mtb In diesem stcmd Ne Venus ... sie nickte befriedigt und trat vom Fenster zurück. , .
Pitt kam noch immer nicht. Er ließ merken, daß er keine Zeit hotte >— für sie! Ein Unsinn war es gewesen, zu glauben, daß er — gerade er ... ja, was zu glauben?
Ganz einfach Wiedersehen hatte sie ihn wollen, den jungen Bruder ihrer toten Mutter, den großen Pitt. Ob er wirklich groß war? Seit langem schon wollte sie zu ihm, denn vielleicht verstand er, was die andern nicht verstanden: daß sie, Hefter, das Unglück der Familie verhüten mußte —!
Die Stiefmutter war meist in London. Dort stand sie um 10 Uhr auf und ließ sich bis zum Nachmittag anziehen; es gab in der Residenz nur drei Friseure, die sie gebrauchen konnte, und die stammten aus Frankreich. Man sprach davon, daß sie Bonapartes Spione seien, aber es machte ihr wenig aus. Dann fuhr sie zum Souper, in die Oper, zu Gesellschaften, und wurde vor Tagesanbruch nicht mehr im Hause gesehen. Wirklich, wenn Hefter ihr zufällig in London begegnet wäre — schwerlich hatte die Stiefmutter sie erkannt. Aber Hefter kam selten in die Stadt, sie lebte auf dem Land, in Chevening, so wie der Vater, und wenn sie auch ritt, jagte und tanzte, war es meist auf den Gütern ringsum. Nur einmal war es ihr heimlich gelungen, gegen ihres Vaters strengen Befehl, allein, ohne Zofe oder Diener, nach Kent zu kutschieren, um auf einem Landgut dem König und der Königin vorgestellt zu werden.
Ja, der Vater! Er konnte der beste und klügste Mann sein, wenn man nicht seine Launen reizte. Aber meist schlies er unter feinen zwölf Decken, ohne Nachthaube und bei offenem Fenster. Dann stand er auf, aß zwischen seinen Büchern, allein, in unmöglichem Aufzug, mit seidenen Hosen, nackten Beinen und Pantoffeln; trank Tee auf bloßem Boden, taute schwarzes, trockenes Brot, erfand eine neue Druckerpresse' — und Schiffe, die ohne Segel und Ruder fahren sollten, ganz einfach mit Dampf! Der schwierigste Punkt aber war der: Lord Stanhope nannte sich Demokrat! Er hielt es mit der Französischen Revolution und hatte den Rebellen zur Erstürmung der Bastille eine Glückwunschdepesche gesandt. Die Polizei folgte ihm, wenn er zur Stadt fuhr, von Zeit zu Zeit durchsuchte sie seine Papiere, Karikaturisten brachten sein Bild als Don Quichotte der Nation, der seine eigenen Windmühlen zerschlägt. Schon einmal hatte man durchsichtigerweise Feuer gelegt in fein Haus. Alle Wappen und Kranen lieh der Vater verbrennen als „verdammten aristokratischen Unsinn"; seine drei Söhne sollten Handwerker werden und die Töchter Gänse hüten. Wirklich "tonnte Charles, der zweitälteste, kaum lesen und schreiben. Sein Erzieher war als Autor eines verdächtigen Buches verhaftet worden.
Hefter liebte die kleinen Stiefbrüder mit mütterlicher Leidenschaft. Sie grübelte und entdeckte einen Plan." Philipp Henry, der Namensträger, sollte nach Deutfchland siiehen und dort studieren. Aber alle Verwandten, die sie als Helfershelfer anging, schraken davor zurück, sich zwischen Lord Stanhope und seine Söhne zu stellen. Daraus wandte sie sich an Jugendgespielen, einer war eben in die Diplomatie gegangen. Er mußte Geld borgen, einen Pah beschaffen und Briese für die Professoren in Erlangen. Ein Jahr hatte die Vorbereitung gedauert. Dann, eines Wintertages, war es so weit. Ein treuer Diener fuhr den Bruder bei Nacht und Nebel davon. Wenige Stunden später schon wurde die Flucht entdeckt. Aber Hefter hatte geschickt alle Spuren verwischt, Philipp Henry entkam.
Niemanden hatte sie eingeweiht, weher Charles, den jüngeren Bruder, noch Pitt, den Onkel. Sie selbst zog sich vor dem väterlichen Sturm rechtzeitig nach Burton Pynsent zurück, zur Großmutter, die Pitt zum Sohn hatte. Denn Lord Stanhope in seinem Zorn kynnte lebensgefährlich sein; hie eigene Tochter hatte er einmal mit dem Messer bedroht.
Lady Chatham, die Großmutter, verwöhnte die älteste Enkelin. In dem großen Landhaus konnte Hefter frei und fröhlich hausen, auf ihrer schwarzen Stute über Land reiten, während Bauersfrauen sich demütig vor ihr neigten. Aber die wilde Hast nach Taten wich nicht von ihr. Niemals würde die Großmutter verstehen, daß sie, Hefter, sich einen Platz im Leben erobern wollte, um Rückhalt zu schaffen für die Geschwister. Dazu sei ihr Onkel da, hieß es, William Pitt.
»Pitt? Sein Ministerium ist doch gesallenl" meinte Hester.
Die Großmutter wurde einen Zoll größer, wenn sie von dem berühmten Sohne sprach:
„Er hat dem König sein Siegel zurückgegeben, weil er für die Freiheit Irlands war. Aber als der König den Nachfolger Addington emp- fing, sagte er: .Wenn Sie und Pitt und ich nur zusammenhalten, wird alles gut gehen!' Merke dir, Pitt ist Erster nach dem König — auch ohne Lordkanzlerschaft!"
Hefters Lider mit den langen dunklen Wimpern beschatteten ge- . fliffentlief) den Blick. Die Zähne hielten eine zuckende Unterlippe fest.
„Mein Kind, weißt du, daß Klatsch um dich entsteht? Du benimmst dich zu frei. Erst hast du dir von Camelford den Hof machen lassen, diesem Wüstling ... Und jetzt die Geschichte von Philipp Henrys Flucht!"
Vielleicht war es doch am' besten, sie nahm den Vetter Camelford zum Mann, Camelford, mit dem bleichen Gesicht über dem Riefenkörper, den unheimlich flackernden Augen und dem verwüsteten Mund. Er war * immer noch interessanter als die jungen Peers und Baronets zusammen- genommen. Daß man hinter (einem Rücken flü|terte—pr fei verrückt, die Männer vor ihm scheuten und Frauen wie hypnotisierte Vögel nach ihm starrten, daß er in London Duelle focht und Skandal erregte — ja vor ihren eigenen Augen auf ein Haar einen Betrüger erdrosselt hätte — das alles kümmerte sie nicht. Auch nicht, daß Pitt, der junge Onkel, auf ein Gerücht hin hatte sagen lassen, er würde sich einer Heirat seiner Nichte mit diesem Verwandten widersetzen. Camelfords wilde, geheimnisvolle, maßlose Art schien ihr verwandt; vielleicht war er ein Narr und ein Gauner — aber er hatte auch andere Eigenfchasten, von denen die Welk nichts wußte. Nur — Camelford fragte nicht nach ihrer Hand, so heiß er auch flüstern könnt«, wenn sie in seinem Wagen über Land fuhr.
Die Wochen, die Monate gingen dahin. Heller wurde unruhig. Ob Pitt vielleicht wußte, was sie ansangen sollte? Lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Es hieß, er residiere in Walmer Castle, organisiere die Miliz und habe sogar den Besuch Seiner Majestät des Königs abgelehnt.
Ein würdiges Ehepaar erzählte von einer Reise —- ob Mylady nicht Lust habe mitzukommen? lieber Dover nach Frankreich und Italien sollte es gehen. ,
Und ob Hester wolltel So sehr, daß die Großmutter schließlich Geld und Erlaubnis gab. Ein Jahr aus Reisen! Vielleicht sand sich jetzt chr Platz in der Welt. Und — lag nicht Walmer Castle, die Residenz William Pitts, nah bei Dover?
Die Tür öffnete sich, als es aus irgendeinem Getäfel zehn Schläge tat. Pitt kam herein. Er ging schnell und lautlos. Ein fester Griff umspannte ihre Hand.
„Verzeih, Hester, es hat lange gedauert ... Was führt dich zu mir?
Er warf sich in einen der schweren Sessel, das bartlose, hochmütige Gesicht, das sich auch im Blick der Augen nicht öffnete, war voll ihr zugekehrt.
„Ich wollte dich Wiedersehen!"
Pitts beweglicher Rednermund bog sich in leichtem Spott, seine rechte Hand auf dem Eichentisch zerkrümelte das königliche Siegel eines Brieses.
„Nur das?" fragte er mit jener warmen Stimme, der England und der halbe Kontinent verfallen war, wenn er wollte.
„Vielleicht noch mehr. Vor drei Wochen verhaftete die Polizei wieder einen Jakobiner in Bakers Haus — nächstes Mal werden sie ihn selbst mitnehmen — ins Gefängnis'— genau wie Lord Thanet und Ferguson. Was soll bann aus meinen Brüdern werden? So kann es nicht weiter» gehen! Verstehst du, daß ich Vorsorge treffen muß?"
Pitt hatte eine Witterung für Menschen durch geschlossene Türen. Schon wenn der Schritt eines Besuches herankam, hörte er am Rhythmus, ob der Mensch ihm anziehend ober unangenehm war. Diese Frau vor ihm, bie Enkelin seines eigenen Vaters, war anbers als die zahllosen Menschenbilder seiner Erinnerung. Außerdem war bas Gesicht von nahezu klassischer Schönheit. ,
Er lehnte sich zurück, um genauer betrachten zu können, und fragt« nebenbei in väterlichem Ton:
„Wie hast du dir diese Vorsorge gedacht?"
Sie senkte zum erstenmal, enttäuscht schien es, den Kopf:
„Wie soll ich das wissen, wenn du es nicht weiht?"
Er stand auf, goß sich Portwein ins Glas. Plötzlich war Hestek hinter ihm:
„Pitt! Du hast heute mittag fünf Becher getrunken. Das ist nicht "gut für dieses da!" Sie wies auf fein rechtes, feibenftrumpfbetieibetes Bein.
Pitt setzte ab, erstaunt.
„Was siehst du an diesem Bein?"
„Es ist krank! So etwas sehe ich, ohne nachzudenken. Ja — kennst du das nicht?" „
Und ob er es kannte! Er führte mit Botschaftern fremder Möchte in der Nische eines Saales die heikelsten Gespräche und hatte tags daraus Lady Westmorelands Toilette im Kopf, Miß Soundsos Fußlinie und Oberst Moores unrhythmifchen Tanzschritt — bis in bie Einzelheiten, unverwischbar genau.
„Es ist wahr, ich habe gelegen, gestern noch. Einer von ben bummen Anfällen, weißt du", sagte er leiser. Dann tippte er leicht auf Hefters Arm: „Du bist mir verwandt, Kind!" .
Hefter drehte sich herum, stand dicht vor ihm, um stirnbreit nur kleiner als er, und fragte stürmisch wie auf ein langersehntes Stichwort:
„Dann verstehst du auch, daß ich nicht dazu gemacht bin, bas Leben zu versäumen!"
Er blickte an chr herab, sehr ruhig, sehr beutlich:
,T>u bist gemacht, einem Mann Frau zu sein, der intelligenter ist als du ... Aber Camelford, unser Vetter Camelford, ist kein Mann für dich."
Sie warf den Kopf zurück:
„Das weiß ich nicht. Jedenfalls wird mich niemand verheiraten außer ich selbst I"
Hefter fühlte, daß er ein Lächeln verbarg.
„Niemand wjrd dich verheiraten ich bürge dafür! Komm, setz dich und erzähl mir von dir, Hefter."
„Was soll ich dir erzählen können? Ich habe wenig gelernt und nicht viel erfahren. Und du sprichst mit den klügsten Männern von England."
„Aber selten, Hefter, mit einer Frau —"
Sie wickelte die Spitzen ihres Kleides angelegentlich um einen schlanken, ausnehmend schönen Finger.
„3a, einmal, ich war vielleicht neun Jahre alt, gerade vor der Französischen Revolution, da kam ein Wagen vor meines Vaters Haus- Er war goldbeschlagen und neun Diener trugen weihe Federhüte. Der aus dem Wagen flieg, hatte ein leuchtendes Gesicht, wie ich nie eines gesehen. Cs fei Graf Adhemar, Botschafter Seiner Allerchristlichsten Majestät von Frankreich, sagte man mir. Bald danach reifte ich mit der Gouvernante nach Hastings. Eines Abends wartete ich, bis sie schlief. Dann ging ich zum User, loste selbst ein Boot und ruderte Ins Meer. Nach Frankreich wollte ich, zu Gras Adhemar. Schisser holten mich ein und die Gouvernante rang die Hande. Aber ich habe Gras Adhemar nicht vergessen, seit damals habe ich Sehnsucht, in die Welt zu reisen. Später horte ich von Bonaparte, und wenn man ihm fluchte, bewunderte ich seinen Mut. Und dann
Pitt beugte sich vor: ,3a, und bann?"
, Nach Adhemar und Bonaparte kamst du. Ich horte, bah du mit 25 Jahren mehr Befehle gabst als der König, und daß der Korse von dir gesagt hat, du regierst bas Unterhaus mit dem Runzeln deiner Augenbrauen."
(Fortsetzung folgt.)


