Ausgabe 
21.2.1938
 
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und

das

über

in deine Händel

im Anfang nur das

den Herren die Knechte glänzt, und und schwebt

Kreis um ihn und fein Damen drängen sich die Mäcftie.

Die Mai sonne scheint,

Pfeicki gebildet, und hinter Bauern und Bäuerinnen,

das Haar Günter Czehs leuchtet.

den Lauschenden.So befehle ich diesen Verstorbenen und dann:Wir wollen beten."

Irene Czeh senkt das Haupt, laut spricht sie das Vaterunser mit, Bitte für Bitte, als ob sie jede einzelne einprägen mühte in ihr Hirn, für immer.

Der Segen verhallt.

Draußen krachen die drei Salven, die jedem Soldaten über das Grab nachgcsandt werden; die Czehschen Förster blasen auf ihren Wald­hörnern ,Äagd aus", und die Kapelle spielt ,,3d) hatt' einen Kameraden"; so ist es Krieger- und Jägerart.

(Fortsetzung folgt.)

glatt« Fell des Fohlens

Die Stimme des Pfarrers dringt aus der Gruft

er steht unmittelbar vor dem Eingang und hält noch immer das Fohlen am Halfter, er, der jetzt Herr hier ist, ohne es zu wissen. Er sicht sehr allein, all die verschleierten Frauen haben einen vielreihigen weiteit und

war nicht abweisend, sie war nicht hart, doch sie war fremd, war wie I aus einer andern Welt.Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer", jagte sie,ich habe schon mit meinem Gott geredet. Ich glaube an ihn, wenn er mir auch ein harter Gott war. Es ist nicht immer leicht, zu ihm zu beten, aber ich habe es meine Kinder gelehrt und werde es ihnen weiter lehren. Sprechen Sie morgen nicht von nur, sprechen Sie auch nicht von den Kindern." Sie war aufgestanden, an eines der Fenster getreten, die aus dem Schlahraum in den Park hinaussehen, hatte in das Grün der alten hohen Bäume und die Helle der Maisonne geblickt, als ob sie sich sammeln müsse. Dann hatte sie sich ihm wieder zugewandt; härter, fester war sie geworden.Und nun wollen Sie etwas von meinem Mann wissen für Ihre Predigt, Herr Pfarrer. Alexander war edel und gut als Mensch und als Vater. Er war ein Soldat, ein Reiter und ein Landwirt. Er liebte seinen König und seinen Beruf. Er hat nie eine Pflicht versäumt, die von ihm gefordert wurde. Er stand zu feinem Gott, wie ein Offizier zu dem Gott stehen muh, der feinen Allerhöchsten Herrn auf den Thron gesetzt und den er zum Zeugen in feinem Fahneneid an­gerufen hat. Alexanders Gott war ein Soldatengott, dem man gehorsam zu sein hat. Und vergessen Sie eines nicht: Graf Alexander Czeh liebte seine Heimat. Er wäre gern öfter in Waldhäusen gewesen, nicht nur zu den Jagden und um mit den Beamten zu rechnen, er hätte wohl am liebsten ganz hier gelebt. Wenn er es nicht tat, so liegt wohl der größte Teil der Schuld bei mir. Weil mir dies Schlesien sremd war, fremd ist. Aber er konnte sich auch nicht von feinem Dienst trennen und nicht von seinen Pferden und seiner Leidenschaft, Rennen zu reiten. Vielleicht suchte er in all dem einen Ersatz für die Heimat. Er ist einen Reitertod gestorben, und das ist fast ein Soldatentod."

Der Pfarrer Peter Müller hat die halbe Nacht über feiner Predigt gefeffen und gegrübelt. Ihm war, als ob er nur Steine in den Händen hielte, und er hat gebetet:Herr Gott, gib mir Brot." So steht er jetzt hinter dem Sarg und fürchtet sich fast vor seinen eigenen Worten. Ihm gegenüber sind Uniformen über Uniformen aufgebaut, eine Trauerparade scheint es ihm, aber keine Trauergemeinde. Es ist kalt in dieser Kirche.

Irene Czeh tritt vor den Stuhl, der ihr zukommt, rechts neben sich hat sie ihren Sohn, links ihre Tochter. Sie wartet, bis ihre Schwiegermutter und Onkel Claus auf der andern Seite des Ganges angelangt find und gleichfalls vor ihren Stühlen stehen. Dann setzt sie sich, und mit ihr setzt sich die ganze Traueroersammlung. Ein Rauschen geht durch das Gottes­haus, Säbel schlagen gegen das Holz der Bänke, Sporen klirren, Stiefel scharren; fast wird der Ton der Orgel fortgewischt. Endlich ist es ruhig. Der Kinderchor fetzt ein.

... wer Wolken, Luft und Winden

gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann."

Sechs Garde-Kürassiere, den Adlerhelm aus dem Kopf, stehen zu feiten des Sarges und sechs Czehsche Förster in ihren grünen Röcken; und hinter dem Sarge stehen wieder Kürassiere und wieder Förster. Die Kriegervereine haben Fahnen geschickt, vier Fahnen, zwei zur Rechten des Pfarrers und zwei zur Linken. Die Fahnenträger und die Begleiter sind Bauern der Umgegend mit kantigen verwetterten Gesichtern, sie haben ihre schwarzen Sonntagsröcke an, über die sie breite, bunte Schärpen tagten, und behalten, wie es Sitte ist, wenn man eine Fahne trägt, auch hier am Altar ihre altmodischen Zylinderhüte auf. Drei tragen das Eiserne Kreuz von 1870 an der Ordensschnalle, die werden hochangesehen fein in ihrem Verein, denn das Eiserne Kreuz gilt viel in Preußen, es bedeutet: Kampf, Sieg, gewonnenen Krieg, es heißt: Vionville oder Saint Privat, Sedan oder Paris; die Kaiserproklamation von Versailles steht hinter ihm und der alte Herr in seinem weißen Vollbart, Wuhelm

der Erste.

Irene Czeh sieht das alles durch ihren Schleier, sie sieht auch die Blumen, die Kränze auf dem Sarg. Ganz dicht vor ihr liegt eine weiße große Schleife, sie ist sorgfältig ausgebreitet, damit jeder sie erkennen kann. Auf dem rechten Band ist ein W eingeprägt, auf dem linken stehen verschlungen die Buchstaben A und V, und über beiden Initialen schwebt die Kaiserkrone. Irene weiß es schon seit gestern: aus Potsdam wurde der Kranz geschickt, die Allerhöchsten Herrschaften haben des Toten gedacht und wohl auch ihrer, der Witwe. Sie weiß auch, was die denken, die jetzt die Zeichen auf der Schleife lesen: natürlich, der Kaiser hat kondoliert, wie es zu erwarten war, er hat doch vor Jahren diese Ehe gestiftet; er stiftet ja gern Ehen, er will schöne Paare an seinem Hose haben, und Alexander Czeh und Irene Ellsleben waren eines der schönsten. Eigentlich hat diese Irene Freiin von Ellsleben ein ungeheures Glück gehabt, sie war nichts wie eine kleine elternlose Hofdame, ehe sie Alexander Czeh heiratete, und nun fiel der Riejenbesitz an ihren Sohn, und sie hat den Nießbrauch. Sie ist dreißig, ist immer noch eine blendend schöne Frau, sie wird bald wieder heiraten, denn sie ist jetzt, wie man es nennt, eine gute Partie. Der Klatsch wird auch in dieser Stunde in den Hirnen nicht schweigen. Irene kennt diese Menschen und ihre Gedanken.

Der Psarrer spricht. Seine Worte gehen an Irenes Ohren vorüber, aber sie treffen Bernd Wallnitz.

Er steht seitlich im Kirchenschiff an der Wand unter der Empore; er lehnt sich nicht an, denn die Mauer ist weiß getüncht und scheint feucht; das könnte Flecke geben, er muh seinen besten Waffenrock sehr schonen. Der Pfarrer spricht gut, seine Stimme ist voll und wird mit jedem Satz wärmer. Schon der Spruch, den er seiner Predigt unterlegt hat, gefällt Wallnitz:Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den der Kraft, der Liebe und der Zucht." Er hört i f Soldatische aus den Worten heraus: keine Furcht, aber Kraft und Zucht.

ab, folgen nicht mehr dem, was der Pfarrer spricht, formen sich selbst ihren Text: Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Von der Kirche wird der Sarg hinauf zum Schloß getragen. Die toten Grafen Czeh ruhen nicht unter ihren Bauern auf dem Dorffriedhof wie die toten Wallnitze auf Dapper; sie haben ihre Familiengruft oben an der alten Burgmauer. Fast hundert Särge mit den Czehschen Wappen stehen in dem großen Gewölbe, und der älteste zeigt die Jahreszahl 1410.

Langsam steigt der Zug bergan. Die Breslauer Kürassiere haben ihre Regimentsmusik zur Verfügung gestellt, sie marschiert an der Spitze und bläst den Chopinschen Trauermarsch. Die sechs Garde-Kürassiere und die sechs Förster, die vorher neben dem Sarg standen, lösen sich im Tragen ab. Alle hundert oder hundertfünfzig Schritt stellen sie die Last nieder, der Zug hält für wenige Augenblicke, die schweren Griffe poltern mit hohlem Klang an das Holz und knirschen, wenn sie wieder angehoben werden.

Dem Sarg unmittelbar folgt allein der Pfarrer Peter Müller. Er hat die Witwe auf diesem schweren Weg sühren wollen, aber sie hat diesen Dienst mit einer einzigen Bewegung des Kopfes abgelehnt und wieder ihre Kinder neben sich genommen.

Zuerst denkt Irene: Vor zehn Jahren ging ich den gleichen Weg hinauf als Braut, mein Arm ruhte in Alexanders Arm, wie es Vorschrift ist. Alexander sprach kein Wort von der Kirche bis zum Schloß. Fast die gleichen Menschen wie heute schritten hinter uns her, und der Kaiser hatte einen Flügeladjutanten entsandt, heute schickt er einen Kranz. Dann sollt ihr ein: der Pfarrer hat ja zum Schluß der Feier kein Vaterunser gespro­chen. Kein Vaterunser, wie ist es möglich? Es fehlt ihr, sie verlangt nach diesem Gebet, das der stärkste Ausdruck ihres Glaubens ist, vielleicht der einzige; sie Hai, zum erstenmal in diesen Tagen, den Wunsch nach Halt und Trost, im Vaterunser muß sie ihn finden. Sie bewegt die Lippen, sie formt lautlos die Worte:... geheiligt werde dein Name, dein Reich komme .." Aber dann versagt ihr Gedächtnis, die Bitten gehen durch­einander, sie müht sich, sie zu ordnen:vergib uns unsere Schuld führe uns nicht in Versuchung ..." Das Nicht-Wissen, Nicht-Können schmerzt sie, Scham steigt in ihr auf. Wenn ich jetzt das Kind neben mir, wenn ich jetzt Lexe fragte, sie würde die Bitten ohne Stocken hersagen, und selbst Günter, der kleine Günter, würde sie wissen. Von mir haben sie ihr Vaterunser gelernt, und ich kann es nicht mehr. Sie versucht von neuem: Unser täglich Brot gib uns heute und ..."

Ein Fohlen kommt dem Zuge entgegen. Die Knecht« müssen das Tor der Koppel nicht gut geschlossen haben, bevor sie zur Feier ins Dorf hinabstiegen, so konnte das Tier ausbrechen. Es ist gar nicht scheu, es läuft an der Musik vorbei, verhält, als der Sarg kommt, hebt den Kopf, fchnubbert, als finge es den Duft der welkenden Kränze ein. Einer der Förster will es am Halfter greifen, doch es weicht mit einem ungelenken jungen Sprunge aus, es hat feine überlangen Beine noch nicht ganz in der Gewalt. Der Sarg wird an ihm vorübergetragen, da macht es einige Trabschritte, setzt sich hinter ihn, dicht neben den Pfar­rer Peter Müller, und folgt nun ganz ruhig. Es ist ein dunkelbraunes Vollblutfohlen, dunkelbraun, wie der Grenadier war, mit dem Alexander ! Czeh stürzte. Günter löst sich von der Seite der Mutter, er eilt die I wenigen Meter vor, reckt sich und faßt in das Leder des Halfters. Das Tier wehrt sich nicht, es schiebt feinen Kops Günter zu und reibt die Nüstern an feiner Schulter.

Irene sieht den Sohn und das Pferd. Sie fühlt, ihre Augen werden feucht, Tränen fammeln sich an den Lidern und werden schwerer und schwerer, sie fallen herab und fangen sich im weichen Gewebe des Witwenschleiers.

Das Tor der Grast öffnet sich nach dem Park zu; ein« Girlande aus jungem Eichengrün ist um die Eingangspfosten geschlungen, Eichen- grün ist auch auf den Steinboden gestreut; von zwei schweren hohen Kandelabern leuchten Kerzen, ihre gelbroten Flammen flackern im Windzug, der durch das Gewölbe streicht. An den Wänden stehen die Särge, in denen die ausruhen, die einst Herren und Herrinnen auf Waähausen waren; man hat ihre Särge zum Teil aufe'manbergetürmt: die alten Generationen mußten Platz machen für die jüngeren. Es ist hier im Tode nicht anders, als es vordem im Leben war.

Die Träger wissen Bescheid: Graf Alexander Czehs letzte Statt | kommt neben die feines Vaters, des Grafen Magnus Czeh, einst Land- marfchall in Schlesien, Erb- und Truchseß der Krone Preußen, Mit- glied des Herrenhauses.

Wieder hat sich der Pfarrer zu Häupten des Sarges zwifchen den Leuchtern aufgestellt. Er winkt den sechs Förstern, daß sie die Toten­halle verlassen. Nun ist er mit Irene Czeh und ihrer Tochter, mit der alten Gräfinmutter Marie Czeh und dem Grafen Claus Czeh allein. Alle andern blieben draußen vor der Gruft, auch Günter, der Knabe;

Das packt ihn, denn das ist der Geist, in dem er groß wurde; aber plötz­lich spürt er ein Vermissen: Wo ist das Mittelwort, die Liebe? Er sieht über die Bänke hinweg, über die vielen Männerköpfe mit den militärisch gescheitelten Haaren, über die verscbleierten Häupter der Frauen des schlesischen Adels, er sucht Irene Czeh, seine Augen finden sie, und nun kann er feinen Blick nicht mehr von ihr losen; seine Gedanken gleiten