Als bas Flebw endlich nachlieb, fing dec kleine Baron von der Lenzheide langsam an, mit Nancy zu ipredjen. Wovon sprach er ihr? Vom Main, von den Aepseln, Birnen und Trauben seiner Jugend und seiner Heimat, . >
Nancy konnte viel besser zuhören als sprechen. Aber immerhin sagte sie ihm, sie sei die älteste von den sechs Töchtern Mac Anthonys und, sozusagen, die junge Mutter der anderen fünf. Sie habe nur wenig Zeit zu reiten oder mit dem Vater Golf zu spielen, ihr obliege die Sorge um das große Haus, um die Familie, um die fünf Schwestern mitsamt dem Vater.
Baron von der Lenzheide hatte keine Eile, gesund zu werden. Er hatte ein bißchen Angst vor den anderen fünf Schwestern und vor dem Whisky des Vaters. Er vertauschte das Bett mit dem Balkon, er sah in die Blüte wie in eine Heimat/die sich ihm neu erschlossen hatte. Die Schwestern besuchten ihn täglich, eine nach der andern. Aber die Gefahr, daß er sie mit Nancy verwechseln könnte, war vorüber.
Als der Gast bann beim Vater um Nancys Hand anhielt, knurrte dieser nur in sich hinein: „Go to the hell! Gerade die, die ich am wenigsten entbehren kann!" Aber er war doch froh, nun endlich auch eine von seine» sechs Tächtern an den Mann gebracht zu haben, und sogar an einen Fachmann für Aepfel ...
Oer Haushahn.
Von Hermann Lingg.
Er hatte Mut und einen stolzen Schritt, Er ließ nur selten sich begleiten. Er war ein Herr, der keine Kränkung litt. Er hatte Sporn, gleich wie ein Mann zum Reiten; Sein Haupt war feurig, voller Gluten ganz. Er stammte vom hispanischen Geblute, Man sah's an feiner Federn dunklem Glanz, Und wie der Stolz aus feinen Augen sprühte. Vfel traute Frauen gingen vor dem Tor Im Hofraum mit ihm auf und ab, Nicht wie das Huhn nahm ihn die Köchin ab, Ihm stund weit Schlimmeres bevor;
Er ward in Ruhestand versetzt, Und dies hat ihn so tief verletzt, Daß tief er's in die Erde kratzte. Ja, daß ihm schier davor x Der rote Kamm auf feinem Haupt zerplatzte.
Ein Fremder, eine Brahmine kam. Ein Cochinchina trat an seine Stelle, Und ach, die Herzen aller Frauen nahm Der Fremdling ein mit Blitzesschnelle. Dem Haushahn blieb für all" erlitfne Kränkung Nur ein Ersatz, ihm blieb der Mist, Der Berg, von dem er jede Schwenkung Des Gegners übersieht und sich vergißt. Wenn ganz Verächtliches der andre frißt. Dann singt er in der Morgenfrühe Sein Weckelied der ersten Tagesglut Und denkt, was gibt sich doch die fremde Brut Mit Singen viel vergebene Mühe. Und stolzer wallt er durch die Flur Und sieht auf jeden Hahnenfuß entzückt, Weil noch im grpßen Buche der Natur Ein Blümchen sich mit feinem Namen schmückt.
Altbayerischer Bauernadel.
Von Iosef Hofmiller.
Am schönsten war das Hineinkommen nach Bayrischzell zu der Zeit, da noch keine Bahn ging, und am allerschönsten natürlich zu Fuß. Durch das alte Schliersee war man bald durch, dann ging die schmale Straße hart am See, dann kam schon gleich das weiße Leonhavdikirchl zwischen, den Bäumen, bann macht bie Straße ein scharfes Eck, unb vor uns liegt der Wendelstein, und das Leizachtal wird sichtbar. Zuerst gehen wir noch den Hachelbach entlang, der zwischen der Brecherspitz und dem Jägerkamp durchs Josephstal herunterschießt, aber gleich hinter Aurach kommt sie daher, die Leizach, schon ein richtiges starkes Wasser, und bie Berge rücken enger zusammen, ba(b sind wir am Joblbauern in Hagenberg vorbei, ber bie schönste Hausmalerei hat im ganzen Tal, Geitau > gehört schon in die Pfarrei, jetzt find wir in Osterhofen. „Bayrischzell sicht nia toin vor lauta Aepsibam", nur der spitzige Kirchturm verrät es. Das wr das alte Zell, vor ber Eisenbahn.
Die einzige Verbinbung mit der Welt war damals der offene Postwagen. der von Schliersee um fünf Uhr abfuhr und Punkt sieben pomadig Aber die Brücke beim Zeller Schulhaus rumpelte, grab recht zum Abendessen. Aber bald kam ein blaues Privaiaulo, bei dem wir immer wetteten, wo ihm ber Schnaufer ausgehen würde, hernach kam das braune Post- «uto, dem ging der Schnaufer nimmer aus, und zuletzt wurde das ganze Tal lebendig mit Arbeitern und Bahngeleisen, unb jetzt fahren lange 3u9e, l'n und her, und Bayrischzell ist ein stattlicher Ort geworden mit Gasthofen, und kein Mensch kann bas Lied mehr zu Ende fingen: „Schab, daß's koane Häuser hat, fünft war's ja glei a Stadt!"
Die neue Zeit baute Bahnhöfe und Gasthöfe, aber Bauernhöfe baute fie wenig, unb es ist gut, baß im Leizachtal schon ein paar Dutzend der prachtvollsten von ganz Bayern stehen. Im Jnntal liegen sie auch verstreut, diele stolzen Bauernhöfe im Tal oder auf den grünen Vorstufen des Mittelgebirges, der Regauer von der Regau, der Recheyauer von der
Rechenau, der Seebachcr von Seebach, der Hochecker von Hocheck, der Schweinsteiger von Schweinsteig, der Mühlauer von Mühlau, der Zaglacher von Zaglach, der Becherngruber von Becherngrub, der Watschöder von Watschöd, der Waller von Wall, der Stuffer von Oderstuff, der Sattelberger von Obersattelberg und wie sie alle heißen. Aber was ist das Jnntal für ein breites, stolzes Tal mit einem starken Verkehr seit tausend Jahren neben dem weltabgeschiedenen Leizachtal! Wer das Leizachtal schon gekannt hat, richtig gekannt, nicht bloß mit dem Rucksack ober mit ben Skiern ein paarmal burch, hat bas freilich schon gewußt. Man muß bloß einmal am großen Frauentag am 15. August in Birkenstein gewesen sein, wo das ganze Tal zusammenkommt, dann hat man eine Ahnung, was das heißt: „es gibt ja nur a Leizachtal alloa, von Miesbach bis zürn' Wendelftoa", und man muh die Bauernhöfe ein wenig kennen, vom grünen Kessel der bayerischen Zell an bis hinaus gegen Westerham, wo die Leizach in bie Atangfall miinbet, wo bas Tal breit unb üppig wirb unb bas „goldene Tal" heißt.
Aber nicht vom „goldenen Tal" handelt das Buch, das neben mir auf dem Tisch liegt, sondern vorn oberen Leizachtal, von den Pfarreien Bayrischzell, Fischbachau, Elbach, Au bei Aibling und Niklasreuth. Das Buch ist eine Beschreibung wert. Es ist so dick wie ein Meßbuch, hat 832 Seiten und heißt „Chronik des oberen Leizachtales", geschrieben von Joseph Brunnhuber, Hauptlehrer in Elbach, verlegt von den Gemeinden Fischbachau und Hundham, gedruckt von Georg Ultsch in Birkenstein. Die Bauern von Fischbachau und Hundham haben wirklich in diesen harten Jahren der Nachkriegszeit kurzerhand die Uebernahme des Verlags beschlossen unb dadurch nicht nur das großartigste Heimatbuch geschaffen.
Auf 340 Seiten ist jeder Hof beschrieben, vom Zillerbauer in Bayrischzell bis zum Zanken bis Wörnsmühl, wie lang der Hof steht, woher sein Name kommt, wer zuerst urkundlich auf ihm nachzuweisen, wer alles auf ihm gesessen ist, wie die Frauen geheißen haben und woher sie gekommen sind, wann bie Besitzer geboren unb gestorben sind, ob und wann das Anwesen zertrümmert worben ist, von roemr ob unb wann abgebrannt, wieder aufgebaut, verkauft, zurückgekauft, wer jetzt darauf ist, und noch eine ganze Menge, was je mit dem Hof norgefommen ist. Auch da begegnet uns ber stolze Bauernabel, wo noch Haus unb Familiennamen gleich ist, die Stöger von Stög, die Seifenrieber von Deisenried, bie Bacher zu Bach, die Mainwolf vom Mainwolf, die Kloo vom Kloohof. Oft ist ber Hausname jünger als das Haus selbst, noch öfter aber ist er viel älter als bie Namen ber jetzigen Besitzer. Die höchste Siedlung im Leizachtal z. B., bie beiden Höfe im Hochkreut, 989 Meter hoch, werden schon um 1200 genannt, und bie ältesten Besitzer, ein Klaus Mumolf und sein Brüder Konrad, schon 1481. Seit 1659 sitzen bie Huber auf bem Valtlhof. Aber bie Larcher finb schon seit 1532 auf bem Larcher- hof, bie Kloo seit 1528 auf bem Kloohos, den jfrber kennt, ber von ber Zell nach Birkenste!» gegangen ist.
„Namen finb Kleinobe", schrieb mir ßubroig Thoma einmal: „mir ist es immer ein Genuß, wenn ich im „Tegernseer Blatt" Preisverteilungen bei ober nach Viehausstellungen lese. Wenn ber Quirin Libschrei- ber, Jager am Eck, ober ber Korbinian Hoß, Hagn von Elmau, aufgeführt wird, so tut sich mir eine ganze urbehagliche Heimatchronik auf." Was hätte Ludwig Thoma erst zu dieser urbehaglichen „Heimatchronik" gesagt, hätte er sie noch erleben dürfen! Sicher hätte er ihr den Ehrenplatz in seinem Bücherkasten angewiesen, neben Andreas Schwellers Bayerischem Wörterbuch, aber zuvor wäre sie wochenlang auf bem Ahorntisch in seiner Stube gelegen und hätte stark nach Latakia-Tabak geduftet.
„Diese festfußenden, breiten, wohlgefügten Häuser geben den Eindruck des Soliden, ja des Selbstherrlichen und Stolzen. Es finb zumeist Bauernpatrizier, wenn man so sagen darf, uralte Geschlechter, deren Namen sich nicht selten schon in Urkunden des 10. oder 12. Jahrhunderts finden und in graue Vorzeit zurückdatieren, die unter diesen Dächern wohnen. Wenn so ein regierender Bauer sagt: Georg heiß ich, Seebacher schreib ich mich und der Schweinsteiger bin ich — so liegt darin Selbstbewußtsein und Krast. Solche Orte sind die reinsten Reservoire der Kraft für die Menschheit, und was draußen im Lebenskampf zersetzt wird, findet häufig von ihnen aus gesunden Nachschub." Der Mann, der dies schrieb, war nicht umsonst einer der vertrautesten Freunde Wilhelm Leibis; es ist der Arzt Julius Mayr in Brannenburg, dem wir die feinen Wanderbilder „Auf stillen Pfaden" und die beste Leiblbiographie verdanken.
Es ist erstaunlich viel Bauernleben, Menschenleben gefaßt in den Seiten dieser Chroiuk, unb wer sich bie lohnende Mühe nimmt, hin und zurück zu blättern und zu verfolgen, wie die Familien sich verschwägern und ver[ippen, bekommt ein ähnliches Gefühl, wie wenn er in ben alten isländischen Geschlechterbüchern lieft. Nur bann versteht man, baß bei den großen Treffgelegenheiten des Tales in Wirklichkeit alle eine große Familie bilden, alle näher ober entfernter irgenbroie miteinander verwandt sind.
Nicht einmal bie Hälfte des mächtigen Banbes ist es, bie von der Beschreibung der Hofe ausgefüllt wird. Es steht noch eine Menge darin. Auf bie Familiengeschichte folgt bie Heimatgeschichte: Befieblung. unb Rodung, Einführung des Christentums durch die ersten Glaubensboten, geistliche und adelige Grunbherren, Dienstadel und Bürger, Grenzen, Pfarrsprengel, Reformation, Pfarrpfründen, Zehentrechte, Stolgebiihren, Beschreibung der Kirchen, Nennung der Pfarrherren und Hilfspriester, Aufhebung des Klosters Fischbachau, Kunstgeschichte, Schulgeschichte, Kriegsnöte von der ältesten Zeit bis zum Weltkrieg.
Es ist eine unsägliche Arbeit, die Joseph Brunnhuber mit dieser Chronik geleistet hat, und sein Werk ist dem Volke des Leizachtols „zu Ehr und Vorbild". Eine solche Arbeit kann nicht belohnt werden: sie trägt ihren Lohn in sich selbst. Wie man jetzt schon vom Allgäu sagt „Der Reiser", vom Lechrain „Der Leoprechting", von der Oberpfalz „Der Schönwerth", so wird man in Zukunft vom Leizachtal sagen: „Der Bttwnhuber".
Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck unb Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, Gießen.


