Ausgabe 
21.1.1938
 
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Madam das Kursbuch sagt es, der Schaffner sagt es, die Aufschrift sagt cs. und auch ich tage es . mehr kann ich Ihnen nicht sagen."

1745 gab es zwischen Franzosen und Engländern die blutige Schlacht bei Fontenoy. Als die gepuderten Bataillone aufeinander lasmarfchierten und bereits in Schußnähe kamen, salutierten die Offiziere beider Fronten mit dem Degen und boten, jede Seite der anderen, den Vorrang der ersten Pelotonsalve an! Irgend jemand gewann die Schlacht, irgend jemand verlor sie: um was es dort ging, ist längst unwichtig geworden. Geblieben ist nur eines: dieser Degensalut-mit dem elegantenNach Ihnen!" im Augenblick von Leben und Tod. Es war ein grandioser europäischer Sieg, der bei Fontenoy. Ein Sieg der Höflichkeit.

Die Höflichkeit eines ganzen Volkes macht auf mich stets den Ein­druck eines großen sozialen Kunstwerkes zur Vermehrung von Glück. Es ist die lächelnde Uebereinkunft, so zu tun, als ob wir bereits Engel, als ob wir alle bereits selig seien. Eine Lüge? Dann ist auch jede Kunst eine Lüge, jedes Spielen der Kinder, oder etwa der SpruchEs geht mir von Tag zu Tag besser und besser!" Doch es geht ihm eben deshalb wirklich besser, und siehe, der Höfliche wird wirklich höflich! Höflichkeit ist die kühne Vorwegnahme eines noch nicht realisierten Ideals, eine genial gebaute Zentralröhrenleitung für Herzenswärme, ein unmerklich veredelndesAls Ob". Sie wirkt auf den Menfchen wie die Politur auf das Holz, die erst dessen herrliche Maserung sichtbar macht.

Das Problem der deutschen Höflichkeit wird imFaust" gestreift: Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?"Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist." Das ist es: wir halten Höf­lichkeit für Falschheit, verwechseln Höflichkeit mit Herzlichkeit undfallen dann herein." Aber man hat uns gar nicht hetrllgen wollen, sondern wir haben nicht begriffen! Herzlichkeit ist etwas Individuelles, Höflichkeit da­gegen eine Gemeinfchaftsform: wenn ein Perser uns sein ganzes Haus zu Füßen legt, wäre es verfrüht, die Transaktion notariell eintragen zu lassen. Anderseits verwechselt man Höflichkeit mit Manieren, wiewohl Gestatten Sie den Mostrich" weniger Höflichkeit als falsches Deutsch ist.

Es -gibt gewisse Ideale, die an und für sich groß sind, deren Ver­zerrung uns jedoch zu keiner wahren Höflichkeit kommen läßt. Wir sind das Volk der Sachlichkeit, undauf deutsch" gesagt heißtgeradeheraus" gesagt. Doch von da ist es nur noch ein Schritt, Grobheit als Tugend zu betrachten. Dazu kommt ein gewisser antihöflicher Menschentyp, der feit Jahrzehnten in der europäischen und amerikanischen Literatur um­geht. Das ist nämlich der herbe, wortkarge Mann, der seine Gefühle schamhaft hinter einer, unsäglichen Grobheit verbirgt. Grobheit wurde zum Gradmesser der Gefllhlsstärke.Polternder Alter" hieß einst ein Bühnenfach: diesen könnte man mitpolternder Junger" bezeichnen. Der Typus entstand in England, sprang auf den Kontinent über und breitet sich jetzt über die ganze Welt in der Person des Herrn Clark Gable aus.

Aus Sachlichkeit Haffen wir den üleberfchwung. Aber nichts Großes geschieht ohne diesesGenug ist nicht genug!" Kein Opfer im Ge­dicht, kein Opfer in der Tat. Und zu den größten dieser großen Dinge gehört das Verhältnis zum Weibe. Wir fürchten unsachlich zu werden, allein die Leidenschaft sagtMan kann eine Frau nicht hoch genug über­schätzen". Höflichkeit ist die Kunst, einen gewissen Grad verehrbarer Ver­liebtheit als gebräuchliche Form aufzuprägen.

Oer Schnelläufer.

Von Josef Winckler.

Wir wohnten damals .noch in der alten Thomasstahl Kempen, wo mein Vater Bürgermeister war. Dem Rathaus mit feinen gelallten Bogen am lindenbepflanzten Marktplatz schräg gegenüber lag unsere Wohnung mit einem Vorgärtchen. Jeden Morgen mußte ich von diesem Marktplatz an der Pfarrkirche vorbei über die Hülser- und Burgstrahe zum gewaltigen finstern Backsteingebäude, einer alten Bischofsburg, wo der Gymnasialdirektor Pohle herrschte, so daß ich jeden Giebel und jedes Fenster des Weges kannte. Es war für mich keine schöne Zeit, weil ich soeben mal wieder sitzen geblieben war. Also kann es nur um Ostern gewesen sein, als die folgende denkwürdige Geschichte geschah. Meine jüngste Schwester wir waren drei Geschwister litt an Kinderläh­mung, mußte in einem Stühlchen gefahren werden und saß diesen Tag gerade im Vorgarten wie ein Vogel in seinem Bauer. Plötzlich:

Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommt der Schnelläufer!"

Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommk der Schnelläufer!"

Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommt der Schnelläufer!"

Durch die verschlafene sonnige Stille des niederrheinischen Städtchens schallte von der Apotheke her um die Ecke immer lauter dies dumpfe Pochen und dazu die krähende Stimme. Meine Schwester in ihrem Wägelchen guckte zuerst ungläubig über das Vorgärtchengeländer und lachte, ob wir Jungen am Ende wieder einen neuen Streich spielen und den ganzen Markt in Aufregung bringen wollten. Aber schon gewahrte sie eineübernatürlich dicke Frau, weil diese große bunte Bilder auf Brust und Rücken trug, nein, es mußten riesige Hampelmänner sein, und mit einem Holzhammer an die Haustüren pochte:Bum, bumI" Da krähte sie schon näher mit lauter Stimme wieder dreimal:

Bittä Vorsicht, gleich gommt der Schnelläufer!"

Jetzt hatten auch wir den aufwühlenden Lärm hinten in der Küche vernommen, wo wir Kastanien schmorten und stürzten offenen Mauls ins Freie. Der Apotheker Hucklenbroich schob im weißen Kittel die Blend- läibeii seines Schaufensters auseinander, der Tuchhändler Gierkes stand mit der Brille in der Hand, Fina Lohschekders erschien im. Unterrock, die beiden Tanten Kobbens liefen unter den Lindenbäumen mit Kaffeemühle und Strirfftrumpf:Gütiger Gott, was postiert nicht alles in der Welt?"

Bum, bum ... bittä Vorsicht, gleich gommt_..." schallte der Hammer bei Bockenhüskes, unfern Nachbar, aber der Schluß ging im Kreischen der Haustüren schon unter, die fremde Frau schlug an unsre Holzblenden der Fenster, um nicht ins Vorgärtchen zu müssen:Bittä Vorsicht ..." indessen wir die Bilder auf ihrem Leib anftarrten, die in rotgewürfeltem engen Zeug einen ungeheuerlich laufenden Mann mit grünem Spitzhut zeigten. Dicke Unterschriften verkündeten:Signore Allegri, Weltfchnell- läufer! Gelaufen vor seiner Majestät dem Kaiser von China, dem Groß­mogul, dem Pascha, dem Papst, dem König von Spanien, mit dem Löwenorden dekoriert von Seiner Hoheit, dem Fürsten von Salvana. Läuft schneller als der Vogel Strauß!"

Donnerwetter", sagte mein Bruder,der kann was."

Ob er die Erlaubnis vom Vater hat?" fragte ich.

Wenn es nicht gefährlich ist, möchte ich wohl auf die Straße ge­schoben werden", rief das Schwesterchen.

Die Frau aber verstand nicht, ihr Holzhammer pochte die Leute her­vor, ihr Krähen schreckte alle Seelen wach, Dutzende Menschen besprachen neugierig ringsum das Ereignis.

Da trug ein fremder Knabe an einer Stange ein Schild mit der Auf­schrift:Es wird siebenmal gelaufen: Marktplatz Pfarrkirche Hlllfer Straße Burgstraße Gymnasium und zurück Paterskirche Hörsteler Straße Marktplatz. Jeder zahlt nach Gefallen an der Kunst!"

Da kam der Professor Grote vorüber, der gelehrteste Mann der Stadt, er blieb beim Vater Bockenhüskes stehen und sagte:Allegri ist echt Italienisch und bedeutetschnell" der Mann muß also in der Tat sehr schnell sein, vielleicht liegts in der Familie, daß er so heißt."

Dies Wort ging sofort in der Runde, und wir hörten bereits:Pro­fessor Grote hat ihn in Italien gesehen er ist wahnsinnig schnell ..."

Der Buchbinder Garringer stellte zwei Stühle vor die Treppe, für seine Frag und sich.Stehenbleiben, stehenbleiben!" riefen ein paar Kinderstimmen einer Bauernkarre zu, die aus einer Gaste biegen wollte, und verdutzt anistelt. Jetzt öffnete Herr Gonfers über dem Bogen des Rathauies sein Fenster und hielt sonderbarerweise nicht das Gesicht, son­dern mit der Hand um die Muschel ein Ohr hinaus wahrscheinlich schrieb er dabei mit der andern Hand weiter.

Jeder erzählt dem andern, was er sah" rief Anton Bockenhüskes und eilte Richtung Burgftraße, wo er an der Ecke sich aufpflanzte, um Hülser Straße und Burgftraße von ihrer Winklung beide im Gesichtsfeld zu be­halten. Ich selber überlegte, ob ich flink den Kirchturm hinauf sollte, vom Brandfenster jeden Schritt zu sehen, aber der Schnelläufer konnte im Schatten der Häuser laufen, und so stob ich noch weiter Es konnte losgehen.

Bum, bum bittä Vorsicht, gleich kommt der Schnelläufer", klopfte die Frau gerade am großen Haus von Herrenfeld, daß sofort auch alle vom Laden auf dem Geländer faßen. Pohle Heinrich, der nachher Uni- oerfitätsprofeffor wurde und damals schon in MathematikSehr gut" hatte, stieß mit seinem Notizbuch zu mir:Bei einem Kreis durch die Stadt von 1700 Meter und Sprung 3,50 Meter, die er glatt nimmt, kann er in drei Minuten ..."

Er soll eher herum sein, als ein Karussell sich einmal dreht, hat mein Vater gesagt", tat ich geheimnisvoll unterrichtet.Ich werde ihn noch schneller ausrechnen."

Es gab damals noch wenig Sport, und. zwei fremde Herren, die zum Bahnhof gingen, es schienen Musterreifende, unterhielten sich:Arm­haltung ist besonders wichtig ..."Man muß Ablauf aus Kauerstellung nehmen (Tiefstart), kurz und scharf bei erst niedrigbleibendem und sich dann langsam zur Laufhaltung aufrichtendem Körper und den Sprung­fuß ..." Mehr verstanden wir nicht.

Auf einmal ein saufend funkelndes, mit hundert silbernen Schellen bimmelndes, klingendes, klirrendes, läutendes Luftspiel, sogar vorn auf gebogenen Sch nabel spitz en der roten Schuhe tanzten Glöckchen die Spitzen der Ellbogen stießen Glöckchen, rund um die Hüften hüpften Kränze von Glöckchen, der grüne Spitzhut schüttelte Glöckchen, in beiden Händen schwangen rasselnde Kastagnetten und grell schrie es wie ein wieherndes Pferd:Allegro! Allegro!" Der Schnelläufer warf den Kopf in den Nacken, die Brust vor, und dabei gingen und hingen die Beine waagrecht hinten und vorn hoch über dem Boden, so ritt er verzaubert in der Luft eine sausende Spinne eine laufende Schere immer ein Schrei:Allegro! Allegro! Allegro!" Da drüben erschienen atemlos rennend mein Bruder, Anton Bockenhüskes, Paul Kobbens, ein ganzes rasendes Rudel von dreißig Jungen, und wie eine Uhrfeder fdjneilte ich selber durch ein Ouergäßchen zum Markt voraus, wo der Kreis sich schließen und der Wundermensch im Nu erscheinen mußte. Wir alle hätten ja am Fleck verharren können, es war sinnlos, ihm nachzulaufen, und dennoch immer weiter ihn aus den Augen zu verlieren, ihm gar den Weg zu sperren, wenn er abermals austauchen würde. Aber/t riß alles blindlings hinter sich her. Schon sah ich meine Schwester im Wägelchen an der Ecke der Apotheke, Herr Hucklenbroich stand im weißen Kittel daneben das Bimmeln, das Klingeln, das Zimbeln, das Klirren und Läuten und Klappern nahte herein, Gejohl und Geschnaufe der nach­hetzenden Meute orgelte wie eine dunkle Sturzwoge, und hinter dem Rudel der Jungen und hindurch und voraus und auf den Fersen des Schnelläufers die drei großen Metzgerhunde von Schlünkens, weiß (Bott, woher sie's gerochen, wie sie an der Kelte sich losgezerrt, jetzt waren sie da, und der Schnelläufer sah sie nicht, und fielen ihn rücklings an, mir gingen vor Entsetzen die Zähne selber mit los, er schlug fopfoorn aufs Pflaster.

Niemand kann heute mach Näheres über das Unglück sagen, als daß sie den Blutenden in die Apotheke trugen. Er murmelte immer noch: Allegro ..." und fei ein ganz dürres Männchen gewesen, das sich den grauen Bart schwarz gefärbt halte: vielleicht ein entlassener Zirkuskünstler, der Letzte, den wir gesehen, fein Gewerbe ist ausgeftorben.

Vor der Apotheke aber stand gaffend jenen ganzen sonnigen Nach­mittag noch der dunkle Hausen aller Jungen aus der Stadt.

Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.