Ausgabe 
19.12.1938
 
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Aussicht fuhrt, Knien, krähte

könnt, daß es bei allen Melodien wie ein Veitstänzen un!> Hopsen übet sie kommt, viel gefährlicher als bei den Menschen mit ihren stumpfe»

Weihnachtslied.

Von Theodor Stör in.

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte Ein milder Stern herniederlacht; Vom Tannenrvalde steigen Düste Und hauchen durch die Winterlüste, Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken. Das ist die liebe Weihnachtszeit! Ich höre fernher Kirchenglocken Mich lieblich heimatlich verlocken In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder, Anbetend, staunend muß ich stehn;

Es sinkt auf meine Augenlider Ein goldner Kindertraum hernieder. Ich fühl's, ein Wunder ist geschehen.

unterirdisches Volk in Hamburg.

<Kn Weihnachts-Schelmenmärchen von Hans Friedrich Blunck.

Die Leute reden mitunter davon, daß es nun nicht mehr lange dauern werde, bis Menschen und Unterirdische sich verständigen und alles Wohnen und Verteilen von Erdüber und Erdunter miteinander bespre­chen würden. Ein Zeichen dafür ist vielleicht, daß das kleine Volk, wo es nur kann, Bahnhöfe und Rathäuser gleich unter den menschlichen baut. In der Stadt Hamburg zum Beispiel richten sie sich schon seit langer. Zeit danach außer wenn sie durch Waterkerle und andere Unholde gehindert werden, mit denen sie in Feindschaft leben. So haben sie sich dort niemals recht an die Elbe gewagt; auch das alte Rathaus war ihnen zu nahe bei den riesigen Bootsbauern. Wohl aber haben sie jüngst einen Bahnhof am Jungsernstieg, sieben Schuh unter dem der Menschen ausgeschachtet, und neulich haben sie am Millerntor unterirdisch bauen wollen. Dabei haben sie sich so zutraulich gezeigt, daß man fast annehmen muß, sie hielten unsereins wieder für ihren Freund. Ich finde es schade, daß ein paar Matrosen sie diesmal noch mit ihren dummen^ Spähen verscheucht haben.

Eines Nachts nämlich es ist zur Zeit des Hamburger Dommarktes gewesen, als der Vorsteher der Haltestelle am Millerntor den letzten Zug abgefertigt hatte, sah er, wie der Boden vor ihm nach innen bröckelte und wie im Bahnsteig ein Trichter entstand. Er sprang eilig zurück; da krochen drei Kröten heraus, eine nach der andern, und wuch­sen bald kindsgroh. Als sie nur einen einzigen Menschen erschauten, warfen sie ihre grauen Röcke ab und riefen in die Höhlung hinunter. Wenige Augenblicke danach wimmelte es schon von Scharen bunter unterirdischer Bauleute mit ihren Mädchen.

Dem Vorsteher war etwas unheimlich zumute, er wollte rasch davon und das eiserne Tor vorlegen. Aber die Kleinen hielten ihn an, be­fahlen noch etwas zu warten, und holten aus dem Loch im Bahnsteig windschnell allerlei Gerät, Leitern, Drahtseile, Schrauben, Klammern, Taue, Zeltleinen und Holz für eine ganze Bauhütte. Dann putzten die Fräulein das Loch flink und sauber wieder zu, die Burschen nahmen die Lasten auf Nacken und Schlitten und keuchten und schleppten damit über die Treppe, klein, aber geschwind an dem Vorsteher vorbei nach oben.

Jetzt könne er Feierabend machen, sagte sie ihm freundlich.

Nun ist wie ihr wißt, um den Untergrundbahnhof am Millerntor ein großer'grüner Platz. Dort richteten sich die Wichte blitzschnell ein, steckten ein Lager ab, zündeten Fackeln an, ordneten alles Gerät und singen flugs an, i! Bauhütte zu zimmern. Schallrohre wurden in die Erde gelegt, und es dauerte nicht lange, da schienen sie Verbindung mit einem Hohlraum zu haben, aus dem ein anderer Trupp ihnen von unten entgegengrub. Was gab das für ein verwirrendes Eilen und haften «ippeln und Tippeln bei den MännernI Auch die Mädchen halfen mit, sie begannen rundumher den Rasen zu glätten und wie eine Diele zu säubern und zu kehren. , , , . _ ..

Dem Vorsteher vom Millerntorbahnhof, der sich noch immer die Augen rieb, ging alles blank und grau durcheinander; solch verrücktes Leben hatte er nicht einmal in seinem Traum erfahren. Auch die wenigen Verspäteten, die sich drüben vom nachtdunklen Dommarkt her einsanden, blieben mit offenen Hälsen stehen.

re- aina übrigens alles nach der Schnur bei den neuen Mitbürgern, sie bielten sich an die Arbeit. Find hieß der, Werkherr. Er hatte statt der roten Kappe der anderen einen scharlachfarbenen runden Hut aus den Obren verteilte die Arbeit und maß und berechnete alles Werk mit haarfeinen Zollstöcken. Eine Menge von Arbeitsleuten wirbelte unter feinem Wort durch- und ineinander, darunter viele Mädchen, die gleich Auariffen Wasser holten und den Grund mit Spiegeln und blinkenden Steinen glätteten und plätteten. Ueber sie alle herrschte eine Uralte, die sie Mutter Witsch nannten und die abwechselnd Strumpfe strickte und d,e schwarzen Auskehrbesen der Jungfern über einem F-uer wärmte.

flfig h.er Morgen graute, hatten die Zwerge einen steilen schach: fertig über dem^sich wirkliche Gerüste mit Winden unö Seilen auf­hoben. Rollen drehten sich, liefen auf hölzernen Schönen und schaftt n und schleppten, wie es schien, Lasten unten .n der liefe h " und her Und es wäre alles gut gegangen, hatten sich nicht bald^'^unnutz Zuschauer und Arbeitsscheue emgefunben, die lästerten und nörgelten, Wauch e in mal mit be n Jungfern zu schäkern versuchten und von der Straße her mit dummen Reden begleiteten. einmal als

Die Wichte kümmerten sich zunächst nicht darum. Werkmeister jemand eine Vogelpfeife an die Rippen setz r- >p 8 bem Mund; Find hinzu und hieb sie dem ^berraschsten d.itzch Arbeit

alle Leute lachten vor Achtung und Schadenfreude. Mus k und Arven vertragen sich nämlich nicht bei den Unterirdischen, sie sind dafür

Ohren.

Endlich näherte sich ein Schutzman nund wühlte sich durch die Meng« der Neugierigen.

Er wollte den Unternehmer sprechen, sagte er höslich. Find glitt über den Spiegelboden zu ihm hinüber und lüpfte seinen scharlachroten Hut. Der von der Polizei zog die Stirn kraus über diesen Knirps, er glaubte, man wolle ihn foppen. Auch ging gerade ein junges Mädchen der Unterirdischen vorüber, das trug einen Arm voll Wasser, ganz ohne Eimer; seine Schürzenzipfel hatten kleine brennende Ouasten. Aber als alle Leute ringsum dem unterirdischen Fräulein die heitersten Scherz- worte zuriefen und das hübsche Ding sich dreimal nach ihm umdrehte, mußte auch der Herr Schutzmann schmunzeln und vermerkte fürerft nichts, als einen dringenden Bericht.

Immer mehr Menschen eilten währenddes von allen Seiten herbei, jedermann hatte dem nächsten von dem drolligen Ereignis erzählt; die Leute begannen sich zu drängen und zu stoßen und über die neuen Mitbürger zu keifen und zu kichern. Aber so neugierig sie waren, kam doch keiner von ihnen der Bauhütte selbst nahe. Warn, immer jemand nämlich auf die Spiegel trat, die rundum lagen, war ihm zumute wie auf wogender See; in erstaunlicher Weise wurde vor ihm mit dem Be­treten des Glases alles Gegenständliche weggezaubert, wurden Himmel und Erde zu einem breiigen Einerlei. Nein, wer die neuen Gäste be­suchen wollte, schwankte, stampfte und mußte mit heißem Kopf wieder umkehren. Die Zwergmädchen aber lachten laut über jeden Tölpel, und die Hamburger ärgerten sich.

Das Gedränge am Milleimtor wurde währenddes immer lebensge­fährlicher, jedermann wollte die neuen Mitbürger einmal gesehen haben; sogar die Tiere kamen witternd und schnaubend heran, und die Pserde blieben auf halber Straße stehen. Einmal versuchte ein altes Weib, das den Unterirdischen feind war, sie mit Baldrian zu verjagen, aber es er= erreichte nur, daß alle Katzen aus der Nachbarschaft zusammenliefen. Und ein gelehrter Krugwirt, der auch mit diesen Wichten Bescheid wußte, und heimlich stark riechenden Kümmel über di« Spiegel goß, kriegte der­maßen eins in Genick, daß er sich gleich zu Bett begeben mußte

Die Stunden gingen. Die Mittagszeitungen hatten schon in Niesen- überschriften die ersten Nachrichten gebracht, und die Menge der Neu- gierigen verstopfte alle Straßen. Aber bald rotteten sich auch die Schau- budenbesitzer zusammen. Sie redeten klug und beschlossen, den Staat so­fort um Hilfe zu ersuchen; denn das Volk war behext und drangt« allein zum Millerntor. Zum Dommarkt schien es alle Lust verloren zu haben. Auch die Bahnverwaltung hatte ihre Bedenken gegen die rätselhaften Maulwürfe angemeldet, und weil der Staat sah, daß etwas unter­nommen werden mußte, sperrte er zunächst den Umkreis um die Bau­hütte weithin durch Schutzleute ab, um Ruhe zum Nachdenken zu haben.

Aber bevor er noch damit fertig mar, geschah jenes unglückliche Er­eignis, das leider der neuen Nachbarschaft vorläufig ein Ende gemacht hat und das ich jetzt erzählen muß. Gegen vier Uhr nämlich begann drüben auf dem Dommarkt das erste Karussell [ein Lied. Ganz geruhig ging es an, es dachte sich ja nichts Böses dabei; Klingeling, und dann kam etwas, das wie ein Walzer brummte

Kaum hatte die Musik angefangen, hielten gleich alle Wichte mitten im Werk ein. Die Mädchen richteten sich mit roten Kopsen auf, und die Arbeitsleute stellten sich aus ein »ein, wie um zu tanzen. Im gleichen Augenblick fuhr aber auch Mutter Witsch wie eine Leibhaftige zum Dommarkt hinüber und gebot Ruhe. Der Karussellbesiger hielt seine Orgel an, er war eingeschüchtert von dem schwarzen Besen. Aber die andern Schausteller steckten inzwischen die Lampen an, die Ausrufer begannen Abenteuer anzupreisen, die Maschinen machten Dampf auf, Laternen flackerten mitten hinein, und die Pfannkuchen brutzelten bis zum Millerntor hinüber. ..

Klingeling fing wieder ein Karußell am andern Ende an Witsch fegte hinüber. Da legten zugleich Rutschbahn, Achisch eise und Schisssschauke! los. Hei, wie sauste die Alte von Bude zu Bude! Es half nicht, daß die Herren aufbegeherten, sie puffte und knuffte dazwischen und wollte allen Drehorgeln die Pfeifen auskrallen Es wurden ihrer indessen zu viele. Einige Leute ließen sich verblüffen, die meisten kümmerten sich nicht mehr umMutter Witsch; sobald sie mit ihrem Besen den Rücken wandte, gingen die Orgeln roieber an.

Und dann wurde es erst luftig! Als die Musik nicht aushorte, konnten die Unterirdischen es bei ihrer Arbeit nicht mehr aushalten Erst fing ein Paar an, sich zu drehen, dann hüpften die Leute mit Meißel tmb rammer und die Mädchen mit ihren Wafferbundeln. Und als es erst einmal begonnen hatte, kam die Unbändigkeit über alle; die ganze Schar warf die Arbeit hin, hakte sich Paar bei Paar ein und tanzte und taufte über alle Spiegel weg ausgelassen auf die Dommusik zu. Die Hamourger aber die bas kleine Volk in seinen bunten Bändern und Vierland er- sacken hüpfen und scharmützen sahen, schlugen sich auf die Bauche vor Lachen und die Schauermänner, die vom Hafen zum Dom wollten, drehten sich gleich mit dem Befenfräulein. Alle Hunde heulten dazu, und die Katzen, die noch nach Baldrian rochen, sprangen mit frommen Rücken den Leuten von Kopf zu Kopf.

Selbst Mutter Witsch, die bei den Unterirdischen die konnte es zuletzt nicht mehr aushalten, sie knickte in den noch ein paarmal zornig, aber die Hopsenden waren blind und taub. Da fuhr sie, hui, hundert Ellen in die Luft, und als sie sah, daß Ube und Wasserkerle weitab vom Dommarkt waren, om sie mit emE Knicks wieder zur Erde, zupft« an ihren Rocken, blickte auf tyre öuB spchen und drehte sich mit den anderen dem Markt entgegen, so hübsch und altjüngferlich, man konnte sie kaum wiedererkennen.

In dem Augenblick kamen nun ein paar Matrosen aus einem d«r Keller heraus. Sie hatten auch ihren Spaß haben wollen und weil es draußen harter Winter war, hatten sie drinnen vorgemacht, wie man d^e Neulinge über den Aequator feiert. Das geschieht lo"d^blich nut viel Hallo? Herr Egge, der Graukopf, ist Hauptmann. Bartsch«,- und Bootsmann sind dabei und werden ihrem Herrscher zuliebe m t ab-