, mit einem Fenster, und ging nach einem Berliner Hof. Es war hell tapeziert. Ein weißes Bett, ein weißer Schrank, am Fenster ein kleiner Schreibtisch, in der Ecke ein großer geblümter Sessel. Dieser eine Sessel gab dem Zimmer etwas Behagliches. An der Wand hing eine gute Kopie von Hans Thoma.
„Es ist übrigens fließendes Wasser da", sagte Frau Hinterzart und schob einen großen Wandschirm beiseite, der neben der Ecke am Eingang des Zimmers war. „Hier. Vorläufig haben wir sogar warmes Wasser, solange der Wirt noch Kohlen hat. Aber er wird haben, dafür garantiere ich Ihnen."
„Und was kostet das Zimmer?" fragte Christine.
Die kleine Frau sah Christine lächelnd an: „Wollen S' echten Bohnenkaffee?"
„Wenn's möglich ist, ja", sagte Christine.
„Und Milch brauchen S' auch! Sagen wir sechzig Mark."
„Es ist gut", sagte Christine. ,Zch will meine Sachen holen."
Sie streckte der kleinen Frau die Hand hin: „Ich glaube, hier kann es einem ganz gut gehen!"
„Wann's Ihnen sonst gut geht, an uns liegt'« nett! Es geht einem immer gut, wenn man will."
,^Das habe ich noch nicht gehört", sagte Christine.
„Ach, Kindel, Sie haben ja so vieles net gehört, aber glauben S' der Frau Hinterzart: Wenn man will, geht's einem ganz gut."
Als Christine den Weg am Ufer enHangging, kam ihr die Gegend schon heimisch vor. Sie schlenkerte wie ein Junge mit den Armen und versuchte, so auf den Granitplatten des Bürgersteiges zu gehen, daß sie niemals mit dem Fuß auf eine Rille trat und daß jede Platte nur einen Schritt benötigte.
Milotti hatte eine neue Leinewand aufgestellt und kopiert« sein eigenes Hafenbild.
In der kleinen Küche stand eine Kasserolle voll Reis, in dickes Zeitungspapier eingewickelt. Auf das Zeitungspapier hatte Milotti noch ein paar Kiffen getan.. In einem Kochtopf brodelten kleingeschnittene Zwiebeln in einer braunen Soße. Die Tür zur Küche stand auf, es roch nach Terpentin, Farbe und gebratenen Zwiebeln.
„Großartig!" sagte Christine. Sie ging zum Abwaschtisch und spülte das Geschirr vom Abend. Das hatte Milotti natürlich vergessen.
Als Milotti leise zu pfeifen begann, setzt« sie sofort mit ein. Dabei klapperte das Geschirr, und der Wasserkessel gab einen Hefen summenden Ton.
„Schade, daß man nicht komponieren kann", sagte Milotti plötzlich. „Das sollte man komponieren, Ueberschrift: .Malers essen Mittag'."
Als sie das Gesck)irr vor ihm in das Herrenzimmer trug, gab er ihr plötzlich einen Klaps. Sie drehte sich um, sah in seine lustigen Augen, in denen eine neue Zärtlichkeit stand. Christine wurde rot. Was fängt man nur mit dem Milotti an? dachte sie. Es ist nur gut, daß ich das Zimmer bei der Frau Hinterzart genommen habe!
Nach dem Essen saßen sie sich gegenüber, und Milotti zog eine sehr zerknitterte gelbe Packung mit amerikanischen Zigaretten heraus. Er blies kunstvolle Ringe und sah Christine aufmerksam an. „Seitdem Sie hier sind, Rucktasch, geht es mir schon viel besser. Sehen Sie, wir
haben ja alle unseren Knacks weg. Ich habe einmal verschüttet da im Flandrischen gelegen. Da schossen die Engländer mit Flachgeschützen. Die Singer heulten wie die Kettenhunde. Einmal erwischte es mich eine schwarze Wand stand vor mir, eine irrsinnige Kraft schmiß mich in die Erde und dann fiel es auf mich, so, wie schwere Fäuste schlagen ... Eme miserable Angst. Man bekam nämlich keine Luft, wissen St« °'ne gemeine Angst, Dunkelheit und Angst. Schmerzen gab es eigentlich nicht. Dann wurde die Luit noch enger, man konnte sich nicht bewegen, ich »er or den Verstand, so dachte ich, aber ich wurde Gott sei Dank bewußtlos! Sie haben mich bann wieder ausgegraben, es war gar nicht so schstmm. Aber manchmal denkt man an die Angst, das ist es! Wenn ich mit 3hnen rede, ist das alles fort. Ich habe übrigens zum erstenmal mit einem Menschen darüber gesprochen."
„Ich weiß, wie die Angst aussieht", sagte Christine. „Ich wollte ein- mal über di« Elbe schwimmen, hatte mir das als Zeichen gestellt, und dann trieb ich immer weiter nach draußen in das Meer
Sie sahen sich beide an. Milotti stand auf und streichelte leicht über i^re Hand: „Es ist gut, daß Sie da sind! Es ist gut, daß Sie da sind! Ich bin Ihnen so dankbar, Rucktasch. Später wenn Sie Zett haben mochte ich Sie einmal malen." r v v
„®ern", sagte Christine. „Natürlich, ich möchte Sie auch malen. Wir wollen sehen, wer den anderen schneller hat. Nur haben Sie lick ein sehr schlechtes Modell ausgesucht." w
„Davon verstehen Sie nichts! Außerdem, Rucktasch, habe ich den Eindruck, daß Sie mich als Maler ausgesucht haben."
„So, Milotti, jetzt geben Sie das Streicheln meiner Hand auf und schustern da weiter. Uebermorgen will ich zu dem alten Graeser gehen und das Bild verkaufen, entweder das Original ober die Kopie, bas wird sich zeigen! Helfen Sie mir, die Koffer heruntertragen?"
„Ach, die Koffer hatten sich hier ganz wohlgefühlt, wahrscheinlich viel wohler als bei Ihrer blödsinnigen Frau Hinterzart."
„Die Frau ist reizend, die Frau ist so, als ob man bei einer sehr netten Großmama wäre. Der Professor Rottenbach hat mir einen großen Gefallen getan!"
„Den Rottenbach soll auch der Teufel holen! Wenn Sie einmal zehn Minuten nicht von Rottenbach gesprochen haben, so ist bas schon sehr viel!" _
„Er ist boch mein Lehrer", sagte Christine, „und ich habe kaum einen Menschen, der mir hilft!"
Der Geheimrat stand auf dem Bahnsteig des Potsdamer Bahnhofs inmitten einer Gruppe von höheren Beamten des Auswärtigen Amtes Der Bahnsteig war abgesperrt, denn die deutsche Delegation sollte den Sonderzug besteigen, der sie nach Versailles führte.
Geheimrat von Rucktasch hatte ursprünglich die Delegation als Sachverständiger begleiten sollen. Der Ministerialdirektor schätzte seine furt- st'lchen Formulierungen, aber Rucktasch hatte abgelehnt. Er hatte eine kleine Denkschrift über die deutsche Finanzlage gemacht, die der Mimske- rialdirektor an den neuen Außenminister, der die Delegation nach Versailles führte, an den Grafen Brockdorff-Rantzau, weitergeleitet hatte Di« Arbeit gehörte eigentlich nicht zu seinem Ressort. Aber es war mm eme Befriedigung gewesen, in langen, schlaflosen Nächten die ihm bekannten Zahlen zu gruppieren und ihren furchtbaren Zusammenhang so bargufteUen, baß er für jeden Leser wirksam wurde.
Rucktasch war bei seiner Ablehnung geblieben, obwohl fein Vorgesetzter sich Mühe gab, ihn umzustimmen. „Ich verstehe Sie nicht", hatte ber üniniftenalbirettor gesagt. „Selbstverständlich wird bi« Verhanblung in Versailles für alle Beteiligten eine ganz gewaltige Nervenbelastung sein. Wir brauchen uns nichts vorzuma-hen, wir fahren in eine Hölle von Lasten. Silber schließlich kann sich ein Arzt auch nicht die Kranken aussuchen, die er will. Wir sind Beamte und haben die Pflicht zu tun. Wenn der Ruf an Sie ergeht, müssen Sie ihm Folge leisten/
„Der Ruf ergeht ja nur", hotte Rucktasch geantwortet, „wenn ich aus meinem Bezirk heraustrete. Irn Anfang des Krieges ist der Ruf ergangen, ich wollte ihm folgen! Gott hat es anders gewollt, ich höre keinen Ruf mehr, Herr Direktor!"
Da hatte der hohe Vorgesetzte die Achseln gezuckt und bas Gespräch beendet. Nun war Rucktasch hierherbefohlen worden, weil der Ministerialdirektor plötzlich noch ein paar Sätze mit ihm sprechen wollte.
Rucktasch war unruhig. Ihm war die Neugier der vielen Journalisten unangenehm, die von Gruppe zu Gruppe gingen, um ein Stimmungsbild einzufangen. Ihm waren die Photographen zuwider und die Kino- operateure, die fast ununterbrochen kurbeiten. Er, Rucktasch, hatte eigentlich abgeschlossen, mit ollem. Cs war eine lange und harte Rechnung gewesen, am Schluß die Geschichte mit der Christine, die bei Nacht und Nebel, nein, am hellen Nachmittag, aus dem Haus gegangen war. Er hakte alles versucht, das Kind zu einem tapferen, bescheidenen und ordentlichen bürgerlichen Leben zu erziehen. Sie aber wollte malen, sie wollte


