Ausgabe 
19.12.1938
 
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sonderlichen Fifchschwänze^i, grünen Bärten und fänden und klotzigen Gliedmaßen versehen. Weil die Matrosen aber unten im Grogkeller mit ihrem Mummenschanz die Gäste geärgert hatten, waren sie vor die Tür gesetzt worden und wollten in ihrer Narretei nun junge Mädchen er­schrecken.

Ausgerechnet diesen Gesellen lief unsere arme Mutter Witsch in den Weg. Sie sah sie erst im letzten Augenblick. Dann schrie sie auf, als wenn sie schon an einem dreizackigen Spieß stäke; sie.meinte ja nicht anders, als daß es richtige Wasserkerle seien, Todfeinde ihres Volkes, die über sie gekommen waren.

Die Grogmatrosen aber dachten nur an ihren Spaß, sangen aus voller Kehle, schwenkten die Alte wie eine Sackkatze hin und her und hoben sie aus die Schulter, so daß aller Anstand zum Kuckuck ging. Da ist Mutter Witsch denn wohl gewahr geworden, daß alles nur ein Narrenzug war. Sie hat noch einmal greulich gedroht, dann hat sie den Jantjes so sehr mit den Krallen über die Köpfe geschrammt, daß die sie blutend fahren ließen, ist zum Millerntor gefegt und hat mit schriller Stimme und bösen Worten die ganze Bauhütte verwünscht, so sie her­gekommen war.

Im nächsten Augenblick sind alle Unterirdischen, Männlein und Jung­fern, spurlos vom Dommarkt fortgeeilt. Die Maschinen begannen lang­sam in sich hineinzusacken, «die Spiegel verschwanden, und der Schacht in die Tiefe hat sich von innen glatt geschlossen, als wäre niemals vor­her ein Spuk darauf gewachsen.

Man hat die Unterirdischen in der Stadt Hamburg seitdem noch nicht wieder öffentlich bauen sehen. Ich finde, es ist schade, daß man die am Millerntor vertrieben hat; denn es waren sicher die Verständigsten des Volkes, die in Eintracht mit den Menschen ihr Werk hatten aufbauen wollen. Aber die Leute vom Hafen können nicht von ihren Gebräuchen lassen; schließlich konnten sie ja auch nicht wissen, daß das einfältige Spiel von den Wasserkönigen den Unterirdischen dermaßen ans Herz gehen würde.

Christabend im Jahre 1223.

Von Helene Christallrr.

Christabend im Jahre 1223. Der Himmel spannt sich in dunklem Blau über dem Tale von Greccio in Umbrien, und die südlichen Sterne schim­mern wie kleine Sonnen. Greccio, das Felsennest, klebt an einem der düsteren Berge. Feste Mauern schützen es vor feindseligem Ueberfall. Aber Greccios Tore stehen offen, und die Gasse mit dem spitzen Steinpflaster ist leer. In den Häusern brennt kein Licht; ein Hund schweift suchend hügel- auf und hügelab.

Ein kleiner Pfad führt durch die Olivengärten mit den reifen Früchten, abwärts, in eine enge, waldige Schlucht, in deren Tiefe ein lautes Wasser rauscht. Er steigt auf der anderen Seite noch steiler hinauf und verliert sich zwischen Lorbeerbllschen.

Zwischen den uralten Steineichen war es lebendig. Man sah schwarz- bärtige Männer, die Waffe am Gurt, brennende Fackeln in den Händen; hinter ihnen drein huschten ängstliche Weiber, die besorgt die lebhaften Augen schweifen ließen, ob nicht der Wolf aus dem Hinterhalt bräche, ihre Chrisifeier blutig zu stören. Rot und grün leuchteten die Kopftücher, und die bunten Röcke sahen fröhlich aus in dem düsteren Wald.

Zwischen ihnen schritten barfüßige Mönche in grauen und braunen Kutten, die Kapuzen tief in die hageren Gesichter gezogen, in den Händen schlanke Wachskerzen.

Unter ihnen war einer ... die Kapuze hing ihm aus dem Rücken und ließ den schmalen, dunklen Kopf frei. Die braunen, sanften Augen, leuchten­der als Sterne, ruhten mit liebevollem Blick auf den Gefährten, bald durch­schweiften sie in trunkenem Entzücken die Herrlichkeit des Christnacht­himmels.

Zu ihm drängte das Volk.

Ihr habt ihn immer", sagte bittend ein Weib und schob sich an dem großen Bruder Ginepro vorbei, dem der lange Bart bi; auf den Gürtel hing. Er lachte gutmütig. Die Lücke benützte ein zartes Dirnlein, um ebenfalls durchzufchlüpfen.

Welch eine Nacht!" sagte ein junger Minorit mit bräunlichem Römer­kops zu einem ritterlich gekleideten Mann.Wenn Bruder Francesco unsere weißen Kerzen ergriffe, um sie da oben an den Sternen anzuzünden, mich würde es nicht wundernehmen."

Und wenn unter feinen Füßen die Blumen erwachten, die jetzt schlummern, ich würde es natürlich finden", erwiderte der Ritter.

Sie nennen ihn in Assisi den Heiligen", fuhr der Mönch fort.

Gesegnete Stadt, die ihren Propheten nicht steinigte ... , antwortete ernst der ritterliche Mann.

Diese Christnacht wird uns lange gedenken", sagte wehmütig der junge Mönch.Nicht mehr werden wir unseren geliebten Vater unter uns haben " Er ist krank?"

Er leidet viele Schmerzen und spricht von seinem Tode."

Seine Stimme klingt heiter, und al; er mir vorhin die Hand zum Gruße reichte, war mir, als ginge ein Strom des Lebens durch sein Herz. Wie kann Leben vom Sterbenden ausgehen?"

Don ihm kommt immer nur Leben, Liebe, Freude!" rief stürmisch der Mönch.

Der Pfad wurde finsterer. Das Mägdlein, das sich vorbeigedrängt hatte, war bei dem Heiligen angelangt. Eine Weile hielten ihre kleinen Fuße die in klappernden Holzfchuhen steckten, Schritt mit denen des Mönches. Aber Bruder Francesco sah nicht auf das schmale Gestältchen an seiner Seite hinab, und mit Schrecken bemerkte die Kleine, daß rings um sie her große, bärtige Männer in dunklen Kutten waren, die nun mit rauhen Stimmen zu singen begannen.

Da rührte sie leise seinen Äermel an, und al, er sich zu Ihr wendete

Zog sie zaghaft unter Ihrem Umschlagtuch einen großen Strauß weißer Chriftrofen hervor.

3d) habe sie im Walde gepflückt, an verborgenen Slellen, weil du die Blumen so lieb hast, Bruder Francesco", sagte sie schüchtern.

Unsere Schwestern, die Blumen, mitten im kalten Winter!" rief der Heilige froh.Sie sollen Christkindleins Krippe schmücken."

3a", sagte das Mädchen und sah ihn mit großen Augen an.

Das Schönste, das Liebste, das Holdeste für ihn", flüsterte der Mönch, für ihn, den schönsten der Menschenkinder."

Der du bist", sagte das Mädchen leise; aber niemand konnte es hören. Still blieb sie zurück, bis sie Frauenstimmen hörte, und die tropfende Pechfackel eines Bürgers ihre roten Lichter auf den steinigen Pfad warf.

Christnacht im umbrifchen Gebirge! Vor einer großen Höhle, die von überhängenden Felsen gebildet wurde, hielten die Pilger an. Dort stand eine leere Krippe, mit Stroh gefüllt, und ein Ochse und ein braunes Eselchen fraßen einem Hirtenjungen Heu aus der Hand.

Hier ist Bethlehem im umbrifchen Landl" rief Bruder Francesco voll jubelnder Freude, und seine Mönche scharten sich um ihn. Die schlanken, weißen Kerzen flammten auf und erleuchteten die Höhle. Das rote Licht der Fackeln, das gelbe der Kerzen und das bläulich-weiße des Mondes stoffen ineinander und spiegelten sich in den leuchtenden Augen qott- begeisterter Menschheit.

_Bethlehem in Greccio!" antworteten jauchzend die Einwohner des Städtchens, und die hellen Stimmen der Frauen erklangen neben den rauhen der Männer.

Die Mönche stimmten ein Lied an mit einer fröhlichen, hüpfenden Melodie, und die Männer und Weiber fielen ein:

Herbei, ihr gläubigen Seelen, finget 3ube(lieber, kommt nach Beth­lehem! 3hr sehet den neugeborenen König der Engel. Kommt, laßt uns den Herrn anbeten!

Seht, die Hirten verlassen die Herde, und demütig folgen sie eilig dem Ruf zur Krippe. Und auch wir eilen hinzu, freudigen Schrittes. Kommt, laßt uns den Herrn anbeten!"

Dann wurde es ganz still, nur die Berge knisterten, und der Wind rauscht« in den Steineichen um die Höhle. Aus der Ferne ertönte Glocken­geläute, von Greccio kam es, von Fonte Colombo auf dem Berge, von dem großen Kloster in der Ebene, aus der Waldkapelle am Ende der Bergschlucht.

Mitternacht! Schweigend hörten sie dem Geläut zu, bis es in den Berg­hängen dahinstarb. 3n den Gründen des Waldes heulte der Wolf. Niemand gedachte feiner in Angst. War Francesco nicht auch den wilden Tieren heilig? Hatte er nicht den Wolf von Gubbio gezähmt, daß er wie ein Lamm aus feiner Hand fraß? So umflossen waren sie von Licht und Liebe, daß auch die Tiere des Waldes in diesen magischen Kreis gebannt waren.

Bruder Francesco aber stand im Mittelpunkt mit zum Gebet erhobenen Händen: der Wald war feine Kirche, und die Krippe war fein Altar.

Heilig, heilig, heilig ist unser Herr, der allmächtige Gott, der da ist und der da war und der da kommt."

Und die Mönche, die um die Krippe knieten, antworteten:

Lasset uns ihn toben und hochpreisen von Ewigkeit zu Ewigkeit."

Dazwischen blökte ein Schäflein und brummte der Ochse, und das Eselein rasselte an seiner Kette.

Bruder Francesco hielt die Christrosen immer noch in seiner Hand, und so begann er die Predigt. Auf den Knien hörten sie ihm zu, und seine sanfte, klare Stimme wurde immer klangvoller und stärker, daß dl« Herzen der Menschen um ihn erzitterten. Wenn er den Namen 3efu nannte, so klang es, wie wenn der Liebende von der Geliebten spricht und wenn er Bethlehem sagte, so fühlten sie die klopfende Freude seines Herzens in der Stimme. Und das Feuer feiner Liebe war gewaltig, daß sie alle ihre kalten Herzen an seinem heißen erwärmten, und ihre Gebete auf- loderten zum nächtlichen Winterhimmel wie die Flammen auf den Opker- altären der Heiden.

Die Christpredigt war beendigt, die Gebete gesprochen, die Lieder ver­klungen. Trübe leuchteten die rauchenden Fackeln, tief herabgebrannt waren die Kerzen; man schickte sich zur Heimkehr an.

Sahst du da; Kind in seinen Armen, als er sich über die Kripp« beugte?" fragte der Ritter den Mönch, der neben ihm stand.

Bei Gott, ich blickte nicht auf, Giovanni Bellita, aber seine Stimme ttang so selig, wie wenn er den Heiland der Welt in seinen eigenen Armen wiegte."

3d) sah das Kind im Kripplein liegen wie tot", fuhr der Ritter fort, und als es der Heilige in feine Arme nahm, erwachte es und lächelte ..."

0 Münder ...!" staunte der Mönch.

Giovanni Vellitas Augen glühten.Und da sah ich, wie das himmlische Kind mit seinen kleinen, zarten Händen seine bärtige Wange streichelte und die grobe, graue Kutte ..."

Die Umstehenden drängten sich um Bellita.Das holde Jesulein .. ", flüsterten die Frauen.

Ja", so muß es fein", sann der Mönch und blickte zu dem Heiligen hin, der dem braunen Esel mit freundlichem Blick ein paar Rüben bot. Tot war der Heiland der Welt in den Herzen der Menschen, er aber hat mit feinen Worten und feinem heiligen Leben bas göttliche Kind wieder erweckt."

Siebenhundert Jahre sind verflosien feit dieser Nacht.

3m Walde zu Greccio steht heute noch an dieser Steüe-etn altes Kloster der Franziskaner, an die Felslehne gebaut wie ein Schwalbennest. Schnee- roelJe&tet 63 aU3 dem dunklen Lorbeer- und Steineichenwalde hervor, und die Wolken ziehen dicht darüber hin, indes unten im Tal der Velono rauscht.

In dem Kloster ist eine alte Kapelle; über der Gittertür steht oe- schrieben:

3n dieser Kapelle des heiligen Lukgs hat Franziskus Christus In die Krippe gelegt."

Verantwortlich: Dr. HanS Thhrloß. - Druck und Verlag: Vrühlsche UnlversitätSdruckerel A. Lange, Gieße».