GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
Jahrgang 1938
Montag, den 2l. Februar
Nummer (5
Herz Im HW
Noman von Hans-Easpar von Zobeltitz
Copyrlghl by Deutsche Derlags-Anskkilt, 4tutlgnrt
1 Fortsetzung.
Der General von Lassow nimmt ihn mit in den Wagen, der für ihn gesondert von Waldhausen geschickt wurde. Es ist eine lange Kolonne von Fuhrwerken aller Art, die Freiburg verläßt: die Nachbargüter und die Bauern haben aushelfen müssen, denn den Wagenbedars, der heute notwendig ist, kann selbst ein Besitz wie Waldhausen nicht allein beetem
Als sie aus der Stadt heraus sind, wenden die Gefährte nach Nord- weiten zu. Die Straße beginnt zu steigen. Links baut sich das Gebirge aus, zur Rechten sieht man in die Ebene.
Bier, fünf Kilometer fahren sie schweigend, dann, als sie aus eine Höhe kommen, zieht der General einen kleinen gezeichneten Plan aus der Tasche. Er sieht ins Gelände, sieht auf die Karte, vergleicht. Dann zeigt er ins Tal hinab. „Historischer Grund und Boden", sagt er. „Da der Flecken mit der weißen Kirche ist Hohensriedeberg, dort das Dorf — Kauder. Oestlich der beiden Orte rollte die Schlacht ab." Er wird lebhaft und lebhafter, er steht im Wagen aus, sucht Punkte in der Landschaft, findet sie. Er spricht ohne Pause, als ob er einen Bortrag hielte, spricht halb zu sich, halb zu Wallnitz, fragt zwischen den Sätzen den Kutscher nach Ortsnamen.
Vor Wallnitz steigt das Gemälde der fritzischen Schlacht aus. Erst die Reiterkämpse auf beiden Flügeln, morgens zwischen fünf und sechs. Die Sachsen werden geworfen und auch die Oesterreicher. „Gegen sie brachte Rieten die Entscheidung. Er kam im rechten Augenblick, erkannte die rechte Stelle des Einsatzes, er hatte sich seinen Weg und sein Ziel selost gesucht." Gegen sieben stoßen die Jnsanteriekolonnen auseinander, die Sachsen weichen, auch den Oesterreichern gegenüber sind die Preußen im Borteil, aber sie zögern, sie stehen frontal gegen den Feind, die Verluste sind groß. Da ... Wieder springt der General auf und zeigt ins Gelände „Sehen Sie, Wallnitz, das da hinten muß Thomaswaldau fein, und die Höhe dort hinter dem Dorf deckte das Dragoner-Regiment Bayreuth. Der Generalleutnant von Gehler ist beim Regiment. Er und der Oberst von Schwerin erkennen eine Lücke zwischen der Infanterie der Brigaden Braunschweig und Miinchow, sie erkennen mehr, sie erkennen, daß ihr Augenblick gekommen ist, sie lassen ihre zehn Schwadronen ausmarschieren sie reiten an, weit vor der Front Geßler, der General, hinter ihm Schwerin, der Oberst und Regimentskommandeur, dann in dritter Reihe die Majore von Jürgas und von Chazot und dahinter fünfzehnhunderl preußische Reiter. Ein wunderbares Bild. Sehen Sie, Wallnitz — da, jetzt kommen sie auf die Höhe, es ist kurz vor neun Uhr. Signale ertönen, die wilde Jagd geht los, bricht ein in die österreichische Infanterie, rennt das Regiment Thüngen nieder, prescht durch bis zur zweiten Linie, überrumpelt die Regimenter Daun und Kolowrat, Die da links von Thomaswaldau an dem Wäldchen standen, saßt, was noch hält, im Rücken und rollt den Rest von hinten auf. Die Kerle, die Dragoner, sind vom Siegestaumel befallen, sie denken nicht mehr an Kugeln die sie treffen könnten, sie reiten nur vorwärts, vorwärts und hauen drein, sie raffen Fahnen auf, nehmen Offiziere gefangen, reiten weiter, hauen das nächste Regiment über den Haufen. Die Oesterreicher faßt die Panik, sie denken, der Teufel sei über sie gekommen, sie fliehen, sie reißen aus. Die preußische Infanterie steht staunend, sie vergiß^ einfach das Vorgehen. Die ganze Attacke ist in eine Riesenwolke von «taub und Pulverdamps gehüllt. Als die sich lichtet, ist der Feind verschwunden, die Höhe dort hinab, dem schützenden Gebirge zu. Nur das Regiment Bayreuth ist da, das herrliche Regiment Bayreuth. Sechsundsechzig Fahnen hat es erbeutet, zweitausendfünfhundert (Befangene gemacht. Um neun ist die Schlacht gewonnen, um fünf Uhr begann sie. Ein Sieg in vier Stunden." _ ... £ .
Der General läßt sich auf seinen Sitz zurückfallen. Er ist etwas außer Alcm, aber seine Augen leuchten. „Wunderbar", sagt er, und bann: , Wir werden länger brauchen im nächsten Krieg, verflucht viel länger, und mit den Attacken wird es wohl auch nichts mehr sein."
Der Wagen biegt links ab, der Weg wird steiler, geht im Tal bergan.
„Sehen Sie, Kriegsgeschichte im Gelände, das ist das Wahre. Ich war awt) noch nicht' hier. Aber ich habe mir gestern die Karte vorgenoinmen und' das Generalstabswerk vom Zweiten Schlesischen Krieg. Das muß man immer tun, wenn man irgendwo hinreist. 3n jedem Winkel Deutschlands sind Schlachten geschlagen worden, aus denen man lernen kann. Gan; gleichgültig, wann sie waren und ob sie mit der Pike oder mit dem
Gewehr ausgefochten wurden. Die Grundregeln blieben stets die gleichen. Da unten bei Hohenfriedeberg entschied zweimal die Entschlußkraft eines Unterführers. Einmal hieß er Zielen, einmal Geßler. Zögern ist stets falsch, Zupacken richtig."
Das Tal weitet sich, ein Dorf liegt da und über ihm am Berghang ein alter Herrensitz. Burgmauern umfassen das Haupthaus, und ein halb- zerfallener Turm überragt den einen Flügel des Schlosses.
„Das ist Waldhausen", sagt General von Lassow und faltet feinen Plan zusammen. „Gleich sind wir da. Vorher noch eins, junger Herr, weil Sie so gut zuhören können. Ich sagte vorhin: lernen. Merken Sie sich das Wort. Lernen, lernen und wieder lernen, das ist das A und das O in unserem Beruf. Und das Schönste in ihm ist, daß das Lernen nie aufhört. Mit jeder höheren Charge eine andere Stellung, mit jeder höheren Stellung einen anderen Befehlsbereich und andere Aufgaben. Immer muß man sich neu einpaffen. Immer ist es anders, als man glaubte. Und eigentlich immer besser, immer schöner. Karriere machen heißt bei uns, schnell zu neuen Pflichten kommen. Lernen, Wallnitz. Die Kriegsgeschichte ist unermeßlich groß und fast unausschöpfbar. Sie ist das Buch der soldatischen Praxis, in das wir uns vertiefen müssen, damit wir im Frieden keine Theoretiker werden."
Die Dorsstraße öffnet sich. Der Wagen hält dicht bei der Kirche.
Lassow gibt dem Leutnant die Hand. „Es hat mich gefreut. Sie kennenzulernen."
„Gehorsamsten Dank, Herr General."
„Nichts zu danken." Er legt grüßend die Hand an den Helm und geht zu einer Gruppe älterer Offiziere, die ihn erwarten.
Der Sarg, der die irdischen Reste des Rittmeisters Alexander Graf Czeh-Waldhausen birgt, ist in der Dorfkirche vor dem 2l!tar aufgebahrt.
Als Irene die Kirche betritt, erhebt sich die Trauergemeinde.
Irene geht sehr aufrecht durch die ganze Länge des Schiffes, jeder Schritt ist fest und sicher Sie trägt den Kopf hoch: von der weißen Wiiwenschnebbe fällt der schwarze dichte Schleier herab, deckt ihr Gesicht, deckt ihre Schultern, nur ihr blondes Haar leuchtet durch das dichte Gewebe. Zu ihren beiden Seiten gehen ihre Kinder, zu ihrer Rechten Günter Czeh, der jetzt Herr auf Waldhausen, Prichterdorf, Eilgut, Merzbach und auf den böhmischen Gütern Körlitz, Freiershaus, Mollmig und Wellersberg ist, zu ihrer Linken Alexandrine Czeh: das Haar des Jungen ist blond wie das der Mutter, es ist soldatisch kurz geschnitten und scharf gescheitelt; das Haar des Mädchens ist dunkel, wie das des Vaters war, zwei streng geflochtene lange Zöpfe hängen im Genick. Die Kindergesichter sind blaß, sie scheinen fast weiß neben dem stumpfen Schwarz, "in das die Gräfin Czeh gehüllt ist. Die Füße der Kinder schreiten in gleichmäßigem Takt, sie halten den Rhythmus, den die Schritte der Mutter angeben. Die Kinder gehen allein, die Mutterhand führt sie nicht.
Irenes Blick ist starr geradeaus gerichtet, er haftet am Sarg, er haftet an dem Pfarrer, der zu Häupten des Sarges wartend steht, auch er aufrecht, starr und streng in feinem schwarzen Talar, das weiße Bäfschen am Halse.
Peter Müller heißt der Seelsorger der Gemeinde Waldhausen, er ist erst seit zwei Jahren hier beamtet; er kennt diese Gräfin Czeh kaum, die jetzt auf ihn zuschreitet; er kannte auch den Grafen wenig, dessen Seele er jetzt Gott befehlen soll, auch die Mutier des Verstorbenen, die der Witwe folgt, ist ihm fast fremd, sie ist eine geborene Prinzessin Szolnoky, ist katholisch, und ihre Heimat liegt in Ungarn, sie hat, obgleich ihr ständiger Wohnsitz das Schloß über dem Dorf ist, keine Fühlung mit ihm ausgenommen; sie fährt Sonntag für Sonntag hinunter nach Freiburg um dort das Hochamt zu hören. Er weiß, der Herr im Frack, der sie führt, ist der Graf Claus Czeh auf Rieben und Wustrau, ein Oheim des Verstorbenen, ein Junggeselle und Einsiedler, dem der Rus eines strengen Herrn und Geizhalses nachgeht. Alle anderen, die als nähere Verwandtschaft jetzt mit in die Kirche schreiten, sieht er zum erstenmal. Das Schloß ist ein einsames Haus gewesen in den letzten Jahren, und es wird wohl still und einsam bleiben.
Das Herz des Pfarrers ist bedrückt, ihm ist kalt. Er wurde lieber einen seiner Bauern oder einen Taglöhner vom Gut beerdigen, einen Menschen, den er gekannt hat, bann könnte er zu seiner Gemeinde sprechen. Seine Gemeinde ist heute nicht zur Stelle; für die Bauern, die Taglöhner, die Knechte war kein Platz in der kleinen Kirche, sie stehen draußen vor den Türen. Nur auf dem Chor sind ihre Kinder versammelt, sie werden singen: „Befiehl du deine Wege...", und der Lehrer wird den Taktstock dazu schwingen. , .
Der Pfarrer Peter Müller hat sich seine Predigt genau jureditgelegt, Wort für Wort hat er sie sich abgerungen. ®r hat gestern mit der Witwe gesprochen, aber es ist ihm dabei nicht leichter ums Herz geworden, er hat Trost spenden wollen, aber er hat diese Gabe für sich behalten muffen, weil die Frau ihm gegenüber keinen Trost zu brauchen schien; es war ihm, als ob sie schon abgeschlossen hätte mit Schicksal und schmerz; sie


