Ausgabe 
20.6.1938
 
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Oer Bäcker.

Von Rudolf Schmitt Sulzthal.

Was wuchs in Sonn- und Regenwucht, des Bauern goldne Ackerfrucht, ein Schatz voll Erd- und Himmelskraft, von Sensenblitzen hingerasft, im Mühlgetos' zu Mehl gemacht, wird erst vom Bäcker ganz vollbracht

Durchknetet ruht der Teig im Trog, darin er warm gedeihend sog die Gärung, Wasser und das Salz, bis er bereit zur Stollenwalz; geladen dann auf harte Bahr wird er getauft für die Gefahr. Rasch in den Schlund der Hitzegruft! Voll Feuerhauches tobt die Luft, die Stärke weist sich in der Pein die Flamme atmet sternenrein, erzwingt mit läuternder Gewalt die krustbehäutete Gestalt.

Dustherrlichkeit! Aus Glutennot gebacken fährt herauf das Brot, wie braungewichst glänzt jeder Weck, im Hitzschweih auch der stolze Beck;, bald spürt sein Werk die Linderung, ihn labt ein frischer, tiefer Trunk.

Strotzt dann auf unserm Tisch der Laib, daß er uns stets erhalten bleib! so zeichnen wir nach alter Sitt drei Kreuze ein zu frommer Bitt: Gott halte ferne unserm Land, daß jemals ruh die Bäckerhand!

Ein Kinderhut auf dem Wasser.

Eine Geschichte in' zwei Briefen von Georg von der Bring.

Liebst« Frau! v

Ich habe nicht geschlafen diese Nacht. Ich dachte an Dich, suchte Dich zu enträtseln. Bist Du ein Rätsel, Eva? So töricht bin ich noch jetzt. Dich nicht zu kennen, obwohl die Nacht herum ist, vollkommene Helle, und ich ruhig sein sollte Nein, das ist gewiß, ich bin nicht ruhig; das ist aber auch das einzige Sichere, was ich jetzt weiß. D u wirst geschlafen haben, denn es hat Dich wohl nichts beschwert. Ich lag im Finstern diese erbärmlich lange Nacht, die ich mit Fußtritten beehrt habe; immer wollte ich aufstehen und zu Dir kommen, um zu sehen, ob Du auch schlaflos lägst; aber Du schliefst wohl. Du bist zu klar, um wach zu liegen und zu grübeln. Dein Gesicht ist mir wert, es ist mir so bitterlich wert. Wer hat es Dir gegeben, dies Gesicht? Und gemacht, daß es mir so wert ist? Fragen über Fragen ... Träume weiter Deinen guten Traum, träume von einem allerbesten Schlaf ohne Traum, träume aber nicht von einem ertrunkenen Kinde. Unser Kind nämlich liegt in seinem Bette; eben bin ich an seinem Lager gewesen, es atmete ruhig, ganz bloß lag es. und das war gut, es so ruhig und zufrieden liegen zu sehen, so bloß und so sicher gebettet und nicht in dem schlimmen Rhein­wasser. _

Davon wollte ich Dir schreiben. Es wäre gut, wenn Du meinen Brief richtig verstehen würdest, es wäre eine Lebensrettung beinahe! Wie konntest Du lachen gestern, als ich vom Pserd sprang? . ,®!2er schwitzend häßlich, wo ich auch ohne einen scharfen Ritt ein häßlicher Mensch bin. Das ist sicher. Und wäre nicht die recht kleidsame Uniform, die ich trage, so ... Uebrigens bin ich für eine Uniform vielleicht schon zu dick. Ich bin doch zu dick, Eva, nicht wahr? Ich bin rund und dick, fett fast, trotz meinem Hin und Her den ganzen Tag trotz Athletik, Tennis und Schwimmen. Du schwimmst nicht Du spielst ?er£c,? nur andeutungsweise Tennis. Aber Du bist schon, und ich bin häßlich. Das ist die Sache. Dazu mein borstiger Bart ... .

Wenn Du nur nicht lachen würdest über diesen Brief, wie Du gestern lachtest, als ich in meiner höchsten Häßlichkeit vom Pferd sprang, vielleicht stolperte ich dabei; zudem hatte ich unsers Kindes nasses St h- hütchen in der Hand. Hättest Du alles gewußt. Du wurdest "'^ ge­lacht haben; auch die andern Damen möchten sich still verhalten haben. Aber ihr lachtet, als ich erschien, vielleicht stolperte, häßlich war ihr lachtet ... Ihr? - Du lachtest, und ich mit meinem Srohhutchen drehte mich um, bestieg das Pserd und ritt wieder fort. Ich glaube, sogar ucher Kind hat etwas begriffen, es weinte, als ich wieder aufsaß, und mir schien nicht wegen des Hütchens, das ich wieder mit mir for.nahm! Auch nicht, weil der Vater ihm fortritt! Sondern ja, rocsroeäen l

Stelle es Dir vor. Wir sind unterhalb der Stadt bei der Ponton- Übung. Wir sind fast fertig, ich gehe hinüber da liegt plötzlich 'n °er Mitte der Brücke auf den Bohlen ein Kinderstrohhut Er fei ange- fchwemmt worden, meldet mir ein Unteroffizier verlegen Und ich er­kenne sogleich den Hut unsers Kindes mit der blauen Schelfe und dem doppelten Kleeblatt im Rot, denn dies von Dir bestickte Hutband gibt es nicht zum zweitenmal, das weißt Du ja. Nun mein Herz etzt aus ch denke: mein Kind ist im Fluß. Die Leute wissen nichts, so renne ich zum ersten Male in meinem Leben aus dem Dienst, ohne ein.n. Befehl oder Bescheid zu hinterlassen, fliege aufs Pferd und rase durch d Stadt, erreiche in kaum einer Viertelstunde die Badeanstalt wohin D' am Nachmittag mit Kindchen gehen wolltest, und traf eum.Erlösung. Ich sehe es bei Dir stehen, sehe es seine Händchen heben, blicke in Dein

Gesicht, In Dein schönes, jetzt aber, da es sich schon zu senem Lachen verzieht, nicht schönes, nein, Liebste, verzeih sehr häßliches Gesicht, wirklich, ohne Uebertreibung fast möchte ich sagen: zerstörtes Gesicht, von einer ballonhaften Hohlheit nein, das ist vielleicht nicht recht, was ich schreib«, aber ich kann nicht anders. Ich schreibe nämlich, wie ich gestern geritten bin; wie ich hergeritten, wie ich fortgeritten bin, so schreibe ich; dabei fliegen die Funken. Du mußtest doch barmherzig sein mit mir! Ach, das ist schlimm, wie der Mensch geartet ist, und alle sind verschieden. Bedenk es genau, auch wir.

Um Dir's ganz zu erklären, füge ich ein Erlebnis aus meiner Jugend hinzu. Ich war Realschüler und daheim an der Weser in Ferien. Den. Sanzen Tag ruderte ich und war verliebt. Ich war in ein hübsches, hell» aariges Mädchen verliebt, 15 Jahre alt, die Tochter eines Kapitäns. Sie wohnten in einem strohgedeckten Hause am Deich, ich ruderte oft vorüber. Dort gab es außer der Fünfzehnjährigen noch eine Schwester, wir drei waren manchmal zusammen im Boot. Die Mädchen konnten sehr gut rudern, es mar eine Lust, ihre braunen, starken Arme zu sehen und die gesunden Zähne, die sie bei jeder Anstrengung zusammenbissen.

Es geschah damals ein Unglück in unserer Stadt: ein Kind ertrank. Hier, wo lauter Schiffer- und Fischervolk lebt und die Kinder am und aus dem Wasser aufwachsen, gibt es selten ein solches Unglück. Dies Kind aber, ein Mädchen im Altef unsrer Kleinen, war an seinem Geburtstag auf einem der langen, schmalen Bootsstege hinausgelaufen, auf feinen noch ungeschickten Füßen ausgeglitten und ins Wasser gefallen. Dies wurde nicht bemerkt, und das kleine Geburtstagskind ertrank. Man fand es am Abend. Die ganze Stadt trauerte. Viel sind gestorben seither, der Krieg hat die Männer genommen sowie Greise und Frauen aber den Tod des Kindes wird man noch spät wissen.

Ich aber, Liebste, wollte den Strohhut finden. Der Strohhut des Kindes war nämlich noch nicht gefunden, das Ebbewasser hatte Um fort­geführt. So setzte ich mir in den Kopf, ihn zu finden mochte nicht in die Lage kommen, ihn zufällig zu erblicken und diesen Schreck zu erleben. Ich würde ihn beim Suchen sinden. Mit Flut und Ebbe war er wohl stromauf, stromab getrieben worden.

Eine Woche später habe ich ihn gesunden, im Usergesträuch sestgehakt an feinem Gummiband. Das geschah in der Nähe des Kapitänshauses, und ich, durchnäßt vom stundenlangen Regen, durch den ich gerudert, wollte dort meine Kleidung trocknen stieß also ins Schilf, nahm den kleinen Hut mit und betrat das Haus. Die schöne Tochter ist im Zimmer. Ich aber nun entscheidet sich alles komme mit einem zerweichten Kinderstrohhut in der Hand, selber durchnäßt, herein. Das Mädchen, kaum daß sie mich sicht, fallt in ein Gelächter. Ich, dieser komische Mensch, weiß nicht, worüber sie lacht. Die Schwester rennt herzu und lacht auch. Die erste, die schöne, starke, nimmt mir das Strohhütchen aus der Hand, wobei ich denke, daß sie es vielleicht trocknen will; plötz­lich setzt sie mir den kleinen Hut auf mein nasses, häßliches Borstenhaar. Und nun wußte ich erst, worüber sie gelacht hatte, nämlich: weil so ein* komisch ernster, dazu häßlicher Mensch mit einem. Kinderhut zu Besuch tarn und wußte zugleich: sie sei dumm_ und, was schlimmer ist: sie sei nicht allein dumm, sondern ihr fehle überdies das Weite, nämlich jene unberechenbare Klugheit der Welt. Das wurde auf diese Weis« geklärt.

Und nun glaube ich, stehe ich Dir, Liebste, nach dieser Geschichte auf eine schroffe Art nahe, fo ehrlich nahe, daß es nur eines Hauches bedarf, um uns ins Unglück zu bringen. Ich habe -geglaubt, daß kluge Frauen alles wissen, auch das, was man ihnen nicht erzählt daß die klugen Frauen alles erraten können, erstens das, was wir verschweigen, aber doch möchten, daß sie es erfahren, zweitens das, was wir mit Absicht verbergen, und noch vieles darüber hinaus.

Du aber gestern, als ich mit dem nassen Hütchen unsers Kindes zu Dir kam, haft es nicht gewußt. Wieviel hat bas zu bedeuten? Ist etwas da, was falsch ist? Was trennt? Bin ich allzu häßlich? Bin ich albern? Bin ich offenbar komisch? Oder auf einen abseitigen Weg ge> kommen, wo ich begierig auf Deine Stimme lausche, daß sie mich zurück- rufe, aber ich höre sie nicht? ... .....

Wärst Du doch klug, Liebste! Das mochte ich mir nicht denken, wenn Du nicht klug wärst? Wie schön aber, wenn Du es märst^^

Mein Liebster! s

Soeben beim Erwachen finde ich auf der Bettdecke Deinen Brief. Und Du hast mich nicht geweckt! Fritz wird Dir meinen Brief fogleich *n Was aber soll kfo Dir antworten? Ich habe solche Angst! Ich änftige mich davor, nicht klug zu sein. Denn jrf) kann das gar nuf)t begreifen, was Du schreibst. Ich finde Dich auch gar nicht häßlich, sondern schon. Solch einen Unsinn hast Du über Deine Figur geschrieben sogar über Deinen Bart! Ich finde, daß das nicht richtig ist. Aber klug bin uh wohl bestimmt nicht, das Schicksal teile ich wohl mit jener Kapitansiochter.

Aber* es ist doch nichts geschehen! Cs ist dem Kindchen nichts ge» fd'ehen nur dem Hut! Er flog fort, schon dabei lachten wir. Scherben bringen Glück; ober: Unglück bringt Glück! Weißt Du? Und wir haben eine Weile nicht mit Lachen aufgehört. Wir waren ^°hl'ch. wir waren, nejn _ ich war glücklich. Kann denn da ein entflogener Strohhut meine '*»«<. 14

Dummheit gelacht: ich meine es nicht. Denk doch: unser Strohhiu fliegt fort schwimmt weg in weniger als einer halben Stunde bringt mein Liebster ihn, auf feinem Pferd hersprengend wieder, als ob er um keinen Preis erst zwei Minuten spater zur Stelle sein durfte, als sei er Gegenstand einer Pionierübung geworden und also wohlbehalten und eilig angelangt, weil eben die Pioniere zuverlässige Leute fmd

Ich habe es nicht bedacht, das andere, nämlich, daß Du erickuocken fein müßtest bei Auffinden des Hutes, also war ich dumm. Das ist sicher.