Ausgabe 
19.12.1938
 
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bet Dorstadt uni) noch ein Stück des von seinen Mauern umgürteten Wien. Zur Limen ergeb sich die dunkle, voin blitzei«en Kconreif des Klosters gezierte Felsenhöhe ües Leopoldsbergs, der sich hier, ans Be­trübnis, daß mit ihm die Herrschaft der Alpen endet, in steilem Sprunge in die Donau stürzt, um sich jenseits des Stroms noch einmal zu einer letzten Welle auszuschwingen, ehe die unendliche Weite der mährischen Felder beginnt.

Dieser freundliche Platz war es, den -Mutter Kirndorfer mit nicht zu leugnender Regiebegabung als Kulisse ansgewahlt hatte, vor der die Liebesszene zwischen der Lisi uno dem Franzt gespielt werden sollte. Darum hatte sie auch vorsorglich vor dem Mittagessen noch selbst die an der Mauer stehende Steinbank von ihrer Schneelast gereinigt. Die mütterliche Jnszenierungskunst schien aufs beste zu klappen. Bank und Mauer standen jetzt im hellsten Strahlen der schon gegen die Wälder und Höhen sich senkenden Sonne. Ferne glühten vor schwarzblauem Föhnhimmel die Mauern Wiens. Dom Leopoldsberg schwang das Ave- läuton, und unten rauschte frühlingsbreit der Strom.

Glücklich blickte die List auf das schöne Bild, vor allem auf Wien, durch dessen Tore der Leutnant von Rabenau wohl längst wieder ein­geritten war. Doch auch auf den Franzl wirkte der Zauber dieser Stunde jo mächtig, daß er sich nun doch auf den Zweck dieses Alleinseins besann und sein Schweigen zu brechen beschloß. Sei es aber, daß ihn im letzten Augenblicke doch die Courage verließ, sei es, daß er auf diese Weife seinem Glucksgefühl wirklich den höchsten Ausdruck zu geben glaubte: er schnalzt« genießerisch mit der Zunge und sagte:Gelt, Demoiselle Brand, ein Weindl is Las schon g'wefen, der letzte!"

Diese Bemerkung hätte als Liebeserklärung wohl auch dann nicht genügt, wenn Elisabeth Brand auf diese Eröffnung voll Sehnsucht ge­wartet hätte. Doch hätte sie dann immerhin als Einleitung gelten mögen. So aber wandte sie nur lachend den Kopf, meinte:Gut war er schon, der Wein", und sah wieder hinunter auf Wien.

Nach einer Weil, als die Sonne hinter dem Hermannskogei ver­schwand und nur noch über der Stadt ein letztes flammendes Leuchten stand, erhob sie sich, barg fröstelnd ihre Hände in dem Muff und sagte: Ich mein, jetzt gehen wir wieder ins Haus." Daß die alten Kirndorfer und auch ihr eigener Erzeuger diese ihre Rückkehr mit der gleichen Un­geduld erwarteten wie Katharina Dielgratterin allwöchentlich zweimal die Gewinnzahlen des Lotto, ahnte sie nicht.

Auf der obersten Terrasse kam ihnen Datei Kirndorfer mit ver­düstertem Gesicht entgegen. Daß der Franzl und die Brand nicht, wie doch zu erwarten gewesen, Hand in Hand oder gar zärtlich umschlungen au» dem Garten tauchten, sondern er links und sie rechts am Wegrand« gingen, erschien ihm mit Recht als ein verdächtiges Zeichen. Doch hofft« er noch. Er ließ der Demoiselle Brand den Vortritt ins Haus, blieb mit dem Franzl auf der Terrasse zurück und fragt« mit grollendem Unterton:

.No, hast g'redt?"

Nit traut hab i mich, Herr Datier"

Nur die Freude darüber, daß immerhin das Aergste noch nicht ge­schehen war und di« Brand noch nicht nein gesagt hatte, bewahrte den Sohn vor einer väterlichen Dachtel. So aber sagte Johann Kirndorfer nur verächtlich:Traurigs Mannsbild, traurige!" und trat durch Me Glastüre.

Im Wohnzimmer übersah er geflissentlich die fragend auf ihn ge­richteten Blicke, klatschte mit gut gespielter Vergnügtheit in di« Hände und rief:So, fetzt freu ich mich aus d' Jausen! Gehts daweil nur ins Speisezimmer! Bitt schön, Demoiselle Brand, bitt schön, Herr Regenschori und Sie auch, Vielgratterin! Ausg'schlasen werdens ja daweil haben Franzl, sei halt ein bihl ein Kavalier! Gib der Demoiselle List den Arm! Kinder und junge Hund g'hören voraus! Der Brand und ich kommen gleich nach"

Als sich die Türe hinter dem Franzl und der List, der Kirndorferin, dem Wimmer und der Frau Tank geschlossen hatte, sah ihn Brand fragend an. Kirndorfer schnaubt« und blies. Die Aufregungen dieses Tages taten feinem verfetteten Herzen nich gut. Er wischte sich mit dem großen roten Taschentuch den Schädel:Nit traut hat er sich Jetzt mußt halt doch du reden, Brand!"

Auch dem Kerzelmacher traten die Schweißperlen auf die Stirn. Er wiegte den Kopf und jagte:Schau, Kirndorfer, Überleg dir's noch ein­mal! Wann der Franzl die Lisl wirklich gern hält, hält er doch mit ihr g'redt Weißt denn, ob ers Überhaupt mag?"

Das Gesicht des Weinkönigs wurde krebsrot:Mögen! Mögen!" Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander:Die Hauptfach is das daß was zum Leben haben, die jungen Leut!"

Ich weiß nicht, Kirndorfer. Ich mein, das Gernhaben is doch wich­tiger"

Die Hauptfach is Geld! 's Gernhaben kommt nacha schon von selber Außerdem hast du schon dein Wort geben, und ein Wort muß g'halten werden, Brand!"

Der Kerzelmacher senkte so bekümmert den Kopf, daß er selbst dem Weinkönig leid tat.

Kirndorfer schlug ihm aufmunternd auf den Rücken, schob ihn. gegen die Türe und rief laut, während er mit listiger Berechnung di« Tür ins Eßzimmer aufftieh:Laß d' Nasen nit hängen, Brand! Wirst sehen, z' Ostern is Hochzeit!"

So vernehmbar chatte er das gesagt, daß Katharina Dielgratterin beinah« an einem Stück Gugelhupf erstickte. Nachdem sie diese Gefahr durch einen krächzenden Hustenanfall beseitigt hatte, verzog sie ihren Mund zu einem verstehenden Lächeln. Mit dieser Verheißung Kim- dorfers war, wie sie meinte, das sie bald drei Wochen lang quälende Rätsel restlos gelöst.

Elisabeth Brand, die doch sonst alles aufzuschnappen pflegte, was nicht für ihr« Ohren bestimmt war, hatte wieder nichts gehört. Mag sein, weil si« am andern Ende des Tisches neben der Hausfrau saß, di« gerade laut und eifrig auf sie einredete. Vielleicht, weil sie auch der Kirndorferin nur mit halbem Ohr zu hörte und in den Anblick eines im Kerzengefunkel schimmernden porzellanenen Reiters mit weißer Perücke vertieft war, der inmitten des Tisches stand, feinen schwarzen, gold-

verbramten Dreispitz vor ihr senkte und dem lebendigen Rester hinter dem Schlitten wunderbar glich.

Wenn bas erhofft« Liebesversprechen einstweilen auch noch hinaus- geschoben war, endet« der Tag doch noch leidlich vergnügt. Nach der Meinung Kirndorfers war noch nichts verdorben. Nur daß man bei diesem Verlöbnis eine Schafsgeduld haben müsse, merkte er schon. Aloisius Brand freute sich über die Galgenfrist, di« ihm das Dersagen des Franzl geschenkt. Katharina Melgratterin genoß im Voraus di« Wirkung, di« ihr Bericht von dem österlichen Ehebund der Lisl mit dem reichen" Weinhändlerssohn bei den Nachbarinnen auslösen mußte. Der kleine Regenschori hattebeim $8ein, am Claoicembalo und bei der vor­trefflichen Schokolade sein« angeborene Heiterkeit wieder gefunden. Und sogar der Franzl war mtt einem Mal« leidlich gesprächig. Wohl aus Freude, weil er sich durch den Ausruf des Vaters, daß zu Ostern Hoch­zeit sein werde, der ihm aufgetragenen Liebeserklärung enthoben fühlt«.

So rechtzeitig kam man nach Haus«, daß Elisabeth Brand noch in der Dachstube erscheinen konnte, ehe der Leutnant von Rabenau seinen Posten vor der Domkantorei verlieh. Während sie b'sher immer nur am dunklen Fenster gestanden hatte, entzündet« sie diesmal sogar eine Kerze. Bei dem Scheine des Lichts las si« noch einmal das Schreiben und nickte dazu. Was der Leutnant so verstehen sollt«, daß si« ihm beim Marienbilde die ersehnte Antwort geben wolle.

Selbst der jüngste Lehrbub der Kerzelmacherei von Sanft Stephan hatte di« mittägliche Ruhestunde des Meisters Aloisius Brand noch nie­mals so sehnsüchtig erwartet wie heute Katharina Dielgratterin und ihr« Nichte, di« List.

Schon den wenigen Kunden, bi« am Vormittag in der Lebzelteret ihre bescheidenen Einkäufe besorgten einen Wachsstock, eine Kerze oder eine Zuckerstange für ein Kind hatte die Vielgratterin im Ver­trauen und von jedem den Schwur unverbrüchlichen Schweigens ver­langend mitgeteiit, daß der Franzl des reichen Nußdorfer Weinkönigs sich ihr« Nichte, die Brand, zur Eheliebsten «ninsche. Ihre große Stunde aber kam erst, als Meister Aloisius droben am Fenster seiner Stube im Lehnstuhl saß und wie alle Tag« nach der Mittagszeit, eh« jein Cäjaren- schäüel sich schlummernd auf bi« Brust neigte, beglückt auf das steinerne Wunder des Domes sah, dessen Seele ihm noch in allem Gemäuer rings um die Kirche zu weben schien. Kaum daß dann das wohlige Schnarchen des Brand durch die mittägliche Stille des Hauses sägte, verkündete Katharina Dielgratterin, vor Mitteilsamkeit beinahe platzend und von Nachbarschaft zu Nachbarschaft humpelnd, di« prophetischen Worte des Kirndorfers, die gestern durch den Dampf der Schokolade und den Duft des Gugelhupfs so lieblich an ihr Ohr geklungen, daß noch Ostern Hoch­zeit fein werde zwischen dem Franzl und der List. Wiewohl doch di«, die es anging, noch immer nichts ahnte.

Daß es aber auch anders sein und am Ende die Brand ihr« Ein­willigung nicht geben könnte, kam der Alten nicht in den Sinn. Auch für die Vielgratterin war das Geld di« Kron« der Dinge. Wie hätte sie das fassen sollen, daß eine den reichen Kirndorfer Franzl nicht mochteI Und daß die Lisl schon nicht nein sagen würde, dafür war doch ein Beweis, daß sie nach diesen beiden Wochen der Tränen seit gestern wieder singend und lachend durchs Haus tanzte. Wenn sie auch jo tat, als wüßte sie von nichts.

Nun gehörte ja wirklich bas Lachen und Singen der Demoiselle, bi« feit dem Morgen nicht anders durch die Kerzelmacherei rumorte als feit der Nacht der Föhnsturm in den Dächern und Fenstern der Häuser, zu den wenigen Körnchen Wahrheit, bi« das Geklatsch der Alten ent- hielt. Die Laune der List war so übersprudelnd vor Seligkeit, daß sogar ihr Vater, der nicht so leicht den Himmel voller Geigen sah, ehe er einschlief, dem freundlichen Verdachte zuneigte, daß bi« Jungen bi« Alten nur 3um Narren gehalten und der Franzl eben doch mit der Lisl ge­sprochen und noch alles sich zum Guten wenden werde. Wie sollte er wissen, daß die Laune der List eine weit schicksalsschwerere Ursache hatte! Da er doch auch nicht ahnte, was sich während seines Mittagsschlummers im Laden begab.

Kaum daß der Vater in feiner Stube saß und bi« Türe mit der Tafelkomme gleich" sich hinter Katharina Vielgratterin geschlossen hakte, trat Elisabeth Brand, nach allen Setten sichernd, von her Stiege her in den Laden, auf dessen Pudel schon die Schachteln und Tüten bereitlagen, di« der Bursche des Leutnants alle läge in fernen Ein­kaufskorb zu packen pflegte. Sie löste behutsam das kreuzweis ge­schlungen« rot seidene Band von der obersten der für den Dragoner bestimmten, goto, grün und blau gemusterten Schachteln, hob den Deckel ab und entnahm ihr den in der Mitte ruhenden, mit einem silbernen Zuckerherzen versehenen Lebkuchen. An feine Stelle legte si« den Brief, den sie noch am Abend geschrieben, und dann den Lebkuchen darauf, nachdem si« noch einen zärtlichen Kuß auf bas Zuckerhepz gedrückt. In der richtigen Annahme, daß ber Leutnant von Rabenau gerade diesen Lebkuchen verzehren werde, unter dem das Brieflein geruht. Di« Ge­fahr, daß ein anderer Kunde die Liebesbotschaft versehentlich erstehen könnte, bestand schon deshalb nicht, weil um dies« Jahreszeit außer dem Soldaten niemand diese teuren Lebkuchen kaufte: schon gar nicht am Montag, an dem oft die ganze Tageseinnahme der Kerzelmacherei von Sankt Stephan nicht bi« Höh« des Preises einer einzigen solchen Schach­tel erreichte.

Nachdem si« die Packung roieber sorgfältig geschlossen hatte, blieb sie noch ein« Weile nachdenklich am Ladentisch stehen. Vielleicht, weil sie insgeheim fühlte, daß nun erst ihr Schicksal beginn«. Dielleicht auch, weil sie darüber nachsann, ob sie nicht doch ein Unrecht getan, dem Leutnant zu schreiben, sie werd« morgen um fünf nach der Violastunde am rechten Seitentor des Doms vor dem Marienbild warten. Zwar meinte sie, daß dies unmöglich ein Unrecht sein könne, da doch di« Madonna di« Beschützerin aller ehrlichen Liebesleute sei Aber sie be­schloß, doch fieber selber mit der Gottesmutter zu reden und ihr dabei auseinanderzusetzen, daß es ein« ander« Möglichkeit für dies« erste Be- gegnima nicht gebe.

(Fortsetzung folgt.)