Merk Dir dies, Du: Frauen sind nie klug! Nein, so klug wie du denkst, sind Frauen nie! Was soll ich Dir nur sagen?
Nein diese Klugheit gibt es nie! (Ich weiß, daß Du das Gc-gentell glaubst!) Ach Gott, diese Klugheit, die dars es überhaupt nicht geben, es soll sie nicht geben. Denn nur, wenn es sie nicht gibt, kann ich wieder glücklich sein und bei meiner halben Dummheit oder Klugheit vor Dir bn ftcbcn!
Das aber will ich Dir noch sagen: als Du wieder fortrittest, war ich betrübt; aber als Du gestern abend nicht mit mir sprachst, habe ich mich in den Schlaf meinen müssen.
Mich ltebbehalten — könntest Du es doch!
Du bist nicht häßlich, sondern schön; dafür aber — möchte auch ich nicht dumm sein müssen. Deine traurige Eva.
An den Mond.
Von Georg Schwarz.
Der Mond geht auf die Reise Im leichten Nebelkleid, Die Wolken schweben leise Und geben ihm Geleit.
Er fährt mit sanfter Schnelle Hoch über Stadt und Land, Wirft Silber auf die Welle Mit unsichtbarer Hand.
Wie sänftlich geht sein Schimmer In manches Schlasgemach Und macht im dunklen Zimmer Die kleinen Kinder wach.
Die singen ihm und lallen, Das freut den guten Mond, Daß er es ihnen allen Mit langem Schlaf belohnt.
Zn der Hauptstadt Bulgariens.
Aus meinem Reisetagebuch.
Von Heinrich Hauser.
Die Stadt Sofia hat mich in mehr ais einer Beziehung an München erinnert. Sie liegt auf einem Hochplateau, fast sechshundert Meter über dem Meere. Aus den Fenstern der oberen Stockwerke und von allen freien Plätzen aus erblickt man die Berge: im Norden die „Stara Planina", im Süden die „Witoscha", im Osten die Gebirgskette von „Wakarel"; die höchsten Gipfel sind über zweitausend Meter hoch, also vergleichbar mit denen von Oberbayern. Sofia besitzt die gleiche Frische der Lust wie München, das gleiche kernhafte Wesen einer Gebirgsbevölkerung, die gleichen, breitangelegten, freien und lustigen Straßen.
Sie ist eine der ältesten Städte, nicht nur des Balkans, sondern Europas überhaupt. Ihre Gründung liegt im Dunkel der Vorzeit; geschichtlich wurde sie zum -ersten Male im Jahre 29 nach Christi Geburt, als die Römer sie eroberten, als eine Etappe- für den weiteren Vormarsch ostwärts durch den Balkan. Heute hat Sofia mit seinen Vorstädten an die 350 000 Bewohner und ist Damit die drittgrößte Stadt auf dem Balkan. Bei einer solchen zweitausendjährigen und in der Frühzeit ruhmvollen Geschichte erstaunt zunächst das fast gänzliche Fehlen alter Bauwerke. Vorhanden sind nur ganz wenige Reste, wie die alte Kirche vom Heiligen Georg, die Basilika von der Heiligen Weisheit und eine Moschee, die heute als archäologisches Museum dient. Sofia ist von Grund auf eine moderne Stadt.
„In dieser Stadt konzentriert sich die Verwaltung und das kulturelle Leben Bulgariens", steht im Reiseführer.
Wie stark es sich konzentriert, das zeigte sich auf beinahe belustigende Art, als ich wieder zur Aktivität erwachte.
„Die Post? — Gleich um die Ecke mein Herr."
„Das Ministerium des Innern? — Das Haus gegenüber. Die Bank? — Die nächste Straße rechts. Die Universität? — Gleich über den Platz." Alles, was man braucht, lag im Radius weniger Schritte. Ich gewöhnte mich daran, „Maudi", das Auto, vor der Tür stehen zu lassen, es lohnte Nicht zu fahren. Ganz ähnlich war es, wenn man zu telephonieren wünschte. Der Hotelportier brauchte niemals ins Telephonbuch zu schauen; er wußte die Nummern auswendig. In Sofia kennt jeder jeden, der nur einige Bedeutung hat.
Die „Preußen des Balkans".
Wie jede Stadt, so hat auch Sofia einen typischen Geruch: Sofia riecht nach Neubau, nach frischen Ziegeln, nach Mörtel, nach Zement. Es wird sehr viel gebaut, aber anders als in Bukarest schießen die Häuser nicht wie Pilze aus der Erde. Sie wachsen vielmehr mit bedächtiger Langsamkeit, solide und gediegen. Man spürt einen Bauwillen, der in langen Zeiträumen denkt.
Oft hatte ich den Eindruck, in einer deutschen Universitätsstadt zu fein, in der Vorkriegszeit. In der Stunde der Promenade, so zwischen sechs und sieben, beherrschen Studenten, Studentinnen und Mittelschüler aller Art mit chren Mützen und Uniformen absolut das Straßenbild. Die Zahl der Studierenden ist außerordentlich hoch für dieses kleine Land: Eifer und Ehrgeiz sind groß, und das Studium ist billig, so wie das ganze Leben in Bulgarien billig ist. Man sagt, daß ein Student mit einem Manatswechsel von 25 bis 30 Mark gut auskommen könne
Ausgenommen Island, ist mir noch kein Volk von ähnlichem
Wissensdurst und Bildungsdrang begegnet. Es ist bezeichnend, daß der größte bulgarische Feiertag der Geburtstag der beiden Brüder Kyrill und Metodi ist, die das bulgarische Alphabet geschaffen und damit dem Volk das größte Bildungsmittel gegeben haben.
Sa sonderbar es klingt: dieser Drang zu den Geisteswissenschaften wird in einem Bauernland geradezu zu einer Gefahr Ich frage einen der klügsten Männer Bulgariens: „Was tun diese jungen Bauernsöhne und Bauerntöchter, wenn sie ihr Studium beendet haben? Bleiben sie in der Stadt oder kehren sie aufs Land zurück?"
„Sie bleiben in der Stadt. Das Land ist zu arm, um sie zu ernähren. Wir sind ein Land von Steinbauern; 12 bis 15 Morgen ist die durchschnittliche Größe des Landbesitzes."
„Was ist das Ziel dieser wachsenden Schicht der Intelligenz?" „Staatliche Anstellung."
Aber der Staat hat nicht genügend Stellungen zu vergeben.
Man hat die Bulgaren nicht umsonst die „Preußen des Balkans" genannt. Es ist kein Zufall, daß Bulgarien sich im Weltkrieg auf die deutsche Seite schlug; das Wesen beider Völker ist verwandt. Besonders beim Militär hatte ich oft den täuschenden Eindruck, deutsche Soldaten und deutsche Offiziere vor mir zu sehen. Ich fragte einmal einen jungen Offizier:
,Lst es nicht- sehr schwer, die bäuerlichen Rekruten, die wenig technische Vorkenntnisse haben, an den modernen Kriegsmaschinen auszu- bilben?"
„Es ist überraschend leicht. Der Wille zur Beherrschung der Maschinenwelt ist ganz allgemein. Und unsere Bauernjungen sind — im Gegensatz zu manchen Nachbarländern — durch eine Volksschule gegangen. Durch eine gute Schule obendrein."
„Aber man kann diese moderne Kriegsmaschinerie noch nicht Im Lande selber bauen?"
„Wir sind dabei, es zu versuchen. Wir werden es lernen. Wir müssen es lernen, um im Kriegsfall genügend unabhängig zu sein."
Ich zweifle nicht daran, daß — bei diesem intelligenten und bildungsfähigen Volk — der Versuch gelingen wird. Die größte Triebfeder zur Industrialisierung der südosteuropäischen Länder sind heute die Armeen dieser Länder.
„V o m L a n d e.“
Die städtische Tradition von Sofia ist so jung, daß im Grunde genommen jedermann „vom Land" gekommen ist, und zwar von einem urtümlichen Bauernland. Wie verhält sich nun eine solche Bevölkerung, die sich so jäh mit allen Errungenschaften der modernen Zivilisation umgeben hat?
Das zu beobachten ist merkwürdig: Die durchschnittliche Menge in einem der modernen Lokale sitzt ein wenig befangen umher mit dem deutlichen Bemühen um eine großstädtische und weltmännische Haltung. Ganz Sofia ist eine ungeheure Schule, Durch die ein Bauernvolk hindurchpassiert: die Schule des Westens.
Dies ist eine Stadl der schönen Frauen, es ist eine Stadt der interessanten Frauen. Die Studentinnen, die jungen eleganten Frauen, selbst die Ladenmädchen machen den Eindruck einer ungewöhnlichen Intelligenz. Sie bleiben dabei ausfallend unter sich; die Gespräche gehen, lebhaft von Frau zu Frau, aber stockend zwischen Frau und Mann. Cs ist selten, daß Frauen sich beteiligen an einem allgemeinen Gespräch, wo Männer das große Wort führen. Diese Frauen scheinen Probleme mit sich herurnzchragen. Ihr Problem wird deutlich, wenn man die Männer studiert. Diese Männer sind aus gröberem Holz geschnitzt als ihre Partnerinnen. Sehr ernsthaft und ein wenig schwerfällig gehen sie ganz in ihrer Arbeit auf. Sie sind Bauernsöhne; ihre Haltung der Frau gegenüber ist die bäuerliche. Die Frauen aber haben sich schneller „verwestlicht", die junge Generation bezieht ihre.Weltanschauung zum Teil aus den amerikanischen Filmen. Darum klafft nun ein Gegensatz, darum gibt es auch „unverstandene" Frauen.
Das Hotel, in dem ich einige Tage wohne, ist das letzte Wort moderner Hoteltechnik, dabei ohne eine Spur von „Pracht", bis zur letzten Türklinke, bis zum Telephon neben dem Bett ist jede Einrichtung einfach, vollkommen zweckmäßig, geschmackvoll, sauber. Man freut sich, an den Armaturen der Badezimmer und an den Telephonen die deutschen Firmennamen zu lesen. Das Personal besteht fast ganz aus russischen Flüchtlingen. Diese Kellner haben in den ersten Restaurants von St. Petersburg serviert, und manches knicksende Zimmermädchen sieht wie eine Gräfin aus und ist es vielleicht auch. Dieses sympathische Haus kennzeichnet das Verhältnis des bulgarischen zum russischen Volk: Bulgarien liebt Rußland, denn Rußland hat Bulgarien befreit; diese Zuneigung ist also nur natürlich und ein schönes Zeichen der Dankbarkeit. Aber man liebt das alte Rußland. Den weltanschaulichen Abgrund, der das heutige Bulgarien von dem heutigen Rußland trennt, empfinden viele Bulgaren als einen tragischen Konflikt. Das Hotel besteht, wie viele im Osten, aus einer Reihe getrennter Betriebe. Da ist zunächst der eigentliche Hotelbetrieb. Daneben besteht das Restaurant im Erdgeschoß, das allerdings auch' Speisen auf die Zimmer liefert. Völlig gesondert ist wiederum die „Cafeteria", die für das Frühstück sorgt, oder von der der Kellner den Kaffee des Nachmittags bringt. Ein vierter Betrieb ist das große Kino im Keller, ein fünfter die Tanzbär.
Ich lag in diesem Hause einige Tage mit einer Grippe krank und muß gestehen, daß ich selten so gerne krank gewesen bin. Man braucht sich um nichts zu kümmern, das perfekt französisch sprechende russische Zimmermädchen übernahm alle Besorgungen, die Apotheke lieferte die bekannten deutschen Medizinen, der Wein aus den Weinbergen des Zaren Boris war vorzüglich und sogar die Arztrechnung wurde automatisch vom Portier bezahlt. Unten im Kino lief ein Fliegerfilm, und von den dreimaligen Vorführungen jeden Abends vernahm ich das Tonftlm- geräusch der Flugmotoren — das einzige Motorengeräusch, denn Sofia zählt nicht.viele Autos.
verantwortlich: vr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Drühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


