Pappel im Aauhreif.

Von Hans Pflug-Franken.

Zerbrechliches Gebild, gehaucht aus Glas, So steht der Pappel weihes Filigran. Doch rührte diesen Baum nur Nebel an, Mit milder Hand, die Zauberkraft besah.

Er stand schon Jahr um Jahr im Ufergras, Wie eine Lanze, aufgereckt und steil, Wie Wehr und Wacht und wie ein Sonnenpfeil; Doch nie wie ein Gebild aus hellem Glas.

Nur als der Nebelmorgen blau begann Das Land zu hüllen.und den letzten Traum, Geschah es, und es legte sich ein Bann

Um alle Dinge und um Zeit und Raum. Und alle Schöpfung hielt den Atem an Und einsam stand im Tag der weihe Baum.

Winter im Benn.

Von Heinrich Capellmann.

Seit Wochen hat es schon bleischwer und grau über der welkenden Heide gehangen: Treibende Wolkenballen, zerfetzte Nebelschleier, und da­zwischen feiner, rieselnder Regen. Aber immer wieder ging es noch ein­mal vorüber, immer wieder hat es noch einmal gewartet und gewarnt: Seht euch vorl Denn mit dem sinkenden Lichte geht nun auch bald der Herbst zur GnadenI Das ist dann die Zeit, wo der gemächliche Venn­hofer endlich in die Hände fpuckt und den schon längst gestochenen und geschichteten Torf in der schützenden Scheune in Sicherheit bringt und die Dorfbewohner Abend für Abend die Kühe heimholen, weil man nicht weiß, ob am andern Morgen noch ein Hälmchen zu sehen ist.

Die Tiere in der Heide aber prüfen dann blinzelnd und mißtrauisch den aschgrauen Himmel: Eija, nun wird's wirklich bald hohe Zeit, die Sommerwohnungen zwischen Ginster und Heidekraut und Wacholder zu verlassen. Und also halten alle ihren Auszug: Die Hasen und Kaninchen und Fasanen und Moor- und Birk- und Haselhühner. Selbst Marder, Wiesel und Mäuse meinen, besser sei besser, und ziehen mit aus in das Dickicht der Fichtenwälder, wo die alte Sau schon längst ihre Frischlinge gesammelt hat. Aber sie alle machen kein frohes Gesicht, denn jetzt kommt bald die Zeit, da es über ihnen in den Kiefern heult und kracht und ächzt und stöhnt, daß man es bis unten im Dickicht und Dunkel des schützenden Unterholzes spürt und wo man froh ist, etwas Fett auf dem Leibe zu haben. Nur der Fuchs lacht, steckt die spitze Schnauze durch den Spalt eines Wacholderstrauches und schaut dem Auszug mit pfiffigen Augen nach: Wie schön, daß er sie jetzt alle beieinander hat! Da lohnt es sich wirklich, in der Fichtenschonung zuweilen zur Visite zu erscheinen. Und er nimmt sich jetzt schon vor, als erstes der alten hinkenden Hasenmutter da vorne recht bald zu ihrem seligen Mümmelmann im Hasenhimmel zu verhelfen. Die alten Maulwürfe aber steigen besorgt in ihre Gänge herunter und prüfen lange und bedächtig, ob sie auch tief genug sind: denn so ein Vennwinter ist lang und streng und krallt sich oft tief in den Bo­den. Auch den langbeinigen Fröschen und den behäbigen Kröten deucht es nicht mehr geheuer: tiefsinnig und schweigend sitzen die Grünkittel um die schwarzen Moortümpel herum; der alte, dicke auf dem blanken Rand­stein gibt den Aufgesang zu einem letzten Quakkonzert, aber sein unfroher Baß findet keinen Widerhall; nein, die Stimmung fehlt; die köstliche Zeit der Fliegen, Mücken und Wasserflöhe ist mit dem Sommer endgültig dahin. Und überhaupt hat es gar keinen Zweck mehr, noch länger zu warten. Ein letzter Hupfer, bis nächstes Jahr! Und einer nach dem andern verschwindet im aufbrodelnden Schlamm des Tümpels. Aber ge­fallen tut es ihnen auch nicht da unten; denn schon steigt aus der Tiefe ihr letzter quirlender Seufzer! Da ist der Hamster schon besser dran, der macht kurzerhand Schluß, stopft einen Wasen in die Tür zur Oberwelt und macht es sich neben seinen Hafer- und Weizenvorräten, die er nachts dem Vennhofer mit vollen Backen gestohlen hat, bequem. Mag es jetzt da oben toben und heulen und pfeifen, daß die ohnehin windschiefen Föhren sich noch tiefer zur Erde neigen, ihm tuts nichts, und fein Vorrat reicht bis zum nächsten Frühjahr vollauf.

Es ist ein Glück, daß sie sich alle auf die Beine gemacht haben: denn schon kommt es jetzt von oben herunter in tänzelnden, schwebenden Flocken leise, unhörbar. Aber noch ist auf der Heide nichts davon zu sehen; durstig trinkt sie das feine weiße Gerinnsel ein, es fällt zwischen die Heide­krautbüsche und verdorrten Wollgräser bis hinunter auf die quellenden Moorpolster. Doch gemach, es ist ja auch erst der Anfang. Jetzt hebt sich sachte ein Westwind, wird stärker und stärker, und zuletzt bläst er mit vollen Backen in die prall gefüllten Wolkensäcke.

Hei, wie's da herunter stiebt, dichter und immer dichter. Cs tanzt und wirbelt und jagt sich um die Wette, um nur gar recht bald unten zu sein. Und allmählich wird die herbstlich braunrote Heide grau und dann weiß und immer weißer, und die fürwitzigsten unter den Sträuchern und Sträuchlein tragen schon eine weiße, weiche Wintermütze, und die hohen Birkenbüsche einen großen, weißen Hut. und sie alle, alle werden ganz kleinlaut und verbeugen sich demütig und tief vor dem gestrengen Herrn, der jetzt seinen Einzug hält und es schneit und schneit!

Tot wird es jetzt auf dem Venn, still und tot und einsam, hoch und weiß und weit liegt der Schnee wie ein leuchtendes Bahrtuch, und doch wieder gütig letztes Leben behutsam schützend. Nur zuweilen steuert noch ein verspätetes Krähenpaar mit eiligem, taumelnden Flügelschlag darüber hin Ihr heiseres Gekrächze hängt einsam und verloren in der dunstigen Luft. Mit leisem Flimmern ziehen sich die Farben des Abends durch das Venn: Blaue und graue, weiße und rötliche und laiche, für die es keine Namen gibt. Sie schmiegen sich in di« dunklen Wellen des Bodens und

ziehen dann weiter wie weiche, schwebende Schatten oder bunte Schleier. Am fernen Himmelsrand aber lagern langgestreckte, dunkle Winterwolken wie Trauerflore an fernen Toren. Feiner weißer Nebel steigt jetzt in der Ferne auf, und den kleinen Bachläufen folgend, kommt er langsam näher, quillt über die Heide und hüllt alles ein wie ein ahnungsvoller Traum. Langsam erscheinen am Himmel die Sterne, und das große Schweigen der Nacht senkt sich auf das schlummernde Venn.

Einsam liegt es jetzt und tot; bis zum fernen Fichtenhochwald ohne Weg und Pfad schweigend, voll lastender Stille. Und die jetzt nächtens darüber müssen, schlagen ein Kreuz und spähen scheu um sich, wenn neben ihnen, vom Ginsterstrauch, eine Eisperse raschelnd zu Boden fällt. Wenn aber irgendwo in der Ferne ein Hund heiser in die Nacht hinaus bellt, so klingt es dem einsamen Wanderer wie liebliche Musik; denn jegliche Schönheit der Natur wächst zum Schauer, wenn die Spuren der Men­schen erlöschen.

Aber am Morgen, wenn die klare Wintersonne über den fernen Wäl­dern aufblitzt, dann feiert auch das Venn seine Auferstehung; dann leuch­tet und funkelt und glitzert es in den köstlichsten Farben, dann glühen seine Höhen in herrlichem Rot, während es noch in den Tälern der kleinen Flußläufe schlummert wie blauer Opal. Und mit der wandernden Sonne wandern und wandeln sich die Farben, und sie vermischen sich und fließen ineinander und leuchten und glühen, bis sie allmählich erblassen und langsam ersterben: Sieghaft steht die Sonne über dem strahlendweihen Venn.

Auch für das Venndors ist der Winter gekommen. Die schwere Arbeit draußen ruht, denn Felder und Weiden und Wiesen sind verschneit, und das große und kleine Vieh steht wohlgeborgen in den seuchtwarmen Ställen. Dann sitzen die Vennbauern, Knechte und Mägde, länger hinter dem großen Küchentisch als sonst. Wenn aber der Abend kommt, und die Stube schummerig wird, dann rücken sie sachte näher beieinander, besonders das junge Volk, und sie erzählen alte Geschichten von Teufeln und Geistern, und der alte Huppert schwört auch jetzt noch darauf, daß es falsch und gefährlich sei, eine verunglückte Torfkarre am selben Tage aus dem Graben herausziehen zu wollen. Und dann sprechen sie von schaurigen Unglücksfällen, von Mord und Brand und Kriegen in früherer Zeit, und vom Vieh, und wie es besprochen werden muß, wenn es krank ist. Ja, und den Schmuggel vergessen sie auch nicht, und wie man es machen muß, um nicht erwischt zu werden. Potztausend, wie sich da oft die Balken biegen!

Mittlerweile ist es aber dunkel geworden. Die alte Matthesjoseftrine schlurft zur Stubenecke und hebt die kleine Oellampe vom Eckbrett. Der zinnerne Teller wird in die Tischmitte gerückt und von irgend einem Schrank aus fliegt klatschend eine abgegriffene Spielkarte auf den Tisch. Ei, wie die Alten da munter werden; sie räuspern sich, stopsen die Pfei- fen neu und rücken umständlich näher. Die behäbige, breite Frau Satte« mand aber setzt eine mächtige Tasse Kaffee neben sich und mischt schon, damit keine Zeit verloren geht, denn sie spielt sündhaft gern mit den Karten, wenn sie auch sonst eine kreuzbrave Frau ist.

Nebenan in der guten Stube aber ist der dickbauchige Tonnenofen ordentlich mit Torf gespickt, dort sitzen die Burschen und Mädchen, das junge Volk. Und einer nimmt die silberbeschlagene Ziehharmonika, setzt sich behäbig in den Großvaterstuhl, schlägt das rechte Bein über das linke, als wenn er Recht suchen müßte, und beginnt zu spielen. Hei, wie sie da alle munter werden: Rasch den Tisch in die Ecke und die Stühle. So, nun kann der Felix beginnen. Und sie spielen und tanzen gut, der blasse Neid muß es ihnen lassen, und die Mädchen versichern, daß es Überhaupt keine bessere Tanzmusik geben könne. Und nachher wird bann geschäkert und gelacht. Es macht ihnen gar nichts aus, daß die Türe zur Küche sperrangelweit geöffnet ist, denn die muntern Alten find jetzt scharf beim Spiel und haben keine Zeit mehr, einen*' abwegigen Blick zu tun.

Draußen aber pfeift der Wind um die hohen Buchenhecken, und an den kleinen Stubenfenstern vorbei rieselt der Schnee Winter im Vennl

Höflichkeit.

Von Sigismund von Radecki.

Bekannt ist die Geschichte von den frierenden Igeln. Die Igel wollten es wärmer haben und rückten näher zusammen, daß ihre Stacheln sich durcheinandermischten, bis die Stacheln des einen fast die Haut des anderen Igels berührten. Da hatten sie es warm. Wollten sie es aber noch wärmer haben und rückten noch näher zusammen, so stachen sie sich und fuhren auseinander. Da sahen sie wieder in der Kälte.

Dieses, sagte man, ist ein Bild der menschlichen Höflichkeit: Entsprin­gend dem Bedürfnis nach warmer Nähe, hat sie sich gerade noch unter der Stachelgrenze zu halten. So gut dieses Bild nun zeigt, daß indi­viduelle Stacheln bei Behutsamkeit einen warmen Gemeinschaftspelz abgeben befriedigt es dennoch nicht ganz. Denn erstens gibt es eine Höflichkeit, bei der Stacheln und Kälte gar nicht mitspielen, sondern allein nur noch die Menge, z. B. auf der Untergrundbahn:Tritt mir nicht auf den Fuß, so tret' ich dir nicht auf den Fuß" Alle Herden sind friedlich. Das heißt, wenn man will, höflich. Und zweitens gibt es tiefere Ursprünge der Höflichkeit. Zur Liebeszeit läßt der Löwe der Löwin bei der Fütterung den Bortritt. Das ist bei seinem Löwenhunger hoch­anständig. Dieses hat einen sentimentalen und zugleich einen natur- wirtschaftlichen Grund; denn die Löwin ist auch objektiv wertvoller und schutzbedürftiger geworden: sie trägt die Löwen der Zukunft. Don nun an gehi's auch ohne den Löwen, doch ohne Löwin stirbt die Sippe aus.

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Höflichkeit ist eine befreiende Fesfel: sie gibt einem die Möglichkeit, alles zu sagen (was die Grobheit nie zustande brächte). Das hat mit dem Geheimnis der Form zu tun, und also mit der Kunst. Die voll­endete Wut ist die höfliche Wut. Zum Beispiel:

Alte Dame (fragt denselben Gepäckträger zum siebzehnten Mal«): Ach, bitte, ist dies wirklich der Zug nach Liverpool?" Der Gepäckträger!