Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1938 Hreltag, den 2«. Mai Nummer 59
Lady Hester Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Maria Josepha Krück von poturzyn
Copyright by Deutsche VerlagS-Anftalt Stuttgart
Lady He st er Stanhope.
Ladt) Hefter Stanhope: Nichte des großen Staatsmannes Pitt, Herrin von Bondstreet: Königin der Araber, zu Palmyra jubelnd ausgerufen: unumschränkte Herrscherin auf einer Felsenfestung im Libanon, gefürchtete' Macht während Aegyptens Aufstand gegen die Pforte: Faktor britischer Geheimdiplomatie so gut wie Aergernis für englische Konsuln: Vestalin, Hexe, Närrin oder Sibylle, — wer hat den rechten Namen "für das Rätsel dieser Frau?
Hefter Stanhopes Leben ist entgleist. Der flimmernde Glanz des Ostens, dunkles Verhängnis aus vergangenen Jahrtausenden, gewann Macht über ihr eigentliches Selbst: als sie Englands Boden verließ, ist sie auf Wegen gewandert, von denen das Licht nicht tommen kann, Ader die Kühnheit, mit der sie auszog, kämpfte und starb, klingt gleich einer Sage von jenen Wikingerweibern, die an der Seite ihrer Männer die halbe Welt ertrotzten und Könige waren, wohin immer sie kamen.
Der Fürst Hermann Pückler-Muskau, ein Deutscher, war der letzte europäische Gast, vor dem die Festung Lady Stanhopes ihre Tore öffnete. Ihm, der mit Goethes Grundsatz reiste, das Unmögliche für möglich zu halten, übergab sie eine Sammlung Schriften und Zeichnungen, die ihr besonders wertvoll schienen. Dieses Vermächtnisses gedenkend, ist es unternommen worden, Hefter Stanhopes Leben zum erstenmal für deutsche Leser nachzuzeichnen — auch dort, wo es in die Irre geht,
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Gras Adhemar, Bonaparte und Pitt,
Walmer Castle, am User der Nordsee, lag breit und schattenlos in der Septembersonne, Das Schloß: von Heinrich VIII. näh der Stelle erbaut, an der Cäsars Fuß Britannien betreten, war jetzt Wohnung des titellosen Regenten von England, Besitztum des Mannes, der den Kontinent und Bonaparte in Schach hielt: William Pitt,
„Melden Sie mich bei Mr, Pitt, ich bin Lady Hefter Stanhope", sagte sie dem Diener,
„Mylady, Mr, Pitt wird sehr bedauern, er ist ausgeritten und kommt erst gegen Nachmittag zurück/'
„Ausgeritten? Wohin?"
„Mylady — in seiner Begleitung sind Herren der Regierung — '
„Macht nichts! Ich mutz meinen Onkel sprechen. Schnell, gib nur ein Pserd."
„Mylady —"
Dem Diener, der in Etikette und Gehorsam grau geworden, vertagte die Stimme, Die junge Dame vor chm hatte Augen — wahrhaftig! — beinahe wie Mr, Pitt selbst. Das Wort gefror einem im Munde,
Nein, Reitkleider gab es keine im ganzen Schloß, man war nicht auf Damenbesuch eingerichtet. Also ging Mylady wie sie angezogen war, in Seide und Spitzen und Federhut, suchte sich selbst das Pferd aus dem Stall, den braunen Arab, das hinterlistigste Tier in Walmer Castle, Sonderbar, unter ihrem Griff bockte er nicht.
Zwei Diener folgten und wiesen den Weg. Landeinwärts, vor der gn ,en Buchenlichtung jenseits des Baches wolle der Herr Mittagsrast halten, genau um 1 Uhr, Die beiden Diener wechselten Blicke. Wer mochte die Frau sein? Seine Nichte, Lady Stanhope, hatte sie gesagt. Gewiß, Mr, Pitt war mit den Stanhopes verwandt, aber Nichte .... Die hätte man doch kennen müssen!
Die Dame ritt, als gälte es ein Rennen, über Steine und Gestrüpp hinweg, taub vor jeder Warnung. Daß sie von -Kindsbeinen an im sattel saß, ließ sich beschwören. Wenn sie den Kopf zur Seite wandte, sah man ein junges, helles Gesicht mit tiefroten Lippen. Die Diener lächelten hinter den Masken ihrer unterwürfigen Gesichter. Kein Wunder — bcr berühmteste Mann von England mußte auch in diesem Punkt Besonderes verstehen. .
„He, ihr", rief sie zurück, „wie lange haben wir noch?"
„Mylady, eine knappe halbe Stunde. Dorthin an die Lichtung jenseits des Hügels hat Mr. Pitt die Picknickkörbe bestellt."
Sie mäßigte den Gang, riß von den Zweigen ein Kastanienblatt und fächelte ihr Gesicht.
„Wer ist bei Mr. Pitt?" fragte sie leiser als zuvor.
Die Diener zögerten: man sprach nicht viel in der häuslichen Umgebung dieses Mannes.
„Mylady, zwei Lords, die gestern aus London kamen."
„Ihr Dummköpfe! Zwei Herren der Regierung natürlich Ich will ihre Namen wissen!"
Sie hielt, streifte mit dem Blick die verdutzten Gesichter ...
„Mylord Westmoreland", sagte demütig der eine.
„Lord Addington, der Premierminister", flüsterte der andere.
„Und keine Dame?"
„Keine Mylady."
Das Kastanienblatt wirbelte in die hellblaue Luft, angelegentlich wie eine Türkin wickelte sie einen Schleier um ihr Gesicht. Dann trabte das Pferd fröhlich den Abhang nieder zur Lichtung jenseits des Baches.
„Hallo!" rief sie laut, daß es vom Tal widerhallte.
Drei Männer blickten auf, sie lagerten in kleinem Kreis vor silbernen Schüsseln.
Hefter ritt auf den einen zu, der sich langsam erhob.
„Ja", sagte sie, „Mr. Pitt sieht seinem neuesten Gemälde sehr ähnlich, nur" — sie warf den Kopf zurück und lachte hell — „daß er jetzt nicht ein Papier in der Hand hält auf dem steht: Tilgung der Staatsschulden!'
Der Mann vor ihr, ein Mann von unbestimmbarem Alter in grünsamtenem Jagddreß, verbeugte sich kühl:
„Und wer erweist mir die Ehre, das zu finden?"
Sie streckte die Hand ihm entgegen:
„Erst hilf mir vom Pferd. Sieh doch — meine Kleider ..."
Er unterstützte den Arm, vollendet sicher und unmißverständlich kühl. Sie sprang mit einem «atz auf den Boden, trotz Seidenfalten und Spitzenrüschen: zog den Schleier vom Gesicht und sagte mit anderer Stimme:
„Ich bin Hefter!"
In dem unbewegten Männergesicht glomm jäh der Schein eines Lächelns auf:
„Hefter! Verzeih! Das konnte ich nicht ahnen —" und, zu den Herren gewandt, die sich tief verbeugten: „Meine Nichte Lady Hefter Stanhope."
Sie setzte sich neben Pitt auf den Baumstumpf und aß aus einer schnell gerichteten Platte. Das Gespräch wurde lauter und leichter in Gegenwart der Frau, glitt von Staatsaffären zu Männern des Staats, von der gefürchteten Blockade Englands zu Bonaparte selbst
„Werden dis Franzosen wirklich bei uns landen?" fragte Hefter und sah nur Pitt ins Gesicht.
Der schälte Fleisch von einer Geslügelbrust, sachlich, geschickt und ohne jede Eile.
„Ich wette, Bonaparte läßt bereits Münzen prägen mit der Aufschrift: Landung in England", erwiderte er leichthin: „und vielleicht hast du gesehen, daß ich Dorf und Schloß Walmer befestigen lasse, um den zweiten Cäsar in Britannien zu empfangen."
Die Gesichter der beiden Lords legten sich in Falten.
„Sie haben leicht scherzen, Pitt!" meinte Addington, der Lordkanzler, mit starrem Lächeln. Er, der sich selbst als Platzhalter Pitts bezeichnete, sah nicht erheitert aus.
Hefters Blick streifte ihn prüfend und kehrte wieder zu Pitt zurück:
„Hoffentlich macht ihr nicht Krieg mit Frankreich, während ich dort reise."
Pitt ergriff den Becher und hob ihn gegen sie:
„Wir werdern uns bemühen — deinetwegen, Hefter!"
Sein Blick tauchte in ihre Augen, ein seltsam verhaltener Blick aus ganz verengten Pupillen: sie hielt ihm stand, mit lachend zurückgebogenem Kopf ... Dieser Onkel, der mit 25 Jahren Erster im Staat gewesen, der „fleckenlose Minister" — was war das für ein Mensch?... Immer noch sah sie ihn an. „
„Vielleicht willst auch du yur etwas wünschen, Hefter , mahnte er lächelnd.
„Auf deinen Stern!" sagte sie, ernst geworden. —
Er ließ sie laMe warten in den dunklen Prunkräumen von Walmer Castle, in denen Geschichte überreich und düster spukte. Sie blätterte in Büchern und legte sie schnell wieder fort, viele schienen lateinisch oder griechisch zu sein und überdies — war es nicht verächtlich, was in Büchern stand — erfunden, gelogen, und dieses noch schlecht? Sie knusperte Biskuits und schlürfte Portwein. Schließlich trat sie an eines der hohen bogenförmigen Fenster und sah in die Nacht hinaus. Man hörte das Meer, wie es in stürmischer Flut gegen die Erde drängte. Aber Hesker hatte nur auf den Himmel acht. Seit früher Kindheit kannte, sie Namen und Bilder der Sterne, obwohl Gouvernanten ihr die astronomischen Karten des Vaters entzogen. Der Mond rückte gegen den Stier


