Ausgabe 
20.5.1938
 
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Oie Tänzerinnen.

Von Friedrich Georg Jünger.

Seht, wie die schönen Töchter der Erde sich Umkreisend nahen, blickt auf die TanzendenI Wie Füllen gehn sie wild und lieblich Ueber die Weiden im hohen Lichte.

Wie Flammen sind sie. Flammende Glut durchströmt Des Lebens Adern, wirbelndes Feuer ist's.

Der Tanz ist Macht, von Göttern ist er / Zaubrisch ersonnen zu hohen Festen.

Wie regt ihr kühn euch, da ihr den Tanz beginnt, O Mädchen, die mit herrlichem Wuchs ihr lockt. Fest wie das Erz, geschmeidig, biegsam Wie die Zypresse im Arm des Südwinds.

O hohe Anmut! Wenn du der Stärke dich So zart gesellst, erstaunen die Wissenden^ Das Sehn ist Freude, ist des freien Auges gestellteste Lust und Nahrung.

wärts, noch unverheiratet roann. Sein« Aepfel brachte er Ktchter akß den Mann, als auch nur eine von diesem halben Dutzend Töchter, hemtf es gab im weiten Umkreis wenig Männer, die sich als Schwiegerföhnt eigneten.

Mac Anthonys Aepsel waren aber auch berühmter als sein« Töchter, Es waren nämlich jene in der ganzen Welt geschätzten und begehrteck Rotäpfel mit dem lockeren Fleisch. AlsRashberry Apples" gingen si« in alle Weltteile, wohingegen di« sechs Töchter dem Vater Mac Anthony sitzen blieben ...

Der kleine Baron hatte sich rasch Urlaub genommen und war nach Tacoma und Vancouver geflogen. Und nun saß er in der großen Hall« der Farm seinem Geschäftsfreund Mac Anthony und dessen sechs Töch» tern gegenüber. Er war leicht verwirrt oder berauscht. Auf soviel Blüte, aus so tausendfältiges Apfel- und sechsfaches Mädchenblühen war ev nicht gefaßt gewesen. Die Farben der Apfelblüte,, weiß und rosa, flim­merten ihm vor den Augen, stundenlang hatte ihn das Auto durch dieses Blütenmeer getragen. Er hatte sogar davon geträumt, irgendwo rausch« der Main. Und nun noch diese sechs Frauenzimmer dazu! Eine so blend wie die andere, alle hübsch und das Gesicht voll Lachen. Welche aber war die jüngere und welche die ältere? Sie glichen sich fast wie eick Apfel dem andern. Einem solchen Ansturm war der klein« Baron mit seinen immerhin schon einigen vierzig Jahren nicht gewachsen. Dazu goß ihm nun auch noch der alte Mac Anthony den Whisky pur ins Glas,

Baron von der Lenzheide war froh, als er endlich im Bett lag. Zwei große Fenster und eine Tür öffneten sich in seinem Zimmer aus einen geräumigen Balkon und gaben den Blick auf Blüten, auf nichts als Blüten frei. Diese dufteten ins Zimmer herein und ließen den Barock nicht einschlafen. War er am Main oder in einem verwunschenen Schloß ober träumte er überhaupt dies alles nur? Hätte er doch wenigstens nicht soviel Whisky getrunken. Frühling und Whisky, Aepfel- und Mäd- chenblllte es war zu viel,, und er sah alles doppelt ...

Er setzte sich im Belt aus, nahm seinen schmalen, dünn behaarten! Schädel in die Hände und versuchte seinen schwirrenden Gedanken einige klärende Kommandos zu geben. Warum hatte dieser Mac Anthony immer nur soviel von seinen Aepfeln gesprochen und nur ganz nebenbei von seinen sechs Töchtern? Das war doch ein Unrecht, nein, sogar eine klein« Gemeinheit von diesem whiskyliebenden Apfelzüchter und Golfspieler« Sechs so hübsche, sechs so blonde Töchter sie sahen aus fast wie Sechs« linge. So etwas von Blühen und Jungsein und Lachen! Und er, Barock von der Lenzheide, mittendrin mit seinem von der Frühjahrssonne ohne­hin ungerührten Blut, mit seinem Heimweh und seinem jahrelanges Alleinsein! Dies alles konnte er nicht verarbeiten. Es war zuviel für den Leiter einer Frust Company, dessen Wiege am Main gestandeck hatte. Er mochte jetzt, aufrecht im Bett sitzend, seinen Gedanken soviel Kommandos geben, wie er wollte, sie gehorchten nicht.

Er sank zurück in die Kissen. Keinen Blick mehr wollte ex durch bi« Fenster auf das Blühen tun. Schlafen, schlafen wollte er vielleicht, so setzte er in Erinnerung an Hamlet" hinzu, auch träumen. Aber nut nicht mehr denken! Der Teufel hole die Blüherei und den ganzen Frühling und diese sechs blonden Mädchenköpfe mit ihren zwölf lachen­den Augen! Muß denn in Amerika gleich alles in Masse auftreten? So­gar die Schönheit, sogar das Blühen, sogar die lachenden Pflanzers­töchter! . ' ...

Arm!" seufzte der kleine Baron elegisch, da fing er emen ganz ähn­lichen Ton in feinem Ohr auf, wie eine Antwort, einen kurz heraus« gestoßenen und dann jäh abbrechenden Satz:... Vater spielt Golf, die Schwestern sitzen schon wieder vom Morgen bis zum Abend auf deck Pferden, nur ich..." , v

DiesesNur ich" trieb ihn wieder hoch. Wer war das, diesenut ich"? Welche von den Sechsen war es?

Er sprang aus dem Bett und ging, nein, taumelte auf den Balkon, Nun erschien ihm, während er ins allgemeine Blühen hineinfah und hin- einroch und hineinhörte, diese eine, damals so ferne und körperlos« Stimme aus dem Telephon ganz nah und als eine Gestalt, als eint gar nicht mehr allgemeine Und sehr wohl unterschiedene. Aus sechs Frauengesichtern wurde eines, aus sechsmal Lachen sprach Um dieser leicht elegische, saft resignierte Ton an, der Ton seinesArm! , und in­des er in seinem Pyjama sich von den Lüften und Duften des blühenden Frühlings auskühlen lieh, verliebte er sich in diese Stimme und in ihren Ton, der auch der seine war.

Als er am nächsten Morgen erwachte, war fern Kopf wie em glü­hender Stein. Er ächzte und stöhnte. Kein Zweifel, er hatte Sieber. Vein dammter Frühling In Kanada. Harry von der Lenzheide hatte ihm ein« schwere Erkältung zu verdanken. Er klingelte. Ein Diener erschien, ein Japaner mit einem gelben, steinernen Gesicht. Dem sagte er, er solle Mister Mac Anthony schicken.Mister Mac Anthony? Langst ausgeritten! Wer zum Teusel, war denn da? Der Baron geriet fast Wut. Denn das Fieber hatte ihn schon mächtig gepackt und gaukelte ihm vor, er Jet einer Verschwörung zum Opfer gefallen. Der Japaner sprach ruhig weiter: Auch die Ladies seien zu Pferde fort, nur Miß Nancy nicht, die das Haus versorge. .... , , «.

Baron von der Lenzheide horte wie aus raumlofer Ferne die Worte. Miß Nancy. Und zugleich mit ihnen die beiden anderen: «... nur ich! Er schloß die Augen und war glücklich. Als er sie wieder öffnete, stand die eine Blonde vor ihm und sühlte ihm den Puls. Er konnte sie schock nicht mehr deutlich sehen und auch nicht mehr genau Horen, was sts sprach Aber er wußte, daß dies die Stimme aus dem Telephon war, die zu ihm gehörte, die ihm gehörte. Und er nahm den Namen und die Gestalt Nancys mit in seine Fieberträume hinein

Cs war eine ganz gehörige und hartnäckige Grippe, die über den kleinen Baron gekommen war. Das Fieber hielt viele Tage an. Durch viele Tage standen bald Mister Mac Anthony, bald der Arzt und bald Nancy an seinem Bett. Nein, Nancy stand, wie er sich einbildete, immer bei ihm, sie wich nicht aus dem Zimmer. Und st« horte niäst anb zu sagen: «... nur ich!" Aber ihm blieb das Wortarm in der Kehle stecken.

-Apfelblüte in Kanada.

Von M i l a n a Jank.

Der klein« Baron Harry von der Lenzheide war wieder einmal amerikamüde. Am ewig blauen Himmel di« Frühjahrssonne, die über San Franzisko, über dem Hügelland von San Mateo und Alameda trahlte.und im Westen über dem Stillen Ozean verglühte, verleitete hm den Aufenthalt. Heimwehkrank sauste der einsame Junggeselle mit einem Packard die Market-Street hinauf, holte sich im Palace-Hotel einen alten Freund aus dem Frankenland, den deutschen Postbeamten. Arm!" sagte der ein«,arm!" echote es aus dem Mund des andern zurück. Sie hatten fast nasse Augen.

Sie fuhren bis zur Willmore-Street, dann weiter zur Golden- Gate-Avenue, durch die steinernen Sttahenschluchten, dann hinaus zum Rockyland mit den Seelöwen, wieder zurück nach San Franzisko, berg­auf und bergab, immer zwischen den Himmelsburgen.

Im Auf und Ab der Stadt wurden fre still. Sie wollten der Früh- stngsschwäche nicht nachgeben. Seit fünfzehn Jahren kam das Heimweh in jedem Frühjahr: Deutschland, Deutschland, Frankeniand, Frankenland.

Der Baron von der Lenzheide hatte 1919, als er die Uniform hatte aus­ziehen müssen, rechnen gelernt. Er war Kaufmann geworden, zuletzt sogar Direktor der Pakific-Fruit-Company in San Franzisko. Er hatte fein gutes Auskommen in dieser schönen Stadt, er saß im Hofbräuhaus in der Market-Street, trank dort Münchener und Würzburger Bier, bayrische Knödel mit Lüngerl. Er hatte ein gutes Gehalt und eine gute Stellung. Es war wirklich nicht am Platz, immerarm!" zu sagen, denn er war es in der Tat nicht. Er hatte doch sogar in feinem Beruf immer den Duft von Aepfeln und Trauben in der Nase, den Duft, der aus feinem Kindheitsland herzuwehen schien, vorn elterlichen Gut über dem Main, das längst in fremden Besitz übergegangen war. Dies konnte, ihm niemand nehmen, dieses fast brüderliche Vertrautsein mit den Aepfeln, Birnen und Trauben. Sein Geschäft war ihm ein Stück ewiger Heimat, wenn auch nur ein Ersatzstück. Aber bei jeder Gelegenheit sagte der Mann:Arm!" Auch wenn er sich freute, sagte er es. Das hing mit seiner angeborenen Melancholie zusammen. Auch andere Deutsche m San Franzisko fingen an,arm" zu sagen. So war das Wort ein Stuck Deutschland geworden, es ging von Mensch zu Mensch.

Frühlingssonne hing über dem Wasser der Bai von San Franzisko. Sie trieb ihn um, den kleinen Baron.Arm!" sagt« er zur Sonne, zu den Tieren, zu den Menschen, zu den Himmelsburgen, sogar auch in der großen Börse sprach er es. Und dort erschien er oft. Er bekam Sehnsucht nach Gärten, Wiesen und Obstbäumen.

Da erinnerte er sich der Einladung des Plantagenbesitzers aus Kanada, der, wie in jedem Winter, so auch in diesem nach San Fran­zisko gekommen war, um Barabschlüsse für feine durch den Panama- Kanal ziehende Apfelernte zu machen. Dieser Mister Mac Anthony, ein Mann, der wenig sprach, hatte ihm gesagt:Lenzheide, sehen Sie sich m Kanada einmal unsere Apfelblüte an! Ich erwart« Sie im Fruchahr. Womit man handelt, das muß man schließlich auch entstehen, das mutz man auch einmal blühen und in seiner Schönheit wachsen geseoen haben. Kommen Sie einmal zu mir und zumeinen Töchtern! Wir werden uns auf Ihren Besuch mächtig freuen!" - ,. ...

Von der Lenzheide hatte nie daran gedacht, diese Einladung ernst zu nehmen. Aber die Frühjahrssonne und das Heimweh trieben ihn fort aus der Riesenstadt. Er ließ sich mit Kanada verbinden, mit ber Farm Mac Anthony. Ein« Frauenstimme wurde im Telephon laut:-ja, kommen Sie rasch, die Bäume haben schon die ersten Bluten, der Bäte spielt schon Golf, und die Schwestern sitzen schon wieder vom Morgen bis zum Abend auf den Pferden, nur ich" ___

Da brach die Stimme ab. Dann kam Mister Mac Anthony selbst ans Telephon und wiederholte die Einladung vom Winter ...

Am Froser-River, eine gute halbe Tagfahrt von der Stadt Van­couver entfernt, lag die wohl größte Apfelfarm von Britifch-Columbien, die dem Mister Mac Anthony gehörte. Meilenweit dehnen sich, nahe um die Gleise dör Great-Pacistc-Eastern-Railway herum, ganze Walder von Apfelbäumen, die fo gepflegt und wohlversorgt ..dastanden. wie> wenn jeder einzelne der Weblinosbaum des Besitzers war« Ja, Mac Anthony liebte feine Bäume wie Kinder. Es hieß sogar, daß er sie mehr liebe als seine sechs Töchter, denen die Mutter früh gestorben war, und daß er gelegentlich zu sagen pflegte, zehntausend Mo le l b a u m e f c i e n zu wen g, aber sechs Töchter seien zuviel! Er hatte wohI hinsicht! ich feiner Tochter ein schlechtes Gewissen, weil sie, obwohl im Alter von 18 Jahren auf