Ausgabe 
21.1.1938
 
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Hofmaler alle dl« Untergangsszenen und Untaten, bis auf das letzte Herrschaftsgericht, das sie abhielten, an die Wände malen; hinter dem Ofen prangten die Titel aller veräußerten Lehenbriefe und Privilegien, und auf einer vom Mond« beschienenen Waldlichtung spielten Füchse, Hasen und Dachse mit den Insignien der verlorenen Herrschaft, lieber der Tür aber ließen sie sich selbst von der Rückseite darstellen, rote sie zuguterletzt, die Hüte unter dem Arm, würdevoll bei einem Markstein über die Grenze der Herrschaft schreiten. Mt verkehrter Schrift stand darunter das WortAmen"!

Indem Salomon Landolt nun diese bedenklichen Geschichten in seinem Briese an Salome entwickelte, ging er auf die melancholische Befürchtung über, daß das unglückselige Blut und Schicksal der drei Oheim« auch in ihm wieder aufleben und nur dank einem günstigen Sterne seine edle Mutter übersprungen haben könnte. Um so eher dürfte aber, folgerte er, der Unstern fast naturgemäß bei ihm abermals aufsteigen. Dagegen nach bestem Wissen und Gewissen anzukämpfen sei zwar sein inbrünstiger Vorsatz. Allein schon habe er zu bekennen, daß aus seinen Reisen be­deutend« Summen verspielt und nur durch die geheime Beihilfe der Mutter gedeckt worden seien. Bereits habe er auch, mit fremden Mitteln und ohne Wissen des Setters, über sein Vermögen Pferde gehalten, und was bares Geld betreffe, so sei es wohl so gut wie gewiß, daß er das­selbe kaum jemals werde so zu Rate halten lernen, wie es sich für das Haupt einer geordneten Haushaltung gebühre. Selbst die mehr heiteren Charakterzüge der Oheime, di« Lust am Reiten und Jagen, an Schwank und Spatz, seien in ihm vorhanden bis auf den Hang, die Wände zu beklecksen, da er di« Mauern des Schlosses Vellenberg, wo sein Vater Vogt gewesen, schon als Knabe in Kohle' und Rotstein mit hundert Kriegerfiguren illustriert habe.

Solches schwere Bedenken glaubt« er als ehrlicher Mensch seiner vielgeliebten Mademoiselle Salome nicht verhehlen zu dürfen, vielmehr ihr Gelegenheit geben zu sollen, den wichtigen Schritt über die Schwelle einer verschleierten Zukunft reiflich zu erwägen, sei es, datz sie dann mit der zu erflehenden Hilfe einer göttlichen Fürsehung es mit ihm wagen, sei es, daß sie mit gerechter und löblicher Vorsicht handeln und mit vollkom­mener Freiheit ihrer werten Person sich vor einem dunklen Schicksale be­wahren wolle.

Kaum war der Brief abgesandt, so bereute Salomon Landolt, ihn geschrieben zu haben; denn der Inhalt war im Verlause des Schreibens ernster und sozusagen möglicher geworden, als er erst gedacht hatte, und im Grunde verhielt sich ja alles so, wie er schrieb, obgleich er guten Mutes in die Zukunft schaute. Aber jetzt war es zu spät, die Sache zu ändern, und schließlich empfand er doch wieder das Bedürfnis, Salomes wirkliche Zuneigung durch den Erfolg ermessen zu können.

Dieser blieb denn auch nicht aus. Sie hatte sofort, was sich zwischen ihr und Salomon ereignet, der Mutter gestanden; die Neuigkeit wurde mit dem Herrn Vater beraten und die Heirat bei den ungewissen Aus­sichten des allbeliebten, aber auch ebenso unverstandenen jungen Mannes als nicht wünschenswert, ja gefährlich erklärt; und als nun der Brief kam, riefen die Eltern:Er hat recht, mehr als rechtl Er sei gelobt für feine biedere Aufrichtigkeit!"

Die gute Salome, welcher ein sorgenvolles oder gar unglückliches Leben undenkbar war, weinte einen Tag lang bittere Tränen und schrieb dann dem unbesonnenen Prüfer Ujres Herzens in einem kleinen Brief­lein: es könne nicht fein! es könne aus verschiedenen gewichtigen Gründen nicht fein! Er solle der Angelegenheit keine weitere Folge geben und ihr aber seine Freundschaft bewahren, wie sie auch die ihrige ihm allezeit getreulich zudienen lassen werde in allerherzlichster Bereitwilligkeit.

In wenigen Wochen verlobt« sie sich mit einem reichen Manne, dessen Verhältnisse und Temperamente über die Sicherheit einer wohl- begründeten Zukunft keinen Zweifel aufkommen ließen.

Da war Landolt einen halben Tag lang etwas bekümmert; dann schüttelte er den Verdruß von sich und hielt heiteren Angesichts dafür, er fei einer Gefahr entronnen.

Hanswurstel.

Der Name derjenigen Liebschaft, welche er Hanswurstel nannte, darf unverkürzt angeführt werden, da das Geschlecht ausgestorben ist. Sie führte den altertümlichen Taufnamen Figura und war eine Nicht« des geistreichen Rats- und Reformationsherrn Leu, hieß also Figura Leu. Es war ein elementares Wesen, dessen goldblondes Kraushaar sich nur mit äußerster Anstrengung den Modefrisuren anbequemen ließ und dem Perruquier des Hauses täglich den Krieg machte. Figura Leu lebte fast nur vom Tanzen und Springen und von einer Unzahl Späße, die sie mit und ohne Zuschauer zum besten gab. Nur um die Zeit des Neumondes war sie etwas stiller; ihre Augen, in denen die Witze auf dem Grunde lagen, glichen bann einem bläulichen Wasser, in welchem die Silber­fischchen unsichtbar sich unten halten und höchstens einmal emporschnellen, wenn etwa eine Mücke zu nahe an den Spiegel streift.

Sonst aber begann ihr Vergnügen schon mit der Sonntags frühe. Als Mitglieder der Reformationskammer, das heißt der Behörde, welche über die Religions- und Sittenverbesserung zu wachen hatte, lag ihrem Onkel ob, denjenigen Einwohnern, die an einem Sonntage aus den Toren gehen wollten, die Erlaubnis mittelst einer Marke zu erteilen, welche sie den Torwachen abgeben mußten. Denn allen andern war das Verlassen der Stadt an Tagen des Gottesdienstes durch geschärfte Sittenmandate verboten. Ueber diese Funktimr machte sich der aufgeklärte Herr heimlich sehr lustig, wenn sie ihn nicht allzusehr belästigte; denn an manchen Sonntagen erschienen an di« hundert Personen, die unter den verschie­densten Vorwänden ins Freie zu gelangen suchten Noch mehr aber be­lustigte sich daran die Jungsrau Figura, welche die Bittsteller auf der geräumigen Hausflur vorläufig einteilte und aufftellte je nach der Art ihrer Begründung und sie bann klaffenweife in das Kabinett des Refor­mationsherrn führte. Dees« Klaffen waren jedoch nicht nach den vorge­

gebenen, sondern nach den wirklichen Gründen gebildet, die sie den Leuten am Gesicht absah. So stellte sie untrüglich die Lehrburfchen, Handwerksgesellen und Dienstmägd« zusammen, die einen entfernten Kirchweih- und Erntetanz aufsuchen wollten unter dem Vorwande, sie müßten für die kranken Meisterleute ju einem auswärtigen Doktor gehen. Diese trugen alle zum Wahrzeichen ein leeres Arzneiglas, einen Salben« topf, eine Pillenschachtel oder gar ein Fläschlein mit Wasser bei sich und hielten alle solche Gegenstände auf Geheiß des luftigen Jungfräuleins sorgfältig in der Hand, wenn sie oorgelassen wurden. Dann kam di« Schar von bescheidenen Männchen, welche ihre bürgerlichen Privilegien genießend an stillen Wasserplätzen zu fischen wünschten und schon die Schachteln voll Regenwürmer in der Tasche führten. Diese wandten hun­dert Geschäft« vor, wie Kindstaufen. Erhebung von Erbschaften, Be­sichtigung eines Häuptleins Viehs und dergleichen. Hierauf folgten be­denklichere Gesellen, bekannte Debauchierer, die in abgelegenen Land­winkeln einer Spielerbande, im besten Falle einem Kegelschieben oder einer Zechgesellschaft zusteuerten; endlich tarnen noch die Verliebten, di« in Ehren aus den Mauern strebten, um Blümlein zu pflücken und die Rinden der Waldbäume mit ihren Taschenmessern zu beschädigen.

Alle diese Klassen ordnete sie mit Sachkenntnis, und der Oheim sand sie so gut eingeteilt, daß er ohne langen Zeitverlust diejenige Anzahl, die er nach humaner Raison für einmal tjinauslaffen wollte, absondern und die übrigen zurückweisen konnte, damit nicht ein zu großer Haufen aus den Toren laufe.

Salomon Landolt hörte von der luftigen Musterung, welche Figura Leu jeden Sonntag Morgen abhalte. Es gelüftete ihn, das Abenteuer selbst zu bestehen; daher begab er sich, obgleich er als Offizier auch sonst an den Toren überall aus- und eingehen konnte, einstmals zu Pferde vor das Leusche Haus und trat gestiefelt und gespornt auf die Hausflur, roo die wunderliche Aufstellung der Wanderlusttgen in der Tat eben beendigt worden.

Figura stand auf der Haustreppe, zum. Kirchgänge schon mandat- mäßig gerüstet, in schwarzer Tracht und mit dem vorgeschriebenen nennen« gütigen Kopftuch, das weiße Marmorhälschen mit dem erlaubten gül­denen Kettlein umspannt. Ueberrascht von der feinen leichten Erschei­nung, säumte er einen Augenblick zu grüßen, bat dann aber höflich mit kaum unterdrücktem Lächeln um Anweisung eines Platzes, wo er sich aufzustellen habe.

Sie machte einen anmutigen Knicks, und da sie an feiner Frage die schattige Absicht erkannte, fragte sie hinwieder:3n welchen Geschäften verreiset der Herr?"

,Zch möchte meiner Mutter einen Hasen schießen, da sie am Abend Gesellschaft und keinen Braten hat!" erwiderte Landolt so unbefangen als möglich.

Dann belieben der Herr sich dorthin zu placieren", sagte sie eben so ernsthaft und wies chn zu dem Häuflein der Verliebten, die er an ihrem schüchternen und zärtlichen Aussehen erkannte, wie sie ihm be­schrieben worden. Figura verneigte sich abermals vor ihm, als er doch etwas verblüfft zu der Gruppe trat, und eilte dann so leicht wie ein Geist, alles im Stiche lastend, aus dem Haufe und in die Kirche. Als sie verschwuirden war, drückte sich Landolt sachte wieder aus dem Vestibül hinaus, bestieg fein Pferd und trabte nachdenklich dem nächsten Tore zu, das ihm dienstfertig geöffnet wurde.

Wenigstens war nun die Bekanntschaft mit dem eigenartigen Mäd­chen gemacht, was auch dieses gelten zu lasten schien; denn wenn er der Figura begegnete, so nahm sie freundlichst seinen Gruß ab, ja sie grüßte ihn manchmal zuerst mit heiterem Nicken, da sie sich an keine Etikett« band. Einmal trat sie sogar, wie von der Lust getragen, auf der Straß« unoersthens vor ihn und sagte:Ich weiß jetzt, wer der Hafenfänger ist! Ad:eu, Herr Landolt!"

Seinem graben, offenen Wesen tat diese Art und Weise außerordent­lich wohl, und sie erfüllt« fein vom Distelfink bereits angepicktes Herz mit einer zärtlichen Sympathie. Um ihr näher zu kommen, sucht« er den Umgang ihres Bruders zu gewinnen, der, gleich ihr, bei dem Oheim wohnte, weil sie von Kindheit an verwaist waren. Salomon hatte er­fahren, daß Martin Leu an einer Vereinigung jüngerer Männer und Jünglinge teilnahm, welche sich Gesellschaft für vaterländische Geschichte nannte und in einem Gefellschastshause am Neumarkt ihre Zusammen­künfte hielt. >

Es waren die Strebsamen und Feuerköpfe aus der Jugend der herrfchenden Klassen, die unter diesem Titel eine bessere Zukunft und aus dem dunklen Kerkerhaufe der f»genannten beiden Stände das heißt des geistlichen und weltlichen Regiments zu entrinnen suchten. Die Gegen­stände der Ausklärung, der Bildung, Erziehung und Menschenwürde, vor­züglich aber das gesährliche Thema der bürgerlichen Freiheit wurden in Vorträgen und zwanglosen Unterhaltungen um so überschwenglicher be­handelt, als ja die- Herren Väter schon über eine ausschreitende Ver­wirklichung wachten und die Souveränität der alten Stadt über das Land außer Diskussion stand; waren ja doch Land und Leute im Lause der Jahrhunderte mit gutem Gelde erworben und di« Pergament« des Staa­tes um kein Haar breit anderen Rechtes als die Kaufbriefe des Privat­mannes.

Hingegen war die Untersuchung, ob das Recht der Gesetzgebung, das Recht, die Verfassung zu ändern, bei der gesamten Bürgerschaft oder bei der Obrigkeit stehe, ein um so beliebteres Vergnügen, als es nur im geheimen genossen werden mutzte, weil der Scharfrichter mit seiner ge­schliffenen Korrekturfeder dicht bei der Hand war. Wenn die Bürger­schaft, welche von den Herren als eine der schwierigsten bezeichnet wurde, einmal aufbrauste, so wurde jener schnell zurückgezogen, bis das Wetter vorüber war; nachher stand er wieder da gleich dem Barometermänn­chen, und die Obrigkeit war wieder das nämliche mystisch-abstrakte Ge- roaltstier wie vorher, das allein von Gott eingesetzt worden.

(Fortsetzung folgt.)