Wirkung in die Ferne.
Von 3. W. von Goethe.
Die Königin steht im hohen Saal, Da brennen der Kerzen so viele; Die spricht zum Pagen: „Du läufst einmal Und holst mir den Beutel zum Spiele. Er liegt zur Hand
Auf meines Tisches Rand". Der Knabe eilt behende, War bald an Schlosses End«.
Und neben der Königin schlürft zur Stund Sorbet die schönste der Frauen.
Da brach ihr die Tasse so hart am Mund, Es war ein Greuel zu schauen.
Verlegenheit! Scham!
Ums Prachtklsiü ist's getan! Sie eilt und fliegt so behende Entgegen des Schlosses Ende.
Der Knabe zurückgelaufen kam Entgegen der Schönen in Schmerzen. Es wußte es niemand, doch beide zufamm, Sie hegten einander im Herzen;
Und o des Glücks, Des günstigen Geschicks! Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten Und herzten und küßten nach Lüsten.
Doch endlich beide sich reißen los;
Sie eilt in ihre Gemächer;
Der Page drängt sich zur Königin groß Durch alle die Degen und Fächer. Die Fürstin entdeckt
Das Weflchen befleckt: Für sie war nichts unerreichbar, Der Königin von Saba vergleichbar.
Und sie die Hosmeisterin rufen läßt: Wir kamen doch neulich zu Streite, Und Ihr behauptet steif und fest, Nicht reiche der Geist in die Weite; Die Gegenwart nur, Die lasse wohl Spur;
Doch niemand wirk in die Ferne, Sogar nicht die himmlischen Sterne.
Nun seht! Soeben ward mir zur Seit Der geistige Süßtrank verschüttet, Und gleich darauf hat er dort hinten so weit Dem Knaben die Weste zerrüttet. — Besorg dir sie neu!
Und weil ich mich freu,
Daß sie mir zum Beweise gegolten. Ich zahl sie! sonst wirst du gescholten."
possart-Anekdoien.
Bon Wilhelm von Scholz.
Für die im Witz fortlebenden Männer der Bühne gilt meist Falstaffs ierühmter Ausspruch: daß er nicht nur selbst witzig sei, sondern auch anderen besten Anlaß zu Witzen gebe. So war er mit E r n st von Boss art, dem hervorragenden Schauspieler und Intendanten der Münchener Hoftheater, den die Anekdote zum klassischen Vertreter des Mimen alter pathetischer Schule — mit deren künstlerischen Schwächen »nd großen artistischen Vorzügen — herausgearbeitet hat.
Sein wunderbar ausgebildetes, künstliches, der Stimmlage nach hohes und doch eine lange Tonleiter auf- und absteigendes Sprechen forderte zum Nachahmen geradezu heraus und ließ sich so leicht nachmachen, daß es vor dem Kriege kaum einen Münchener Schauspieler gab, der diese Künst nicht verstand. Das ist in der Geschichte vom .Dreifachen Possart" «m besten aufbewahrt. Bei einer Probe sagt einer der kleineren Schauspieler, Meyer, $u seinem Partner Huber, der sehr unvorbereitet ist, mit Posfarts Stimme: „Mein Lieber, wenn Sie Ihre Rollen so schlecht Memorieren, daß Ihre Partner kein Stichwort bekommen und dadurch eußerstande sind, mit wirklichem Nutzen zu probieren, so dürste es die Ilingste Zeit gewesen fein, daß Sie diesem Ensemble angehörten!" „Und Sie, mein lieber Meyer", — so ertönt sofort Posfarts Stimme aus dem Dunkel der Loge — „wenn Sie die Stimme Ihres Intendanten in einer I» läppischen und unnatürlichen Weise kopieren, werden wohl das Los »Ihres nicht lernenden Kollegen Huber teilen und auch aus dem Ensemble terschwinden!" — Meyer verbeugt sich tief in die Richtung der Loge, aus der die Stimme des Intendanten kam, dem es durchaus ähnlich sah, daß e* selbst unbemerkt, einmal einer Probe beiwohnen wollte, und läuft lt der nächsten Pause sofort ins Jntendanzbüro, läßt sich bei Possart Velden, entschuldigt sich untertänigst: Nur um aus feinen nie richtig Itrnenöen Kollegen Huber einmal einzuwirken, habe er gewagt, die Stimme des Intendanten nachzuahmen, die einzige Stimme, vor der Huber roch Respekt habe. — „So", erwidert Possart mit dem Ausdruck freundlichen Erstaunens, „Sie haben mich kopiert? Ich wußte das nicht. Ich faß tickst in jener dunklen Loge. Es wird wohl der Gustel Waldau gewesen hin. Sei es denn Ihre Strafe, mein Lieber, daß er es offenbar noch huschender hervorbringt als Sie!" —
Posfarts bei aller echtesten, in ihrer Unverhülltheft wieder harmlosen,
ja gewinnenden Eitelkeit überlegenes und ironisches Lächeln sehe sch Volk mir, wenn ich mir klarmache, daß er, um den sich soviel Theatergefchichten ranken wie um keinen anderen Bühnenstern, kaum im geschriebenen Wort festzuhalten fein, immer wieder entschlüpfen, schließlich sich gang verflüchtigen wird. Denn Jein gut nachgeahmtes und fern noch im Ohr des Zuhörers erinnertes singendes Sprechen, das eines Tages vergessen sein wird, gehört mit zu diesen Geschichten. Man müßte die Possart- Anekdoten auf Platten sprechen, um sie der Nachwelt .zu überliefern, di« diesem Mimen dann doch Kränze flechten würde — Kränze aus Lachen und Heiterkeit!
Sein singender Tonfall und Tonstieg ist in zwei Geschichten festgehalten. „Wo haben wir uns, mein Lieber, zuletzt gesehen? Ich glaube, es war in Münster (höchste Stufe seiner Skala) — nein, nein: es war in Dortmund (tiesste)!" — Possart spielte in „Maria Stuart" den Bur- leigh; Rollet, ein sehr unkomödiantischer Kollege, dem das Possartsche Mimenwesen zuwider war, den Pauket. Aus der Probe spricht Rollet, als Maria Stuart bittet, daß Hannah Kennedy sie bis aufs Schafott begleiten dürfe, einfach-menschlich das „Laßt es geschehen!" zu Burleigh-Possart, worauf dieser: „O mein lieber Rollet, wollen Sie, bitte, das „Laßt es geschehen!" recht, recht hoch sprechen, damit ich dann abschließend tief erwidern kann: „es sei!" Rollet probt es nun zwar so, aber in der Aufführung spricht er sein „Laßt es geschehen!" auf der tiefsten Stufe der Possartschen Skala. Possart erstarrt und muh mit dem Ton hinauf, um sich abzuheben, und hat nicht, wie er wollte, die Wirkung auf sich gesammelt. „Ich war auf einmal konfus geworden und wußte nicht mehrt wollten Sie hoch und ich sollte tief oder umgekehrt", entschuldigte sich Posfarts Partner nach der Vorstellung mit freundlichem Spott.
Es tritt jemand zu Possart ins Büro: „Haben Sie schon gehört, Herr Intendant: Niethammer ist gestorben!" Possart schlägt die Hand vor die Augen, der freigebliebene Teil seines Gesichtes zeigt den Ausdruck jähen Kummers, er murmelt zweimal in dumpfer Schmerzsteigerung: „Niethammer ist gestorben! —• Niethammer ist gestorben —" seine Hand sinkt herab, sein Auge blickt fassungslos und leer den Ueberb ringer der Botschaft an: „Wer war Niethammer?"
Possart ist mit einigen Münchener Herren auf einer Bergtour. Sehr angestrengt kommt er von der Hütte etwas noch den anderen leichter schreitenden Genossen auf dem Gipfel an, als die Sonne gerade aufgeht. Um sich einen Augenblick ausruhen zu können, wirst er sich zu Boden und tarnt seine Erschöpfung mit dem pathetischen Ausruf: „Erde! In diesem überirdisch schönen Augenblick, der mich zu entrücken droht, halte mich fest, alte Erde!"
Eine königliche Prinzessin ist gestorben. Die Beisetzung ist auf den gleichen Tag anberaumt, an welchem der im Prinzregententheater angesetzte „Fliegende Holländer", der nun abgesetzt werden soll, bereits ausverkauft ist. Possart läuft von Pontius zu Pilatus, vom Hofmarfchallamt zum Flügeladjutanten, von einem ihm befreundeten Minister zum Prinzen Ludwig Ferdinand, um eine Verschiebung der Beisetzung um vierundzwanzig Stunden zu erreichen. Gespannt erwarten die Sänger auf der Probe Posfarts Rückkehr und bestürmen den Eintrctenden gleich mit der Frage, wie es stehe. „O, meine Sieben, wir müssen den „Holländer" zurückzahlen. Die Verschiebung wurde abgeschlagen. Die Prinzessin hält sich nicht so lange!"
Possart feiert ein Jubiläum und leitet die Generalprobe der Ehrung, mit der ihm seine lieben Kollegen, die Mitglieder des Hostheaters, überraschen werden. Er hat ihre Wünsche so verstanden, daß ein um viele Stufen erhöhter Ehrensitz gebaut werden mußte, auf den sie ihn hinaufdrängen werden. Er probiert das Hinaufdrängen — einmal, zweimal, dreimal, viermal. Jetzt endlich ist es spontan und natürlich: er sitzt strahlend oben. Die Feier kommt — da läßt er sich wohl hinaukdrängen; aber ehe er den Thronsitz erreicht hat, drängt er nun seinerseits, nach allen Seiten händeschüttelnd, mit aller Gewalt wieder hinab: „Was habt ihr nur ausgesonnen, meine Lieben! Richt dort oben in kalter Höhe! Hier! Unter euch! Unter euch!"
Als junger Schauspieler sucht Possart mit einem Kollegen Wohnung in einer kleinen bayerischen Stadt. Diesmal ist der Kollege die Treppen hinaufgestiegen, Possart wartet halb unten. Er vernimmt die schrille Stimme der Zimmeroermieterin: „Was? Schauspieler seid's! Ra, na! Dann nett Dann gewiß net!" Er hört eine Tür Zuschlägen und seinen Kollegen in heftigem Tone die Götzische stets nur halb ernst gemeinte Aufforderung ausstoßen. „Ja, was willst denn du noch da heroben? Hast's dach g'hört!" bruttclt der Kollege, als Possart an dem Herunterkommenden vorüber gerne ff en nun seinerseits hinaussteigt und nochmals oben klingelt. Di« grobe Wirtin erscheint in der Tür — Possart lüftet höflich den Hut: „Worum ich gleichfalls gebeten haben möchte!"
Ein neu verpflichteter Schauspieler stellt sich dem Gewaltigen vor: „Mein Name ist Jeger!" „Nein!" singt Possart. „Doch, Herr Intendant, ich heiße Jeger!" „Nein —!" „Ja aber, Herr Intendant, ich muß doch wißen, wie ich heiße!" „Nein, mein Lieber, Sie wissen es nicht. Sie heißen ,J—ä—ger'!"
Die letzte Rolle, die Possart neu studierte (und wundervoll spielte), war der Dr. Berg in meinem Erstling „Mein Fürst!" Ich war beglückt, daß Possart sich die Rolle gewählt hatte. Er ließ mich zu sich rufen, es sei etwas Wichtiges mit mir zu besprechen. Ich zersann mich, was et wollen möge. Soviel Gefühl für den großen Mimen der Zeit meines Beginns hatte ich schon, daß ich vermutete, er würde gewiß noch eine unerhörte Szene verlangen, in der geköpft oder wenigstens verhaftet wird — und gestehe, daß mein künstlerisches Gewissen bereit war zu schweigen, wenn ich richtig geargwöhnt hätte. Der alte Bibliothekar Dr. Berg wird in meinem Stück wegen einer unvorsichtigen Rede von seinem Fürsten und einstigen Schüler empfangen, um zur Rede gestellt zu werden. Possart sagte mir mit aller Musik seiner Sprache: „D, mein lieber Herr von Scholz, Sie schreiben da in Ihrem entzückenden kleinen Bllhnen- werk vor, daß der Dr. Berg im Gehrock zu seinem Fürsten kommt. Run könnte zufällig bei der Premiere ein Prinz in der Lage sitzen; er würde sagen: der Possart, dieser alte Hofmann, sollte billigerweise wissen, daß


