auf. Don einer älteren Frau will sie sich Bernd nicht nehmen lassen. Aus ihrer erühafteren, gesunden Auffassung heraus vermutet sie ganz andere Bindungen zwischen Bernd und Irene, denn sie kann sich in sein pagenhaft-zögerndes Lieben nicht hineindenken. Als sie sagt, was sie zu wissen glaubt, ist Bernd ehrlich und tief empört; fein reinstes Bild wird ihm entgöttert. Der Bruch ist da.
Aber diese Aussprache mit Hilde bringt chn auch dahin, daß er sich für Wochen nicht mehr ins Czehsche Haus wagt; er glaubt, Irenes unwürdig zu sein. Er vergräbt sich in seine Arbeiten, meidet alle Geselligkeit, meidet selbst die Kameraden. Heidcnberg fragt chn, wie Hilde chn frug: „Was ist denn eigentlich mit dir los, Bernd?" Er antwortet brüsk: „Laßt mich zufrieden, alle miteinander."
In dieser Zeit innerer Zerfallenheit erhält er die Verlobungsangeige Lore Schillings mit jenem Doktor Frank, der am Abend des Zusammenpralls im Schillingsfchen Hause war. Er läuft in der Dämmerung dieses Tages rastlos durch den Tiergarten, macht sich Selbstvorwürfe: Ich trage die Schuld an dieser Verlobung, die ja ohne Liebe sein muß, sie wird, sie muß Lore ins Unglück bringen.
Er sagt sich: Jetzt bin ich ganz allein: ich kann nicht mehr zu Irene Czeh, ich habe Hilde, ich habe Lore, ich habe die Freunde verloren. Alles hab« ich mir verschüttet.
Er steht dann vor dem Czehschen Hause und sieht zu Irenes Fenstern hinauf, hat die Sehnsucht, mit ihr zu sprechen, ihr zu beichten, ihr rücksichtslos zu bekennen, was mit ihm war und was ihn quält. Aber der Mut fehlt ihm. Er kann auch nicht in sein« Wohnung zurück, denn er hat Angst vor seinen vier Wänden. So geht er in die Stadt und betrinkt sich sinnlos.
Am nächsten Morgen kommt er zum erstenmal in seiner Offizierszeit zu spät zu seinem Dienst. Sein Kommandeur merkt, daß er getrunken hat, ein Zustand, den er an ihm nicht kennt. Er nimmt ihn nach Beendigung des Dienstes beiseite. „Sie gefallen mir in letzter Zeit gar nicht, Wallnitz. Ich habe Sie bisher als tadellosen Offizier geschätzt. Haben Sie Sorgen? Etwa Geldgeschichten? Sie wissen, ich bin nicht kleinlich. Wo drückt Sie der Schuh?"
Bernd steht aufrecht, er schämt sich; er legt die Hand an den Helm, antwortet aber nichts. Der Kommandeur sieht ihn scharf an. „So seien Sie doch verständig, Wallnitz. Sprechen Sie sich frei. Kann ich Ihnen helfen?" — „Danke. Herr Oberst, nein" — „Menschenskind, seien Sie doch nicht so verstockt. Haben Sie sich überarbeitet? Ich weih. Sie büffeln wie toll für das Akademieexamen. Wollen Sie Urlaub hÄ>en? Wollen Sie ein paar Tage nach Hause fahren?" Einen Augenblick schwankt Bernd, die Heimat taucht vor ihm auf: Dapper. der Vater, die Mutter und Lotte; besonders aber die Mutter: mit ihr sprechen können, das wäre gut. Jedoch ein Gedanke zerstört das Bild: in Dapper liegt auch die Verlobungsanzeige, und der ganze Klatsch der Neumark wird um sie sein. So sagt er: ,Hch danke gehorsamst, Herr Oberst, ich komme schon so durch." Der Kommandeur reicht ihm die Hand. ,Zch will es hoffen, Wallnitz."
Da kommt ihm die Hilfe, die er braucht und nach der er sich sehnt, von einer Seite, von der er sie am wenigsten vermutet.
Irene Czeh, die nichts von seinen Kämpfen ahnt, ruft in seiner Wohnung an zu einer Stunde, in der er nicht zu Hause ist. Heidenberg nimmt das Gespräch entgegen und leitet es an Bernd weiter. „Gräfin Czeh laßt dich bitten, morgen nachmittag zu ihr zu kommen", berichtet er, „sie möchte etwas mit dir besprechen, ihres Jungen wegen, glaub' ich. Ich habe ihr gesagt, daß sie dich erwarten könne, du hast ja morgen keinen Dienst."
Der Gang wird Bernd schwer, aber er muß ihn gehen; er will nicht absagen, weil er Irene nicht anlügen will.
Als er in Irenes Wohnzimmer tritt, etwas zögernd, etwas befangen, kommt ihm Lexe entgegen. „Mutter ist noch nicht da", sagt sie, „aber sie wird bald hier sein. Sie hatte noch einen Gang in die Stadt zu machen. Ich soll sie vorläufig vertreten. Sie müssen also schon mit mir vorlieb nehmen, Herr von Wallnitz." Sie knickst, als sie ihm die Hand reicht, aber es ist nur noch eine Andeutung vom Beugen des Knies, nicht mehr das kindliche, mädchenhafte Versinken. Sie fordert ihn auf, Platz zu nehmen, sie bringt ihm die Taffe Tee, die sie an einem Nebentisch aus einem Samowar füllte, sie reicht ihm eine Schüssel mit Gebäck; alles sehr ruhig und sehr sicher.
Er sieht ihr lächelnd zu. Was ist aus dem Mädchen geworden. Vor drei Jahren hat er noch neben ihr auf dem Teppich gelegen, um ihr die Bilder in den Zeitschriften zu erklären, die sie sich so gern anschaute, oder er hat mit ihr und Günter Eisenbahn gespielt, das Uhrwerk der Lokomotive aufgezogen und die Weichen gestellt. Er war: „Onkel Bernd", und nun ist er: „Herr von Wallnitz".
„Ich danke schön, Lexe", sagt er. Es ist das erstemal, daß er mit ihr allein spricht, seit Czehs wieder in Berlin sind. Er weiß nicht recht: kann er noch „Du" zu ihr sagen? So umgeht er die Anrede: „Habt ihr euch schon eingewöhnt?"
„Gewiß", antwortet sie, „es war ja nicht schwer, wir kannten ja alles."
„Und was macht Günter?"
„Sein Lehrer ist mit ihm hinten in seinem Zimmer, er muß stramm arbeiten. Er möchte natürlich lieber nach Waldhausen zurück zu seinen Pferden und zu den Dorsbengels, die er kommandieren konnte."
Er will eigentlich fragen: „Und du?" Aber er formt den Satz um: „War es denn schön in Waldhaufen?"
Sie schürzt die Lippen zu einem Flunsch, und nun hat ihr Gesicht wieder seinen kindlichen Ausdruck. „Och ja", antwortet sie, ,^>anz schön, bloß ein bißchen einsam."
„Hattet ihr denn keinen Besuch?"
„Nö." Ganz jung ist der Ton, und über ihn findet er wieder zu feinem alten „Du" zurück.
„Hattest du denn keine Freundin dort?"
Wieder sagt sie: „Nö."
Damit versickert erst einmal das Gespräch. Er weiß Nicht, was er noch fragen soll. So trinkt er seine Tasse aus und bittet um eine zweite.
Während sie zum Nebentisch geht, beobachtet er sie. Er sucht nach Aehnlichkeiten mit der Mutter, findet sie aber nicht. Lexe ist gedrungen, rundlicher, sie hat nichts von der schmalen Herbheit Irenes; sie ist auch dunkelhaarig.
Sie setzt die Tasse vor ihn hin. „Bitte, Herr von Wallnitz."
Er hält ihre Hand fest. „Weißt du, Lexe, wir wollen uns einigen: du sagst wieder ,Du‘ zu mir und,Onkel Bernd' wie früher."
Sie wird rot. „Wenn Sie meinen?"
„Wir sind doch alte Freunde, Lexe. Weißt du nicht mehr, wie wir hier zusammen auf dem Teppich lagen?"
Und nun ist alles in Ordnung. Er erzählt von Dapper und sie von Waldhousen. Sie entsinnt sich genau, daß er dort war, als der Vater beigesetzt wurde, ja — sie hat ihn gesehen, als er vor der Gruft stand, und dann wieder, als er abfuhr. Ob er sich an den Pfarrer erinnere, der damals gesprochen hätte, den Pfarrer Müller. Der sei jetzt hier in Berlin an der Dreifaltigkeitskirche, und er würde sie nächste Ostern ein« segnen.
Es kommt ein richtiges Plaudern zustande, und ihm wird wieder leicht ums Herz: die alte Czehsche Luft ist um ihn, klar und sauber.
Dann kommt Irene von ihrem Stadtgang zurück; sie schallet, noch in der Tür stehend, das Licht ein. „Kinder, ihr sitzt ja im Dunkeln." Sie Sibt Bernd die Hand, küßt Lexe flüchtig die Stirn. „Na, habt ihr neue reundschaft geschlossen? Das ist recht. Verzeihen Sie, Bernd, es wurde später als ich dachte. Ich muß mich erst wieder an die Berliner Entfernungen gewöhnen. Ein Trubel ist in der Stadt!" Und zu Lexe: „Laß uns allein, Kind, ich habe mit Herrn von Wallnitz etwas zu besprechen." Lexe knickst und geht.
Lange sitzen sie dann zusammen, auch noch nach dem Abendbrot, das sie gemeinsam mit den Kindern einnehmen.
Günter ist groß für feine elf Jahre, fast so groß wie Lexe. Er hat - das drahtige Schlanke der Mutter geerbt und auch ihr schmales Gesicht, ihre tiefliegenden Augen und ihr helles Blond. Nur seine Stirn ist höher, fliegender, manchmal zieht er die Brauen zusammen, daß sich eine senkrechte Falle zwischen den Augen stellt. Bernd fühlt, daß eine bewußte Willenskraft in dem Jungen steckt.
Sie sprechen vor und nach Tisch von den Kindern, nur von den Kindern. „Es ging nicht mehr mit ihnen in Waldhousen, mit beiden nicht mehr", sagt Irene. Sie will Günter ins Kadettenkorps stecken, dafür soll Bernd ihr die Anmeldepapiere beschaffen, deshalb bat sie ihn her. „Er muß in feste Hände kommen, ich kann ihn nicht regieren, und Hauslehrer können es erst recht nicht. Sie benehmen sich auf einem Schloß wie Waldhausen immer, als ob sie Hausangestellte wären. Jede Autorität ist so von vornherein untergraben, denn Kinder haben für so etwas ein sehr feines Gefühl. Das schlimmste aber ist: sie bekommen eine falsche Auffassung vom Leben." Sie erzählt, daß sie Günter eines Tages in Waldhausen am Parktor getroffen hätte, wie er einen älteren und auch körperlich größeren Dorfjungen geschlagen hätte. Scher dich zum TeufeU hätte er gerufen, hier habt ihr nichts zu suchen, hier sind wir die Herren, verstehst du! „Ich habe ihm nie ein Wort von Besitz oder Erbe gesprochen, Bernd, im Gegenteil, ich habe immer auf Bescheidenheit gehalten. Es steckt ihm eben im Blut, dieses Herrenbewußtsein." — „Ist das nicht etwas sehr Schönes?" — „Gewiß, aber es darf in solchem Bengel noch nicht hochschlagen und ihn auf großspurige Gedanken bringen. Erst soll er etwas leisten, erst einmal gehorchen lernen." — „Das wird er im Kadettenkorps. Aber leicht haben wird er es nicht, gerade er nicht. Ich fürchte, er wird sich aufbäumen gegen den Zwang.' — „Es wird ihm nichts schaden, ich habe mich au* bü*»» v*';;rr--> meine ganze Jurmd hindurch."
Cndlich — es ist schon spät xuene auch »ach ihm,
und er berichtet von feiner Arbeit. „So ernst Bernd?" sagte sie. „Jetzt schon so ernst? Wie alt sind Sie eigentlich? Sechsundzwanzig! Und dann schon: Kriegsakademie, Generalstab? Nehmen Sie's nur nicht zu schwer. Das Leben schenkt uns nichts an Freuden, was wir uns nicht selbst holen. Wissen Sie, was Sie jetzt müßten? Reisen, die Welt sehen. Sich den Wind draußen um die Ohren pfeifen kaffen. Wir Deutsche kleben viel zu eng an der Heimat, wir denken immer, es sei eine ganz große Sache, wenn wir die Nase einmal über die Grenze stecken, bis an den Vierwaldstätter See etwa oder bis Venedig. Hebers Meer mühten Sie jetzt, um zu sehen, daß da draußen auch Menschen wohnen, leben arbeiten; Menschen wie wir und doch anders, aber Menschen, von denen wir viel lernen können, mehr als aus den Büchern, die wir so schätzen. Wenn Günter so alt ist wie Sie jetzt, schicke ich ihn nach England..." Sie stockt einen Augenblick, hat ein Lächeln, das Bernd noch nie an ihr sah. „Ja, nach England", fährt sie bann fort. „Die Engländer haben den weiten Blick, haben auch das Herrenbewußtsein, aber es ist bei ihnen nicht trotzig und verbissen und abhängig von einem Schloß oder vom Geld, es wächst aus ihnen heraus, frei, natürlich."
Es ist eine andere Irene Czeh, die so mit ihm spricht. In ihr ist keine Romantik mehr hinter Schleiern, von ihr geht ein warmes Strahlen aus, sie leuchtet klar.
Nein, Bernd kann sich keine Pagengedichte mehr ouffagen, wenn er von ihr geht. —
Am Abend vor feinem ersten Examenstag ist er wieder bei ihr. Er hat keine Examensangst, er weiß, er hat nach bestem Können seine Pflicht getan, deshalb fühlt er sich sicher. Aber ein wenig Unruhe ist ttotzdem in ihm.
„Sie brauchen sich doch nicht zu fürchten, Bernd", sagt Irene. „Ein heller Kops wie Sie. Bloß nicht tüfteln, bloß nicht zu viel nachdenken. Jeder Sache fest ins Auge sehen und sie bann anpacken, und von vornherein davon überzeugt fein: so wie ich's mache, ist es richtig."
Lexe steht neben der Mutter. ,Hch halte dir die Daumen, so fest." Sie zeigt ihm ihre beiden Fäuste mit den eingekniffenen Daumen. „Den ganzen Vormittag werde ich morgen so herumlaufen und die nächsten Tage auch."
(Fortsetzung folgt.)


