Nickis interessiert mich so sehr wie die DrusenI" verkündet Hefter I mit" glühendem Blick. ,Zch werde mich in ihre Geheimnisse emwechen la|^arf; den Türken also die Drusen, denkt Bruce; wie viele von den verdammten Völkern es wohl geben mag?
In einem dieser Dörfer war es. Hefter sitzt beim Mittagsmahl mit Bruce und Meryon. Geschrei tönt vom Dorsplatz herein, ein Missetäter roirjjörftl bu, Mylady, was er ruft?" fragt der Dolmetsch. »Er sieht um Gnade durch die Gunst der ,6itt‘ — seiner Hernnl Das bist du, JJi°!8ruce ist zerstreut und Meryon wundert sich längst nicht mehr, daß Mylady überall Herrscherin ist. Sie sehen nicht, dah Hefter bis in die Lippen erbleicht .. Tags zuvor war ihr gelungen den geheimen blutigen Kult der Peziden mit eigenen Augen zu schauen, aber bte Sinne hatten sie verlassen, ehe die Zeremonie nut ihren Verzuckungen den Höhepunkt erreichte. Als ein drusischer Priester sie mühsam wieder zum Leben erweckte, war sie wohl jedem Drusen mehr als irgendein anderer Weitzer — doch sie selbst hatte eine Grenze erlebt. Nie hat sie Genaueres davon erzählt; Verrat bedeutete Tod. Erst nach Jahrzehnten überlieferte ein alter Druse das Geheimnis von Lady Hefter Stanhopes Macht in Syrien. Wenn sie selbst gelegentlich nach England schrieb-. ,^ch bin in einige der tieferen Mysterien eingeweiht worden , so lachte man in den Salons. Hatte Pitts Nichte nicht auch ein Schaf fchlachten lassen, dessen Schweif allein elf Pfund wog, um festzustellen, daß die Drusen es in einer halben Stunde,, roh, samt Haut und Knochen, vertilgten? Und war sie nicht hauptsächlich bei den braunen Wilden berühmt, weil man nicht feststellen konnte, womit sie sich bemalte — da doch die Haut eines Menschen unmöglich von Natur so weih sein konnte?
Bruce hat" es satt. Immer nur Sitten und Scheichs erjorschen, als ob es nichts anderes gäbe in dieser WeltI Als er eines Nachts vor dem Kulthain der Drusen — an den er sich herangeschlichen hat, um schlietzlich auch etwas zu entdecken — aufgegriffen und ums Haar maffatriert wirb, erklärt er: fein nächstes Ziel fei Aleppo.
„Gut, meines ist Damaskus", erwidert Hefter.
Er protestiert, er bringt in sie. Aber er fühlt, daß alle Worte Zeit- verfchwenbung finb. Guter Gottl Wenn eine Frau zum Eigensinn ihres Geschlechtes auch noch den Mut eines Mannes besitzt ...
„Lassen Sie, Mr. Bruce", beschwichtigt Meryon, „Mylaby fürchtet ohne Zweifel bie Krankheit von Aleppo, es sind Pusteln, die entstellen und denen kaum einer entgeht."
Bruce nickt. Ihm soll es recht fein. Doch er glaubt nicht daran. PustelnI Pahl Hefter bekommt auch keine Pusteln, wenn sie nicht will! Allerdings — es wäre jammerschade um den strahlenden Teint ...
Irgendwo hat sich ein Syrier zur Kavalkade gesellt, Pierre mit Namen. Pierre ist verrückt, fagen die Drusen, aber Hefter lacht über sein Gehabe. Er ist groß, hager, mit tiefen Augen, und nicht mehr jung. Wenn Pierre spricht, fliegen die Hände in der Luft.
„Als was bietest bu dich an?" fragt Hefter.
„Als Diener, Koch, Führer, Dolmetsch und Begleiter. Ich bin fraw zostscher Abstammung und habe unter Napoleon gedient. Ich glaube an die Auferstehung der Araber, MyladyI Und wünsche deshalb, Ihnen
zu dienen." ,
Hefter sieht an ihm herab, mit zufammengeknifsenen Augen:
„Was hat das mit mir zu tun?"
„MyladyI Ich war in General Bonapartes Mameluckenheer. In | einer Nacht, am Rand der ägyptischen Wüste, hörte ich eine Hyäne heulen, so seltsam, daß unsere Kamele erschraken. Der Himmel war bedeckt. Ein Murmeln erhob sich, und ich verstand: .Pierre, die Araber werden einen König und eine Königin haben!" Ich kehrte in meine Heimat zurück, und habe geheiratet, aber niemals konnte ich zweifeln, datz ein Prophet zu mir gesprochen hat. Jetzt, als ich hörte, eine große Prinzessin ist aus Europa gekommen, wußte ich: Nur sie kann die Königin sein ... Ich verlieh mein Weib und komme zu dirj"
Er wurde Koch und ritt im Gefolge von Mylady.
„Arabien" — sagte sie — „wo werde ich das Volk der Araber finden, Pierre?"
„3n der Wüste, MyladyI" ,
„Von wo gehe ich in die Wüste?"
„Von Damaskus!"
Allah über Damaskus.
lieber trockene Erde durch Felsen und Täler reiten sie, im Süden losen sich die Gipfel des Hermon, im Norden glänzt der Sonnentempel von Baalbek.
Meryon wird vorausgeschickt und kommt mit schlechten Nachrichten aus Damaskus zurück. In Damaskus ist Revolution, die Stadt den Europäern feindlich, keiner darf sie in fremden Kleidern betreten, keiner. Pferd ober Esel reiten. Der Pascha läßt sagen, Mylady möge sich verschleiern — sonst garantiere er süx nichts!
Hefter nickt mit einefrt sonderbaren Lächeln, Meryon weih: da zählt kein Rat. Und Bruce ist in Aleppo. >
„Die Muselmanen schrecken vor Blut nicht zurück!" versucht er noch einmal
Sie liebkost den Hals des arabischen Pferdes, entzückt folgt ihr der Blick des alten Pierre.
„Was kümmert mich die Meinung von Damaskus?" —
Es war am 1. September 1812 um vier Uhr nachmittags, als ein Europäer an der Spitze von achtzehn Mann und zwanzig Maultieren durch die dichtbefetzten Straften des aufständischen Damaskus ritt. Dieser Europäer war eine unverschleierte Frau!
Ein Wort, ein Schrei — und die Wut eines fanatischen Stammes konnte gnadelos alle Dämme von Zucht zerreihen. lieber Damaskus befiehlt nicht der Sultan, über Damaskus herrscht Mohammed selbst, dessen
Erst verrieten die großen dunklen Augen nichts als Staunen, überall, wohin sie ritt. Frauen kamen zuerst, und Kinder; mählich auch Männer. Aber dann war es bald herumgeflüstert: Myladn, die tottt, war obwohl weißer Abstammung, irgendwie aus Mohammeds Blut ... Die'Augen wurden sanft und glänzend — man fprengte Kaffee vor «e Hufe ihres Pferdes ... Schließlich rief eine schüchterne Stimme. Nicht lange blieb die Stimme allein. Andere gesellten sich dazu und sammelten sich zum Rus weichinhallend durch die Straßen, in denen sie ritt.
„Was heißt das?" fragte sie den Dolmetsch. .
„Sang lebe die Königin! Daß sie lebe, um glücklich ihr Land wiebel' 3Uffiefters Kopf sank herab ... Mein Land ... Was ist mein Land?
Der lilienhafte Glanz auf ihrem Gesicht, das Mondlicht auf ihrer blaffen Haut — wurde nicht mit weißer Farbe gemalt, sie hatten sich genau erkundigt. Die Augen, scharf wie die eines Beduinen, die Herr' lichste Gabe, die Gott verteilen konnte, waren blau von Geburt! Ihr Körper mit seinem unwahrscheiiilich hohen Wuchs konnte nur der Körper einer Königin fein. Der Fuß aber, der sich schmal, hochristig und behend in den Bügel schwang, war „ein arabischer Fuß, der Fuß des Ostens I
Im Basar erhoben sich die Männer vor ihr, eine Ehre, die nur dem Sultan gebührte. Glänzende Brokate rollte man zu ihren Fußen,- Schleier aus Bagdad, goldenes Tuch von Hama und arabische Perlen .... Sie beugten sich alle, die hochgewachsenen Beduinen in ihren braunen. Gewändern, mit dem wilden Blick und panthergleichen Gang, die goto” behängten Türken, die düsteren Drusen und farblosen Christen, vor diesem Wesen anderer Art. '
Und sie schritt langsam hindurch, atmete den scharfen Geruch fremder Gewürze, die entzauberte Bewunderung aus Taufendundeiner Naast-
Was ihr Leben bedeute? fragte sie sich immer noch, wenn die Sonne! hinter Damaskus sank.
Schon weiß sie kaum mehr, ob sie wacht ober träumt, wenn im Marmorhof eines Türken aus großen goldenen Kandelabern Kerze« sechs Fuß in bie Höhe brennen, irgendwo einer aus den uralten Märwem um Bagdad erzählt und der Wasserspiegel des Brunnens den schwimmenden Kahn des halben Mondes zeigt..
Wenn sie einschläft unter dem Minarett der Großen Moschee, im Duft unbekannter Pflanzen, der mit dem Windhauch aus der nahe« Wüste über Damaskus streicht, dann öffnet sich ihr im Traum ein blau- gähnender Grund, bis sie betäubt erwacht unter dem Ruf: Allah >1° groß! —
Eines Nachmittags stand der dolmetschende Ianitschgr vor ihr uni» sagte stockend, wie der Bote eines Unheils:
„Mylady, der Pascha von Damaskus hat befohlen, daß Sie zu m™ kommen!"
",Was wünscht er von mir?“
„Mylady, ich weih es nicht —“ x
Meryon wurde blaß. „Lassen Sie mich mitkommen!" drängte ei- Nein, sie dankte, sie ging allein mit dem Dolmetsch. —
Cs war dunkel über Damaskus, als ein weißes, wunderbar fajone® Weid allein, ohne Schutz, ohne Waffe, zum Pascha von Damaskus rtt-
Längs der Wände des endlosen Saales starrten dunkel, *,rc!'2'lf,g verschwiegen, einer am andern, die Offiziere. Totenstille. Fackeluch auf gezückten Waffen.
1 (Fortsetzung folgt.)
Zeichen von der Großen Moschee drohend jedem Ungläubigen entgegen- starrt.
Hester lächelt wie aus einem tiefen Traum, sie war kaum je schöner als an diesem Tag. Die Menge schwieg und staunte. Heil kamen sie bis ins christliche Quartier. Und auf der Rechnung des ersten Tages stand zu lesen: „Eis zur Ankunft der Königin." — Allerdings, der Preis war CbC Der ^erfte'^onnenaufgang über der grünen Oase von Damaskus! Ein Ruf hallt über die Stadt, er schleicht sich ein in Hefters erwachen- den Sinn, wie Schlachtruf und Trommelwirbel umfangt er ihr Herz-
Damaskus!^ Vor feinen Mauern hat Paulus sich zu Christus bekannt... Und heute Hingt, feierlich und flammend wie am Tag.des Propheten, der Ruf von den Minaretts:
„Allah ist groß!"
Meryon kommt, Mylady Guten Morgen zu wünschen. Sie emp- fangt ihNmu Stier bei den Hörnern packen. Ich will mich an das Minarett der Großen Moschee heften ... Laffen Sie schnell ein haus mieten im Viertel der Mohammedaner!"
Meryon bleibt bet Mund offen:
„Mylady! Kein Christ —"
„Christ? Wer hat Ihnen je gesagt, daß ich einer bin?
Meryon zittert, Pierre leuchtet auf, der Führer rat dringend ab.
■ Achtundvierzig Stunden nach ihrer Ankunft hat Hefter -in groß- artiges Haus nahe dem Palast des Paschas gemietet. Als die Siebte der beiden christlichen Klöster ihre Aufwartung machen, laßt sie sagen — leider — ihre Umgebung eigne sich nicht dazu ...
Am Morgen werden die Pferde gebracht.
„Mylady, wir können unmöglich durch die Straßen reiten, die Menge sammelt sich, es bedeutet Todesgefahr!"
Sie steigt schon die Treppen hinab in einem ausgesucht herrlichen üürf^ge® „ite allein, nur die beiden kleinen Syrier kommen mit als Dolmetsch."
„Mylady, ich beschwöre Sie, ich ahne Unglück!
Sie lacht:
„Ihre Ahnungen, Doktor ...?"


