Vorfrühling.

Bon Josef Weinheber.

Gestern fiel im Hügelland noch ein nasser Schnee. Und der Wald im Westen stand dämmrig im Geweh.

In der Nacht, als alles schlief, kam der Wind mit Macht, daß der Jost ans Fenster lief, schreckhaft aufgewacht.

Doch am Morgen war die Luft gläsern hell und klar, und den Zaun hin ging ein Dust wie von Mädchenhaar.

Eine Sonne wasserdünn, aber gelb wie Wein, lieh das Zweigwerk knospig sprühn, blaue Schatten drein.

Aus dem braunen Obstgeäst knorrig, wirr und greis, flammte plötzlich wie ein Fest pralles Birkenweiß.

Eine Amsel, obenauf in der Nußbaumkron, probte ihren ersten Lauf, und es stimmte schon.

Wie die Gret zum Brunnen schritt, ging die Stadeltür, und der Jost, der Häcksel schnitt, blickte her nach ihr.

Ohne Wort ging sie vorbei, sah kaum sein Gesicht. Staunte bloß, was mit ihr sei, aber mußt es nicht.

Kleine Liebe zu einem Vergessenen.

Jean Paul zu seinem 175. Geburtslage am 21. März.

Bon Walter Schwerdtseger.

Du Kind, du Greis, du Kauz, Hanswurst und Engel, durchsichtiger Seraph, breiter Erdenbeugel, im Himmel Bürger und im Bayerland!

Komm, laß an dein« reiche Brust mich (inten, komm, laß uns meinen, laß uns lachen, trinken, in Bier und Tränen mächtiger Kneipant!

Friedrich Theodor Bischer an Jean Paul.

Er ist ein Vergessener; wir wollen uns nicht darüber täuschen; wenn auch das Jean-Paul-Schrifttumsverzeichnis von 1925 eine ganze Bücherei auszählt. Wer wagt sich heute an die fiinsundsechzig Bände der Jean- Paul-Ausgabe, die doch nur einen Bruchteil seines Schassens umfaßt, an diesesKettengebirge der Arbeit"? Wer bringt heute die Sammmlung auf für Romane, die dicker sind als das Berliner Adreßbuch? Wer hat die Ausdauer, aus Sand und Geschiebe das Gold herausguwaschen?

Jean P aul (Richter) hat geklagt, zu den Genies zu gehören, denen vom Schicksal eine unförmliche Form auf gedrungen wird, wie dem Sokrates der Satyrleib". Er ist ein wenig Emporkömmling des Geistes, der nicht Maß zu halten versteht mit Wissen und Einfällen.Wenn ich die kleinste Schleuse aufziehe", fo schrieb er von seiner Arbeit am .Titan, fu schießt so viel Wasser zu, daß allezeit mehr Räder in Gang kommen und also mehr gemahlen wird, als ich wollte".

Aber darf man Jean Paul nach klassischem Kanon messen, wie es Goethe mit seinem Epigramm auf den Chinesen in Rom getan hat? Der Zeitgenosse der Weimarer Dioskuren schrieb nicht, antiker Form sich nähernd, ,/iusgetrocknete Weisen ä la Grec"; er schrieb, in einem kleinen Rest des Fichtelgebirges vergraben, das Land der Deutschen nut der Seele suchend. Das reich verschlungene, mächtig ins Unendliche emporstrebende Kleinwerk dichterischer Spitzbogen, Krabben, Kreuz­blumen und Wimperge ist durchaus gotisch, deutsch. Was dem kühlen Plastiker in Weimar als Auflösung der Form erschien em Ver- dammungsurteil, das ohne Einspruch von vielen Literarhistorikern uver- nommen worden ist das birgt eine machtvolle rhythmische Dynamik. Daß Jean Paul einer der reichsten deutschen Sprachschöpfer ist, wurde schon von den Brüdern Grimm anerkannt. Daß er nicht nur barocker Stoffanhäufer ist, sondern ein wirklicher Dichter, erweist fein Werk. Mir stillt eine Szene ein: wie bei dem Armenadvokaten Siebenkäs ein Stuck des Hausrats nach dem andern ins Leihhaus wandert, wie Lmette, die bescheidene, gehorsame, mit aller Kraft um ihren grillierten Kattunrock kämpft und gleichmütig dafür ihren Verlobungsstrauß opfert, wie Sie- benkäs spürt, daß in der Armut die Liebe stirbt: das ist wundervoll er­zählt und doch nur ein Körnchen aus der Goldader der Kunst Jean Pauls.

Er ist selber solch ein Armenadvokat gewesen. Den Bescheidenen, Be­drückten galt seine Liebe; ob er uns nun von dem sanften Leben und Sterben des Schulmeisterleins Maria Wuz erzählt oder im Torso seines letzten Romans ,D e r K o m e t' der armen, unscheinbaren Magd

Regina Tanzberger die Leichenrede hält. Bon seinem eigenen Leben lesen wir in allen seinen Romanen; vom Leben der hungerleidenden Land' Pfarrer und Dorfschulmeister in der kargen Heimat. Die Selbstbeschrei­bung .Wahrheit aus meinem Leben' ist Bruchstück geblieben und umfaßt nur die Geschichte seiner Kindheit. Wir kennen Goethes Urteil aus den Gesprächen mit Eckermann:Jean Paul hat .Wahr­heit' aus seinem Leben geschrieben! Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könne, als daß der Autor ein Philister gewesen!" Betrachtet man diese zarteste der Jean-Paul- schen-Jdyllen als Tatsachenbericht, kann man wohl sagen: es sind dis kleinen Ereignisse aus einem armen Leben, das nichts von gediegener reichsstädtischer Bürgerlichkeit ist. Es sind Menschen wie Quintus Fix- lein, dem ein verstaubtes Rosenblatt das ganze Paradies des Sommers mit Sonne, Wind und Wolken hervorzaubert.

Wir wollen darum auch nichtan der chronologischen Seine" durch die Geschichte dieses Lebens gehen. Es ist nach dem frühen Tod des Vaters, der nur Schulden und viele Kinder hinterlieh, ein endloser trojanischer Krieg mit der Armut". Aus Leipzig, wo Jean Paul das Futterkrippenstudium der Theologie bald aufgegeben hat, muß er in einem geborgten Mantel vor [einen Gläubigern flüchten, denn die Speise­wirtin fragt den ewigen Kandidaten Richter jeden Mittag anzüglicher, ob denn das Goldschiff noch nicht angekommen fei. Aus Barmherzigkeit gibt man ihm eine Hauslehrerstelle, nachdem er sich wieder einen Zopf geflochten und das revolutionäre, offene Hemd ä la Hamlet wieder sittsam am Halse zugeknöpft hat. Der Erfolg des ,H e s p e r u s' gab ihm dis Freiheit wieder.Ich werde jetzt nach der Manumiffion des Schicksals in meiner inneren Reichsunmittelbarkeit leben und sterben. Ich habe so viel zu schreiben, daß wenn ich im achtzigsten Jahre vom Schreibtisch aufstehe oder vielmehr umfalle, ich mich ärgern werde, daß mir der Tod aus der Schreibestunde des Lebens schon veniam exeundi gibt ..." Ein paar Jahre ist er der gelesenste deutsche Schriftsteller. Die Verleger reißen sich um seine Arbeiten und überschwengliche junge Damen um die spärlichen Locken seines Scheitels, ,haß ich ebensowohl von dem lebest, wollt« wenn ich's verhandelte was auf meiner Hirnschale wächst, als was unter ihr".

Daß er aber nicht nur für schwärmerische junge Mädchen schrieb, die nur lasen,um ein sentimentalisches Manna auf der Zunge zerfließen zu lassen", beweist die Reklame einer Tabakshandlung, die ihren Päckchen ein Bild Jean Pauls beilegte mit dem Bers:

Jean Paul, der Wahrheit Freund, Feind aller Laster, empfiehlt gewiß auch gerne diesen Knaster."

Der Student Karl Sand er stammte aus Jean Pauls Geburts­ort Wunsiedel der den Staatsrat Kotzebue erstach, hatte bei feiner Verhaftung Jean Pauls Schrift ,U e b e r Charlotte Eorday', die Mörderin Marats, bei sich. Er griff nach 1806 mit mehreren Schriften in die politische Diskussion ein, und wenn er auch zu den Ideen des Rheinbundes hinzuneigen schien, so war es doch nur, um von ihnen aus den Weg zur Einheit des Reiches von innen her zu finden. Und bann dieErziehlehre" ,ß e o a n a, die Jean Paul feinernsthaftestes" Buch genannt hat. Bei Jean Paul, dem Idylliker, dem Satiriker, dem Mystiker, finden wir einen solchen Satz:Damit der Mensch gut werde, braucht er ein lebenslanges Pädagogium, nämlich einen Staat. So lange unsere Regierungsform sich nicht so ändert, daß aus Sklaven Menschen, aus Egoisten Freunde des Vaterlandes werden, so lange uns nicht der Staat und der Ruhm darin ein Motiv wird groß zu handeln, so lange bleibt die Menschheit ein elender, niedriger, ängstlicher Schwarm."

Ueberhaupt dürfen wir uns den Mann, dem junge Mädchen Koffer voll blumiger Briefe schrieben, nicht gar zu sehr als durchsichtigen Seraph vorstellen. Er ist ein Mystiker und säuft doch ganze Fässer Bayreuther Biers. Er schreibt tiefe ästhetische Betrachtungen, bei denen man zuweilen Nietzsche zu lesen glaubt, und bekennt in einem Briese, daß nicht nur der Geist, sondern auch der Körper, die Schreibfinger und der Hintern, an dem Werke mitgewirkt hätten. Ein schwedischer Besucher schildert ihn in den letzten Lebensjahren:Eine Gestalt watschelt auf uns zu, die das Aussehen eines wohlhabenden Gastwirts hatte; feist und kahlscheitelig, einen alten grauen Ueberrock nachlässig über den stattlichen Bierbauch zugeknöpft, im übrigen ohne Halstuch und Weste, und offenstehend über der breiten, ziegelroten, behaarten Brust ... Ungeachtet all des physischen Gastwirtsäußern trägt sein Antlitz doch einen höchst geistreichen und gleichzeitig einen höchst herzlichen Ausdruck; die Stirn ist hoch und offen, die blauen Augen drücken Güte, Humor und Melancholie aus .. "

Seltsam ist eine Stelle aus seinen Tagebüchern. Da schreibt er am 15. November 1790:Wichtigster Abend meines Lebens, denn ich emp­fand den Gedanken des Todes ... Ich drängte mich vor mein künftiges Sterbebett durch dreißig Jahre hindurch, sah mich mit der hängenden Totenhand, mit dem eingestürzten Krankengesicht, hört« meine kämpfen­den Phantasien in der letzten Nacht ... Euch, meine Mitbrüder, will ich mehr lieben, auch mehr Freude machen. Wie sollte ich auch in euren zwei Dezembertagen voll Leben quälen, ihr erbleichenden Bilder voll Erdenfarben im zitternden Widerschein des Lebens? Ich vergesse den 15. November nie!"

1825 liegt er in seinem kleinen, mit Buchern und Schriften vollge­stopften Arbeitszimmer auf dem Kanapee am Ofen. Er ist blind. Auf dem Schreibtisch welken Blumen zwischen bunten Papieren, Federn, Krimskram und Bouteillen. Er hat den Schlafrock über den von Wasser­sucht aufgequollenen Leib gelegt. So stirbt er. Cs ist die Nacht zum 15.November. ,,, v , ... , v

Vielleicht waren es die Worte feines .Abschieds, die er in das ewige Dunkel gesprochen hat.Lebt also wohl! ... Ertragt Bücher und Men­schen und euch! ... Und übrigens wünsche ich euch nichts als einen kalten, aber blauen Morgen des Lebens, worin keine Blume zugefchlossen bleibt, qeqen zehn Uhr hin eine Wolke voll warmer Regentropfen, in der Mit- tagshitze einen Seewind, nachmittags die Siesta des Lebens und ab'-nös eine sanfte Sonne und ein langes Abendrot hinter Nachtviolen, und irgend jemand in der Finsternis ..."