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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (958

Montag, den 21. März

Nummer 25

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Aoman von ^ans-Äaspar von Zabeltitz

dopycigl)f by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart

9. Fortsetzung.

Die Gedanken laufen im Kreis.

Gegen Morgen schläft er ein. Aber bald ist er wieder hell wach. Sein Kopf ist benommen. Hastig steht er aus, geht in die Kaserne. Sie ist noch sonntäglich still. In der Kantine trinkt er eine Tasse Kaffee. Dann kreuzt er den langen, schmalen Kasernenhof, tritt in den Stall. Warm schlägt ihm die Lust entgegen. Die Pferde sind gerade abgefüttert, aus allen Stän­den kommt das mahlende Geräusch der körnerkauenden Mäuler. Sonst ist kein Ton da: niemand spricht, niemand ruft, niemand will etwas. Breites Behagen lagert in diesem Raum.

Bernd tritt neben seinen Braunen, er ist stolz auf ihn: Beberbecker Halbblut ist der Gaul, wundervoll glatt im Haar, ganz gleichmäßig in der Farbe, ein weißer Stern auf der Stirn ist sein einziges Abzeichen, eines der schönsten Pferde im Regiment. Er stört das Tier nicht im Fressen, er sieht zu, wie es ihm schmeckt, wie es sich mit der Schnauze den Hafer zusammenfegt, um das Maul voller zu bekommen. Fast neidet er ihm diesen Genuß der Sättigung.

Die Krippe leert sich. Jetzt erst schnuppert der Braune ihn an, sucht nach dem Zucker, den er sonst stets mitbringt:Hab' nichts da", sagt Bernd und klopft dem Pferd den Hals,aber nun komm!" Er löst den Haken aus dem Ring, faßt in den Stallhalfter, dreht den Braunen um. Ein wenig Stroh rafft er vom Boden, wischt den schleimigen Schaum, der vom Fressen im Maul steht, ab, streift das Kopfzeug Über den schmalen, feinen Schädel und legt Kandare und Trense, die neben dem Stand hängen, ein. Ein Mann der Stallwache tritt hinzu, hilft ihm wortlos beim Satteln und fuhrt das Pferd hinaus.

Bernd sitzt auf. Er ist innerlich ruhiger geworden im Stalldunst. Er hat wieder Fühlung mit feinem eigensten Leben.

Er reitet durch die Scharnhorftstraße zum Tiergarten. Die Uhr der Gnadenkirche zeigt auf sieben. Kaum ein Mensch begegnet ihm. lleberall ist es sonntäglich still. Auch die Reitwege des Tiergartens find noch leer. Im schlanken Trab erreicht er den Bahnhof Zoo, aber er will weiter, will mehr Freiheit haben. Den Mittelweg des Kurfürstendamms nimmt er und ist bald an der Halenfer Brücke. Ein paar Straßenbahnen überholen ihn, sie haben nur wenige Fahrgäste. Weiter: am Bismarck­denkmal vorbei, an der Grunewaldkirche vorüber. Die großen Villen der Geldleute schlafen noch, nur hier und da steht ein Diener in gestreifter Jacke an einer Gartenpforte oder ein Mädchen im schwarzen Lüsterkleid trägt ein Milchkännchen sorgsam einem Hause zu.

Die Herbstsonne scheint warm.

Hinter Hundekehle setzt er sich im Sattel zurecht, nimmt den rechten Trensenzügel etwas heran, legt den rechten Schenkel hinter den Gurt.

Sofort gehorcht der Braune, er ist immer voll Gehlust. Galopp. Bernd gibt sich ganz dem weichen Schwung der Bewegung hin.

Als er zwei Stunden später es ist nun nach zehn Uhr, vom Rei' anzlerplatz kommend, über den neuen Reitweg der vor kurzem verl erten Bismarckstraße wieder den Tiergarten erreicht, ist er mit sich einig. Lore Schillings hat recht: er hatte zuviel Wellen. Es wird nun nur noch eine für ihn geben: die der Soldaten.

Jetzt ist der Tiergarten nicht mehr leer. Biele Reiter sind auf allen Wegen: Herren und Damen, Zivil und Uniform. Ost muß Bernd grüßen.

Er wählt nicht den kürzesten Heimweg, die Charlottenburger Chaussee hinunter, sondern biegt hinter dem Graben zum Neuen See rechts ein. Als er etwas später in der Nähe des Denkmals der Königin Luise einen Fuhgängerweg quert, wird er angerufen:Herr von Wallnitz!"

Er stutzt, er pariert durch, springt aus dem Sattel.

Bor ihm steht Irene Gräfin Czeh.

Ihre Kinder hat sie an ihrer Seite, Alexandrine rechts und Günter links. Sie find groß geworden: Lexe sieht mit ihren fünfzehn Jahren wie eine richtige kleine Dame aus, und Günter schlägt die Hacken zu­sammen und reißt die Matrosenmütze vom Kopf, als wälle er zeigen, daß er gelernt hat, wie man einen preußischen Offizier begrüßt. Sie haben ihn nicht vergessen, den Leutnant Bernd von Wallnitz, der so viel bei der Mutter saß, ehe sie nach Waldhausen zogen.

Aber Bernd sieht zuerst gar nicht die Kinder. Er sieht nur Irene.

Er ist so überrascht, sie zu treffen, daß er sich für Augenblicke nicht zurechtfindet. Ein heißes Freuen steigt in ihm auf, das alle Gedanken, die ihn während seines Ritte» erfüllten, versinken läßt. Er beugt sich

über ihre Hand. Aber dann will kein rechtes Gespräch zustande kommen: Fremde gehen dicht an ihnen vorbei, Reiter und Leiterinnen traben vorüber, der Beberbecker wird unruhig, er weiß, daß er auf dem Heim­weg ist und drängt zum Stalle, es nutzt nichts, daß Günter ihm den Hals klopft und ihm begütigend zuspricht. So wechselten sie nur die üblichen Worte über das Woher und das Wohin.

Als Bernd dann wieder im Sattel fitzt, sagt Irene:Also, wir sehen uns bald, nicht wahr? Rufen Sie mich an. Meine Telephonnummer ist die gleiche geblieben."

Er trabt davon, Lexe und Günter winken ihm nach.

Der Gaul legt sich im Heimstreben aufs Gebiß und will immer wieder in Galopp fallen. Bernd muß achtgeben, sein Drängen einzu- fangen, er will ihn nicht mit nassem Haar in den Stall bringen. Endlich hat er ihn zum ruhigen Schritt gezwungen.

Also: Irene Czeh ist wieder in Berlin.

Bernd Wallnitz muß sich an diesen Gedanken erst gewöhnen. Daß es um Irene Czeh noch eine weitere Welt für ihn gibt, darüber ist er sich nicht klar. Auch wird ihm in den nächsten Wochen erst nach und nach bewußt, daß er Irene Czeh mit anderen Augen sieht als früher. Das weiche Schenken Hildes und die Liebe Lores haben feinen Blick für Frauen geschärft. So empfindet er als erstes, daß Irene Czeh älter geworden ist, ohne daran zu denken, daß auch er älter wurde. Er fühlt sich in ihrer Nähe noch immer beglückt, doch er vermißt an ihr etwas, für das er aber weder Namen noch Ausdruck findet, und etwas ebenso Unabgrenzbares in sich. Wenn er in den ersten Jahren nach Alexander Czehs Tode vor Irene saß, litt er um sie und mit ihr, er bewunderte die Kühle ihrer Witwenschaft, er liebte die Unnahbarkeit ihrer schwarzen Schleier und schwarzen Gewänder, er war von dem stets ein wenig müden Tonfall ihrer Stimme gefangen. Ihre Gespräche waren vom Alltag abgerückt, verspönnen gewesen im Düsteren oder Romantischen. Er findet sich jetzt nicht zurück in jenen Ton von einst. Wenn er damals vor ihr ging, sagte er gern Verse, die er liebte, leise vor sich selbst und für sich selbst her. Etwa MünchhausensIch bin der Page von Hoch­burgund und trage der Königin Schleppe". Er kennt diese Gedichte aurh heute noch, er versucht sie sich zu wiederholen, besonders das eine:

Ein Steinmetz saß vorm Königsschloß Und meißelte im Steine, Da trat zu ihm ohne Magd und Troß Die Königin, ganz alleine.

V

Sie sah im Stein ihr Angesicht

Und fragte, was er triebe, Er sieht sie lange an und spricht: ,Jch meißle, was ich liebe'.

Gar bald erklang vorm Königsthron, Mit wem die Königin kose. Die Königin schmückt noch heut die Kron', Des Steinmetz Grab die Rose."

Aber diese Verse haben nicht mehr den alten Klang. Er kann nicht mehr der Page sein, der unerfüllbare Wünsche eigentlich schmerzlos und doch wonnevoll leidend in sich,trägt.

Gewiß: sie ist immer noch die Königin für ihn, um die es keine Wünsche gibt. Aber die herbe Kühle jener Tage ist nicht mehr um sie, sondern eine wunderbare strahlende frauliche Wärme, die ihn anlockt, die ihn begeistert und doch wieder fernhält, weil er für sie, ohne daß er es selbst weiß, noch zu jung ist. Da gibt es kein Wünschen und Fordern, kein einfaches Nehmen wie bei Hilde, da gibt er aber auch kein Nieder­zwingen von Trotz oder Ablehnen von Liebe wie bei Lore

Seine innere Stellung zu Hilde verschiebt sich in dieser Zeit voll­kommen. Er kann zu ihr nicht von Irene sprechen, wie er zu ihr von der Heimat, den Eltern oder von seiner Arbeit sprach: er kann von ihr aber auch nicht zu Irene gehen, er empfindet plötzlich als unrein, was ihm vorher etwas Selbstverständliches war, ein Recht junger Menschen. Sie sind noch zwei-, dreimal zusammen, aber diesen Stunden fehlt jede Froh­heit, weil er auch nicht mehr den Anschein von Liebe für sie mitbringt; sie haben für ihn sogar etwas Qualvolles, denn er zwingt sich zu Minen, nur um Hilde nicht wehe zu tun; sie werden für ihn eine Pflicht der Dankbarkeit, aber sie haben nichts mehr von Rausch, nichts mehr von Erfüllung, sie sind schal.

Was ist mit dir?" fragt Hilde. Er macht Ausflüchte: feine Arbeit fein Dienst. Sie weiß: Arbeit und Dienst waren auch vorher da und spürt mit weiblichem Instinkt die andere Frau in seinem Leben.

Sie denkt zuerst: es wird ein junges Mädchen sein, daß er heiraten will, und fragt ihn vorsichtig aus. Da zeigt ihr der Zufall eines Tele­phonanrufes, wer ihre Gegnerin ist, und nun begehrt sie plötzlich heiß