<Die Amsel.
Von 3. 0. Bringezu.
Als es niemand noch bedacht, kaum, daß sich der Morgen sacht rieb die Augen beide, tropfte in den grauen Tag kling und klang ein Amselschlaa von der gelben Weide,
Sang und sprang wie Gold so hell, wie ein Kinderlachen schnell, flockenleichte Seide, Ast hinauf und Zweig hinab wie's ihm Gott zu singen gab in der gelben Weide,
Aber wo der süße Klang in den müden Schnee versank — Golden glüht die Weide — blühte aus dem Wintergrau blätterschmal und veilchenblau erste Frühlingsfreude,
Quer durch Zndochina.
Tagebuchbläller einer Weltreise.
Von Herbert Hörhager.
Frankreich am anderen Ende der Welt,
Zwei Tage sind wir schon in diesem Nest, was bereits entschieden zu lange ist. Wenn der Gouverneur von Cochinchina allerdings hörte, daß ich seine Residenzstadt Saigon ein Nest nenne, nähme er mir das sicher persönlich übel. Wozu hat man sich schließlich hier unter der glühenden Tropensonne ein „kleines Frankreich" hingebaut.
Ja — hier ist nichts von dem bombastischen Kolonialstil Hongkongs, nichts von der amerikanischen Geschäftigkeit Schanghais und nichts von der Vergangenheitsschwere Pekings zu spüren. In stiller Beschaulichkeit plätschert das Leben dahin. Wozu Eile? Wozu sich anstrengen? Dazu ist es >a viel zu heiß, Morgens geht man ein bißchen ins Büro, sagt den chinesischen Angestellten, was sie arbeiten sollen und flüchtet dann schweißgebadet unter die häusliche Brause. Hier in den kleinen freund- lichen Wohnungen läßt es sich aushalten. Der Nachmittag wird zum größten Teil verschlafen, und erst am Abend wachen die Geister zu neuem Leben wieder auf.
Die Europäerstadt von Saigon könnte man ebenso gut irgendwohin nach Sudfrankreich versetzen und sie würde kaum die Aufmerksamkeit der Umwelt erregen. Man schlürft hier wie dort seinen Kaffee in einem Heinen Straßenrestaurant und schaut den vorübergehenden Leuten zu. Man wohnt in etwas altmodischen Häuschen, und beim Dinner steht die unvermeidliche Flasche Rotwein auf dem weißgedeckten Tisch, Das ist Frankreich am anderen Ende der Welt, Ein kleines Theater befriedigt sogar ganz redlich die kulturellen Bedürfnisse der Einwohner.
Zu sehen gibt cs in Saigon nichts. Der kümmerliche Zoologische Garten r.i dient teilte Erwähnung und die Chinesenoiertel bleiben sich schliczltch überall gleich, ob man sie in Peking, Hongkong oder Kanton sieh-, Im übrigen scheinen hier außer den Europäern fast nur Chinesen ?u , Die Einwanderung hält sogar noch an. Unser Schiff brachte tausend Kulis aus Hongkong. Aber die Ureinwohner des Landes müssen anderswo fein. Vielleicht drinnen im Dschungel!
Die Urwald st raße.
Zwei große Verkehrsstraßen gibt es in Jndochina. Die eine folgt oon der Hauptstadt Hanoi aus der Küste nach Süden bis Saigon. Die andere fuhrt von Saigon aus westlich quer durch die Kolonie bis an die siamesische Grenze. Auf dieser zweiten versehen ein paar Autos einen «ach Pnom Penh, der Hauptstadt des Urwaldstaates Kam- bodjcya. Em solches Postauto brachte auch uns aus Saigon heraus.
9ing es einige Stunden durch eine langweilige Reisland-
> m„,* 5 un? In^3.[cb^ ^malen Fahrwegs, auf dem gerade genug ä! -l mar, um den Buffelkarren der Eingeborenen auszuweichen, zogen sich Wassergraben, hinter denen die Reisfelder begannen. Das Gelände wat eben und nur hm und wieder verdeckte Buschwerk die freie Sicht. bidtPen" bsS gebaute Land auf. Der Renauld brauste durch
Se en ber^ Gt9rn6pUnfiUrd,6rin0 erstreckte sich der Urwald zu beiden
iautWl ein paar Cingeborenenhütten auf. Die mm l o ld e n Ä h“ Kratze und begafften das Auto. Unendlich . dahinzuleben. Die europäische Zivilisation ist nicht
zu innen getommen. Sie braust auf der Straße vorbei und läbt die 9hnenn tannMn '? if)rer gewohnten Lebensbahn,
sie Gel ,u arm fianbler Jeinc Waren verkaufen, dazu sind
großer Beliebtheit es läbt MS°w°rfenen Benzinkanister erfreuen sich n» Rnh . ßt sich so schon Mit ihnen Wasser tragen und
hbfn ft- 8tem bln> ecnzigen Gegenstände der Europäerwelt, für welche diese Eingeborenen Verwendung haben. Um mehr ,u erwerbe^ Ate
man arbeiten, und das haben sie schließlich nicht nötig. Bis jetzt läßt ihnen der liebe Herrgott jedenfall-- no* Koko-mUsse und Bananen in den Mund wachsen
Die Mitreisenden in unserem Postauio sieden eine bunte Gesellschaft dar. Da ist ein kleiner französischer Missionar, der in Kambodscha die Eingeborenen bekehren will. Dann im rückwärtigen Abteil ein Rudel Chinesen, die aus wer weiß welchen Gründen ihren Wohnsitz nach Pnom Penh verlegen.
Die interessanteste Persönlichkeit aber ist unzweifelhaft ein Mann rechts von mir, von dem mein Reisekamerad behauptet, daß er sich so den weißen Sultan von Sarawak vorstellt. Er war es aber nicht, sondern ein alter Jndochina-Franzose, der seit dreißig Jahren dafür sorgte, daß seine Firma genügend Teakholz aus dem Urwald bekam. Er war anders als die andern. Während hier der normale Mensch einen Tropenhelm trägt, hatte er einen weichen Filzhut auf dem Kopf. Eine Joppe trug er auch nicht, was in Cochinchina trotz der Hitze reichlich ungewöhnlich ist. Das weiße Hemd ließ Hals und Brust des Mannes frei und um den rotgebrannten Hals schlang sich ein kurzes grllngestreiftes Handtuch. Eine Zigarette nach der anderen steckte er in das hagere, scharfgeschnittene Gesicht. Der Europäer geht in den Tropen meist sehr sorgfältig gekleidet, daher berührte uns diese Erscheinung etwas seltsam.
In Pnom Penh.
An den Haltestellen in den Urwalddörfern schwang er sich regelmäßig mit einem kühnen Satz aus dem Fenster und blieb verschwunden, bis der Chauffeur ungeduldig zu hupen begann. Dann erschien er wieder und hielt ein Büschel Bananen, eine Papaya oder eine Kokosnuß in den Händen, deren Saft er vor unseren Augen aus der Schale austrank. Wir wurden gute Freunde mit ihm, und in seiner Mischung von gutem Französisch und schlechtem Englisch gab er uns nützliche Ratschläge. Er war Bretone und hatte trotz der langen Tropenjahre keineswegs das französische Temperament verloren. Die Rikschakulis in Pnom'Penh wagten es nicht, uns mit ihren Diensten zu belästigen, als sie sahen, daß wir unter seinem Schutz standen. Mit der größten Selbstverständlichkeit lud er sein und unser Gepäck auf eine einzige Rttschcih, und wir marschierten gemeinsam zu Fuß hinterdrein, Normalerweise hatten wir jetzt „Gesicht" verloren. Er aber schien sich das leisten zu können. Ohne daß wir ihn darum gebeten hätten, handelte er den an sich schon billigen Hotelpreis um einen Piaster herunter und besorgte uns ebenso selbstverständlich in einem chinesischen Restaurant ein „Nr, 1-Beesteak" (so nannte er es) für 20 Pfennig, Damit glaubte er uns Grünhörner vor Uebervorteilung bewahrt und verabschiedete sich,
Pnom Penh ist die Residenzstadt des Königs von Kambodscha, Dieser Potentat herrscht über einen Urwald von der Größe Bayerns, Wieviele Menschen darin wohnen, weiß niemand genau. Trotzdem'ist er ein großer Herr Was tut es, daß ihm aus Paris ein „Berater" zur Seite gegeben wurde, dessen Rat er annehmen muß. Er hat ein Gehalt, um das ihn manrf)er beneiden könnte. Er bewohnt ein Schloß, das man ein asiatisches
. 5 nennen möchte, und er besitzt einen Juwelenschatz, der jeden indischen Maharadfchah in Entzücken versetzen würde. Wir geben durch seinen Xijronfaaf, bet mit ®olb überlaben ift. An ber Schatzkammer zeigt man uns Kostbarkeiten, wie mir sie noch nie zuvor zu Gesicht bekommen tyaben. Den grössten (Einbrucf macht aus uns aber eine schwarze, euro- pasche. „Melone", wie man sie zum Gehrock trägt. Dies wäre an sich Äinid’™.r,^nen5roert' iedoch hatte diese edle Kopfbedeckung auf ihrer höchsten Wölbung eine kleine goldene Spitzkrone siamesischen Stiles und an der Seite noch einmal eine diamantenbesetzte Goldbrosche. Der Urwald- konig hat also für sich wohl die Synthese zwischen Ost und West gesunden.
Das Haus der hohen Götter.
Zwei arglose Weltenbummler fahren 600 Kilometer durch den Urwald und wissen nicht viel mehr, als daß dort irgendwo am Ende der Straße ein paar Ruinen im Dschungel verborgen sind. Da steht man dann eines Tages vor einem mit Lotos bedeckten Wassergraben, und hinter einer grauen Wand, die fein Ende zu haben scheint, recken die fünf Türme non Ang kor Bat ihre steinernen Keile in den Himmel. Man traut feinen 4ugen nicht. Die Morgensonne wirft ihre Strahlen auf die grauen Huppeln, o°n öenen man nicht abfchätzen kann, wie hoch sie sind. Wer sind die Menschen, die diese steinernen Wunder hier aufgerichtet haben? Jhemano weiß es genau, niemand kennt den Baumeister des Urwalds. Bor tausend Jahren soll hier ein Volksstamm gewohnt haben, den sie Khmer genannt haben. Die Gelehrten wissen nicht mehr von ihnen, cis <e aus den steinernen Bildern von Angkor Val und Angkor Thom heraus- lesen konnten. Es ,st nicht viel, ein Volk muß hier ein halbes Jahrtausend gelebt haben das edel war und in tiefster Gläubigkeit seinen Göttern diese Tempel errichtet hat. Dann kamen wohl sremde Krieger, die die Khmer vertrieben und die Tempel den Göttern und dem Dschungel über- liefen. So blieben sie vierhundert Jahre verlassen. Der Urwald wuchs in bie Gemäuer fjinein unb beroabrte ihr Geheimnis. In den Schlamm des Wassergrabens druckten Elefanten ihre Spuren, und der Tiger verlegte seine Jagdgrunde hier an die Trümmer der toten Stadt.
nn i?9 no$. ^eE da. Die Urwaldstraße hat kaum spürbar dir
^,tllatlon den schweigenden Tempeln hingetragen.
Noch lebt dort der Zauber und das Geheimnis des im Dschungel versunkenen Lebens. Hier in den Wäldern liegen Städte und Tempel ver- borgem von denen heute noch kein Mensch etwas weiß. Einmal wird vielleicht auch zu ihnen der Pflug und der Wasserbüffel des kamdod- schamschen Relsbauern bringen, und bie Gelehrten werben neue Wunder jener rätselhaften Welt bestaunen. Aber das wird noch Jahrzehnte, vielleicht auch Iahrhunber e dauern. Tiger und Panther sind dort im Dschungel heute noch tue gefürchteten Herren.
iHngtor ift ein fdjmeigenbes Geheimnis, bas mit geheimnisvollen Kräften auf bie Menschen hier wirkt. Es bleibt das Heim der hohen standen aUrf) roenn &,e Menschen verschwanden, die einst zu ihren Diensten
Derantwortlich: vr. HanS Thyriot. —
®rud unib "»erlag: "Vrühlschs AntversttLtSdruckeret R.Lange. Gieße«.


